Wenn Du meine Geschichte lieber hören möchtest, findest Du sie jetzt auch als Podcast-Folgen auf meinem Spotify-Account.

🎧 Klicke hier, um direkt zu meinem Profil zu gelangen – oder scrolle weiter, um sie hier zu lesen.

🎧

Ein Tag aus meiner Kindheit...

„Irka, geh nach Hause, deine Oma wartet schon mit der Bratpfanne voller gebratener Nadeln!“
Damals verstand ich nicht, was genau dieser Satz bedeuten sollte. Doch ich spürte sofort, dass er nicht freundlich gemeint war. Die Worte trafen mich, auch wenn ich sie nicht ganz einordnen konnte.
Ich war vielleicht 12 oder 13 Jahre alt, und die Jungs, die das riefen, gehörten zu einer älteren Klasse. Sie waren etwa 14 und ein Schuljahr über mir.
Es war nicht das erste Mal, dass sie mich ärgerten – mit seltsamen Sprüchen, spöttischem Lachen und abwertenden Blicken. Ich merkte, wie sich jedes dieser Worte wie ein kleiner Stich anfühlte, ein Angriff, der mich verunsichern sollte.
Damals begann ich zu begreifen, dass Sprache Macht hat – und Hänseleien oft viel tiefer gehen, als es zunächst scheint.

Und so machte ich mich auf den Weg nach Hause, wie jeden Abend, denn ich musste immer zu einer bestimmten Uhrzeit zurück sein.
Länger als bis neun Uhr abends durfte ich nicht draußenbleiben – selbst im Sommer nicht. Dabei lebten wir in einem Dorf, wo das Leben an warmen Abenden eigentlich erst spät begann.

Viele Kinder/Jugendliche in meinem Alter kamen oft erst gegen neun nach draußen. Sie halfen vorher noch ihren Familien – im Haushalt, im Garten oder auf dem Feld. Erst danach trafen sie sich, um Volleyball zu spielen oder andere Spiele zu machen, die bei uns im Dorf Tradition hatten.

Ich dagegen war immer die Erste, die nach Hause musste.

Meine Großmutter war streng – aus Liebe, wie ich heute weiß, aber damals empfand ich es nur als einengend. Sie machte sich ständig Sorgen um mich, wollte nicht, dass mir etwas passiert.

Ich fühlte mich ausgeschlossen. Für mich war es, als würde ich das echte Leben verpassen. Als Kind empfand ich ihre Fürsorge als Freiheitsraub.

An dieser Stelle fragst du dich bestimmt, warum es meine Großmutter war – und nicht meine Eltern – zu der ich nach Hause ging …

Erstes Kapitel

Ich erinnere mich an einen Abend, als meine Großmutter mich in einer alten Eisenbadewanne wusch.
Das war in der Küche, in dem Raum, wo der Kaminofen stand, auf dem sie das Wasser fürs Baden erhitzte. Das Wasser wurde dann in die Wanne gegossen, und ich erinnere mich bis heute daran, wie heiß es war. Mein kleiner Po – wie meine Großmutter zärtlich sagte, „wie ein Erdbeerchen“ – wurde in dieser Wanne beinahe verbrannt.

Wenn das Baden vorbei war, hob sie mich aus der Wanne und wickelte mich sofort in ein großes Handtuch, damit ich nicht fror – vielleicht auch, damit ich nicht nackt durchs Haus lief.

Dann trug sie mich ins Wohnzimmer. Dort lag schon mein Großvater auf dem Sofa und wartete auf mich. Doch bevor ich mit ihm spielen durfte, zog mich die Großmutter gleich dort – neben dem Sofa – an. Ich erinnere mich genau, wie sie mir ein T-Shirt mit rot-orangenen Punkten über den Kopf zog, wie vorsichtig sie meine kleinen Arme in die Ärmel führte. Und schon in diesem Moment spürte ich freudige Aufregung. Ich zog Strumpfhosen an – weder Röcke noch Hosen –, so war es in meinem Alter üblich.

Wenn ich ganz angezogen war, lächelte mir mein Großvater zu. Er lag da, die Beine leicht angewinkelt, die Hände gemütlich hinter dem Kopf verschränkt. Ich kletterte zu ihm, setzte mich auf seinen Schoß, so wie es Kinder tun, und begann spielerisch auf ihm zu hüpfen. Er lachte, und ich fühlte mich sicher und geliebt.

Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich damals war – vielleicht vier Jahre. Mein Großvater starb im Sommer 1990, ich war da viereinhalb. Ich habe nur wenige Erinnerungen an ihn, aber dieser Moment – er ist einer der wenigen, die mir geblieben sind –, klar und warm, wie ein Licht im Nebel meiner frühen Kindheit.

Er hat mich sehr geliebt.

Und viele Jahre später erfuhr ich, dass mein Großvater damals zu meinen Eltern gesagt hatte:

„Ich will Ira.“Er wollte, dass ich bei Oma und Opa lebte.

Ich weiß nicht, warum er das gesagt hat.

Ich weiß nicht, was er in mir gesehen hat – aber irgendetwas war da.

Etwas, das tief in mir lebte. Etwas, das ich selbst damals noch nicht kannte. Aber ich spürte es schon: Dieses Etwas war besonders.

Doch genau dieses Etwas sollte verborgen bleiben.

Es durfte nicht wachsen, nicht leuchten, nicht gehört werden. Viele spürten das – vielleicht unbewusst – und versuchten, es zum Schweigen zu bringen.

Von Anfang an war alles so eingerichtet, dass ich es in mir niemals entdecken würde. Damit ich nicht glauben konnte, dass meine Seele eine besondere Aufgabe hat.

Aber davon später…

Es geschah an einem warmen Sommertag, als mein Großvater starb.

Er hatte Lungenkrebs, aber ich erinnere mich kaum an seine Krankheit. Ich war zu klein, um zu begreifen, was da geschah.

Aber ich werde nie jene Nacht vergessen, in der man uns – mich und meine drei Schwestern – weckte.

Unsere Eltern wurden von den Nachbarn meiner Großeltern benachrichtigt. Sie hatten die Nachricht überbracht: Großvater war gestorben.

Ich erinnere mich, wie wir im Flur standen – alle vier, verschlafen, verwirrt. Das grelle Licht tat in den Augen weh – ich war gerade erst aufgewacht. Ich verstand nicht, was los war – ich spürte nur die Stille. Und eine gewisse Traurigkeit.

Ein paar Tage vergingen bis zur Beerdigung. Daran habe ich nur vage, neblige Erinnerungen.

An dem Tag, als man mich aus dem Kindergarten abholte, war es nicht Mama und auch nicht Papa – es war meine ältere Schwester. Sie kam, um mich zu holen, während meine zwei anderen Schwestern zu Hause blieben. Allein. Eingeschlossen.

Warum das so war – das weiß ich bis heute nicht.

Was dann geschah, ist wie im Dunkeln.

Von da an war alles wie ausgelöscht – als hätte die Erinnerung die Tür zugeschlagen.

Aber… ich sah ihn noch einmal.

Diese Erinnerung hat sich so deutlich in meinem Kopf eingeprägt, dass ich bis heute nicht weiß – ist es wirklich passiert oder war es nur ein Traum?

Es war bereits einige Zeit nach dem Tod meines Großvaters.

Meine Großmutter bat meine Eltern, mich zu ihr ziehen zu lassen.

Sie hielt die Stille im Haus nicht mehr aus.

Die Räume waren leer, schwer, fast unheimlich. Sie hörte Geräusche, meinte, Türen gingen auf. Sie konnte nicht mehr allein sein.

In ihrer Nähe musste jemand sein – lebendig, atmend, sprechend, sich bewegend.

Sich um mich zu kümmern beruhigte sie, half ihr, durch die Tage zu kommen.

Ob das für uns beide eine gute Entscheidung war – schwer zu sagen.

Damals fragte niemand, ob ein Kind in so einer Situation überfordert oder überlastet sein könnte.

Eine Rolle zu übernehmen, ist das eine.

Aber von den eigenen Eltern getrennt zu werden – das ist etwas ganz anderes.

Später erzählte mir meine ältere Schwester etwas, das ich selbst längst aus meinem Gedächtnis verdrängt hatte:

In der Zeit, als man mich zur Großmutter gebracht hatte, durchlebte ich eine echte emotionale Sturmflut – auch wenn ich es damals nicht hätte so nennen können. Ich wurde bei der Großmutter einquartiert, und gegen Mitternacht überkam mich plötzlich eine solche innere Not, dass ich hemmungslos zu weinen begann. Ich weinte nach meiner Mutter, ich wollte zurück – zu ihr, obwohl es nichts gab, was mich wirklich hätte trösten können.

Und das geschah nicht nur an einem Abend.

Es waren Nächte – über ein halbes Jahr hinweg – in denen ich so sehr nach meiner Mutter schrie, dass ich fast an meinem eigenen Schluchzen erstickte. Ich wollte einfach nur zurück zu ihr. Mit meinem ganzen kleinen Körper.

Doch kaum war ich wieder bei ihr, begann alles von vorn – nur diesmal mit vertauschten Rollen.

Ich schrie nach der Großmutter.

Ich schrie mich wund nach dem einzigen Menschen, bei dem ich mich sicher gefühlt hatte.

Ich wollte zurück – zurück in ihre Wärme, in ihre ruhige, wachsame Gegenwart.

Als würde mein Herz zwischen zwei Welten hin- und hergerissen, ohne zu wissen, zu welcher es wirklich gehört. In der einen sehnte ich mich nach der anderen – und in der anderen vermisste ich die erste.

Ich war zu klein, um all das zu verstehen.

Aber mein Körper erinnerte sich.

Er erinnerte sich an die Angst, an den Schmerz, an das Gefühl des Verlassen-Seins – ganz gleich, auf welcher Seite ich war.

Und ich schrie. Immer wieder.

Nach Liebe. Nach Halt. Nach einem Zuhause, das sich nicht bei jeder Veränderung auflöste.

Ich weiß nicht mehr, wann genau dieser Moment kam, in dem dieses Verlangen verschwand – oder, besser gesagt, in dem ich es losließ. Ich erinnere mich nicht, wann ich die Entscheidung traf, nicht mehr zurückwollen zu wollen.

Es war, als wäre diese Entscheidung still und leise in mein Herz eingezogen.

Bis heute frage ich mich: War es wirklich meine Entscheidung, bei der Großmutter zu bleiben?

Oder war es das frühe Begreifen eines kleinen Kindes, dass die Mutter mich nicht stark genug liebte, um mich bei sich zu behalten? Dass es für sie leichter war, mich wegzugeben – aus den Augen, aus dem Sinn?

Ich denke darüber nach, weil meine Großmutter mir später erzählte, dass es diesen einen bestimmten Tag gab, an dem meine Mutter mich weggeschickt hat. Ich hatte sie um etwas zu essen gebeten, aber sie konnte mir nichts geben. Stattdessen sagte sie:

„Geh zur Großmutter. Komm nicht mehr zurück.“

Und in genau diesem Moment – ich war vielleicht viereinhalb, vielleicht fünf Jahre alt – verstand ich etwas, das kein Kind verstehen sollte:

Dass die Liebe meiner Eltern nicht tief genug war.

Dass es mir bei der Großmutter besser gehen würde – vielleicht für immer.
War das die Logik eines Kindes?

Oder die Seele, die sich ihre Eltern vor der Geburt selbst ausgesucht hatte – und in diesem Augenblick erkannte, dass sie sich nun selbst würde schützen müssen?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß eines:

Nur ein sehr weises Kind kann eine solche Entscheidung treffen.
Wie sich so eine Erfahrung auf den Verstand und die Seele eines Kindes auswirkt – das lässt sich in dieser Geschichte nachverfolgen
.
Und diejenigen, die meine Familie kannten, die wussten, woher ich kam – für sie war das vielleicht gar keine Frage. Für viele war es einfach nur ungerecht…

Ich war das Kind, das weggeholt wurde – gepflegt, satt, umsorgt.
Meine dreijährige Schwester blieb bei unseren Eltern – dort, wo es oft am Nötigsten fehlte.

Im Dorf wurde getuschelt:

„Warum nur Irina? Warum nicht beide?“

So entstand eine leise Unzufriedenheit – Neid auf meine Großmutter, aber auch auf mich.

Ich spürte, dass selbst zwischen uns Schwestern ein Riss entstanden war.

Meine ältere Schwester gab es mir später ganz offen zu: dass sie damals neidisch auf mich war, mich dafür hasste. Nicht mich als Mensch – sondern das, was ich hatte. Dass ich es besser hatte, während sie oft hungrig ins Bett ging. Ich hatte mehr – und das reichte aus, um ihre Verletzung zu nähren.

Unsere Eltern kümmerte das nicht.
Der Vater trank, und die Mutter war emotional abwesend, überfordert – vielleicht psychisch krank. Keine Diagnose, aber jeder, der mit ihr sprach, spürte es: Irgendetwas stimmte nicht. Sie war nicht präsent, nicht liebevoll, nicht schützend – eine Mutter nur dem Namen nach.

Es fehlte an Essen. Es fehlte an Wärme.

Für meine Schwestern war ich das Kind, das „mehr Glück gehabt“ hatte. Und dieser stille Neid, diese unausgesprochene Bitterkeit wuchsen mit ihnen heran – wie ein Schatten, der nie ganz verschwand.

Selbst die Menschen im Dorf konnten nicht verstehen, warum ausgerechnet ich – und nicht jemand anderes – bei der Großmutter lebte. Für sie war das unbegreiflich. Für mich: schicksalhaft.

Und ich spürte es. Mein ganzes Leben lang.

Ich konnte schon immer Energie wahrnehmen.

Ich brauchte keine Worte, um zu spüren, was verborgen lag.

Und dann war da diese eine Nacht.

Ich wachte plötzlich auf. Das Zimmer war still, der Mondschein fiel silbern durchs Fenster.

Und in diesem Licht sah ich ihn:

Eine hohe, männliche Gestalt – ein Schatten, der direkt am Fenster stand.

Es war mein Großvater.

Großmutters Bett stand direkt gegenüber dem Fenster, und ich sah ganz deutlich, wie sich diese Gestalt langsam in ihre Richtung bewegte.

Ich lag da wie gelähmt. Mein Herz schlug wild, aber mein Körper rührte sich nicht.

Die Angst war so überwältigend, dass ich mich unter die Decke verkroch – als könnte sie mich vor allem beschützen.

Dann schlief ich ein.

Ob es wirklich geschah – ich weiß es nicht.

Aber es hat sich in mich eingebrannt – so lebendig, so real, als wäre es nicht bloß Einbildung gewesen, sondern etwas, das ich tatsächlich gesehen habe.

Später, als ich älter war, erzählte mir meine Großmutter etwas, das sie mir damals nicht zu sagen gewagt hatte:

Dass ich oft nachts aufgewacht und weinend ins Wohnzimmer gelaufen sei, weil der Großvater mich angeblich gezwickt hätte – um mich aus dem Bett zu vertreiben. Es war schließlich sein Bett gewesen.

Sie sagte auch, dass sie es bis heute bereut, mich damals nicht zu sich ins Bett genommen zu haben, wenn ich weinte. Dass sie bis heute nicht versteht, warum sie mich alleinließ, obwohl sie meine Tränen hörte.

Ich erinnere mich nicht an das Zwicken selbst.

Aber ich erinnere mich an das Gefühl – dass da noch jemand war.

Nicht unheimlich.

Einfach nur: da.

Es war meine erste bewusste Begegnung mit dem Jenseitigen, die ich mir bewahren konnte. Und ich bin sicher, dass ich mich daran erinnern sollte – damit dieses Bild mich jedes Mal daran erinnert, wenn ich beginne, an meinen Gaben zu zweifeln.

Damit ich verstehe, aus welcher Ahnenlinie ich diese Fähigkeit geerbt habe – und welche Aufgabe mir damit gegeben wurde…

Zweites Kapitel

Irgendwann legte sich der Zwiespalt meines inneren Hin und Her – und ich wurde zu einer Tochter meiner Großmutter.
Nicht durch Geburt – sondern durch all das, was uns miteinander verband.

Ich wurde eine fleißige Schülerin, wissbegierig, ehrgeizig. In der Schule gehörte ich zu den Besten.
Mein Erfolg wurde ganz unterschiedlich aufgenommen. Auch innerhalb meiner Familie.

Meine Großmutter selbst hatte das niemals erwartet.
Sie hatte keine Ausbildung. Während des Zweiten Weltkriegs konnte sie nur zwei Klassen abschließen.
Die Familie war so arm, dass sie keine Winterschuhe besaß, um zur Schule zu gehen.
Und so blieb sie zuhause – mit Grundkenntnissen in Lesen, Schreiben und Rechnen. Mehr war nicht möglich.
Dass ich einmal zu den Besten der Klasse gehören würde, das war für sie kaum vorstellbar. Doch nach jedem Elternabend kam sie zufrieden nach Hause.
Mit einem einfachen Satz, der für mich mehr war als jede Auszeichnung: „Du wurdest wieder gelobt.“

Es war, als wäre es gar nicht nötig, dass sie dorthin ging – ihre Haltung war ruhig, voller Vertrauen. Meine Leistungen waren konstant, stabil und sehr gut.

Was sie mir nie direkt sagte, aber was mir meine Lehrerin eines Tages anvertraute: Immer wenn meine Großmutter über mich sprach, sagte sie diesen einen Satz: „Der Gott selbst hat mir Irina geschickt.“

Diese Worte haben sich tief in mein Herz eingebrannt.
Als wäre ich ein Geschenk. Ein geheimer Plan, den nur sie und das Universum kannten.
Ein leises Wissen, das zwischen uns lebte.
Etwas, das weder erklärt noch bewiesen werden musste.

Ich habe sie einmal selbst gefragt, ob sie das wirklich gesagt hat.
Sie wich mir aus. Lächelte nur. Vielleicht, weil sie wusste, dass manche Dinge sich nicht wiederholen lassen.
Weil sie bereits wahr sind, in dem Moment, in dem man sie fühlt.


Doch zurück zu meiner streberischen Art…

Jeder, der vom Land kommt, weiß, wie kalt die Winter in Kasachstan waren. Manchmal waren die Schneestürme so heftig, dass man kaum einen Meter weit sehen konnte. Der Wind drückte gegen die Fenster, die Wege wurden von Schnee und Eis blockiert.

Ich erinnere mich an einen dieser Tage. Ich war wahrscheinlich in der ersten oder zweiten Klasse, als meine Großmutter mich eigentlich gar nicht zur Schule bringen wollte. Es galt als gesunder Menschenverstand, dass der Unterricht bei solchem Wetter ausfiel.

Aber ich war so verantwortungsvoll – oder vielleicht auch so ängstlich, als schlechte Schülerin zu gelten –, dass ich weinte und bettelte, bis sie nachgab.

Und sie brachte mich tatsächlich zur Schule – durch Schnee und Sturm, die Augen zusammengekniffen, eingehüllt in Mantel und Tücher, hielt sie mich fest an der Hand.

Dort wurde sie von der Schulleiterin zurechtgewiesen: „Wie kann man ein Kind bei diesem Wetter zur Schule bringen?“

„Sie hat so geweint“, sagte meine Großmutter mit Scham. Wir wurden nach Hause geschickt…

Ich war geradezu besessen von der Schule.
Ich habe es geliebt, dort zu sein – mit den Büchern, den Lehrern, dem festen Rhythmus.

Manche würden das nicht glauben. Manche würden vielleicht denken: Das ist doch verrückt.
Aber ich war eben Streberin.
Was die Noten betrifft – und natürlich auch mein soziales Verhalten.

Bis ich älter wurde. Und der Einfluss von außen ein anderer.
Oder vielleicht wollte ich einfach dazugehören.

Doch tief in meiner Seele – da war ich immer eine Rebellin.

Aber bis dieser Moment kam, war ich eine Vorzeigeschülerin.
Viele im Dorf flüsterten am Ende des Schuljahres – weil die besten Schüler damals eine Gramota bekamen, eine Urkunde, und vor die ganze Schule gerufen wurden, um sie entgegenzunehmen.

Man wurde beim Namen genannt – und mein Name wurde jedes Jahr aufgerufen, bis wir Kasachstan verließen.

Doch wie das Leben manchmal spielt, erzeugten meine Noten – Jahr für Jahr lauter Einsen (im deutschen System) oder eben lauter Fünfen (im kasachischen, wo die Fünf das Beste war) – auch andere Reaktionen.

Denn der Name Warkentin war im Dorf kein einfacher Name. Mein Vater galt inzwischen als Dorfbetrunkener.
Und meine Mutter – na ja, sie wurde nicht gerade als Vorzeigefrau oder Ehefrau gesehen.

Dass ein Kind solcher Eltern ein Vorzeigekind sein konnte, war für viele schwer zu akzeptieren.
Besonders, wenn dieses Kind von keiner Unterstützung von außen profitierte … denn alles kam aus meinem Inneren.

Später erzählte mir meine Großmutter, dass ältere Damen im Dorf bei der nächsten Urkundenübergabe hinter vorgehaltener Hand getuschelt hätten – halb erstaunt, halb spöttisch, mit einem Ton, in dem Neid und Missgunst mitschwangen:

„Oh Baba, sie hat tatsächlich eine Einser-Schülerin großgezogen …“

Und meine Oma habe dann nur leise geantwortet – nicht trotzig, nicht stolz, sondern schlicht: „Das war sie ganz allein. Ich habe doch selbst keine Schulbildung, wie kann ich ihr helfen?!“

Und das stimmte. Aber vielleicht war es gerade das, was mich antrieb. Ich war so begeistert vom Lernen, dass ich ihr sogar mit einem Buch in den Erdkeller folgte.

Unser Keller – wir nannten ihn Pogreb – war wie ein kleiner Raum unter dem Fußboden. Dort lagerten wir den ganzen Winter über Eingelegtes aus dem eigenen Garten. Kartoffeln, die wir auf dem eigenen Feld gepflanzt und geerntet hatten, kamen in Säcke, die dann in den Erdkeller getragen wurden – damit wir auch im Winter etwas zu essen hatten.

Ich erinnere mich an eine dieser Situationen: Meine Großmutter stieg hinunter, um Kartoffeln zu holen. Ich, mit einem aufgeschlagenen Buch in der Hand, beugte mich über die Öffnung, hockte mich ans Loch im Boden und las ihr laut daraus vor.

Sie machte sich Sorgen, dass ich hineinstürzen könnte – sie rief: „Pass auf, dass du nicht umfällst!“ Aber ich wollte unbedingt vorlesen. Ich wollte ihr zeigen, wie gut ich lesen konnte.
Ich wollte es mit ihr teilen.

Meine Vorliebe fürs Lesen hatte ich schon immer. In den Sommerferien habe ich mir fast alle Bücher aus der Dorfbibliothek ausgeliehen – und gelesen. Ich fand in den Büchern meine Ruhe, eine Welt der Fantasie. Mein Verstand und meine Gedanken liebten es, in eine andere Welt einzutauchen, wo alles möglich war.

Es war so anders als das, was ich aus unserem Dorf kannte. Bis wir Kasachstan verließen, war ich nie in einer Stadt gewesen. Ich war so abgegrenzt von so vielem – und wie in einem Käfig gefangen, gehalten von den Ängsten meiner Umgebung.

Und deswegen gaben mir Bücher mehr Zuflucht, als jede Freundschaft damals es je ersetzen konnte.

Ich wollte gebildet sein. Dieses Verständnis, dass Bücher kluge Menschen hervorbringen, saß tief in mir – schon seit der Kindheit. Und klug sein wollte ich schon immer. Ich weiß nicht genau, woher ich das hatte … Vielleicht auch von bestimmten Lehrerinnen.

Aber ich war eine Leseratte. Und wer mich kennt, weiß: Bis heute wähle ich lieber ein Buch als irgendein Treffen, als sinnlos Zeit zu vertrödeln oder mir dumme Netflix-Shows anzusehen.

Bücher haben mir geholfen. Sie haben mir gezeigt, wie man dieses Leben besser machen kann. Sie haben mich getragen – besonders dann, wenn Menschen versucht haben, mich kleinzuhalten. Wenn sie mir das Gefühl geben wollten, dass ich nichts wert bin.

Und sie haben es oft versucht – jede und jeder auf ihre eigene Weise. „Was glaubst du, wer du bist?“ „Du hast nicht das, was man braucht, um erfolgreich zu sein.“ „Prinzessin, pass auf– je höher die Krone, desto tiefer der Fall.“ „Du müsstest schon aus einer wohlhabenden Familie stammen, wenn du wirklich Einfluss haben willst … "oder dazugehören ..."

Manche dieser Behauptungen habe ich bewusst geformt, andere sind wörtlich übernommen worden. Wie zuvor besprochen: Ich konnte schon immer die Energie lesen. Es ist schon merkwürdig: Je mehr ich mich mit mir selbst auseinandersetzte, desto weniger wollte ich dazugehören. Doch das wird sich im Laufe dieses Buches noch deutlich zeigen …

Es gab aber auch traurige Momente mit den Büchern – manche kann man als traumatisch bezeichnen. Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, vielleicht sechs oder sieben Jahre, denn es ging um die Fibel – das erste Lesebuch, das jedes Kind in der Sowjetunion in die Hand bekam. An jenem Tag war ich bei meinen Eltern zu Besuch. Sie wohnten nur zwei Straßen weiter und ich ging oft hin, um meine Geschwister zu sehen. An diesem Nachmittag waren nur meine Mutter und ich zu Hause. Natürlich hatte ich meine Lesefibel dabei – so streberisch war ich. Ich murmelte leise vor mich hin, weil mein Lesen noch nicht sicher war, aber ich übte eifrig weiter.

Irgendwann wurde meine Mutter ungeduldig. Sie ermahnte mich mehrmals, aufzuhören, weil mein Gemurmel sie störte. Aber ich las weiter – und dann riss sie mir das Buch aus den Händen und warf es wütend auf das Feuer im alten Kaminofen. Die Flammen verschlangen das Buch sofort …

Ich schrie auf und begann zu weinen. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, sagte sie kalt zu mir: „Hör auf zu heulen, sonst gibt es Schläge.“

Diese Szene jagt vielen einen Schauer über den Rücken – allein die Vorstellung, dass eine Mutter ihrem Kind so etwas antut. Doch hinter dieser Handlung stecken so viele Fragen: Welche Art ist ihr Schmerz? Welches Bildungsniveau hat sie? Wo ist ihr Mitgefühl, ihre emotionale Stabilität? Und wie sehr prägt so etwas ein Kind?

Ja, dieser Moment brannte sich in mein Gedächtnis ein. Aber ich habe das Lesen nicht verlernt. Im Gegenteil: Mein Verlangen danach ist nur noch stärker geworden. Ironischerweise wuchs aus der Flamme, die meine Kraft vernichten sollte, meine eigene Stärke. Heute arbeite ich mit Feuerenergie – das, was damals meine Leidenschaft zerstören sollte, hat mich entfacht.

In meiner Kindheit kam es immer wieder vor, dass meine Mutter mir körperlich Grenzen setzte – manchmal auch auf harte Weise.

Und es gab viele Momente, die ich mit der Zeit verdrängt habe – bewusst und unbewusst. Eine Situation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Ich stürmte völlig außer Atem durch die Haustür, verfolgt von ein paar Jungs aus dem Dorf, die ich zuvor gereizt hatte. Die Tür fiel zu – sie war schon in so schlechtem Zustand, dass selbst die Wucht eines zwölfjährigen Mädchens ausreichte, sie zu beschädigen.

Meine Mutter reagierte heftig – aus Wut und emotionaler Überforderung schlug sie mir ins Gesicht.
Dann begannen wir zu streiten – laut, impulsiv, voller gegenseitiger Vorwürfe. Ich erinnere mich, dass sie sagte: „Ich bin deine Mutter.“ Und ich entgegnete ihr: „Nicht die Frau, die ein Kind zur Welt bringt, ist die Mutter – sondern die, die es großzieht.“

Autsch! Das saß tief.

Sie war überzeugt, ich hätte diesen Satz von meiner Großmutter gelernt. Aber offen gesagt weiß ich nicht mehr genau, woher ich ihn hatte. Ich hatte damals nur den Mut, ihn auszusprechen – aber nicht die emotionale Reife, die Wirkung meiner Worte wirklich zu verstehen.

Heute würde ich das wohl umformulieren – mit mehr Bewusstsein für die Verletzlichkeit, die in einer Mutter mitschwingt. Oder vielleicht würde ich es gar nicht sagen, so viel hat sich verändert.


Heute sehe ich vieles mit anderen Augen. Nicht, dass ich das Weggeben unterstütze, aber ich beginne zu verstehen, unter welchen Umständen es geschehen ist. Ich begreife langsam, wie sehr Überforderung, fehlende Unterstützung und inneres Chaos eine Rolle spielten.

Meine Großmutter erzählt bis heute, wie ich oft mit blauen Flecken nach Hause kam, wenn meine Mutter einen ihrer Ausbrüche hatte. Ich selbst erinnere mich kaum daran – nicht, weil es nicht passiert ist, sondern weil ich mir früh antrainiert habe, solche Erinnerungen auszublenden.

Später lernte ich, dass das eine bekannte psychologische Reaktion ist: Ein traumatisiertes Kind blendet das Schmerzvolle aus, um zu überleben. Um irgendwie weiterzumachen.

Ich erinnere mich an einen Moment, als ich meiner Nachbarin, auf deren Kind ich damals aufgepasst habe, erzählt habe, dass meine Großmutter immer schreckliche Sachen über meine Mutter sagt. Sie konnte nicht verstehen, warum ich dadurch keinen Bezug zu meiner Mutter hatte, und meinte, meine Oma solle das nicht tun, weil meine Mutter eben meine Mutter sei.

Damals verstand ich das alles nicht. Und wie sehr die eingeprägte Weisheit anderer meine Gefühle und meine Beziehung zu meinen Eltern beeinflusst hat, wurde mir erst später bewusst.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Großmutter nicht ganz nachvollziehen konnte, dass sie damit ein Kind emotional vorprogrammierte. Sie sagte nur die Wahrheit, nichts davon war gelogen. Doch es fehlte ihr die emotionale Reife, zu verstehen, wie ein Kind das aufnimmt und wie sich daraus eine Meinung bildet.

Dies hier ist meine Erinnerung – keine Schuldzuweisung oder Anklage. Es sind Umstände, die meine Gefühle meinen Eltern gegenüber geprägt und beeinflusst haben, neben meinen persönlichen Erfahrungen, die ich selbst machen durfte.

Zwischen meinem zwölften und vierzehnten Lebensjahr begann ich, die Jungs im Dorf bewusst herauszufordern. Ich wurde frech, provozierte sie – und liebte das Gefühl, gejagt zu werden. Ich ließ mich auf Rangeleien ein, körperlich, laut, wild. Etwas in mir wurde in diesen Momenten lebendig. Ich wusste nicht, was es war, konnte es nicht benennen. Erst viele Jahre später, über dreißig, als ich in Kanada mit Kickboxen begann, erkannte ich: Das war mein innerer Kampfgeist.

Ich blühte regelrecht auf, wenn ich mich körperlich fordern konnte. Diese Energie, dieser Drang nach Bewegung und Durchsetzung – das war ich. Schon immer. Nur hatte es in meiner Kindheit nie einen Ort gegeben, an dem diese Kraft sicher gelebt werden durfte. Abgesehen von der körperlichen Arbeit im Garten, im Haushalt und all dem, was eben anfällt – da war nichts. Ich tat, was getan werden musste: Pflanzen, Unkraut jäten, Wäsche waschen, Haushalt. Tag für Tag. Ich habe diesen Tätigkeiten nie Liebe entgegengebracht – sie waren bloße Pflicht, keine Herzenssache. Mechanisch, still, erwartungsgemäß. Ich war vorbildlich.

Meine Großmutter machte sich jedoch aus ihrer Angst heraus große Sorgen. Ich war dreizehn, vielleicht vierzehn, und begann, auf die Jungs anders zu wirken. Sie wollte mich beschützen – nicht nur vor ihnen, sondern vor dem, was ich selbst noch nicht einschätzen konnte.Ich verstand ihre Angst damals nicht. Ich wollte einfach nur raufen, nicht flirten. Ich sehnte mich nach einer direkten, sportlichen Auseinandersetzung, nicht nach Nähe im romantischen Sinn. Aber mit einem gehbehinderten Vater, einer emotional überforderten Mutter und einer alten Großmutter war ich – zumindest theoretisch – ein leichtes Ziel. Und genau das war die Sorge meiner Oma.

In unserem Dorf mit seinen rund 3000 Einwohnern gab es kaum Möglichkeiten, sich in einem Verein anzumelden oder seine Energie in sinnvolle Bahnen zu lenken. Vielleicht habe ich deshalb so früh Zuflucht in Büchern gesucht. Ich hatte Freunde – ja. Aber mit den Mädchen in meiner Klasse kam ich selten gut klar. Es war ein ständiges Auf und Ab. Immer wieder gab es Konflikte, immer wieder fühlte ich mich ausgeschlossen. Ich wurde auch öfter ausgegrenzt, Kinder können sehr fies sein.

Der Grund war einfach: Ich war anders. Ich war oft wie aus der Zeit gefallen – das Leben mit meiner Großmutter war langsam, altmodisch, weit weg von dem, was bei anderen Mädchen in meinem Alter gerade „in“ war. Ich war ein kluges Kind aus einem Elternhaus, aus dem man – nach gängiger Meinung – keine „Erfolgsgeschichten“ erwarten durfte. Aber man sah mein Potenzial. Und das machte Angst. Ich spürte den Neid. Vielleicht sogar Eifersucht. Gefühle, die nicht aus den Kindern kamen – sondern von den Eltern übernommen wurden. Und so wuchs in mir dieses Gefühl: Ich bin nicht gut genug. Trotz aller Leistungen, trotz aller Anerkennung. Denn von Geburt an fehlte die Liebe – und draußen wurde das, was in mir leuchtete, unterdrückt.

Ich war das Kind, das auf Elternabenden hervorgehoben wurde. Ich habe an unzähligen Wettbewerben teilgenommen – und regelmäßig den ersten, nur manchmal den zweiten Platz belegt.

Ich konnte alles. Besonders in der Sprache lag meine Stärke: Gedichte, Reden, emotionale Darstellung – das war mein Terrain. Wie interessant im Rückblick: Genau diese Fähigkeit entspricht der Zahl Fünf – numerologisch gesehen. Und ich bin am 23. geboren, was ebenfalls eine 5 ergibt. Und genau das wurde mir genommen.

Die Stärke meines Ausdrucks, meine Gabe im Wort, wurde später im Leben zu meiner Schwäche. Erst vor Kurzem habe ich verstanden, warum diese Gabe unterdrückt werden musste – nicht nur in der physischen Welt, sondern mehr auf der feinstofflichen, spirituellen Ebene.

Und wie man es erwarten kann, hat meine Liebe zum Lernen und zur Bildung auch mein Verständnis von der Welt geprägt und mich immer weitergeführt – natürlich Hand in Hand mit meiner inneren Stimme, die unglaublich stark ist und jeden Tag stärker wird.

Ich war so stolz darauf, dass mein Vater keinen handwerklichen Beruf ausgeübt hat. (Nicht, dass Handwerk etwas Schlechtes wäre, aber ich hatte immer großen Respekt vor intellektueller Leistung, dem Einsatz eigener Kraft mit Kopf und Sprache.) Das hat mich tief beeindruckt. Wahrscheinlich habe ich diese Haltung aus meinen Büchern übernommen, denn in meiner Familie war niemand in einem solchen Feld tätig.

Mein Vater hatte Buchhaltung gelernt und war der Einzige in der Familie, dem eine Kopftätigkeit möglich war – weil er gehbehindert war und als Mann keinen Handwerkerjob ausüben konnte. Mein Großvater hatte früh Druck gemacht, dass mein Vater etwas Erlerntes mache, etwas, „wo man mit dem Kopf arbeitet“ – vielleicht auch, weil er selbst das nie getan hatte.

Wie dem auch sei: Ich verstand schon sehr früh, dass er, obwohl er in einem Dorf-Autohaus arbeitete und Papierkram erledigte, irgendwie doch dazugehörte. Trotzdem galt er nicht als solcher – besonders nicht, nachdem er in die Trinkerei rutschte und zum berüchtigtsten Alkoholiker des Dorfes wurde. Ein Mann, der vom Schicksal bestraft und ohnehin nicht als richtiger Mann angesehen wurde, hat wahrscheinlich aus der Angst, nicht dazuzugehören, auch der Versuchung nachgegeben, von den anderen Männern im Dorf beeinflusst zu werden – dass Alkohol „richtige Männer“ macht, und wer am selben Tisch die Gläser umkippt, ist einer von allen.

So verging meine Kindheit, und die meiner Geschwister, während er trank, und sein Geld an andere Leute weitergab, um dazuzugehören, um eine gewisse Art von Anerkennung zu spüren. Es ist fraglich, ob er es auch tat, weil er mit seiner Situation nicht klarkam und sich als Opfer darstellte und so sein Leben gestaltete.

Irgendwann begriff ich, dass er nicht der Vorzeigevater war, den ich mir ausgemalt hatte. Ich erinnere mich an den Tag, als er zum Essen zu meiner Oma kam – während meine Mutter und meine Geschwister an diesem Abend wie an vielen anderen nichts zu essen hatten. Meine Großmutter sorgte ein Leben lang für ihn – kümmerte sich sogar um seine Wäsche, weil meine Mutter es nicht tat (oder nicht nach seinen Vorstellungen).

Das kann ich meinem Vater nicht übelnehmen: Meine Oma war sauber und ordentlich, und sie wollte, dass er genauso aussah. Doch die Verantwortung für seine eigene Familie übernahm mein Vater nie – wie auch, wenn er selbst wie ein Kind behandelt wurde? Er war ja schließlich gehbehindert – vom Schicksal bestraft, wie meine Oma immer sagte.

Man kann das mütterliche Herz schon verstehen, auch wenn seine Ausgangssituation kein Grund für sein Verhalten war. So entwickelten sich in mir die Glaubenssätze, dass schwache Männer nichts in meinem Leben verloren haben. Und so entschied ich unbewusst, dass ich die Starke sein werde.

Wie sich das auf mein Leben auswirkte, kannst du dir wahrscheinlich denken – meine Beziehungen zu Männern… na ja, ich hasste schwache Männer. Und was glaubst du, wen ich immer angezogen habe?



Meine Schwester Maria erzählte mir später, dass sie das Essen manchmal vor ihm versteckt hatte – weil er nicht nur bei Oma gegessen hatte, sondern auch zu Hause alles leer machte, ohne etwas für die Kinder übrig zu lassen. Angeblich sei ich damals – mit zehn Jahren – ihr gegenüber als seine Beschützerin aufgetreten. Ich hatte mich tatsächlich gegen meine siebzehnjährige Schwester gestellt und ihr vorgeworfen, egoistisch zu sein, weil sie ihm das Essen vorenthalt. Man darf nicht vergessen, dass ich auch noch das Kind war, das immer sauber und zu essen hatte … Es gab Abneigung, nicht nur meinem Vater gegenüber, ich war ja schließlich auch ein Grund für ihre Frustration … Aber dieser Mut, mich so klar zu positionieren, erwachte damals in mir – mit zehn. Und während ich das hier schreibe, wird mir bewusst: Ich war noch mutiger, als ich es in Erinnerung hatte. Diese Erkenntnis schenkt mir ein tieferes Verständnis dafür, warum mir dieser Mut später wieder entzogen wurde. Ich sage ganz bewusst: entzogen. Denn ich wurde im späteren Leben auf einer anderen Ebene angegriffen – energetisch. Magisch. Und ich wusste es. Ich wusste sogar, von wem. Meine hellsinnige Wahrnehmung war schon immer da – auch wenn ich sie damals noch nicht in Worte fassen konnte. Doch diese Erkenntnis, dass mein Vater nicht das Vorbild war, das ich mir erhofft hatte, veränderte etwas in mir. Ich verlor den Respekt vor ihm – zumal diese Haltung von allen Seiten bestätigt wurde, sogar von meiner Großmutter. Meine Eltern wurden öffentlich als „Rabeneltern“ gebrandmarkt – und in gewisser Weise stimmte es ja auch. Durch diese Vorwürfe schwanden nicht nur Respekt, sondern mit der Zeit auch meine Liebe zu ihnen, zumindest dachte ich bis vor Kurzem so … Aus all dem begann eine zerstörte Beziehung zu wachsen, die sich über die Jahre zu einem richtigen Problem entwickelte. Ich sah meinen Vater meist betrunken und er übernahm keine Verantwortung für seine Kinder. Ob ihm bewusst war, dass seine Tochter eine vorbildliche Schülerin war und seiner Mutter so viel aushalf, weiß ich nicht. Ich wurde zur Helferin meiner Großmutter – im Garten, wo jeden Sommer Tag für Tag die Pflanzen gegossen werden mussten. Ich half beim Sägen des Holzes für den Winter, und beim Pflücken der Früchte – Tätigkeiten, die ich oft hasste, und dann gemeinsam mit Oma erledigte. Und das habe ich immer dann gemacht, solange die anderen Kinder draußen spielen durften … Bereits mit elf Jahren begann ich, meine eigene Wäsche zu waschen. Wir hatten keine Waschmaschine, also wusch ich jedes Kleidungsstück von Hand. Ich tat es mit Sorgfalt und Eifer, immer bemüht, ein Vorbild zu sein.

Und doch wurde mir ständig klargemacht, dass ich nicht genug war. "Ich liebe dich" hörte ich nie. Meine Großmutter war sehr sparsam mit Zuneigung, von Natur aus misstrauisch und von so viel Angst erfüllt, dass sie kaum ihre Liebe aussprechen konnte. Manchmal frage ich mich, wie ich es geschafft habe, so positiv zu bleiben. Viele Menschen verstehen nicht, woher ich meine Lebensfreude nehme. Meine Selbstliebe musste ich mir hart erarbeiten, und doch wusste ich immer, dass etwas Besonderes in mir steckte.

Meine Beziehung zu den Mitschülern war stets wechselhaft: Manchmal gehörte ich zur Clique, manchmal hetzte die ganze Gruppe gegen mich. Man hänselte mich auch wegen der Klamotten, die ich aus Deutschland trug. Unsere Verwandten schickten Pakete mit Süßigkeiten, Lebensmitteln und Kleidung – um meiner Großmutter zu helfen. Und so bekam ich auch alles, was mitgeschickt wurde, für mich. Ich war immer fasziniert von allem, was aus dem Ausland kam, und unendlich dankbar, dass mein Onkel und seine Familie uns so großzügig unterstützten. Das war keineswegs selbstverständlich, und diese Dankbarkeit bleibt bis heute, trotz aller Entwicklung in unseren Familien.

Gleichzeitig aber machte mich diese Andersartigkeit sichtbar. Ich fühlte mich nicht nur wegen meiner Kleidung fremd, sondern auch, weil ich bei meiner Großmutter lebte und nicht wie die anderen Kinder in einer klassischen Familienstruktur aufwuchs. Ich war einfach nicht wie sie. Damals wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dazuzugehören. Heute weiß ich, dass das Universum mich darauf vorbereitet hat, nicht dazuzugehören. Und heute bin ich sogar stolz darauf – ich lebe mein Leben bewusst so.

Diese Unsicherheiten wurden mir besonders bewusst, wenn wir einmal im Jahr Besuch von meiner Tante mit ihren Kindern bekamen. Sie lebten zwar ebenfalls in einem Dorf, aber viel näher an einer Stadt, und in meiner Vorstellung war ihr Leben moderner, lebendiger und selbstverständlicher als meines. Sie brachten immer die tollsten Spielsachen, und die schönsten Klamotten mit, und ich sah in ihnen alles, was mir fehlte. Sie stammen aus einer stabilen Familie, wurden von beiden Elternteilen geliebt und umsorgt, und das spiegelte sich in ihrem Auftreten wider. Ihr Selbstbewusstsein wirkte für mich wie aus einer anderen Welt. Zumindest hielt ich es in diesem Moment für Selbstbewusstsein … Der Kontrast zwischen uns war spürbar, und er spiegelte sich in meinem eigenen Selbstbild wider.

Trotzdem verstanden wir uns gut, und ich liebte diese Besuche sehr. Das Haus war plötzlich laut, voller Leben, es wurde gespielt, gelacht und gestritten. Und umso trauriger und stiller wurde es, wenn sie nach einer Woche wieder fuhren. Dann musste ich mich wieder an die allgegenwärtige Ruhe gewöhnen, die mir damals so schwerfiel.

All diese Erlebnisse ließen in mir den Wunsch reifen, das Dorf unbedingt verlassen zu wollen. Ich spürte so klar, dass ich dort nicht bleiben konnte, wenn ich wachsen wollte. Und der einzige Weg, der mir offenstand, war über die Bildung. Nur wenn ich an die Universität ging, hatte ich eine reale Chance, mein Leben selbst zu gestalten und etwas anderes zu erleben als das, was mir im Dorf bevorstand. Deshalb wollte ich es unbedingt. Deshalb war es mein größter Traum, die Schule mit einem "roten Diplom" abzuschließen und dann zu studieren.

Meine Enttäuschung war umso größer, als meine Großmutter mir sagte, sie könne es sich nicht leisten, mich an der Universität anzumelden oder mich in die Stadt zu schicken. Das Geld fehlte für diese Pläne. Man prophezeite mir, dass ich nach der 11. Klasse wohl nur einen Job im Dorf finden und wahrscheinlich schon sehr früh eine eigene Familie gründen würde… Schon damals war eine Familiengründung nie mein größter Wunsch und stand nie auf meinem Lebensresümee.

Das war auch ein Alptraum für mich: sich nicht weiterzuentwickeln – und je größer diese Vorstellung wurde, desto stärker wuchs in mir der Wunsch, so schnell wie möglich nach Deutschland zu kommen. Wir hatten längst die Anträge für die Spätaussiedlung eingereicht und auf eine Antwort gewartet.

Und in diesem Lebensabschnitt gab es nichts, was darauf hindeutete, dass ich eines Tages zur Heilerin werden würde oder meine spirituelle Entwicklung in den Vordergrund stellen würde. Ich hatte keine bestimmte Vorstellung, wie mein Leben aussehen sollte, aber ich wusste, dass ich auf gar keinen Fall im Dorf bleiben wollte. Dort gab es überhaupt keine Chancen für persönliche Weiterentwicklung, geschweige denn für irgendeine Verbindung zur modernen Welt, die mich so faszinierte – die Welt, die ich nur aus dem schwarzweißen Fernseher kannte ...

Umso größer war meine Freude in jener Nacht, als wir die Zusage erhielten: Im Jahr 2000 durften wir nach Deutschland einreisen.

Drittes Kapitel

Doch bevor ich über den Umzug spreche, möchte ich etwas anderes teilen.

Etwas, das mir bis heute tief unter die Haut geht: die Menschen, die ich zurücklassen musste. Noch bevor alles überhaupt beginnt.
Meine Eltern waren offiziell Lebenspartner, aber sie waren nicht verheiratet. Und genau das wurde später zu einer großen Hürde, als es darum ging, nach Deutschland auszureisen. Vieles musste geregelt, geklärt, geordnet werden. Und eine Sache war dabei besonders wichtig – eine Entscheidung, deren Tragweite mir erst viel später bewusst wurde: Meine Großmutter musste mich nach kasachischem Recht offiziell adoptieren. Nur so durfte ich das Land überhaupt ohne meine Mutter verlassen.

Denn meine Mutter und alle anderen Geschwister blieben zurück: Maria, Olga, und Valentina.
Meine Mutter wollte damals nicht mitkommen – Deutschland war nie ihr Ziel.
So sagte sie es.

Nicht, weil das Leben im Dorf schöner gewesen wäre.
Sondern weil sie keine wirkliche Vorstellung davon hatte, wie viel schöner ihr Leben sein könnte.
Es war ihre Unerfahrenheit. Ihre innere Begrenzung.
Und vielleicht auch eine stille Angst vor dem Unbekannten.Als dann der Moment kam – als mein Vater, meine Großmutter und ich aufbrechen sollten –
da wollte sie plötzlich doch mitkommen.
Doch da war es bereits zu spät.

Und ich hatte drei Schwestern, die ich zurückliess.
Mit der jüngsten teilte ich beide Eltern – mit den älteren beiden verband mich unsere gemeinsame Mutter. Und doch war da für mich nie ein „mehr“ oder „weniger“.
Geschwister sind Geschwister.
Wir alle wurden unter demselben Herzen getragen, und das war das, was für mich zählte, und immer noch zählt, heutzutage mehr als jemals zuvor.

Gefühlsmäßig machte ich keinen Unterschied. Ich liebte sie alle.
Und doch – auf einer tieferen Ebene, die sich nur schwer in Worte fassen lässt – war da eine besondere Schwingung zwischen mir und der Jüngsten: Valentina.

Nicht im Außen. Nicht in der Biografie. Sondern seelisch.

Es war, als ob ich wusste, dass sich unsere Seelen auf einer feineren Frequenz begegnen sollten
doch diese Verbindung war nur ganz zart spürbar. Kaum greifbar. Und gerade deshalb so spürbar.Ich konnte es fühlen. Wie eine leise Erinnerung an etwas, das nie ganz gelebt wurde.

Man hatte uns sehr früh voneinander getrennt. Und nicht nur das – es war, als hätte jemand einen unsichtbaren Pfeil zwischen uns geschlagen, eine feine Trennlinie, die mit den Jahren immer schärfer wurde.Die Menschen im Dorf begannen, sich gegen mich zu stellen.
In ihren Augen war es meine Schuld, dass ich es besser hatte.
Dass ich mich – so dachten sie – für etwas Besseres hielt.Und wenn ich ganz ehrlich bin:
Ein Teil davon stimmte.
Nicht, weil ich mich über sie stellte –
sondern weil ich tief in mir spürte,
dass ich anders war.

Nicht nur anders als sie.
Anders auf einer Ebene, die älter war als Worte.
Es fühlte sich an, als wäre meine Seele in eine Ahnenlinie gepflanzt worden,
zu der sie nie ganz gehören sollte.Als wäre ich hier – und gleichzeitig nicht von hier.
Wie ein leiser Irrtum der Zeit.
Oder vielleicht eine bewusste Platzierung des Universums,
die mich daran erinnern sollte:
Du bist hier,
aber du bist nicht dieses Hier.

Ich spürte diesen Unterschied. Ich nahm wahr, dass mein Leben in manchen Dingen leichter war, strukturierter, vielleicht auch sicherer. Und irgendwo in mir begann ich zu glauben, dass ich deshalb zu einer anderen Welt gehörte. Einer, die nicht für alle da war – und die ich deshalb schützen musste. Auch vor ihr.

Ich hatte den Unterschied zwischen unseren Lebenswelten irgendwann erkannt. Ich spürte, dass ich etwas hatte, was sie nicht hatte – mehr Sicherheit, mehr Möglichkeiten, mehr Aufmerksamkeit. Und mit der kindlichen Härte, die entsteht, wenn man sich seiner Gefühle nicht bewusst ist, habe ich ihr genau das auch gezeigt. Nicht aus Bosheit, sondern aus einem verwirrten Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören. Und ich glaubte, das „Dazugehören“ müsse man beschützen.

Besonders wenn unsere Verwandten zu Besuch waren, fühlte ich mich wie in einer anderen Welt.
Nicht wegen ihnen – sondern wegen dem, was sie mitgebrachten.
Etwas in ihrer Gegenwart erinnerte mich daran,
dass es noch etwas anderes gab.
Etwas jenseits des Dorfes, jenseits der Enge, jenseits des Alltags.

Sie kamen von außen
und allein ihre Anwesenheit öffnete in mir ein Tor.
Zu einer Weite, die ich bis dahin nur in meinem Inneren gespürt hatte.

In diesen Momenten wurde ich fast schützend um das, was ich war.
Um das, was ich fühlte, was ich ahnte.
Und manchmal wollte ich niemanden dabei haben.
Nicht einmal meine Schwester.Ich wollte dieses Gefühl ganz für mich.
Dieses heimliche Staunen.
Dieses leise Wissen:
Es gibt mehr.

Ich schloss sie aus. Nicht aus Kälte. Sondern weil ich ahnte, dass genau dieses Gefühl ein zarter Schlüssel war – zu dem, was einmal mein Weg werden sollte.

Sie blieb zurück… Mein Vater versprach ihr, dass er sie und meine Mutter später nachholen würde. Und das hat er auch getan – doch es hat fünf lange Jahre gedauert. Erst im Jahr 2005 durften sie schließlich nach Deutschland einreisen.

Aber zurück zu unserer Beziehung.
Wir waren nur ein Jahr auseinander – und sahen uns zum Verwechseln ähnlich. So sehr, dass man uns ständig verwechselte. Sie wurde oft „Irina“ genannt – und ich wurde genauso oft mit ihrem Namen angesprochen: Valentina.

Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich damals war, vielleicht fünf. Ich ging noch in den Kindergarten. Und ich erinnere mich an einen bestimmten frühen Morgen, an dem ich sie wie so oft auf dem Weg dorthin abholte.

Ich trat in den Raum, und meine Mutter war gerade dabei, ihr die Haare zu kämmen.
Aber es war kein zärtliches Kämmen.
Es war ein Ringen. Mit Kraft. Mit Wut. Ohne jede Einfühlsamkeit.
Meine Schwester, dieses zarte, viel zu schlanke kleine Mädchen, weinte. Sie weinte, weil das Kämmen ein Kampf war – nicht nur gegen das krause Haar, sondern gegen sie selbst.

Meine Mutter zwang sie mit fast schon kalter Strenge dazu, dieses grausige Haar zu „zähmen“. Und dabei sagte sie immer denselben Satz: „Terpi, kasak, atamanom budesh.“
Ein Spruch, wahrscheinlich aus alten sowjetischen Filmen. Er bedeutete sinngemäß: „Nur wer Schmerz aushalten kann, wird stark – und wird als Kasake anerkannt.“
Ein Satz wie eine innere Prägung. Hart. Ohne Wärme. Und ohne Raum für Kindsein.

An solchen Morgen gingen wir dann gemeinsam in den Kindergarten.
Ich weiß nicht mehr, ob ich allein war oder ob unsere Mutter uns brachte. Aber ich erinnere mich an diese Momente:
Man sah uns beide – und sprach uns manchmal mit den falschen Namen an.
Und schon damals konnte ich es kaum ertragen, wenn man meine Identität mit der einer anderen verwechselte.
Vor allem, wenn ich das Gefühl hatte, dass ich – im Vergleich – „mehr“ war. Mehr gesehen. Mehr gewollt. Mehr beachtet.

Heute frage ich mich:
Woher kam dieses Gefühl, dass ich aus „besseren Verhältnissen“ stammte?
Dass ich – obwohl wir doch zur selben Familie gehörten, aus demselben Blut, demselben Haus – irgendwie mehr war als sie?

War es die stille Erinnerung meiner Seele?
Eine Ahnung aus einem anderen Leben – vielleicht eines, in dem ich aus edlen, gebildeten, geistig reichen Kreisen stammte?
Oder war es das Bild, das die Menschen im Dorf von mir gezeichnet hatten?
Das Mädchen mit dem klugen Kopf, den guten Noten, dem glatten Haar und einem hübschen Gesicht. Vielleicht beides.

Aber eines weiß ich:
Meine Seele war verwirrt.
Sie wusste nicht, wohin sie gehörte.
Zur „besseren“ Gruppe, zu der man mich zählte – oder zu meiner eigenen Familie, zu meiner Schwester, mit der ich doch verbunden sein sollte? Wollte ich überhaupt zu der „besseren“ Gruppe gehören?

Und wer hat eigentlich bestimmt, welche Gruppe besser ist?

Wer hat sich das Recht genommen, über meine Zugehörigkeit zu entscheiden oder meine Gefühle deswegen zu manipulieren?
Diese Verwirrung trug ich über viele Jahre in mir. Eine stille, zähe Frage: Wer hat uns getrennt? Wer hat diesen Keil zwischen uns geschlagen?

Ich habe mir diese Frage mein Leben lang gestellt. Denn es gab Menschen – und ich nenne sie bewusst so: bestimmte Menschen – die es nicht verheimlichten.
Sie beneideten mich. Für meine schulischen Leistungen. Für mein Aussehen. Für mein Denken. Für mein „Herausstechen“.
Und sie hatten meine Schwester an ihrer Seite – eine stille, formbare, suchende Seele – und sie nutzten das aus. Sie brauchten nur ein offenes Ohr, ein kindliches Herz – und machten es zu einem Resonanzraum für Spott und Spaltung.
Sie zogen über mich her – und meine Schwester hörte zu. Immer wieder.
Ohne dass sie es je begriff.

Ich glaube bis heute nicht, dass sie versteht, was damals geschah.
Dass man uns absichtlich gegeneinander aufgehetzt hat.
Dass man ihre kindliche Wut, ihre Ohnmacht, ihr Gefühl von „Nicht-genug-sein“ auf mich lenkte.
Und dass sie all das – Jahre später – in Form von Kälte, Ablehnung, manchmal fast Hass – wieder an mich zurückgegeben hat.

Wir hatten viele gemeinsame Freundinnen – wir waren ja fast gleich alt.
Und jedes Mal, wenn ich von den Mädchen ausgeschlossen wurde, weil ich irgendwie „anders“ war, wurde unsere Geschwisterverbindung instrumentalisiert.
Man nutzte sie, um auch sie gegen mich zu stellen.
Es war, als fänden andere eine perfide Freude daran, unsere Nähe zu spalten – um einen Schuldigen zu haben. Und der war schnell gefunden: ich.

Man warf mir vor, eine schlechte Schwester zu sein. Und dabei war ich selbst noch ein Kind.
Ein Kind, das längst selbst im eigenen Chaos stand, mit einem Herzen voller Fragen, mit viel mehr Verwirrung, als ich je zeigen konnte.

Ja, sie wuchs in Armut auf.
Aber sie hatte beide Eltern.
Und sie wusste – trotz aller Entbehrungen – , wo sie hingehörte. Ich dagegen lebte in der Schwebe. Zwischen Orten. Zwischen Menschen. Zwischen Zugehörigkeiten.
Dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, hat mich mein ganzes Leben begleitet.
Es saß in mir wie ein dunkler Schatten hinter der Brust – still, unsichtbar, aber immer spürbar.

Erst viel später, nach vielen Jahren, habe ich begriffen:
Mein Herz ist mein Zuhause. Und je schneller ich lerne, mit mir selbst klarzukommen,
je schneller ich verstehe, dass ich mir selbst genüge,
desto schneller kehrt Frieden ein. Und Freude.
Vielleicht kein lautes Glück. Aber ein leises, tragendes. Ich erinnere mich an sie in Momenten, in denen sie weinte.
Dann kam der Zorn meiner Mutter – unbarmherzig, gerichtet gegen jeden, der ihr wehgetan hatte.
Sie war die Kleinste, das Lieblingskind der Familie.
Und sie wusste es.

Oft spielte sie dieses Privileg aus,
inszenierte eine verletzte Miene, eine kleine Dramatik,
damit ich oder meine Geschwister die Konsequenzen trugen.

In meiner Erinnerung war sie das verwöhnte Baby, eine „Zicke“,
für die sich alles zu drehen schien.

Heute, aus der Rückschau, sehe ich, wie sich das alles geformt hat –
wie wir alle auf unsere Weise versucht haben zu überleben,
wie sich unsere Charaktere aus Schmerz und Schutz entwickelten.

Mein Vater hatte eine engere Verbindung zu ihr,
Denn sie wuchs bei ihm auf.

Ich war oft die Schuldige,
diejenige, die angegriffen wurde. Vielleicht, weil ich laut war, weil ich da war,
weil ich mit meinem Licht zeigte,
dass nicht alles richtig war.
Dass sie Fehler gemacht hatten.

Dass ich anders war.

Und dieses Anderssein hat sie alle getriggert. Weil es diesen Unterschied immer gab, zeigte er sich auch in der Schule – im Außen, in der Art, wie wir uns präsentierten, und wie wir mit Menschen umgingen.
Jede von uns versuchte auf ihre eigene Weise, die Wunden der Kindheit zu überwinden.

Eine dieser Wunden war ich. Nicht, weil ich etwas Falsches getan hätte,
sondern weil allein meine Existenz ein Trigger war. Ich weiß nicht, ob sie dachte, dass mir alles leichter gefallen sei, weil ich immer satt und sauber war, oder weil ich nicht im Dreck aufgewachsen bin.
Doch die Wahrheit ist: Bis ich vier Jahre alt war, habe ich im gleichen Haushalt gelebt.

Wer sich mit Kinderpsychologie auskennt, weiß, dass die ersten sieben Jahre die prägendsten für die Entwicklung eines Kindes sind.
Und genau in der Mitte dieser Zeit, mit vier Jahren, erlebte ich einen tiefen Bruch: Ich wurde weggegeben. Von da an musste ich zwei Welten beobachten, fast wie Parallelwelten … Dieser Wendepunkt hat mein Leben grundlegend verändert.
Und all das, was danach kam, kann man nicht einfach mit „leicht“ oder „einfach“ beschreiben. Denn wahre Stärke wächst oft aus den tiefsten Wunden.

Je mehr ich gelobt wurde, desto mehr wuchs irgendwo tief in ihr – unbewusst – ein Schwesterhass gegen mich. Wahrscheinlich würde sie es nie zugeben, wenn sie diesen Text überhaupt liest.
Doch in den letzten Jahren hat sich oft gezeigt, dass meine Entwicklung, mein Weg und mein Leben sie sehr oft  triggern.
Besonders,  wenn andere Menschen sie nach mir fragen.

Es geht nicht immer darum, sie gegen mich aufzuhetzen.
Oft ist es sogar ein Lob, das mir entgegengebracht wird – für den Weg, den ich gegangen bin.
Und genau das schmerzt.

Deshalb war ich ihr nie böse dafür, wie sie sich fühlte. Ich wusste, woher es kam.
Und ich spürte, dass vieles davon eine fremde Energie war, die sich in ihr eingenistet hatte – besonders, weil sie immer eng befreundet war mit Menschen, die mich nicht mochten.

Es ist ein komplexes Geflecht aus Verletzungen, Loyalitäten und tiefen seelischen Dynamiken. Und ich nehme es an – mit Mitgefühl für uns alle. Und doch – wir beide hatten so vieles gemeinsam, wenn es um unsere Kindheit ging.
Vor allem darin, wie unsere Mutter uns bewusst ungepflegt ließ.
Wie wenig Fürsorge da war. Wie wenig echte, nährende Nähe.

Mir wurden oft Geschichten erzählt.
Zum Beispiel, dass ich als Baby immer nur auf dem Arm meiner Mutter einschlief – und sofort aufwachte, sobald sie mich in mein Bettchen legte.
Es passierte immer wieder.
Bis mein Großvater irgendwann bemerkte, dass etwas nicht stimmte.

Denn die Matratze, auf die sie mich legte, war nass.
Feucht vom Urin, den sie nicht gewechselt hatte.
Und jedes Mal, wenn sie mich in diese Nässe zurücklegte, wachte ich auf.

Kannst du dir vorstellen, was das mit einem Baby macht? Was es bedeutet, wenn die eigene Mutter keine Fürsorge zeigt?
Keine liebevolle Aufmerksamkeit?
Nicht einmal ein normales, sauberes Gefühl von Geborgenheit?

Ich wurde – als Baby – regelrecht trainiert, mich mit dem Geringsten zufriedenzugeben.
Mit dem, was eigentlich niemand verdient.
Und das hat sich tief in mein kindliches Bewusstsein eingebrannt.

Psychologisch ist es längst bewiesen:
Die Verbindung zwischen Mutter und Kind ist grundlegend – besonders, wenn es um Selbstliebe geht.
Wenn genau dort, wo eigentlich Wärme sein sollte, Kälte spürbar ist…
Dann lernt ein Kind sehr früh, sich selbst geringzuschätzen.
Nicht bewusst. Sondern leise.
Im Nervensystem. Im Zellgedächtnis. In der Seele.

Es gibt viele Geschichten, die auch meine Schwester erlebt hat.
Eine davon ist besonders tief in mir geblieben. Sie war nur ein paar Monate alt, als sie einmal allein zu Hause gelassen wurde – mit einer Decke über dem Gesicht.
Zufällig kam meine Großmutter vorbei.
Sie hörte ein leises Stöhnen, suchte, und fand meine Schwester in ihrem Kinderwagen.

Sie zog das Kissen zurück – wir wurden als Babys mit einem Kissen zugedeckt, damit wir uns nicht bewegten und ganz still lagen.

Diese Erfahrung war für uns mehr als eine körperliche Einschränkung. Es war ein Moment, in dem wir unsere Freiheit verloren und ein tiefes Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust spürten. Ein schweres Kissen auf unserer kleinen Brust – das bedeutete nicht nur körperliche Enge, sondern auch das Gefühl, nicht gehört, nicht gesehen und nicht geschützt zu sein.

Solche frühen Erlebnisse hinterlassen oft unsichtbare Spuren in unserer Psyche:
Sie können Ängste und innere Blockaden erzeugen, die sich durch das ganze Leben ziehen. Das Vertrauen in uns selbst und in andere wird erschüttert, die Fähigkeit, Freiheit und Sicherheit zu spüren, wird beeinträchtigt. Ihr Gesicht war völlig nass – vom eigenen Atem, vom Schwitzen, vom Kampf.
Sie war fast erstickt.
Wahrscheinlich fehlten nur wenige Minuten. War es Gedankenlosigkeit?
Oder schon etwas anderes?
Man weiß es nicht.

Aber eins war klar: Man konnte unserer Mutter nichts anvertrauen.
Meine ältere Schwester erzählte oft, dass sie im Laufe ihres Lebens immer wieder Menschen begegnet ist, die ein ganz bestimmtes Verhaltensmuster zeigen – ein Muster, das uns noch  aus unserer Kindheit bekannt war.

Was genau diese „Diagnose“ ist, lässt sich heute nur erahnen … Es ist nicht so, dass sie böse war, sondern dass ihre eigene Verletzlichkeit und Unsicherheit ihr Handeln bestimmten. Sie wurde nie untersucht. Aber das musste auch niemand.
Man fühlte es.
Auch mit einem ungeschulten Blick. Mein Vater hat sie oft „полоумная“ genannt, was so viel bedeutet wie halbverstandesfähig. Ich habe oft gesehen, wie sie deswegen weinte. Das zeigt, wie sehr sie darunter litt und wie zerbrechlich ihre innere Welt war. Sie konnte aber auch so wütend werden, dass sie meinen Vater schlug – mit einer Kraft, die er oft an blauen Flecken spürte. Körperlich war sie unglaublich stark, eine Stärke, die wir alle von ihr geerbt haben.

Vielleicht sieht man es uns nicht sofort an, doch in unseren Körpern steckt eine große Kraft, die manche Männer durchaus neidisch machen könnte.

Und so wuchsen wir alle irgendwie heran – nicht umsorgt, sondern eher überlebt.
Ein Dasein, das mehr vom „Durchkommen“ als vom „Geborgensein“ geprägt war. Ja – ich hatte ähnliche Erfahrungen. Bei mir wurde es irgendwann besser, äußerlich.
Aber innerlich blieb ein anderes Trauma zurück. Eines, das sich lange in meinem Leben gezeigt hat – still, aber spürbar. Was ich damit sagen will: Wir kamen aus derselben Familie. Von denselben Eltern.
Und jede von uns hatte ihre eigene Wunde zu tragen. Und doch – ich war die, die gehasst wurde.
Nicht, weil ich etwas getan hätte.
Sondern weil ich anders war – und es ohne Scham präsentierte.
Weil ich mich von klein auf bemüht habe, immer besser zu werden. Ich gehörte nie wirklich dazu. Nicht damals. Und auch heute nicht. Und weißt du was?
Heute bin ich sogar dankbar dafür.
Denn dieser Weg des Nicht-Dazugehörens hat mich gelehrt, klar zu wählen.
Ich bin selektiv geworden.
Mit meiner Umgebung.
Mit den Menschen, die ich in mein Feld lasse.

Nicht aus Trotz.
Sondern aus Achtung – vor mir selbst.

Und so verließen wir Kasachstan. Ich – ohne meine Geschwister.
Nur mit meiner Großmutter. Und mein Vater.
Ein Teil der Familie blieb zurück.
Ein Teil meines Herzens auch.

Viertes Kapitel

Der 1. Dezember 2000 war der Tag, an dem wir unser Dorf in Kasachstan verließen. Ich erinnere mich bis heute sehr klar an diesen Tag. Für mich war er erfüllt von Vorfreude – endlich durfte ich die alte Welt hinter mir lassen. Ich war immer ein Mensch, der dem Neuen entgegengeht, geführt von der Sehnsucht nach Veränderung. Doch damals war es das erste Mal, dass ich wirklich alles Vertraute zurückließ, und ich hatte keinerlei Erfahrung darin. Und doch überwog in mir die Freude – sie war viel stärker als jede Traurigkeit. Ja, für einen kurzen Augenblick tat es weh, als ich mich von meinen Schwestern verabschiedete. Aber die Aufregung über das neue Leben war so kraftvoll, dass dieser Schmerz sanft in den Hintergrund trat. Wir machten uns damals gemeinsam mit den Kindern meiner Großmutter und ihren Familien auf den Weg. Nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Bus. Flugtickets für uns drei – meinen Vater, meine Großmutter und mich – konnte sie sich nicht leisten. Das, was ihr nach dem Verkauf des Hauses und unseres bescheidenen Besitzes geblieben war, war sehr wenig, und einen Teil davon wollte sie für die ersten Schritte in der neuen Lebensphase zurückhalten. Also entschieden am Ende alle: Wir fahren mit dem Bus. Drei Tage unterwegs zu sein war ermüdend und zugleich unglaublich aufregend – besonders für uns Kinder.

Die Route führte durch Russland, Belarus und Polen. Im Bus waren viele andere Aussiedler. Manche hatten so viel Essen dabei, dass der ganze Bus vom Geruch nach gekochtem Huhn und Schweiß durchzogen war. Ich erinnere mich deutlich daran, dass ich neben einer Frau saß. Irgendwann, im Schlaf, legte ich unbewusst meinen Kopf auf ihre Schulter. Als ich erschreckt aufwachte, wollte ich ihn sofort zurückziehen – doch sie ließ mich still weiter schlafen. Diese kleine Geste hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt: ihre Bereitschaft, mich zu tragen, ohne ein Wort zu sagen. Meine Großmutter litt auf der Fahrt an stark geschwollenen Beinen – mehr als wir alle. Ich weiß noch, dass man das sogar bei unserer Ankunft in Friedland erwähnte. Zum Glück ging die Schwellung bald zurück.

 Und schließlich kamen wir an: Friedland – ein Ort, den alle Aussiedler kennen und mit dem jeder seine eigenen Erinnerungen verbindet. Für mich war es etwas Wunderschönes. Zum ersten Mal sah ich ein anderes Land: fremde Häuser, Zäune, Straßen und Bäume. Alles war anders – und alles schien mir viel besser als das, was ich zuvor kannte. Ich war überwältigt davon, wie sehr sich die Welt von dem unterschied, was mir vertraut gewesen war. Es war, als hätte sich eine Tür geöffnet – eine Tür in eine neue Welt, die darauf wartete, entdeckt zu werden. Wir blieben dort ungefähr eine Woche – genau weiß ich es nicht mehr, die Erinnerungen sind verschwommen. Aber ich weiß noch sehr gut, wie aufregend alles war – einfach, weil es neu war. Wir lernten ein paar Menschen kennen und verbrachten unglaublich viel Zeit mit unseren Cousinen. Für uns, damals Jugendliche, war es eine besondere, fast blendende Zeit.

 Es gab sogar einen Moment, in dem ich mich mit einer Cousine zerstritt. Bis heute habe ich keine Ahnung, weshalb es dazu kam und wer begann. Ich erinnere mich nur, dass sie plötzlich sehr aggressiv wurde und mich schlagen wollte – und ich stellte mich vor sie, bereit, mich zu wehren. Eine andere Cousine, die es immer genoss, Öl ins Feuer zu gießen, war an diesem Tag ganz in ihrem Element. Deshalb wundere ich mich bis heute, warum es am Ende nicht zu einer echten Prügelei wurde. Stattdessen blieb es bei einer heftig geführten, verbalen Auseinandersetzung. Heute, im Rückblick, sehe ich ein Muster, das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht: Schon früh hatte ich Schwierigkeiten mit Mädchen – in diesem Fall sogar mit leiblichen Verwandten. Ein Thema, das immer wieder in mein Leben zurückkehrte.

 Erst viel später, während meiner Ausbildung in der Numerologie, konnte ich verstehen, welche Rolle genau diese Erfahrungen spielten. Kinder, die im Februar geboren sind, begegnen oft schon von Kindheit an komplexen Themen in ihrer weiblichen Ahnenlinie. Ihre Aufgabe ist es, diese Muster zu durchbrechen und zu heilen. Oft bedeutet das, dass sie viel Zeit bei den Großmüttern verbringen und schwierige Beziehungen zur Mutter oder zu Schwestern haben. Mir wurde klar, warum es in unserer Linie so viel Neid, Missgunst und verborgene Konflikte zwischen Frauen gab. Ich erkannte: Diese Seelen entschieden sich, mir als Auslöser zu begegnen, damit ich bewusst auf meine Ahnenthemen blicken und sie heilen konnte. Meine Seele wählte diesen Weg…

Nach einer Woche in Friedland wurden wir nach Wolfsburg geschickt. Die Kinder meiner Großmutter wurden auf benachbarte Städte verteilt. So sehr sie auch bat, dass wir alle an einem Ort bleiben dürften – dieser Wunsch wurde ihr nicht erfüllt. Und sie erinnerte sich bis zuletzt daran, nahm es jener Frau übel, sprach über sie, kehrte immer wieder zu ihrer Kränkung und ihrem Zorn zurück. Leider war auch dies eine Qualität, die sich durch ihr ganzes Leben zog: Meine Großmutter konnte anderen Menschen schwer verzeihen und vergaß nichts. So wohnten wir – meine Großmutter, mein Vater und ich – mehrere Wochen bei der Schwester meiner Großmutter. Die anderen wurden vorübergehend in Unterkünften untergebracht, bis sie eigene Wohnungen erhielten.

Die ersten Tage in Wolfsburg waren für mich voller Aufregung und Neugier. Alles war neu: die Produkte in den Läden, das ungewohnte Essen, das lebendige Stadtleben, so anders als bei uns auf dem Land. Besonders freute ich mich über die Toilette in der Wohnung – etwas, das ich zuvor nur aus Filmen kannte. In unserem Dorf konnten sich das nur wenige Familien leisten, und solche galten als wohlhabend. Für uns war es normal, draußen zur Toilette zu gehen oder nachts den Eimer im Haus zu benutzen, den man morgens hinter den Schuppen brachte. Gerade solche Kleinigkeiten, scheinbar ganz alltägliche Details, versetzten mich in echte Begeisterung. Man kann sagen, dass das Materielle, der Hauch von Luxus und Bequemlichkeit schon damals eine besondere Anziehungskraft auf mich ausübten. Alles Neue und Ungewohnte erfüllte mich mit Freude und Neugier, die stärker waren als jede Wehmut über das Vergangene.

ch erinnere mich gut an meine erste Schule in Deutschland. Es war eine Realschule im selben Viertel, in dem wir damals lebten. Nach meinen Noten hätte ich auch aufs Gymnasium gehen können. Aber da ich kein Englisch konnte – die erste Fremdsprache am Gymnasium –, entschied man, mich auf die Realschule zu schicken. Dort wurde Russisch als Fremdsprache angeboten. So wurde meine Muttersprache plötzlich zum „Fremdsprachenfach“. Heute kommt mir das fast absurd vor. Die Entscheidung über meine Schule traf nicht ich, nicht einmal meine Großmutter. Sie sprach nur Plattdeutsch und konnte solche Angelegenheiten nicht regeln, deshalb übergab sie die Verantwortung einer entfernten Verwandten. So entschied die Tante, dass für mich die Realschule „ausreichend“ sei und nicht das Gymnasium. Viele Jahre später begriff ich, dass man hätte einen Nachhilfelehrer nehmen können, um Englisch zu lernen, dass man es auch an der Abendschule hätte lernen können. Genau das begann ich dann mit 18 Jahren zu tun…

 Ich verstand, dass wir im Leben nicht immer die volle Unterstützung erhalten, auf die wir hoffen. Doch gerade darin verbirgt sich ein Geschenk: die Kraft, den eigenen Weg selbstbewusst und eigenständig zu gehen.

So wechselte ich nach dem erfolgreichen Abschluss der Realschule aus eigener Kraft ins Gymnasium. Heute weiß ich: Jede sichtbare Grenze führte mich nur tiefer in meine eigene Stärke.

Die Schulzeit war insgesamt recht angenehm. Ich erlebte nie Spott oder Ablehnung nur deshalb, weil ich nicht aus Deutschland stammte. Dort lernten viele Aussiedler und Kinder von Migranten, und gerade das machte jedes Kind auf natürliche Weise angenommen. Ich hatte darin Glück. Unter den russischsprachigen Jugendlichen fand ich schnell Freunde. Man nahm mich in ihre Kreise auf, und die meiste Zeit verbrachte ich mit ihnen. Das gab mir Halt und ein Gefühl von Zugehörigkeit, bis ich ins Gymnasium wechselte.

Schon damals wusste ich, dass ich an die Universität wollte. Damals träumte ich von Architektur, weil ich mir nichts vorstellen konnte, das zugleich so kreativ und so angesehen war. Meine Entscheidungen wirkten reif, doch ich bewegte mich noch unbewusst – als ginge ich in eine Dunkelheit, in der ich erst später das Licht unterscheiden lernte.

 Am Ende gehörte ich zu den besten Schülerinnen unter allen vier zehnten Klassen. Natürlich waren meine Noten schwächer als in Kasachstan, wegen meiner noch fehlenden Deutschkenntnisse, aber sie reichten völlig aus, um ins Gymnasium aufgenommen zu werden – und gleich in die 11. Klasse.

Ich erinnere mich gut an den Moment, als ich nach der Ehrung als eine der Besten von der Bühne hinabstieg und der Direktor zu der Reihe ging, in der meine Großmutter saß. Er schüttelte ihr die Hand und dankte ihr dafür, dass sie eine so wunderbare Enkelin großgezogen habe, die es in nur zwei Jahren in Deutschland unter die Besten geschafft habe. Für meine Großmutter war das ein besonderes Zeichen der Anerkennung. Dieser Augenblick grub sich so tief in ihr Herz, dass sie sich noch viele Jahre später mit Stolz und Freude daran erinnerte. Es war ihr besonders teuer, eine solche Anerkennung fern der Heimat, in einem neuen Land, zu erleben.

Bevor ich von meinem Weg im Gymnasium erzähle, möchte ich etwas über meine Beziehung zu meinem Vater teilen. Mit dem Umzug nach Deutschland mussten wir in einer Wohnung zusammenleben – und ich sah mit eigenen Augen, dass er auch hier weiter trank. Der Staat zahlte ihm alle Bezüge, einschließlich meines Anteils, damit er unseren Lebensunterhalt sicherte. Aber er gab diesen Teil nie an meine Großmutter weiter, und sie war es, die mein Leben trug, während er dem Alkohol nachging. Die Nächte waren oft von Schreien erfüllt. Er brüllte, schimpfte, erbrach sich so laut, dass wir nicht schlafen konnten, lief manchmal nackt durch die Wohnung, und am Morgen behauptete er, es sei nie geschehen, und nannte uns Lügnerinnen. Wer mit Alkoholikern zu tun hatte, weiß, wie eng sich in ihrer Welt Wahrheit und Lüge verweben.

Am meisten verletzte mich, dass er plötzlich versuchte, in meine Erziehung einzugreifen. Ich war damals 15 oder 16 Jahre alt – und jeder Respekt vor ihm war bereits verschwunden. Die Vergangenheit, unsere ständigen Streitereien und Prügeleien, das, was er nun auch in Deutschland fortsetzte – all das ließ keinen Raum für Vertrauen. Wir stritten, es kam zu körperlichen Auseinandersetzungen, und oft wurde die Toilette zu meiner einzigen Rettung, in der ich mich vor ihm einschloss. In seiner Wut riss er einmal sogar den Türrahmen heraus, um zu mir zu gelangen. In jener Zeit begriff ich, dass ich mich vor meinem eigenen Vater schützen musste – so, wie es niemals sein sollte. Ein Vater sollte ein Beschützer sein. In meiner Geschichte jedoch war er ein Angreifer, einer, der mich provozierte, um mir Energie zu entziehen. Und er tut es bis heute – nur bin ich jetzt stark und bewusst genug, ihm nichts zu geben. Wenn er in Raserei geriet, begann er, sich in die Hände zu beißen. Seit Kindheit lebte er mit einem nervlichen Leiden, mit dem er geboren wurde. In solchen Momenten schien es, als dränge ein Dämon aus seinem Körper, der sich auf mich stürzen wollte. Meine Reaktion darauf – damals fast die einzige – war völliger Ekel, eine Gegenwehr auf sein Wahnsinniges. Biergläser, Teller – alles, was ihm in die Hände fiel, flog. Der Grund war immer derselbe: Er verlangte Respekt, den ich ihm nicht mehr geben konnte.

Es war, als wolle er mir plötzlich die väterliche Rolle aufzwingen, die er nie ausgefüllt hatte. Mein innerstes Wesen rebellierte dagegen. In solchen Momenten wurde ich buchstäblich von einem Gerechtigkeitssinn erfüllt, den ich viele Jahre in mir getragen hatte. Ich hungerte nach Wahrheit und konnte mich nicht fügen, wenn Menschen Aufmerksamkeit und Respekt forderten, obwohl sie selbst keines von beidem zeigten – im Gegenteil, gegenteilig handelten. Hinzu kam, dass meine Großmutter im fremden Land noch ängstlicher wurde. Für mich bedeutete das noch mehr Einschränkungen und Verbote. Ich wollte Sport treiben, ein Hobby haben, mich entwickeln, doch oft wurde mir das verwehrt – teils wegen des Geldes, teils wegen ihrer Ängste.

 Wir lebten zu dritt – drei Generationen in einer Wohnung, jede mit ihrem eigenen Charakter. Und mittendrin war ich, hungrig nach einem anderen Leben. Heute verstehe ich, dass es nicht nur die Lust auf Neues war, sondern ein tiefes Streben nach Freiheit, der Wunsch, aus dem Käfig auszubrechen. Damals hatte ich einige Freundschaften, aber keine davon ergriff mich ganz.

Es war eine Phase, in der ich mich in einer Entwicklung befand, die ich selbst noch nicht verstand, und in der ich viele ungesunde Muster übernahm. Weil mir weder die Großmutter noch der Vater Geld gaben, begann ich, bei Freunden zu leihen. Wenn man mich irgendwohin einlud und ich nicht gehen konnte, bat ich sie um Unterstützung. Ich wusste oft nicht, wie ich zurückzahlen würde, und doch gelang es mir immer irgendwie. Manchmal schenkte man mir Geld, manchmal half man mir anders, und ich konnte meine Schulden begleichen. Mein Vater gab mir damals 50 Euro „Taschengeld“. Für ihn reichte das – für Essen, Kleidung, Schulsachen und all meine Ausgaben. In Wirklichkeit sorgte jedoch meine Großmutter für all das. Vaters Geld war eher Symbol als echte Unterstützung. So lernte ich früh, Geld zu leihen – und ich begriff, dass es funktioniert, solange man zurückzahlt. Genau damals prägte sich in mir ein schweres Muster im Umgang mit Geld ein: Abhängigkeit, tief in unserer Familie verwurzelt. Während einer im Stamm mit Alkohol rang, trug ich die Last des Geldes.

Zugleich suchte ich Wege, unabhängiger zu werden. Mein Vater vertrank die Bezüge, die der Staat für mich zahlte. Das war unerträglich, und ich fasste den Entschluss: Ich will ihm diese Möglichkeit nehmen. So begann ich, an Wochenenden im Volkswagen-Werk zu arbeiten. Viele Schüler jobben dort, indem sie neue Autos reinigen. Für mich war es weit mehr als ein Nebenjob. Es war meine bewusste Entscheidung – auf eigenen Beinen zu stehen und meinem Vater das für mich bestimmte Geld zu entziehen. Und tatsächlich: Kaum hatte ich begonnen zu arbeiten, wurden die Zahlungen, die er gewohnt war für mich zu erhalten, eingestellt. Er explodierte vor Wut…

Die Arbeit wurde zu einer wertvollen Schule, auch wenn sie Zeit von meinem Lernen nahm. Aber sie gab mir das erste Gefühl von Selbstständigkeit und die Kraft, zu erkennen, dass ich mein Leben aktiv gestalten kann – trotz schwerer Umstände. Viele Jahre später, bereits im Numerologie-Studium, verstand ich, warum sich all das so stark zeigte. Es war nicht einfach „mein persönliches Problem“, sondern ein Ahnenthema. In unserer Linie traten Abhängigkeiten immer wieder auf – bei dem einen Alkohol, beim anderen Geld. Meine Seele wählte, da hindurchzugehen, um es zu erkennen, zu durchbrechen und zu heilen. Heute sehe ich klar: Was wie Schwäche schien, wurde in Wahrheit zum Beginn meiner Heilarbeit – für mich und für die ganze Linie.

Im Gymnasium begegnete ich meiner zukünftigen besten Freundin. Sie sprach mich im Russischunterricht an – ja, ich lernte weiterhin Russisch als Fremdsprache, und das war das einzige Gymnasium, das mich ohne Englischkenntnisse aufnahm. So entstand eine enge Freundschaft. Sie war eine leuchtende, interessante Persönlichkeit, und wir verstanden uns sofort großartig. Schon am ersten Tag stellte ich sie auf ein Podest. Mit der Zeit entwickelte sich zwischen uns eine Dynamik, in der ich häufiger die Rolle der Folgenden einnahm und sie die dominante Position. Damals war ich unsicher, zu nachgiebig. Wir verbrachten elf wunderbare Jahre miteinander – voller Freude, Nähe und unvergesslicher Momente. Aber es war auch eine Phase meines Lebens, in der ich lernte, mich selbst besser zu verstehen.

Inzwischen wurde der Druck zu Hause immer stärker. Ich konnte es nicht länger ertragen. Mein Vater drehte durch, meine Großmutter kontrollierte immer mehr, und ich hungerte nach Leben. Ich war immer pflichtbewusst: lernte gut, half zu Hause, hatte nie mit Drogen oder ähnliches zu tun… Doch mein Wunsch nach Freiheit wurde ständig abgewiesen. „Kein Geld, dir passiert etwas…“ – so lauteten die Antworten. Am meisten zermürbte mich jedoch das Leben mit meinem Vater und die ständigen Verbote meiner Großmutter. Ich konnte dieses Tollhaus nicht länger ertragen – seine Ausbrüche, ihre Ängste, die Begrenzungen… Also wandte ich mich an die Jugendhilfe. Ich wollte eine eigene Wohnung. Doch meine Situation wurde nicht als „extrem“ eingestuft. Auch mein Vater wurde eingeladen, und wie immer spielte er seine Rolle perfekt: zu Hause der Teufel, nach außen der Engel. Man glaubte ihm mehr als mir. Nach außen wirkte er wie ein fürsorglicher Vater, und mich sah man als schwierige Jugendliche. Ich erhielt keine Hilfe…

Doch ich gab nicht auf. Ich suchte immer wieder Unterstützung, und am Ende gelang es mir über den Sozialamt. Nach mehreren Versuchen genehmigte man mir einen Betrag, mit dem ich ein Zimmer mieten konnte. So zog ich mit 19 aus. In der Nähe der Schule fand ich ein Reihenhaus, in dem Zimmer vermietet wurden, und eines davon wurde meines. Meiner Großmutter sagte ich es erst am Abend, am Tag des Umzugs. Ich wusste warum: Hätte ich es früher gesagt, hätte sie mich bis zuletzt „zuredegewaltigt“. Schon damals hatte ich ein feines Gespür für Menschen. Ich konnte ihr ständiges Nörgeln und jene negative Energie, die auch eine ihrer Kräfte war, nicht aushalten. Meine Großmutter konnte manipulieren, auf Gefühle drücken – und in so einer Situation wäre es für mich sehr schwer gewesen. Ich wollte mich nicht in eine Lage bringen, in der man mich „bearbeitet“, also beschloss ich zu schweigen bis ganz zum Schluss. Deshalb hielt ich es tatsächlich bis zum allerletzten Moment geheim. Und erst, als die Dinge gepackt waren und es kein Zurück mehr gab, sagte ich es ihr. Ich erinnere mich, wie schwer es für sie war. Später erfuhr ich von einer Cousine, dass meine Großmutter weinte und ihre Kinder anrief, um zu sagen, dass ich ausgezogen sei. Bis heute schmerzt es, zu spüren, wie tief sie das verletzte – den Menschen, der mich je am meisten liebte…

Selbst Jahre später behauptete sie, ich sei nur wegen meiner Freundin ausgezogen – dass gerade sie mich verändert habe. In Wahrheit war die Freundin nur ein Teil des Puzzles. Sie zeigte mir, dass das Leben anders sein kann, und an ihrer Seite konnte ich Neues ausprobieren. Doch die Entscheidung, das Zuhause zu verlassen, entsprang meinem inneren Drang – dem Durst nach Freiheit und dem Wunsch, meinen eigenen Weg zu gehen. Es war meine erste große Entscheidung – die Entscheidung, mich selbst zu wählen. Ich brauchte Stille, Frieden, einen Raum ohne Streit und Druck. Und selbst wenn meine Großmutter mir das nicht geben konnte, wusste ich: Ich kann es mir selbst schenken. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Damals erkannte ich: Wir entscheiden unser Schicksal selbst. Ja, Entscheidungen können schwer sein, und ihre Folgen können wehtun. Doch am Ende liegt es in unseren Händen, das zu wählen, was für unsere Seele am besten ist.

So wurde mein Umzug zum Beginn eines neuen Kapitels. Zum ersten Mal lebte ich in meinen eigenen vier Wänden, frei vom Geschrei und vom Druck zu Hause. Ich setzte meine Schulzeit am Gymnasium fort und arbeitete, um für mich zu sorgen. Die Miete wurde zunächst übernommen, bis ich mehr verdiente. Ich jobbte in einer Eisdiele und hatte mein eigenes Geld. Es war der Beginn eines neuen Lebens – eines Lebens, das nicht immer leicht war, aber endlich wirklich meines.

Fünftes Kapitel

Als ich auszog, begann ein neues Leben für mich. Es fühlte sich ungewohnt an – ein wenig ängstlich, auf einmal allein in einem Zimmer zu sein, allein zu leben, mit all der Verantwortung, die plötzlich auf meinen Schultern lag. Ich war noch sehr jung, aber ich nahm alles mit einem offenen, positiven Geist an. Ich träumte von einer weiten Zukunft, in der mir die Welt zu Füßen lag.

Meine Leistungen am Gymnasium waren nie besonders gut. Irgendwie schaffte ich es jedes Jahr, versetzt zu werden… Damals empfahlen mir viele, die 11. Klasse sie zu wiederholen.
Man sagte mir, dass es sonst kaum möglich wäre, das Abitur zu schaffen, wenn die Noten gerade so zum Weiterkommen reichten. Ich hörte auf diesen Rat. Ich hatte niemanden in meiner Familie, der mir etwas empfehlen oder zeigen konnte, denn niemand war bisher so weit gekommen.

Und ja – meine Leistungen waren nicht die besten, aber sie waren gut genug, um am Gymnasium zu bleiben. In einigen Fächern, besonders in Italienisch, war ich sogar sehr gut. Sprachen lagen mir immer. Doch in allem anderen tat ich mich schwer – aus vielen Gründen.

Einer der Gründe, warum ich mich in der Schule so schwer tat, war die Sprachbarriere. Ich war schüchtern geworden, meldete mich kaum mündlich.
Und wer das deutsche Schulsystem kennt, weiß, dass die mündliche Note oft sechzig Prozent zählt – die schriftliche nur vierzig.
So war ich schriftlich vielleicht durchschnittlich, aber mündlich – ein Desaster. Nicht, weil ich nichts wusste, sondern weil ich unsicher war.

Jemand, der früher lebendig und offen war, wurde plötzlich leise.
Ich hatte Angst, Fehler zu machen, Angst, ausgelacht zu werden, wenn ich etwas Falsches sagte.
Ich war irritiert, wie selbstverständlich andere mit Stolz und Lautstärke ihre Meinung äußerten – ob sie richtig war oder nicht, spielte kaum eine Rolle.
Hauptsache, man war laut, selbstsicher.
Dafür wurde man gelobt – nicht unbedingt für das, was man sagte. Das erschütterte mein Selbstbewusstsein tief.

Doch genau dort begann etwas Neues.
Diese Unsicherheit war der Anfang meiner inneren Reise – mich selbst kennenzulernen, meine Schwächen zu verstehen und meine Stärken zu entdecken.

Viele Jahre später verstand ich, dass meine Schüchternheit nicht nur aus Unsicherheit kam – sondern aus Scham.
Ich schämte mich für meinen Akzent.
Er war wie ein leises Zeichen meiner Herkunft, das mich immer verriet. Ich wollte dazugehören, „richtig“ klingen, so wie alle anderen.

Erst in Kanada begann sich das langsam zu lösen.
Ich investierte in Logopädie, um meinen deutsch-russischen Akzent zu minimieren. Und tatsächlich – solange ich im Raum des Logopäden saß, klang ich fast makellos. Doch sobald ich hinausging, in den Alltag zurückkehrte, kam mein Akzent wieder.

Ich konnte ihn nicht kontrollieren – und irgendwann verstand ich, warum: Er war nicht mein Fehler. Er war ein Teil von mir.

Heute weiß ich: dieser Klang in meiner Stimme ist mein Abdruck, meine Geschichte. Man hört in jeder Sprache, die ich spreche, dass ich noch andere Sprachen in mir trage. Und genau das ist schön.

Ich würde es für nichts auf der Welt eintauschen.
Mein Akzent ist geblieben – doch meine Scham ist verschwunden.
Denn ich habe verstanden, dass man nicht angenommen wird, wenn man versucht, allen zu gefallen.
Man verliert sich selbst, wenn man sich anpasst, um „richtig“ zu wirken.

Ich habe aufgehört, meine Stimme zu verstecken.
Sie trägt meine Wurzeln, meine Erfahrungen, mein ganzes Sein. Und das, was ich dadurch gewonnen habe, ist unbezahlbar.

Das hier ist ein kleiner Appell:
Ja, du bekommst vielleicht nicht immer das, was du dir wünschst, wenn du etwas Neues anstrebst.
Aber manchmal schenkt dir das Leben etwas viel Größeres, als du es dir je erträumt hättest – dich selbst.

Ein weiterer Grund, warum meine schulischen Leistungen schwankten, war meine Arbeit. Oft arbeitete ich nach der Schule noch bis zu sechs Stunden. Ich lebte schon allein, und obwohl es ruhig war, endeten die familiären Streitigkeiten nie – selbst, wenn ich nur zu Besuch war.

Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, die sich tief in mir eingebrannt hat:
Ich brachte einmal meine Wäsche zu meiner Oma, weil es in meinem Zimmer und im ganzen Haus keine Waschmaschine gab. Ich hatte keine andere Möglichkeit, als mit der Hand zu waschen. Also dachte ich, es wäre praktisch, meine Sachen zur Oma zu bringen.

Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, die sich tief in mir eingebrannt hat:
Ich brachte einmal meine Wäsche zu meiner Oma, weil es in meinem Zimmer und im ganzen Haus keine Waschmaschine gab. Ich hatte keine andere Möglichkeit, als mit der Hand zu waschen. Also dachte ich, es wäre praktisch, meine Sachen zur Oma zu bringen.

Doch statt Verständnis erlebte ich eine bittere Enttäuschung. Mein Vater wurde wütend, warf mir vor, ihr Geld zu verschwenden – wegen des Stroms, den die Waschmaschine verbrauchte. Meine Oma versuchte, mich zu trösten. Sie sagte, ich solle nicht auf ihn hören und meine Sachen ruhig bringen. Aber ich war zu stolz. Ich tat es nie wieder.

Diese Szene hat mich tief verletzt. Noch viele Jahre später erinnerte ich mich an diesen Moment – an die Kälte, die ich gespürt hatte, an das Gefühl, wieder einmal allein zu sein.

Von da an brachte ich meine Kleidung in die Reinigung. Das kostete natürlich Geld – also musste ich mehr arbeiten, um es mir leisten zu können. Später kaufte ich mir einen kleinen Eimer und begann, meine Sachen selbst zu waschen, trocknete sie in meinem winzigen Zimmer. Ich kämpfte, so gut ich konnte.

Manche würden vielleicht sagen: „Wenn du schon ausgezogen bist, musst du auch Verantwortung übernehmen.“ Ja natürlich…
Aber darum ging es nicht. Es ging darum, dass ich wieder einmal auf mich allein gestellt war. Es gab keine Situation in meinem Leben, in der ich wirklich Unterstützung von meinem Vater bekam. Im Gegenteil – später im Leben wurde sogar von mir erwartet, dass ich für ihn sorgen sollte.

Es gab noch einen anderen Grund für meine schwachen schulischen Leistungen. Irgendwo, unbemerkt, hatte sich eine Depression in mir eingenistet. Wann sie begann, wusste ich nicht genau. Ich kannte dieses Wort damals kaum – geschweige denn, was es bedeutete. Doch wenn ich heute zurückblicke, glaube ich, dass es mit etwa sechzehn, siebzehn Jahren anfing – in der Zeit, als ich in eine Essstörung, eine Art Bulimie, hineinglitt.

Ich lebte noch mit meiner Familie. Es war die Phase, in der junge Mädchen abnehmen wollen, in der unser innerer Blick sich immer stärker auf Schönheit richtet – auf das Bedürfnis, „gut genug“ zu sein, um geliebt zu werden.
Es ist das Alter, in dem die Psyche langsam lernt, dass Liebe oft an Bedingungen geknüpft zu sein scheint: schön sein, angepasst sein, stark sein.
Heute sehe ich so deutlich, wie viele Zeichen es schon damals gab, dass ich lernen musste, mich selbst zu lieben. Doch es gab niemanden in meiner Umgebung, der solche Dinge erkennen oder verstehen konnte. Ich musste alle Phasen meiner inneren Entwicklung ganz allein durchleben. Und natürlich wurde das, was man nicht verstand, bestraft.

Meine Oma bemerkte irgendwann, dass ich nach dem Essen immer auf die Toilette ging. Sie wusste nicht, warum. Ich übergab mich regelmäßig – steckte mir die Finger in den Hals, um das Gefühl der Kontrolle zurückzugewinnen, das mir überall sonst fehlte.
Doch anstatt Hilfe zu bekommen, wurde ich getadelt. Sie warf mir vor, Essen zu verschwenden – und damit Geld.

So kämpfte ich nicht nur mit einem inneren Schmerz, sondern auch mit Schuldgefühlen und Vorwürfen.
Das Schlimmste war, dass bald die ganze Verwandtschaft davon wusste. Ich wurde ausgelacht, beschämt, gedemütigt.
Einmal, als ich für eine Woche bei meinem Onkel zu Besuch war, wurde nach dem Essen die Tür zur Toilette abgeschlossen. Als ich fragte, warum, wurde mein „Problem“ vor allen angesprochen. Ich fühlte mich bloßgestellt – und von meiner Oma verraten.

Es war, als gäbe es in dieser Familie kein Geheimnis, das geschützt bliebe. Alles wurde weitergetragen, besprochen, ausgeschlachtet – und irgendwann gegen mich verwendet. Meine „Schwächen“ wurden zum Gesprächsthema, meine Verletzlichkeit zur Schande.

Rückblickend glaube ich, dass genau in dieser Zeit meine Depression wirklich Form annahm.
Damals war mir das alles nicht bewusst. Erst später, als ich auf dem Gymnasium war und der Druck von allen Seiten zunahm, begann ich, Panikattacken zu bekommen – besonders während der Vorprüfungen fürs Abitur.

Meine damalige Freundin erzählte ihrer Mutter davon. Sie meinte, es klinge nach einer Depression, weil ich oft das Gefühl hatte, „unter einer Haube“ zu leben – als wäre alles um mich herum wie ein Traum, unecht, weit entfernt.
Also entschied ich mich, einen Neurologen aufzusuchen.

Doch die Sitzung war enttäuschend. Er hörte mir kaum zu, stellte keine Fragen, streckte nach ein paar Minuten die Hand aus, griff zum Rezeptblock und schrieb mir Antidepressiva auf.
Ich hatte das Gefühl, gar nicht gesehen zu werden – nur abgefertigt zu werden. Ich wurde mit einem Zettel hinausgeschickt, der meine Seele heilen sollte.

Ich nahm die Tabletten zunächst, aber ich wusste tief in mir: Das war nicht der Weg. Nach kurzer Zeit setzte ich sie wieder ab.
Ich erzählte meiner jüngeren Schwester davon – sie war damals schon in Deutschland. Sie lachte mich aus und meinte, ich sei verrückt, wenn ich schon Tabletten nehmen würde. Ich erinnere mich, wie weh das tat. Wie einsam es sich anfühlte, nicht verstanden zu werden – von niemandem.

In jener Zeit machte ich auch meinen Führerschein. Es dauerte lange – mit einer Pause von sechs Monaten, nachdem ich dreimal durch die praktische Prüfung gefallen war. Die Theorie bestand ich ohne einen einzigen Fehler. Doch die Umsetzung beim Fahren fiel mir schwer. Heute weiß ich, dass auch das mit meinem seelischen Zustand zusammenhing – mit der inneren Erschöpfung, dem Druck, den ich damals kaum tragen konnte.

Mein Fahrlehrer war zudem alles andere als freundlich. Er schrie mich oft an, machte mir noch mehr Angst, noch mehr Druck.
Und während ich das jetzt schreibe, wird mir bewusst, wie viele Schichten aus Stress, Angst, Überforderung und seelischem Schmerz ich damals in mir trug – ohne es zu wissen, ohne jemanden, der mir hätte helfen können.

Es war ein langer Weg, bis ich meinen Führerschein endlich in der Hand hielt. So viel Geld, so viele Stunden, so viele kleine Prüfungen – nicht nur auf der Straße, sondern auch im Leben selbst. Am Anfang wollte meine Oma mich nicht unterstützen. Sie sagte, sie würde mir kein Geld dafür geben, und fragte, warum ich das überhaupt machen wolle, wenn ich mir danach doch kein Auto leisten könne. Diese Worte waren nicht wirklich ihre eigenen. Sie waren eingeflüstert – von jemandem aus der Familie, jemandem, der sich, wie so oft, in Entscheidungen einmischte, die eigentlich nur mich betrafen.

Ich sehe das heute mit anderen Augen. Damals verstand ich es nicht, doch heute spüre ich, wie stark die Stimmen anderer meinen Weg mitgeformt haben. Später änderte meine Oma ihre Meinung. Sie half mir – übernahm die Hälfte der Kosten, und ich war dankbar dafür.
Mein Vater trug, wie so oft, nichts dazu bei.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, fühle ich beides: Dankbarkeit und dieses leise Ziehen in der Tiefe, wo sich ein Muster zeigt, das sich damals schon abzeichnete. Zu viele Einflüsse von außen, zu viele Menschen, die glaubten, sie wüssten, was richtig für mich sei. Und doch war ich immer diejenige, die – trotz allem – ihren eigenen Weg ging. Vielleicht nicht laut, aber entschlossen.

Heute, viele Jahre später, höre ich manchmal, dass all das gar nicht so gewesen sei. Dass man es anders erinnert. Und jedes Mal spüre ich, wie sich Wahrheit verändert, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet. Jeder trägt seine eigene Version der Geschichte. Aber meine lebt in mir – leise, klar und wahrhaftig.

Vielleicht ist es genau das, dass ich heute Gespräche anders führe. Ich erzähle meine Seite nicht mehr, um etwas richtigzustellen, sondern um anderen Menschen zu zeigen, dass sie aus meiner Erfahrung auch was im Alltag anwenden können. Ohne Kampf, ohne Verteidigung. Einfach so, wie sie in mir geworden ist. Vielleicht ist das auch der Anfang von Vergebung für dich – nicht nach außen, sondern nach innen.

Natürlich war nicht alles grau in jener Zeit.
Es gab auch viele Momente, in denen ich das Leben spürte, in denen ich lachte, tanzte, träumte. Ich war jung – und all die Reize, die das Jugendalter mit sich bringt, gingen auch an mir nicht vorbei.

Damals begann ich, mich sehr bewusst zu kleiden. Mein selbst verdientes Geld aus der Arbeit in der Eisdiele steckte ich in Kleidung – in kleine Dinge, die mir das Gefühl gaben, dazuzugehören. Ich glaubte, dass mich das schöner machte, vielleicht sogar liebenswerter. Dass ich dadurch ein Stück näher an das herankäme, was „normal“ war.
Und ja – der Satz „Kleider machen Leute“ stimmt auf eine gewisse Weise. Doch sie heilen die Seele nur oberflächlich. Für den Moment. Wirklich genährt wird sie erst dann, wenn wir beginnen, nach innen zu schauen und dort zu investieren.

Aber zu jener Zeit war Mode mein Ventil. Mein Ausweg. Ein Weg, meine inneren Konflikte zu übertönen, indem ich mich nach außen zurechtmachte.

Auch das Feiern gehörte dazu – gelegentlich in Diskotheken, manchmal mit einem Drink, manchmal mit einer Zigarette. Ich war nie jemand, der täglich rauchte oder trank. Es war mehr ein Teil des sozialen Dazugehörens, eine Phase, in der man einfach mitmachte, weil es sich normal anfühlte.

So vergingen meine Jahre am Gymnasium – zwischen Schule, Arbeit und kleinen Ausflügen ins Nachtleben, meistens mit meiner besten Freundin an meiner Seite.

Doch das Kapitel endete anders, als ich es mir erhofft hatte.
Ich bestand mein Abitur nicht. Ich fiel in drei Fächern durch – nur in Italienisch, meinem Herzensfach, war ich gut. Eine Woche später hätte ich die Möglichkeit gehabt, Nachprüfungen zu schreiben. Doch ich entschied mich dagegen.

Ich glaubte nicht daran, in einer Woche das aufzuholen, was mir in den vergangenen Jahren entglitten war. Tief in mir wusste ich, dass das Versagen nicht nur mit Lernen zu tun hatte – es hatte mit meinen inneren Verletzungen zu tun, mit der Müdigkeit meiner Seele.

Ich spielte die Coole, um nicht als schwach dazustehen. Ich tat so, als würde es mich nicht berühren – besonders vor meiner besten Freundin. Ich wollte keine Heulsuse sein.
Aber das war ein Fehler.

Ich hätte hingeschaut, gefühlt, verstanden. Doch ich drängte alles weg – wie so oft. Ich hielt es für besser, so zu sein, wie andere mich sehen wollten. Zumindest glaubte ich das damals.

Was für eine innere Blockade daraus entstand, sollte ich erst viel später verstehen. Du kannst es dir vorstellen – was es mit einem jungen Menschen macht, der früher in der Schule immer zu den Guten gehörte, und plötzlich scheitert.

In dieser Zeit geschah etwas, das mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.
Eine Verwandte trat mir im Türdurchgang auf den Fuß – scheinbar zufällig, doch es fühlte sich nicht zufällig an.
Etwas in mir wusste, dass da mehr war, auch wenn ich es damals nicht verstand. Ich spürte, dass die Geste eine andere Bedeutung trug, etwas Energetisches, etwas Fremdes. Ich ließ es los, verdrängte das Gefühl, versuchte, mich nicht hineinzusteigern.

Erst viele Jahre später lernte ich, dass solche Handlungen in bestimmten Formen von schwarzer Magie als Ritual verwendet werden – um jemandem den Weg zu versperren, um seine Entwicklung energetisch zu blockieren.

In alten Überlieferungen und magischen Erzählungen gilt das bewusste Betreten oder Stellen auf den Fuß eines Menschen nicht als bloße Geste, sondern als symbolischer Akt. In vielen Kulturen stehen die Füße für den eigenen Lebensweg – für Bewegung, Entwicklung und das Voranschreiten der Seele. Sie tragen uns durch alle Phasen unseres Daseins, durch Freude, Schmerz und Wandlung.

Wenn jemand absichtlich auf den Fuß eines anderen tritt – sei es aus Neid, Macht oder alter Gewohnheit –, kann dies in volkstümlicher Deutung als Versuch verstanden werden, seinen Weg zu blockieren. Ein energetisches Zeichen, das den Fluss des Lebens behindern oder die persönliche Entwicklung bremsen soll.

Solche Vorstellungen finden sich besonders in den alten slawischen Traditionen der Zauberformeln und Beschwörungen, den sogenannten zagovory, aber auch in Fuß- und Spurmagie-Ritualen anderer Regionen.

Überall dort, wo die Erde als Trägerin unserer Wege verehrt wird, galt das bewusste Stören des Schrittes eines Menschen als Eingriff in sein Schicksal – ein Versuch, seine Richtung zu verändern.

Und als ich darüber erfuhr, wurde mir bewusst, dass genau das in jener Zeit geschah, als ich auf dem Gymnasium war – genau dann, als es mir am schwersten fiel, voranzukommen.

Doch jedes energetische Handeln trägt auch sein Gegenbild in sich – das Bewusstsein.
In dem Moment, in dem ich verstand, dass damals etwas gegen meinen Weg gerichtet war, begann sich in mir etwas zu lösen. Es war, als hätte ich endlich das Muster erkannt, das mich so lange unsichtbar gehalten hatte.

Mit Licht, mit Aufmerksamkeit und innerer Klarheit durfte ich Schritt für Schritt den Schatten auf meinem Weg verwandeln. Nicht durch Kampf, sondern durch Bewusstheit.
Ob man an solche Dinge glaubt oder nicht – für mich war diese Erkenntnis heilsam. Sie gab mir ein tieferes Verständnis für das, was einst unerklärlich schien.

Ich verstand, dass manche Wege sich nicht einfach schließen, weil wir versagen, sondern weil etwas – innerlich oder äußerlich – unseren Fluss blockiert.
Und doch: Sobald das Bewusstsein erwacht, beginnen sich diese Wege wieder zu öffnen. Genauso geschah es bei mir.
Als ich begann, die Zusammenhänge zu sehen und mein eigenes Licht nicht mehr infrage zu stellen, lösten sich Knoten, die mich jahrelang gehalten hatten.
Ich durfte erkennen, dass kein Schatten ewig ist – und selbst das, was uns aufhält, Teil unseres Erwachens sein kann.

Nach den Prüfungen entschied ich mich, wenigstens mein Fachabitur zu erlangen. Ich wollte mir selbst beweisen, dass all die Jahre des Lernens, des Kämpfens und Durchhaltens nicht umsonst gewesen waren.
So begann ich ein einjähriges Praktikum bei der gesetzlichen Krankenkasse – und konnte mein Fachabitur schließlich in Kombination mit meinen Zeugnissen vom Gymnasium bestätigen lassen.

Es war kein großer Triumph im äußeren Sinn, aber für mich war es ein stiller Sieg.
Ein Schritt, der mir zeigte, dass auch nach all den Rückschlägen etwas in mir immer weiterging. Dass mein Weg – so verworren er manchmal auch war – nie wirklich stehen geblieben ist.
Ich hatte gelernt, dass Erfolg viele Gesichter hat.
Manchmal zeigt er sich nicht in Noten oder Abschlüssen, sondern in der inneren Kraft, trotz allem weiterzugehen.

Fünf Jahre meines Lebens – für ein Fachabitur.
Fünf Jahre voller Prüfungen, Umwege, Erfahrungen und innerem Ringen. Fünf Jahre, in denen ich so oft scheiterte und doch jedes Mal wieder aufstand.

Zu diesem Zeitpunkt wurde mir auch klar, dass ich nicht alles studieren konnte, was ich mir einst erträumt hatte.
Ich akzeptierte es – nicht mit Resignation, sondern mit dem Gefühl, dass das Leben mich auf einen anderen Weg führen wollte. So entschied ich mich endgültig für eine Ausbildung.

In dieser Zeit lebte ich bereits mit meinem damaligen Freund in Braunschweig. Es war wieder eine ganz neue Phase meines Lebens – ruhiger, erwachsener, und doch voller innerer Fragen.
Nach all den Jahren des Kämpfens, des Suchens und des Scheiterns begann sich in mir langsam ein neues Bewusstsein zu formen.

Ich spürte, dass das Leben mich lehrte, Schritt für Schritt zu verstehen, dass nicht jeder Weg, den man sich vornimmt, wirklich der eigene ist.
Manchmal müssen Träume sich verändern, damit wir wachsen können.

Rückblickend würde ich diese Jahre als sehr prägend für meine Zukunft beschreiben. All das, was damals geschah – all die Prüfungen, das Scheitern, die inneren Kämpfe – sollte mich nicht brechen, sondern formen.
Ich sehe heute, dass genau diese Erfahrungen mich dorthin geführt haben, wo ich heute stehe.

Nein, ich bin nicht mit den besten Ergebnissen aus dieser Zeit hervorgegangen – zumindest nicht in dem Sinn, wie die Gesellschaft Erfolg misst.Nach 7 Jahren in Deutschland habe ich viel Wichtigeres bewahrt: mich selbst.

Damals habe ich nicht lange recherchiert, ob ich vielleicht doch mit Fachabitur Architektur studieren könnte. Heute frage ich mich manchmal, warum ich mir nicht mehr Mühe gegeben habe, das wirklich herauszufinden, denn es war möglich … Vielleicht lag es an all den Umständen, die damals über mir zusammenkamen – an der Erschöpfung, an den vielen Entscheidungen, die gleichzeitig getroffen werden mussten.

Und doch spüre ich: Es war alles richtig so. Ich entschied mich, in dieser Richtung zu bleiben – und begann eine Ausbildung als technische Zeichnerin im Bereich Heizung, Klima und Sanitär.

Es war kein glamouröser Weg, kein großer Traum aus Kindertagen. Aber er war real. Greifbar. Und vielleicht war genau das, was ich damals brauchte – etwas, das mich erdete, nachdem so vieles zuvor unsicher und brüchig gewesen war.

Inmitten all des Nebels aus Lebensumständen, Konflikten und Unsicherheiten bin ich meiner inneren Stimme treu geblieben. Ich habe mich selbst nicht verloren. Und vielleicht war genau das der wahre Erfolg.

Denn so, wie das Leben mich immer wieder prüfte, hat es mich auch gelehrt, weiterzugehen – Schritt für Schritt, mit offenem Herzen. Immer vorwärts. No matter what.

Und so begann ich, diesen neuen Abschnitt anzunehmen – nicht als Ende, sondern als Beginn von etwas Anderem.

Sechstes Kapitel

Als ich nach der Schulzeit mit meinem damaligen Freund zusammenzog, begann ein neuer Abschnitt in meinem Leben.
Plötzlich wurde alles heller, ruhiger, sicherer.
Die kommenden fünfeinhalb Jahre fühlten sich an wie ein Aufatmen – als würde mein Inneres zum ersten Mal wirklich zur Ruhe kommen.

Ich möchte nicht zu tief in diese Zeit eintauchen, weil mein ehemaliger Partner heute verheiratet ist und ich die Vergangenheit mit Respekt in Frieden lassen möchte.
Aber eines darf gesagt werden: Er war der Erste, der mich wirklich als Partnerin sah.

Er behandelte mich mit Respekt – aufrichtig, klar und mit einer stillen Tiefe, die mich bis heute berührt.
Durch ihn habe ich gelernt, was es heißt, gesehen, geschätzt und angenommen zu werden. Ich durfte einfach sein. Mit all meinen Farben, mit Licht und Schatten.
Er nahm jede Seite von mir an – ohne Urteil, ohne Forderung. Und dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Doch die wichtigste Erkenntnis kam erst später, in einem anderen Lebenskapitel. Diese Beziehung war die Grundlage für etwas, das ich bis heute in mir trage:
Ich habe nie einem Mann erlaubt, mich schlecht zu behandeln – weil ich wusste, dass es auch anders geht.
Ich kannte das Gefühl, mit Respekt, Wärme und Aufrichtigkeit geliebt zu werden.

Vielleicht auch, weil meine erste ernste Beziehung zu einer Art Maßstab wurde – eine unsichtbare Bar, an der alles, was danach kam, gemessen wurde.
Nicht nur von anderen, sondern auch von mir selbst.

Und damit meine ich nicht, dass ich spätere Partner miteinander verglich. Es ging vielmehr darum, dass ich durch diese erste Beziehung gelernt hatte, wo meine persönlichen Grenzen liegen – welchen Standard, welches Maß an gegenseitigem Respekt, Tiefe und Präsenz ich in einer Beziehung brauche.

Diese innere Messlatte blieb – nicht aus Stolz, sondern aus Bewusstsein.
Ich wusste, was sich richtig anfühlt. Und ich konnte nicht mehr zurück in etwas, das darunter lag.

Er gab mir das, was mir meine Eltern nie gegeben haben – was mir mein Vater nicht auf den Weg mitgegeben hat. Und genau deshalb konnte ich es nicht übersehen, wenn etwas weniger als das war.

Ich habe gelernt, Grenzen zu setzen – liebevoll, aber klar. Ich weiß, was Respekt bedeutet, und ich erwarte ihn ohne Zögern. Kein Mann durfte mich je herabsetzen, verletzen oder entwürdigen.

Ich war meist verliebt – oder glaubte es zumindest. Erst viele Jahre später habe ich verstanden, dass ich in Wahrheit nur zwei Männer in meinem Leben wirklich geliebt habe – ehrlich, tief und seelisch.

Damals sah ich in meinem Partner einen sicheren Ort, einen ruhigen Hafen.
Ich hatte zuvor einige enttäuschende Erfahrungen gemacht – nichts Dramatisches, aber schmerzhaft genug, um die Sehnsucht nach Beständigkeit zu wecken.
Und wenn man meinen Lebensweg bis dahin kennt, versteht man, warum ich mir etwas Stabiles wünschte.

Damals war es eine bewusste Entscheidung, dass er der Richtige sei – doch unbewusst spürte ich mit der Zeit, dass es nicht wirklich das Richtige für mich war.

Mein Freund zögerte nicht. Mit ruhiger, fester Stimme mischte er sich ein – und brachte meinen Vater sofort zum Schweigen. Er blieb respektvoll, aber in seiner Bestimmtheit lag genug Kraft, dass mein Vater verstummte. Es war die schönste und stärkste Geste, die ich je von jemandem erfahren habe.

Darum empfand ich seine Zuneigung als etwas Kostbares, Erfrischendes – etwas, das mich atmen ließ. Ich ging damals in diese Beziehung mit der Hoffnung, dass Vernunft und Stabilität genügen könnten. Doch das, was meine Seele suchte, war mehr.
Vielleicht war es für eine Zeit richtig, ganz sicher heilend – aber nicht für ein ganzes Leben.

Es ist bekannt, dass viele Frauen in ihren Beziehungen scheitern, weil sie die Liebe ihres Vaters nie wirklich erfahren haben. Und obwohl mich dieses Thema später im Leben immer wieder einholte – obwohl ich nach dieser schönsten Erfahrung nie zuließ, schlecht behandelt zu werden – zog ich dennoch Männer an, die mich nicht wirklich liebten.

Und so blieb Schmerz später im Leben nicht aus. Nicht, weil mich jemand gezielt verletzt hat, sondern weil ich oft früh spürte, wenn etwas nicht stimmte – wenn Worte und Absichten nicht im Einklang waren. Ich erkannte Muster, noch bevor sie sich wiederholten.
Und so endeten viele Verbindungen, ehe sie wirklich begannen.

Denn tief in meiner Seele kannte ich keine Liebe. Nicht die, die nährt. Nicht die, die bleibt.

Und so prägte sich ein Muster, das mich später dazu führte, noch tiefer an mir zu arbeiten. So viel Schattenarbeit, so viele Erkenntnisse – all das musste erst durch mich hindurchfließen, sich ordnen und filtern, bevor ich wirklich verstehen konnte, warum manche Dinge in meinem Leben einen bestimmten Weg genommen haben.

Zu vieles war von Anfang an schiefgelaufen – von meiner Geburt an.
Und ich durfte es, Stück für Stück, heilen. Dafür bin ich auch sehr dankbar.

Doch in dieser Beziehung spürte ich deutlich, dass mich das alltägliche Leben – so, wie es viele kennen – krankmachte. Arbeit, ein Zuhause, Kochen, ein geregelter Alltag – all das ließ meine Seele langsam austrocknen. Sie hungerte nach etwas anderem.

Ich war diejenige, die nach den Seiten blickte – ob in der Diskothek oder bei der Arbeit. Ich suchte ständig nach Ablenkung, Aufmerksamkeit und nach einem Funken Leben. Ich genoss die Aufmerksamkeit, ohne etwas Bestimmtes zu wollen – es ging nur um ein Gefühl, um ein kleines Stück Adrenalin, um das Neue.

Dieser Hunger nach Neuem führte mich immer wieder in extreme Situationen. Als würde das Leben mich dorthin schicken, wo Wachstum unvermeidlich war.

Mich faszinierten Gespräche mit Menschen, die sich mit innerer Entwicklung beschäftigten – mit Themen, die über das Bekannte hinausgingen. Heute weiß ich, dass das kein Zufall war: Meine Seele trägt die Schwingung der Fünf – Freiheit, Veränderung, Tiefe und Erfahrung. Ich war nie für ein starres Leben bestimmt. Ich musste fühlen, erleben, mich bewegen, um zu verstehen.

Ich liebte mit meinen Ohren. Ich liebte es, wenn ich etwas lernen durfte – wenn ein Gespräch mich innerlich weiterbrachte, wenn ein Gedanke etwas in mir berührte.

Und so ist es auch in Beziehungen: Bis heute spüre ich keinen Funken, wenn ein Mann mir nichts beibringen kann – wenn ich fühle, dass ich ihm in seiner Entwicklung voraus bin.

Damit meine ich nicht alte Vorstellungen von Rollen oder Macht, und auch nicht das Bild eines Mannes, der „das Sagen“ hat. Es geht nicht um Überlegenheit, sondern um Resonanz – um seelische Reife und Bewusstsein.

Ich spreche von Entwicklung. Von einem Mann, der führt, ohne zu dominieren. Der Halt gibt, weil er selbst tief verwurzelt ist. Der seine Frau nicht kleinhält, sondern sie mit sich wachsen lässt.

Heute, wo sich für so viele Männer alles nur noch um materielle Güter dreht, verliere ich schnell das Interesse. Ein Paradox – denn ich liebe die materielle Welt. Ich habe immer von einem gehobenen Lebensstandard geträumt.

Doch was mich wirklich fasziniert, ist die gesunde Balance zwischen der spirituellen und der materiellen Welt. Diese Verbindung reizt meine Sinne, sie weckt mein Interesse und inspiriert mich.

Ein Mann, der nach der Arbeit einfach nur auf dem Sofa liegt, ein Mann, der keine Ziele verfolgt, die ihn wachsen lassen – er hat keinen Platz in meinem Leben.

Diese Einsicht hat sich über die Jahre entwickelt und immer weiter verfeinert. Heute, mit all diesen Vorstellungen, meiner Lebenserfahrung und den Standards, die ich für mich selbst geschliffen habe, bleibt für solche Männer kein Raum mehr. Ich akzeptiere kein leeres Gerede, verschwende meine Zeit nicht mit oberflächlichen Bekanntschaften.

Ich bin zu riskant. Ich bin zu unberechenbar. Ich bin zu frei.
Zu bewusst, um mich manipulieren zu lassen – und genau das schreckt auch viele Männer unbewusst ab.

Aber wieder einmal ein Sprung zurück – in die früheren Tage, noch zu Hause. Ich musste mir damals meinen Computer selbst kaufen – in Ratenzahlung –, weil weder meine Oma noch mein Vater bereit waren, mich zu unterstützen.

Ich wollte ihn ausschließlich für die Schule haben, denn schon auf der Realschule wusste ich, dass ich ohne Computer auf dem Gymnasium kaum zurechtkommen würde.
Und im Rückblick zeigte sich: Ich hatte recht.

Was das allerdings bei der Verwandtschaft auslöst, kannst du dir sicher vorstellen.
Meine Oma unterstützte mich immer finanziell – so gut sie konnte. Doch genau das wurde später oft zum Auslöser für Streit, sobald Geld im Spiel war.

Alle meine kleinen Scheiterungen – besonders die finanziellen – wurden von ihnen im Gedächtnis abgespeichert. Wie eine unsichtbare Liste, die sich über die Jahre füllte.

Und als ich später im Leben eine meiner schwächsten Phasen durchlief, wurde genau das gegen mich verwendet. Jede Erinnerung, jede Ratenzahlung, jede Entscheidung – plötzlich stand alles wieder im Raum. Nicht als Mitgefühl, sondern als Beweis.
Ein Beweis für das, was sie mir schon immer andichten wollten: dass ich nicht gut genug bin, dass ich niemand ohne sie bin, dass meine Art zu leben ein Fehler ist, dass ich ein Problem habe.

Doch das war nie die Wahrheit – es war nur ihr Spiegel, nicht meiner.

Sie haben meine Vergangenheit gesammelt, um sie mir in Momenten der Schwäche vorzuhalten. Doch das verletzte mich nicht mehr – zu diesem Zeitpunkt wusste ich bereits, wie solche Menschen funktionieren. Ich verstand, warum sie mich angriffen, und ich habe längst gelernt, meine eigenen Schwächen anzunehmen, zu akzeptieren und zu transformieren.

Sie hingegen wussten das nicht, weil sie es selbst nicht konnten, weil sie nie bereit waren, sich mit ihrem eigenen Schatten auseinanderzusetzen. Schattenarbeit war für sie ein Fremdwort – innere Heilung, ein Gebiet, das sie mieden.

Sie blieben lieber in der Rolle derjenigen, die urteilten, anstatt in den Spiegel zu schauen. Ich aber habe diesen Weg gewählt – den unbequemen, ehrlichen Weg zu mir selbst.
Und genau das unterscheidet uns.

Doch zurück zur „Computersache“… Wie so oft mischten sich Verwandte ein.
Sie redeten meiner Oma ein, dass ich keinen Computer brauche. Schließlich, sagten sie, hätten ihre Kinder keinen Computer auf der Hauptschule gebraucht.

 Ein Computer sei nur Luxus – nichts für die Schule. Selbst wenn es Luxus gewesen wäre – war das eine stille Andeutung darauf, dass ich es nicht wert war?

Diese Ratschläge, die aus ganz anderen Lebensvorstellungen und Erfahrungen kamen, hielten mich zurück und erschwerten vieles. Meine Oma hörte – wie so oft – eher auf andere Stimmen als auf meine eigene.

Dadurch lernte ich früh, dass man nicht immer Verständnis oder Unterstützung erwarten kann – selbst nicht von den engsten Familienangehörigen.

Mit der Zeit fiel mir auf, dass es oft gerade diejenigen sind, die am wenigsten Erfahrung oder Wissen haben, die am lautesten ihre Meinung äußern.

Und was das Etikett der Moral betrifft – auch das kann nicht jeder tragen.

Moral hat nichts mit Worten oder Ansprüchen zu tun, sondern mit Bewusstsein, Mitgefühl und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber.

Menschen neigen dazu, ihre eigenen Begrenzungen und Ängste auf dich zu projizieren – besonders dann, wenn du es wagst, aus der Reihe zu tanzen.

Sie selbst haben sich vieles nie erlaubt – also verstehen sie nicht, wie du es kannst.

„Du bist doch niemand“, sagen sie vielleicht. „Wir haben dich doch aus dem Dreck gezogen.’ "Wenn wir es uns nicht trauen – wie kannst du es wagen?"“

Doch genau hier liegt die Einladung an dich: Erkenne, dass das, was dir über dich gesagt wird, selten wirklich etwas über dich aussagt.

Es sind Projektionen – Spiegel fremder Grenzen, nicht deiner. Sie zeigen nicht, wer du bist, sondern wer die Menschen sind, die dich umgeben.

Weil ich vieles immer sofort haben wollte, rutschte ich in Ratenzahlungen.
Doch meine Ratenzahlungen waren nie für Vergnügungen, Alkohol oder Dinge ohne Sinn.

Sie waren immer Investitionen in meine Weiterbildung, in mein Wachstum, in meinen Weg nach vorn.

Diese Zeit hat mich viel über Eigenverantwortung gelehrt – aber auch darüber, wie schwer es ist, wenn man seinen Weg ganz allein erkämpfen muss.

Bis heute sehe ich, wie die lautesten Menschen noch immer in denselben Vorstellungen und Mustern gefangen sind wie damals – auch nach zwanzig Jahren –, weil sie nie etwas anderes gelernt haben. Und da ich grundsätzlich keine Ratschläge erteile, sage ich hier nur eines: Ich wünsche mir, dass jeder Mensch ehrlich und offen in sich hineinschaut. Dann würde ihm weder die Zeit noch die Kraft bleiben, bei anderen nach Fehlern zu suchen.

Der Grund, warum ich diese ganze „Computersache“ hier erwähne, ist, dass sie in meinem Leben eine viel größere Rolle gespielt hat, als man vielleicht denkt.

Dadurch, dass ich mir erst relativ spät – mit 18 Jahren – einen Computer leisten konnte, weil ich erst dann eine Ratenzahlung beginnen durfte, hatte das Folgen, die weit über das Materielle hinausgingen.

Meine Fähigkeiten im Umgang mit dem Computer waren dadurch lange Zeit nicht besonders ausgeprägt. Selbst als ich später auf dem Gymnasium war, fehlte mir das, was viele Kinder in Deutschland schon seit ihrer Kindheit selbstverständlich gelernt hatten.

Dieses Grundwissen fehlte mir später auch während meiner Ausbildung zur technischen Zeichnerin – einem Beruf, in dem man eigentlich schon mit einer gewissen Erfahrung starten sollte.

Das zeigte sich auch in meinem Selbstbewusstsein. Ich wurde von einer älteren Auszubildenden oft belächelt, wenn ich einfache Begriffe oder Programme nicht kannte.

Und die Person, die mich anlernen sollte, nutzte meine Unsicherheit – die man mir damals deutlich anmerkte – manchmal für abwertende oder verletzende Bemerkungen.

Ich fühlte mich gemobbt, ausgelacht, missverstanden. Die genauen Worte weiß ich heute nicht mehr, aber das Gefühl – dieses schmerzliche, brennende Gefühl der Demütigung – bleibt.

Nach etwa einem Monat meiner Ausbildung hatte ich auf dem Heimweg eine Panikattacke am Steuer. Ich weinte – aus Schmerz, aus Ohnmacht, aus Überforderung. Am Straßenrand der Autobahn hielt ich an, um mich zu beruhigen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort stand – aber irgendwann konnte ich weiterfahren.

Vielleicht war genau dieser Moment der Grund, warum ich die Ausbildung trotzdem zu Ende brachte – weil ich dort zum ersten Mal innehalten und atmen musste, statt einfach nur zu funktionieren.

Und vielleicht fragst du dich jetzt, warum ich damals nichts gesagt habe – warum ich niemandem in der Firma erzählte, was wirklich vorgefallen war.

Die Wahrheit ist: Ich hatte Angst. Angst, dass man mir nicht glaubt. Angst, dass es mir als Schwäche ausgelegt wird. Angst, dass ich meine Ausbildung verliere – dass man demjenigen glaubt, der schon lange im Unternehmen war, und nicht der neuen, unsicheren Auszubildenden.

Tief in mir lebte noch das alte Trauma aus meiner Schulzeit – die Erfahrung, das Abitur nicht bestanden zu haben. Diese Wunde nagte an meinem Selbstwert, zog mich innerlich nach unten. Heute erscheint mir das alles so fern – fast wie ein anderes Leben. Doch damals hatte ich nicht die Lebenserfahrung, nicht die innere Stärke und nicht das Vertrauen, das ich heute habe.

Mein Leben war stark von äußeren Einflüssen geprägt – und mein Inneres noch zu verletzlich, um sich zu schützen.

Und wenn du dich jemals in einer ähnlichen Situation befindest, möchte ich dir eines sagen:

Rede. Schweigen schützt nicht – es macht nur einsamer.

Kein Mensch hat das Recht, dich kleinzumachen oder zu verletzen. Hol dir Hilfe, sprich mit jemandem, dem du vertraust. Du musst solche Erfahrungen nicht allein tragen.

Und vor allem: Lass niemals zu, dass jemand deine Unsicherheit gegen dich verwendet.

Lerne, mit deinen Schwächen zu arbeiten – liebevoll, geduldig, ehrlich. Denn wenn du deine Schatten kennst, kann sie niemand mehr gegen dich richten. Dann verliert jeder Angriff seine Kraft, und das Licht fällt zurück auf den, der ihn aussendet.

Deine Sensibilität ist kein Schwachpunkt – sie ist Ausdruck deiner Tiefe, deines Fühlens, deiner Seele. Halte dich selbst, wenn es sonst niemand tut. Denn in diesen Momenten beginnt eine wahre Heilung.

Damals begann ich auch zu verstehen, wie das Berufsleben wirklich funktioniert: Man wird beobachtet. Und sobald man Unsicherheit zeigt, wird sie von manchen als Angriffspunkt genutzt – besonders von denen, die sich durch deine Energie getriggert fühlen. Das führt dazu, dass viele Menschen ihre wahren Gefühle überspielen, eine Maske tragen, um bloß nicht verletzbar zu wirken.Sie bauen enormen Druck in sich auf – zu viel Stress, zu viele Erwartungen an sich selbst, nur um ja nicht zu scheitern.

Doch dieses ständige Verbergen und Hineinfressen zerstört das innere System. So entstehen Depressionen, Krankheiten, Erschöpfung, Burn-outs – und schließlich zerstörte Persönlichkeiten.

In unserer Gesellschaft gelten gerade jene, die offen zu ihren Gefühlen und Schwächen stehen, oft als schwach. Dabei sind sie in Wahrheit die Stärksten. Denn sie öffnen in sich einen Prozess der echten, reinen Liebe – zu sich selbst und zum Leben.

Ja, damals gab es viele Lücken in meinem Bewusstsein, viele Unsicherheiten.

Und diese waren offen sichtbar für andere. Manche griffen das an – vielleicht, weil sie trotz allem etwas in mir spürten, das sie selbst nicht hatten: mein Licht, mein Streben nach Wachstum, mein inneres Verlangen nach etwas Besserem.

Trotz all meiner Schwächen ging ich weiter. Und ich hörte nicht auf.

Das Leben entwickelte sich weiter, und nach fünf Jahren kam in mir der Drang auf, aus meiner Beziehung auszubrechen – der Beziehung, die von außen als perfekt galt.

Viele sahen sie als etwas, das man sich nur wünschen kann. Doch innerlich fühlte ich mich, als würde ich langsam ersticken.

Ich konnte damals nicht verstehen, was mit mir geschah. Schließlich hatte ich doch alles, was man in diesem Alter „haben sollte“: eine stabile Partnerschaft, Sicherheit, Pläne für eine mögliche Hochzeit, Kinder, ein gemeinsames Haus.

Aber nichts davon berührte mich wirklich. Ich wollte das alles nicht. Es war nicht das, was ich wirklich wollte – es war nur die Erwartung, so zu leben, wie alle lebten.

Manchmal weinte ich ohne jeden erkennbaren Grund. Nicht nur für mich, sondern auch für meinen damaligen Partner war das ein Rätsel. Heute weiß ich, dass es meine Seele war, die sich meldete. Sie wollte frei sein.

Ich konnte damals nicht verstehen, was mit mir geschah. Schließlich hatte ich doch alles, was man in diesem Alter haben sollte. Und doch – tief in mir war etwas leer. Etwas, das ich nicht benennen konnte.

Ich fragte mich immer wieder: Was stimmt nicht mit mir? Warum bin ich unglücklich, obwohl alles so perfekt scheint?

Es war, als würde meine Seele weinen – still, kaum hörbar, aber unaufhörlich.
Ich hatte das Gefühl, nicht mein eigenes Leben zu leben. Als würde ich jemanden betrügen – und dieser jemand war ich selbst.

Ich lebte das Leben anderer. Ich erfüllte Erwartungen, die nie wirklich meine waren. Vielleicht blieb ich auch, weil ich nicht undankbar wirken wollte, nicht egoistisch.
Ich wollte das Gute sehen, nicht verletzen, nicht enttäuschen.

Doch dabei verletzte ich mich selbst – weil ich mir nicht eingestand, dass ich mich längst belog. Ich wollte die perfekte Freundin sein, die alles richtig macht, die den Vorstellungen anderer entspricht. Aber in diesem Drang, nach außen „richtig“ zu sein, habe ich mich innerlich verloren. Ich spürte mich nicht mehr – nicht meine Bedürfnisse, nicht meine Wahrheit.

Es kommt nicht oft im Leben vor, dass man einem so wundervollen Menschen begegnet. Er gab mir alles, was ich wollte – zumindest das, was ich damals in Worte fassen konnte. Doch so vieles blieb ungesagt, unentdeckt, unbemerkt – auch für mich selbst.

Und genau deshalb weinte meine Seele. Nicht, weil ich ihn nicht liebte, sondern weil ich mich selbst nicht mehr hören konnte. Ich wollte hinaus in die Welt. Ich wollte meine hungrige Seele beruhigen, etwas Neues erleben – etwas, das meine Seele heilen würde.

Damals wusste ich jedoch nicht, dass es überhaupt etwas zu heilen gab. Ein Appell an dieser Stelle:

Das Schlimmste, was man tun kann, ist, sich selbst zu belügen – nur um die Erwartungen anderer zu erfüllen. Das ist der direkteste Weg in die innere Zerstörung.

Ich habe später erkannt, wie tief diese Wahrheit geht. Denn wie willst du jemandem vertrauen, der sich selbst belügt? Wer sich selbst nicht ehrlich begegnet, kann auch einem anderen keine echte Nähe schenken.

Das wurde für mich zu einem Maßstab – in Freundschaften, in Beziehungen, in jeder Form von Verbindung. Ich achte bis heute darauf, dass Menschen um mich herum zuerst mit sich selbst ehrlich sind. Nur dann kann Vertrauen wachsen. Es geht nicht darum, perfekt zu sein – sondern echt.

Und genau das zählt für mich. Deine Vergangenheit spielt keine Rolle, solange du daraus etwas gelernt hast. Denn wahrer Wert entsteht nicht aus Fehlerlosigkeit, sondern aus Bewusstsein – aus dem Mut, sich selbst wahrhaftig zu sehen.

Mein Leben hatte sich mittlerweile so entwickelt, dass ich vor allem nach dem Materiellen strebte. Ich war mit den Jahren eine starke Frau geworden und glaubte, meine Vergangenheit längst hinter mir gelassen zu haben.

Ich dachte nicht, dass meine Kindheitstraumata noch immer Einfluss auf mein Leben haben. Ich war stolz auf das, was ich erreicht hatte – auf meine Stärke, auf meinen Weg.

Doch erst viel später verstand ich, dass man sich seinen Kindheitswunden stellen muss, wenn man wirklich frei und ganz werden will.

Ich war so unerfahren, so stark geprägt von familiären und gesellschaftlichen Erwartungen. Doch etwas in mir wollte mehr.

Und so entschied ich mich, für ein Jahr ins Ausland zu gehen – gemeinsam mit meiner damaligen besten Freundin. Ein Feuer der Aufregung brannte in mir. Ich hatte ein Ziel, einen Traum – und alles fühlte sich plötzlich möglich an.

Ich entschied mich für ein Jahr in Kanada. Es gab viele Gründe, warum gerade Kanada – sagen wir so: Es war einfacher, dorthin zu gehen als in die USA.

Nach meiner Ausbildung wollte ich Modedesign studieren. Mode spielte schon immer eine Rolle in meinem Leben, und ich plante alles so, dass ich nach meiner Rückkehr mit dem Studium beginnen könnte.

Zuerst musste ich jedoch meine Ausbildung abschließen. Da sie insgesamt dreieinhalb Jahre dauerte, ich aber nicht länger warten wollte, entschied ich mich, sie um sechs Monate zu verkürzen.

Das war nur mit guten Noten möglich – und die hatte ich. Mit den Jahren hatten sich meine schulischen Leistungen stark verbessert.

Gerade hier wurde mir bewusst, wie sehr äußere Stabilität und inneres Gleichgewicht mit Erfolg und Leistung verwoben sind.

Und trotzdem trug ich im Hinterkopf noch diesen Gedanken: „Es ist ja nur eine Ausbildung – ein Studium ist etwas für die wirklich Schlauen.“

Wie tief und falsch dieser Gedanke war! Ich hatte mir eingeredet, dass mein früheres Scheitern etwas mit meiner Intelligenz zu tun hatte – dass jemand, der „nur“ eine Ausbildung macht, nicht klug genug ist.

Aber das war ein Irrtum, wie ich heute weiß. Ich hatte mich selbst in diese enge Ecke gedrängt – mit meinen eigenen Gedanken.Deshalb möchte ich dir etwas mitgeben: Unterschätze niemals deine eigene Kraft. Deine Gedanken formen deine Wirklichkeit.

Ich reichte also meinen Antrag ein, um meine Ausbildung zu verkürzen – und er wurde genehmigt. Damit inspirierte ich drei weitere Mitschülerinnen, das Gleiche zu tun.

Wir bildeten eine kleine Lerngruppe, trafen uns abends mehrmals in der Woche, um all das zu üben, was uns in der Berufsschule noch nicht vermittelt wurde.

Es war eine spannende Zeit – wir hatten uns ein Ziel gesetzt, das nicht viele wählten, und wir erreichten es. Ich bestand meine Ausbildung mit einer guten Note und öffnete mir damit meinen Weg in die Freiheit.

Nach der Ausbildung kümmerte ich mich um meine Bewerbungsmappe für das Modedesign Studium in Hamburg. Ich nahm an einem Vorbereitungskurs teil, in dem man innerhalb von zwei bis drei Monaten seine Studienmappe zusammengestellt hat.

Ich liebte diese Zeit – ich liebte die Kunst, das Schaffen, die Freiheit des Ausdrucks.

Unter der Woche lebte ich bei einer Bekannten, die ich nur über Umwege kennengelernt hatte. Eine gemeinsame Freundin brachte uns zusammen, und ich zog für drei Monate bei ihr in Hamburg ein.

Wir teilten eine kleine Wohnung, ein Bett, viele Abende voller Gespräche und Lachen.
Aus dieser Begegnung wurde eine tiefe Freundschaft, die bis heute besteht – und für die ich sehr dankbar bin.

In dieser Zeit wurde meine Beziehung zu meinem damaligen Freund jedoch immer schwieriger.Wir stritten oft, trennten uns ein paar Mal – und kamen doch jedes Mal wieder zusammen.

Ich erinnere mich an einen Moment während eines dieser Streits: Ich weinte so sehr, dass ich eine Panikattacke bekam und keine Luft bekam … Vielleicht war genau das auch der Grund, warum wir damals zusammenblieben. Ob es Mitgefühl von seiner Seite war, weiß ich bis heute nicht.

Rückblickend kann ich nur sagen: Wenn ich ihn damals noch wirklich geliebt hätte – mit dem Wunsch, ihn nicht zu verlieren –, wäre ich niemals allein nach Kanada gegangen.

Ich hätte alles getan, um an seiner Seite zu bleiben. Denn wenn ich es liebe, dann mit ganzem Herzen – mit jeder Faser meines Seins.

Damals verstand ich das aber noch nicht. Doch im Rückblick sehe ich: Wegzugehen war mein Ausweg aus dieser Beziehung. Wäre ich geblieben, hätte ich es nie geschafft, ihn zu verlassen – zu sehr war ich emotional gebunden..

Es war eine andere Liebe – die zarte Zuneigung zu einem Menschen, der wie ein Bruder war, wie ein vertrauter Freund, dem man einfach nur Gutes wünscht.

Eine Liebe, still und rein – wie zu einer vertrauten Seele, zu einem gütigen Menschen, dem man nur Licht wünscht.

Während dieser Jahre hatte ich auch einen starken Schutz an meiner Seite – eine besondere Beziehung zu seiner Familie. Seine Eltern gaben mir etwas, das meine eigenen mir nie schenken konnten: Wärme, Zugehörigkeit, echte Liebe.

Bis heute besteht der Kontakt, besonders zu seiner Mutter. Und das schätze ich sehr.

Noch immer verbindet uns ein tolles, warmes Gefühl füreinander – etwas, das viele nicht verstehen konnten und das manche vielleicht sogar neidisch machten.

Mein Vater hingegen sieht das bis heute als etwas Falsches. Er meinte, es sei nicht richtig, mit den Eltern des Ex-Partners befreundet zu bleiben. Doch ich weiß: Es ist einfach sein begrenztes Verständnis – und auch andere in meiner Familie dachten ähnlich.

Ich erkannte, dass es manchmal keinen Sinn macht, mit Menschen zu diskutieren, die aus einem anderen Bewusstsein heraus leben. Manche Menschen verstehen Herzensverbindungen nicht, weil sie sich selbst nie erlaubt haben, sich so tief zu fühlen.

Aber es geht nicht darum, sie zu verurteilen. Es geht darum, zu sehen – wirklich zu sehen – und zu verstehen, dass jeder nur aus dem handelt, was ihm im Inneren möglich ist.

Jeder Mensch begegnet dir nur auf der Wellenlänge, auf der er selbst gerade ist.

"You meet others only as deeply as you have met yourself."
Du begegnest anderen nur so tief, wie du dir selbst begegnet bist.

Und genau darin liegt so viel Wahrheit. Denn jede Begegnung spiegelt den Raum, den wir in uns selbst geöffnet haben – nicht mehr und nicht weniger.

Damals wusste ich nicht, ob mein Wunsch, ins Ausland zu gehen, meine Beziehung zerstören würde. Aber tief in mir spürte ich, dass ich auf meine innere Stimme hören musste – ohne genau zu begreifen, warum oder wozu sie einen rief.

Vielleicht erscheint sie unlogisch, vielleicht halten andere sie für verrückt oder verwirrend.

Doch sie ist dein Kompass. Deine Wahrheit. Die einzige Stimme, die dich niemals verraten wird. Ich habe diese Stimme gehört – auch wenn nichts Sinn ergab, auch wenn Angst und Unsicherheit mich begleiteten.

Heute weiß ich: Genau das war der Anfang meines Weges zurück zu mir selbst.

Siebtes Kapitel

Und so kam es zu dem Punkt, dass ich am Flughafen in Berlin stand – mit nur einem Koffer meiner Sachen, 1000 Euro in der Tasche, die für ein ganzes Jahr reichen sollten, und meiner besten Freundin an der Hand.

Mein damaliger Freund hat uns hingefahren; damals waren wir noch zusammen, und sein Abschied fiel mir schwer.

In diesem Moment wurde mir schlagartig bewusst, was es bedeutet, in ein anderes Land zu gehen – ohne ihn, ohne jegliche Stabilität oder Unterstützung. Meine Entscheidungen wurden von vielen Menschen als naiv und riskant angesehen, einfach weil sie sich selbst nie gewagt hätten. Doch mein Wunsch war es schon immer, ein Leben zu führen, das ich niemals bereuen würde.

Und so war es – und so ist es bis heute.

Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als das eigene Leben nach den Standards anderer zu leben, eigene Wünsche zu begraben aus Angst und später – irgendwann im Leben – am Sterbebett zu merken, wie sehr man bereut, etwas nicht getan zu haben. So ist es bis jetzt geblieben: Ich habe niemals bereut, was ich getan habe, und ich habe mich nie für meine Fehler oder unbewussten Verletzungen geschämt.

Ich bereue nur eine einzige Sache: etwas, das ich nicht getan habe.

Und es lebt immer noch in mir … Obwohl ich mit meinem ganzen Leben zufrieden bin, stellt sich mir bis heute diese eine Frage:
Was wäre, wenn ich es doch getan hätte?
Vielleicht schreibe ich irgendwann auch darüber.

Es geht eher in den privaten Bereich, es geht um eine andere Person, um meine erste Liebe.
Aber zurück zu meiner Abreise.
Mir kamen Tränen. Wir umarmten uns.
Wir versprachen einander, uns nach einem Jahr wiederzusehen. Und doch, wusste ich tief in meinem Herzen, dass es ein Abschied für immer war. Ich habe das nie geplant. Wie du weißt, handelte ich in solchen Momenten immer aus meinem Gefühl heraus – aus dem, was meine Seele wollte. Mein menschlicher Verstand hatte damals noch nicht genug Lebenserfahrung, um zu verstehen, warum.

Ich ging ins Ungewisse, voller Erwartung, dass ich ein unglaublich interessantes Jahr erleben würde: neue Menschen, neue Sitten, eine neue Sprache, ein neues Land. Das Ungewöhnliche wartete auf mich hinter dem Ozean – und genauso war es.

Angekommen, lebten wir einen Monat lang bei fremden Menschen, umsonst.
Es hieß damals CouchSurfing. Unter Reisenden war das sehr beliebt – eine Plattform, auf der Menschen aus aller Welt die Möglichkeit hatten, ein paar Nächte in einem Haus zu verbringen, ohne dafür zu bezahlen. Dafür gab man eine Bewertung ab, und diejenigen, die diese Möglichkeit anboten, hatten meist schon ein gewisses Rating und nutzten den Service selbst.

Wahrscheinlich stehen dir jetzt die Haare zu Berge, weil du denkst, wie gefährlich das war – und irgendwo hast du recht.

Doch mit Angst zu leben und nichts auszuprobieren, kam für mich nie infrage. Meine größte Angst war immer etwas anderes: public speaking. Das war das Schlimmste, was mir passieren konnte, dachte ich damals...

So war es möglich, im ersten Monat schon sehr viel Geld zu sparen, während meine beste Freundin nach einem Job suchte. Diese Couchsurfing-Angebote kamen meistens von Männern, weil Männer in solchen Dingen oft mutiger sind. Und natürlich – wir zwei junge, hübsche Mädchen hatten immer Glück mit dem Stay.

Aus manchen dieser Bekanntschaften wurden für einige Zeit sogar Freundschaften, nicht tief und nicht für immer, aber für den Moment genug. So war es mit CouchSurfing: ein Austausch von Kulturen, Meinungen, kleinen Lebenswelten. Manche Begegnungen waren nur flüchtig, andere ein wenig tiefer, und doch blieb alles leicht.

Würde ich das heute noch einmal machen? Wahrscheinlich nicht...
Nicht aus Angst – sondern wegen der Lebensstandards und Erwartungen, die ich inzwischen an mich selbst habe. Heute wäre es für mich nicht mehr stimmig. Doch damals, mit 25 Jahren, war es vollkommen in Ordnung. Die Welt war offen, ich war neugierig, mutig und bereit, alles auszuprobieren. Es war eine andere Zeit in mir – eine Zeit der Leichtigkeit, des Entdeckens und des Vertrauens ins Leben und in Menschen..
Und diese Erfahrung war immer positiv..

Ob in Kanada oder in Amerika – wir nutzten CouchSurfing damals noch einmal auf unserer Reise entlang der Westküste. Auf diese Weise zahlten wir nichts für die Unterkunft. Wir lernten neue Menschen kennen, die uns auch ihre Städte zeigten, uns herumführten, und ihre Lieblingsplätze mit uns teilten.

Um in Kanada bleiben zu können und sich alles leisten zu können, brauchten wir Geld. Also begaben wir uns auf Jobsuche. Meine Freundin war vorher schon ein Jahr in Australien gewesen, sie hatte dort ihr Englisch verbessert, und dadurch fiel es ihr viel leichter, einen Job zu finden. Ihr erster Job war in einem Café, wo sie Kaffee und Kuchen an der Theke verkaufte.

Ich erinnere mich noch an den Moment, als sie mir am Strand erzählte, dass sie bereits anfangen würde zu arbeiten. Ich weiß noch, dass ich tief schlucken musste, weil ich keine Englischkenntnisse hatte, und ich wusste, dass ich mich mit einem weniger guten Job zufriedengeben musste … und es lange dauern würde, bis mich überhaupt jemand nehmen würde.

Aber ich war positiv eingestellt. Ich machte mich auf den Weg mit dem einzigen Satz, den ich auswendig gelernt hatte: „I’m looking for a job.“

Ich ging in verschiedene Hotels, um mir einen Housekeeping-Job zu ergattern. Einige sagten, sie würden sich melden. Ich weiß nicht, wie viele Absagen es waren. Gab es Zweifel, ob es eine falsche Entscheidung war?

Nein. Ich wusste: Man muss immer zuerst den ersten Schritt machen, bevor der zweite kommt. Und dass das Universum einen immer begleitet – man muss nur gehen.

Und so war es auch.

Ein Pizzaladen gab mir nach zwei Monaten in Kanada einen Job. Ich sollte Pizzastücke verkaufen, auf einer Hauptstraße in Vancouver – Granville Street, eine Straße, die tagsüber und nachts sehr aktiv war. Alle Nightclubs waren dort, Junkies bewegten sich wie in einem Traum über die Straße, dazwischen bescheidene kleine Läden. Ich konnte schon ein paar Sätze sagen, kommunizieren, erklären, wie viel etwas kostet – und so fing es an.

Dieser Job war so intensiv. Ich wurde oft abends eingeteilt, die Pizzeria war bis vier Uhr morgens offen. Die Disco-Leute kamen, um etwas zu essen. In Deutschland würde man sich vermutlich einen Döner holen – das gab es dort auch, aber nicht so schmackhaft wie bei uns. Die Pizza war sehr beliebt in der Nacht. Sie kamen betrunken, high und manchmal aggressiv.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich eine Obdachlose aus dem Laden bitten musste. Es war auch mein Job, dafür zu sorgen, dass die Kunden sich wohlfühlen und nicht bedrängt werden. Manchmal bedeutete das auch, dass ich jemanden bitten musste, zu gehen. Ich tat genau das – mit meinem gebrochenen Englisch. Ich bat sie, hinauszugehen. Sie wurde sehr laut und beschimpfte mich. Und dann stand sie sehr lange draußen und sah mich durch das Fenster an …

So riskierte ich jede Nacht, dass ich von irgendwelchen Junkies angegriffen werden konnte. Ich musste mir auch Sorgen machen, nicht von Obdachlosen angegriffen zu werden – die Granville Street war voller verzweifelter, verlorener Menschen, besonders nachts, wenn ich allein unterwegs war.

Um fünf Uhr morgens, nachdem alles geputzt war und die Pizzeria geschlossen wurde, musste ich allein in der Dunkelheit nach Hause gehen.

Gut, dass wir in der Innenstadt ein Zimmer gemietet hatten, meine Freundin und ich. Das war auch, um die Kosten zu sparen. Bis heute ist es in Kanada sehr üblich, „roommates“ zu haben. Das Leben dort ist so teuer, dass sich viele nicht leisten können, eine Wohnung für sich alleine zu haben. So leben sehr viele mit anderen Menschen zusammen – besonders Studenten aus der ganzen Welt, Reisende, vor allem in der Innenstadt.

So riskierte ich jede Nacht, dass ich von irgendwelchen Junkies angegriffen werden konnte. Und doch hat es sich mit den Jahren so vertieft, dass ich keine Angst mehr vor ihnen hatte.

Schlimmer war die Zeit an sich. Die Abendschichten stressten mich.

Zu Hause hatte ich dann Albträume – ich lief im Schlaf herum oder sprach im Traum. Oder ich griff im Schlaf nach der Stehlampe, weil ich dachte, sie nehme die Pizzastücke von den Blechen – als wäre sie ein Kunde. Das tat ich alles halb wach, im Halbschlaf, irgendwo zwischen Traum und Realität. Meine Freundin musste mich dann wachrütteln. Ich träumte von dem ganzen Stress in diesem Job, wo es irgendwie wie auf einer Laufbahn weitergehen musste, damit sich die Schlange vor der Theke verkleinerte.

Meine Stärke war immer meine Schnelligkeit. Ich war sehr schnell und konnte mit dem Stress in der Situation gut umgehen. Das war eine Eigenschaft, die ich im Ausland sehr schnell lernen musste – und ich lernte, sie auszunutzen. Jeder Arbeitgeber, der mich jemals eingestellt hatte, schätzte mich wahrscheinlich genau dafür. Ich ersetzte zwei, manchmal sogar drei Arbeitskräfte. Und das öffnete mir sehr oft Türen.

Was ich aber auch lernen musste, war, dass meine emotionale Gesundheit darunter litt. Damals kannte ich mich damit nicht aus. Ich hatte inzwischen gelernt, stark zu sein. Weißt du noch, wann dieser Punkt war?

Und so lebte ich mein Leben. Ich konnte es nicht ertragen, wenn jemand schwach war. Wenn jemand eine Heulsuse war oder keinen Finger rührte.

Wenn für jemanden bestimmte Dinge einfach „zu viel“ waren. Ich redete mir ein, dass ich alles schaffen konnte. Ich dachte, ich hätte keine Wahl.

Dann gab mir noch ein Hotelbesitzer einen Job als Housekeeping. Und so arbeitete ich zwei Jobs gleichzeitig – bis ich das Hotel schließlich kündigte. Ich verkaufte lieber Pizza, als Zimmer sauberzumachen – und das war aus vielen Gründen richtig.

Erstens hatte ich viel mehr Kontakt mit Menschen und konnte meine Sprachkenntnisse verbessern. Ja, auf einem minimalen Level, aber ich war ständig im Austausch. Ich hörte andere sprechen, antwortete, wiederholte, lernte jedes Mal ein kleines bisschen dazu. Im Hotel dagegen war ich nur mit mir selbst beschäftigt, allein zwischen Betten, Handtüchern und Staubsaugern. Keine Gespräche, keine Begegnungen, nichts, was mich sprachlich weitergebracht hätte.

Zweitens: Jedes Mal, wenn ich im Hotel ein Zimmer fertig machte, musste ich daran denken, dass ich in Deutschland einen gut ausgeübten Beruf hatte. Dass ich in einer schönen Wohnung lebte. Und jetzt stand ich hier und machte diese Jobs, weil ich die Sprache nicht ausreichend sprach.

Diese Scham, dieses Gefühl, eine Stufe herunterzugehen, gab mir auch das Gefühl, rückwärtszugehen. Es war nie ein Plan meines Lebens.

Darum musste ich so schnell wie möglich da raus – nicht, weil dieser Job „etwas Schlechtes“ war, sondern weil man physisch so fertig ist, dass man keine Zeit und keine Kraft hat, etwas zu tun, das einem bessere Lebensverhältnisse bieten würde.

Und ja, ich wusste, es war nur für ein Jahr.
Aber ich war gegangen, um etwas Besseres zu erleben.

Der Pizzaladen war laut, chaotisch, voller Energie, manchmal hart – aber er war lebendig. Und genau das brauchte ich damals.

Mit jedem Monat wurde mir bewusster, wie es um meine Sprachkenntnisse stand. Und heute kann ich sagen: Sie waren so minimal, dass ich mich bis heute frage, wie ich das alles geschafft habe.

Manchmal wurde ich nach irgendetwas gefragt, was nicht um Pizza ging, und ich lächelte wie eine Stumme, weil ich nichts verstand – und trotzdem wollte ich nicht unhöflich sein. Und so lernte ich jeden Tag einen neuen Satz oder ein neues Wort dazu.

Zum Neujahr sollte ich in der Pizzeria an Silvester arbeiten. Und da entschied ich für mich, dass es Zeit war zu gehen. Ich war nicht ins Ausland gegangen, um an Feiertagen zu arbeiten – besonders nicht in einem Job, der mich nicht glücklich machte. Ich suchte mir schnell einen anderen Job in einer Pizzabar, die schon ein wenig gehobener war, und durfte am Neujahr feiern.

Aber mit den besseren Arbeitsverhältnissen mussten sich auch meine Sprachkenntnisse verbessern. Ich wurde Kellnerin – und dafür braucht es schon mehr, als immer nur die gleichen Pizzastücke zu verkaufen.

Die Sprache musste fließen, ich musste mich ausdrücken können, Gespräche führen, Bestellungen aufnehmen, reagieren, lachen, zuhören.

Meine Sprachkenntnisse mussten besser werden – also passte ich mich an. Ich beobachtete, ich lernte, ich wurde besser. Ich hatte kein Englisch in der Schule, wenn du dich erinnerst. Meine Englischkenntnisse kamen aus dem Leben in Kanada: durch Kommunizieren, durch Lesen auf Englisch und durch sehr, sehr viele Fehler. Und all das musste ich machen, damit die Scham weggeht – die Scham, anders zu sein.

Ich war wieder in einem anderen Land, ohne die Sprache zu beherrschen. Und es lag an mir: Mich zu verstecken, weil es mir peinlich war, nicht perfekt zu sein … oder mich unter die Menschen zu mischen und zu lernen. Ich wählte das Zweite – und ich war sehr zufrieden mit dieser Entscheidung. Doch die Scham wegen der Sprache war nicht das Einzige. Es gab viele Momente, in denen ich dachte:

Du hattest doch ein schönes Leben – wozu das alles?

Jedes Mal, wenn diese Frage kam, wusste ich sofort, dass es mein Verstand war – vom Ego besessen, nicht meine Seele. Meine Seele wusste, dass ich irgendwo auch herunterkommen musste. Dass ich ein wenig Demut lernen musste.

Meine Erfahrungen in Kanada haben nicht nur mich als Mensch verändert. Sie haben mir gezeigt, wie viel ich alleine schaffen kann.

Das war erst der Anfang der Hürden, die ich überwinden musste. Ich wechselte meine Jobs ein paar Mal in Kanada. Ich möchte sie nicht alle erwähnen, aber es ging immer weiter und vorwärts. Ich war immer noch im Service, aber die Locations wurden gehobener und besser. Damit wuchs auch meine Sicherheit im Land, und meine Englischkenntnisse verbesserten sich.

In diesem Jahr musste ich sehr viel über mich selbst lernen. Vor allem über die Tatsache, dass mich Menschen im Ausland anders annahmen. Ich bekam mehr Komplimente für mein Aussehen, meinen Charakter oder meine Qualitäten, als jemals zuvor in Deutschland. Und das war etwas, das ich lernen musste – anzunehmen.

Die Menschen in Kanada waren sehr offen und positiv eingestellt, sie nörgelten nicht so viel herum. Obwohl es vielen wahrscheinlich schlechter ging als in Deutschland. Und das war etwas, das ich immer sofort fühlen konnte. Ich war unter Menschen, die dem Leben positiv gegenüberstanden.

Vielleicht lag es daran, dass es ein multikulturelles Land war.

Mittlerweile – von 10 Kanadiern sind vielleicht 3 wirklich in Kanada geboren. Es ist dicht besiedelt mit Ausländern. Und ja, es gibt immer Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen war es so natürlich dort, einen Akzent zu haben, eine andere Sprache zu sprechen. Man war nicht „anders“. Es war ein Teil der kanadischen Kultur – so habe ich es empfunden.

Doch neben der neuen Sprache lernte ich auch meine beste Freundin neu kennen. Ich fing an zu verstehen, dass sie mich anders zu sehen begann – vielleicht, weil ich auf eine bestimmte Art und Weise bei den Leuten ankam.

Diese Seite kannte sie bisher nicht von mir. Mit den Jahren verstand ich, dass ich immer in ihrem Schatten stand. Unsere Freundschaft wurde als Duo gesehen, doch sie war die Dominante.

Und ja, ich erinnere mich regelmäßig daran, wie ich einfach mitgezogen habe, damit ich „die Gute“ war. Denn so zu sein, wie ich wirklich war, mit meinen Schattenseiten und meiner eigenen Meinung, wenn mir ihr Verhalten nicht gefiel – das konnte ich davor nicht. Die Angst, sie als Freundin zu verlieren, war zu groß. Und so wurden viele Entscheidungen in unserer Freundschaft von ihr beeinflusst.

Ich traute mir selbst nicht. Ich betrog mich selbst, ohne es zu wissen. Ich hatte nicht genug Wertschätzung für mich selbst, um zu verstehen, dass ich nicht weniger wert war als sie. Dass sie in keinem Punkt „besser“ war als ich. Sie war nur erfolgreicher in der Schule, in ihren Sprachkenntnissen und in ihrem Status, weil sie aus einer besseren Familie stammte und von ihren Eltern geliebt und verwöhnt wurde...

Und genau das ist die Situation, in der ich mich betrog: weil mein Abbringungstrauma etwas in mir hinterließ, das ich nie verstand – aber das trotzdem mein Leben so stark beeinflusste.

Da kommt auch der innere Glaube an sich selbst ins Spiel – zumindest an der Oberfläche. Später musste ich oft feststellen, dass selbst das nicht immer ausreicht, um sich wirklich tief zu lieben. Ich kannte Menschen, die es in der Kindheit viel besser hatten und trotzdem nicht an sich glaubten. Aber zumindest in der Jugend haben sich solche Menschen regelmäßig wohlgefühlt in ihrer eigenen Haut.

Und es war auch die Zeit, in der es mich so sehr störte, dass man uns nicht trennte. Dass sogar meine Entscheidungen hinterfragt wurden mit dem Satz: „Und was hält deine Freundin davon?“

Als müsste ich meine Entscheidungen über mein Leben durch sie laufen lassen. Ich hatte das Gefühl, dass meine Identität verwechselt wurde. Dass die Dinge, die sie machte, automatisch auch mir zugeschrieben wurden.

Wenn sie sich auf eine bestimmte Weise verhielt, wurde angenommen, ich würde genauso handeln. Und das gefiel mir nicht.
Sehr schnell stellte ich fest, dass ich außerhalb der gewohnten Umgebung in Deutschland endlich anfing, mich selbst zu sehen. Ich wollte mein eigenes Licht scheinen lassen – nicht von einem anderen Menschen gedimmt werden.

Ich wollte nicht, dass meine Eigenschaften ihr zugeschrieben wurden oder andersherum.
Ich begann, Seiten an mir zu entdecken, die ich vorher nie gesehen hatte.

Und so wuchs in mir eine unbewusste Abneigung ihr gegenüber. Heute weiß ich genau, was es war: An ihrer Seite konnte ich nicht sein, wer ich war.

Nicht, weil sie es verboten hätte – sondern weil ich noch nicht selbstbewusst genug war, mich selbst zu zeigen. Aber ich war schlau genug, zu verstehen, dass ich es nicht schaffen würde, solange sie da war. Denn sie würde mich immer daran erinnern, wer ich früher war. Und sie liebte mich auch genauso: bequem, unsicher, leicht manipulierbar, ein nettes Mädchen, ein graues Mäuschen, irgendwie.

Ja – vielleicht war ich optisch kein graues Mäuschen mehr.

Aber innerlich war ich so tief verletzt, dass ich weder erklären noch sehen konnte, wie tief mein eigenes Ich vergraben war. Und ich kann mir gut vorstellen, dass, wenn sie das irgendwann liest, sie sagen würde, dass sie es nie so gesehen hat. Dass sie mich in Wahrheit für bestimmte Eigenschaften auch bewundert hat – denn irgendwann waren es auch ihre Worte.

Aber ich bin mir sicher, sie würde sich auch eingestehen können, dass es mit mir leicht war. Weil ich zu allem Ja sagte. Weil ich in unserer Freundschaft ein Mitläufer war. Ich war bequem.

Es gab ein paar Momente in unserer Freundschaft, in denen ich Nein sagte oder mich weigerte. In solchen Situationen nannte sie mich „schwierig“ oder war verärgert, weil man sich angeblich nicht auf mich verlassen konnte.

Was sie damit meinte: Es gefiel ihr nicht, wenn ich für mich einstehen wollte.

Es gefiel ihr nicht, wenn ich mich selbst wählte.

Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich oft hörte, ich sei „dumm“, „crazy“, „schwierig“ oder „nicht empathisch genug“.

Diese Beurteilungen kamen immer dann, wenn ich mich von narzisstischen Menschen löste – wenn ich die Verbindung komplett abschnitt und niemandem mehr erlaubte, seine Programme und Ängste auf mich zu projizieren.

Jedes Mal, wenn jemand ein Problem damit hatte, dass ich mich selbst wählte, konnte ich sehr klar erkennen, wer davon profitiert hatte, dass ich die „Gute“ war. Und ich sage es bewusst, denn damals verstand ich es nicht anders. Ich hatte meine Schattenseiten noch nicht angenommen.

Der Weg begann damit, Nein zu sagen. Meine eigene Meinung zu halten.

Getrennte Wege zu gehen.

Es war lang, es war schmerzhaft – und mit der Zeit wurde es leichter. Heute handhabe ich es bewusst. Wenn ein Mensch mir lange wichtig war, warne ich vorher, bevor ich vollständig gehe. Nicht aus Drama, sondern aus Respekt. Doch tief in mir weiß ich: Wer an meiner Seite sein will, wird sich mitentwickeln. Nicht für mich – sondern für sich selbst.

Ich weiß, wie schwer es ist, sich zu verändern. Ich tue es seit vielen Jahren.

Und ich habe gelernt: Es macht keinen Sinn, sich für jemand anderen zu verändern. Darum erwarte ich es auch nicht von anderen.
Und somit bleiben nur zwei klare Wege: Ich akzeptiere den Menschen vollständig, wie er ist, wenn ich ihn in meinem Leben behalten möchte, oder ich gehe, wenn das Verhalten meine Energie herunterzieht, mich kleinmacht, mich an mir zweifeln lässt.

Ich habe keine Bereitschaft mehr, mich emotional kleinzumachen, damit jemand anderes sich besser fühlt.
Dafür gibt es Therapeuten. Sie werden dafür bezahlt.

Meine einzige Einladung ist: Wenn du mitkommen willst, wohin ich gehe, erwarte ich, dass du schon an deinem inneren Weg arbeitest.

Wenn jemand aber an der alten Version von mir festhält, oder an der alten Version von sich selbst, ohne etwas zu verändern, dann trennen sich unsere Wege. Und ich wünsche aus vollem Herzen alles Liebe – nur ohne mich.

Und ich handle heute so, weil ich genau weiß, wie viele Jahre, wie viel Zeit und wie viele emotionale Achterbahnfahrten ein solcher Weg bedeutet. Selbst wenn man ihn mit dem Wunsch beginnt, es zu schaffen – es ist ein Prozess.

Man kann nicht von einem Menschen erwarten, dass er innerhalb von einer Woche dort ankommt, wo du bereits seit Jahren gehst. Und genau diese Tatsache ist wichtig: Erfahrung sammelt sich über Zeit, durch unzählige Entscheidungen, Schritte, Fehler, Erkenntnisse und Neubeginne.

Und deshalb ist es für mich so wichtig zu verstehen: Wenn ich einen Menschen sehe, der nicht denselben Weg gehen will oder kann, dann können wir nicht zusammen weitergehen.

Nicht, weil ich nicht helfen möchte – im Gegenteil, ich bin bereit zu helfen.

Aber es darf nicht so weit kommen, dass seine Energie mich herunterzieht. Ich kann nicht mein Leben, meine Richtung, meine Gesundheit opfern, nur damit ein anderer sich besser fühlt.

Hilfe ja – aber nicht auf Kosten meines eigenen Weges.

Denn meine emotionale Gesundheit ist heilig. Sie ist mein Fundament.

Und sie ist heute das Wichtigste, das ich habe.

Damals verstand ich das noch nicht. Ich konnte es nicht in Worte fassen – diese Erkenntnisse brauchten Jahre. Ich spürte nur eines: Ich muss diesen Weg allein gehen. Damit ich ankommenkann. Über diesen Abschnitt meines Lebens erzähle ich im nächsten Kapitel. In Kanada lernte ich noch jemanden kennen, der mein ganzes Leben verändert hat. Es hat zwischen uns nicht funktioniert … Überrascht? Mich damals schon. Weil ich ihn nicht besonders toll fand und glaubte, ich sei zu gut für ihn. Wie naiv …

Etwas, das ich damals an meiner eigenen Haut erst lernen musste: Das Äußere eines Menschen bestimmt nicht seinen Wert.

Und weil ich in meiner letzten Beziehung gelernt hatte, mich selbst zu respektieren und diesen Respekt auch zu erwarten, konnte ich in neuen Begegnungen bestimmte Dinge zuerst nicht sehen – bevor überhaupt etwas daraus wurde.

Ich bemerkte Muster oft erst in der Beziehung, nicht davor. Ich erwartete ein bestimmtes Verhalten, doch ich wählte die falschen Männer aus. Ich suchte nach Selbstbewusstsein – und merkte nicht, wie gut manche Männer es vorspielen konnten. Und erst, als ich schon mitten drin war, erkannte ich, dass vieles nur eine Fassade war.

Dann kamen die echten Fragen, die dazu führten, dass die Beziehungen scheiterten. Ich wusste sehr genau, was ich in einer Partnerschaft erwarten wollte – aber ich hatte keine Erfahrung damit, einen solchen Partner überhaupt anzuziehen.

Denn ich hatte selbst noch viele offene Baustellen.
Und immer noch viel zu heilen in mir.

Doch dieser Mensch bewirkte etwas in mir, das tiefer ging, als es jede Beziehung zuvor gab: Ich begann eine Reise in mich selbst.

Zum ersten Mal fing ich bewusst an, an meinen Schwächen zu arbeiten. Ich nahm ein Blatt Papier, wahrscheinlich eine Methode, die ich aus einem Buch kannte, und schrieb alle negativen und positiven Eigenschaften von mir auf.

Ich wusste bereits, woran ich schwach war – und ich begann zu überlegen, wie ich es besser machen kann. Was notwendig ist. Welche Schritte.

Dieser Mensch hat mein Herz so tief gebrochen, dass ich nach Fehlern in mir suchte. Wie es so typisch ist bei Menschen, die nicht an sich glauben.
Die denken in erster Linie: Was ist falsch mit mir?

Und doch war nichts falsch mit mir. Ich war einfach nicht die Richtige für ihn.

Aber ich begann, an mir zu arbeiten. Und das tue ich bis heute.
Nach jeder Trennung kehrte ich zurück zu mir. Ich setzte mich zusammen, um zu verstehen, warum ich doch so gut bin – und warum es nie klappt. Und jedes Mal gab es etwas, das ich verbessern konnte.

Und das war sehr wichtig: nicht in eine andere Beziehung zu rennen, um den Schmerz zu betäuben, sondern sich mit den eigenen Wunden auseinanderzusetzen und tief zu graben.

Mit der Zeit musste ich nicht mehr zu mir zurückkehren, um Fehler zu suchen.
Jede Trennung wurde leichter für mich – emotional, als Mensch. Ich suchte keine Fehler mehr in mir, weil ich viele davon bereits geheilt hatte.

Ich litt, weil mir dieser Mensch fehlte.
Dieser Mensch hinterließ etwas Wichtiges in meinem Leben.

Er zeigte mir durch seine Anwesenheit, was es bedeutet, ein erfülltes Leben zu fühlen – ein Leben, in dem man sich ständig weiterentwickelt.Und nein, er war nicht die große Liebe, die ich schon mal erwähnt habe. Es tat weh, weil er mir die Welt zu meinen Schwächen öffnete. Auf eine Art, die sich wie Liebe anfühlte – aber es war die Enttäuschung darüber, sich so sehr geirrt zu haben. Zu glauben, man sei „zu gut“ für jemanden, und dann zu erkennen, wie viele Wunden in einem selbst noch offen sind.

Wunden, an denen gearbeitet werden muss, bevor eine emotional erwachsene Beziehung funktionieren kann.
Es war der Anfang einer Reise, von der ich nie gedacht hätte, dass ich sie brauche.

Ich musste lernen zu verstehen, warum ich immer wieder emotional nicht-verfügbare Menschen anzog. Warum es immer so schnell scheiterte. Es begann wie im Märchen und hörte genauso plötzlich auf. Immer.

Ich bin am 23.02. geboren. Und die Energie der 2 lernt ihre Lektionen durch Beziehungen. So war es immer bei mir – früher unbewusst, heute weiß ich es.

Ja, mein Herz wurde gebrochen. In kleine Stücke. Sehr oft.

Aber ich habe gelernt: Das Zerbrochene kann geheilt werden. Stück für Stück.

Und auch wenn es danach nicht mehr das unberührte, glatte Herz ist … es wird zu etwas Besonderem. Etwas viel Stärkerem.

In Japan gibt es eine Kunst und eine Philosophie dafür: Kintsugi.
Zerbrochene Keramik wird dort nicht versucht, unsichtbar zu kleben – sie wird mit Gold repariert. Die Risse werden hervorgehoben, nicht versteckt.

Die Botschaft dahinter berührt mich tief: Was zerbricht, kann schöner und wertvoller werden als zuvor.

Die Brüche sind Teil der Geschichte.Sie machen es einzigartig.

Und genauso erlebte ich es mit meinem Herzen. Mein Herz war nicht weniger wert, weil es Risse hatte. Es wurde kostbarer, weil es sie hatte. Mit jeder Heilung, mit jedem Schritt, mit jeder Erkenntnis floss „Gold“ hinein.

Und genau darin fand ich meine innere Stärke: nicht in der Unversehrtheit, sondern in der Fähigkeit, immer wieder zu heilen.

Man entwickelt die Fähigkeit, sich selbst zu lieben – so wie man ist.

Mit allen Wunden, allen Rissen, allen Schrammen.
Und ich sammelte neue Schrammen in Kanada...

Ich musste sehr vielarbeiten. Sehr oft war meine Freundin unterwegs – ohne mich. Sie konnte es sich finanziell besser leisten.

Sie hatte keine Schulden, die sie abbezahlen musste.
Ich dagegen musste jeden Monat noch unseren Kredit für die Möbel in Deutschland abbezahlen. Es war nicht viel, aber es zeigte sich in allem, was ich machen konnte, und wie viel ich mir leisten durfte.

Ich erinnere mich gut daran, wie körperlich erschöpft ich damals war. Ich war fix und fertig, weil ich immer sehr viel arbeitete. Das war ich schon aus Deutschland gewohnt: Während meiner Ausbildung arbeitete ich an den Wochenenden in der Diskothek, und manchmal halfen wir den Eltern meines Freundes mit ihren Nebenjobs. Nicht viel – aber es gab immer mehrere Jobs gleichzeitig.So war mein Leben: Ich arbeitete mich müde. Ich arbeitete mich wund.

Weil ich dachte, dass es das Einzige wäre, was mich weiterbringen würde. Ich wusste nur, dass ich körperlich stark war. Aber auch, weil die Programme der gesamten Ahnenlinie in mir tief saßen.

Es gab niemanden in der Familie, der einen intellektuellen Beruf ausübte.
Soweit ich wusste, waren alle immer handwerklich tätig. Die Glaubenssätze wurden weitergegeben, von Generation zu Generation. Sie fließen im Blut.

Das Selbstbewusstsein zu haben, daran zu glauben, dass man es besser schaffen kann, reicht allein nicht aus.Die Blockaden müssen gelöst werden.

Und das kann Jahre dauern.

Und genau so war es auch in Kanada. Ich arbeitete – viel. Und ich dachte, das sei normal für mich.

In diesem Jahr sind wir aber trotzdem sehr viel gereist. Eine Reise durch Kalifornien.

Die Reise entlang der Westküste Kaliforniens war unvergesslich. Wir mieteten ein Auto, flogen zuerst nach Los Angeles, verbrachten dort ein paar Tage und fuhren dann los nach San Francisco. Es war eine der schönsten Strecken, die ich je gesehen habe.

Wir hielten immer wieder an, um die Aussichtspunkte zu besuchen – entlang des Ozeans, auf den Klippen, mit dem Wind im Gesicht. So viele schöne Orte auf dem Weg: Santa Barbara, San Diego, San Francisco … Diese zwei Wochen waren eine der schönsten Zeiten meines Lebens.

Wir hatten so viel Spaß. Es war frei, lebendig, leicht.

Meine Freundin sagte später, es sei die schönste Reise ihres Lebens gewesen. Und das Gleiche habe ich Jahre danach noch einmal gehört – von einer anderen Freundin, die mich später in Kanada besucht hatte. Auch sie sagte, es sei die schönste Reise ihres Lebens.

Beide Freundinnen sind heute nicht mehr in meinem Leben.

Ich habe mich irgendwann bewusst von beiden getrennt.

Und es war jedes Mal ein Schock für diese Menschen. Ich war nie einfach nur das, was man von mir sah.

Viele Menschen sehen in mir oft nur das Lächeln, den Mut, die Leichtigkeit, wie ich Entscheidungen treffe. Man könnte denken, ich wäre leichtsinnig oder naiv.

Aber in Wahrheit bin ich sehr tiefgründig – vor allem, wenn es um Menschen in meinem Leben geht. Ich sehe viel mehr, als ich zeige. Ich spüre sehr genau, wann etwas nicht stimmt, wann Energien nicht mehr passen, wenn etwas nicht mehr wächst. Und wenn ich gehe, dann nicht aus Laune, sondern aus Klarheit.

Wir reisten auch durch das schöne Land-Kanada, ein Flug nach Toronto, und dort verbrachten wir noch weitere vier Monate, bevor es zurück nach Deutschland ging.Zu diesem Zeitpunkt wusste ich bereits, dass die Uni in Hamburg mich nicht angenommen hatte, weil meine Mappe nicht als eine der besten qualifiziert wurde. Von ungefähr 600 Bewerbern wurden nur etwa 40 als Studenten im Modedesign angenommen.

Und wenn ich ehrlich bin: Was hatte ich erwartet von einem zweimonatigen Vorbereitungskurs, wenn ich mich davor nie wirklich damit beschäftigt hatte?

Wenn ich nie ernsthaft in diese Richtung gezeichnet hatte?
Deswegen blieb ich, anstatt sechs Monaten, ein ganzes Jahr in Kanada – weil mein Working-Holiday-Visum ein Jahr lang gültig war.

Und meine Freundin traf dieselbe Entscheidung. Sie wollte bei mir bleiben.

Sie sagte, sie wolle nicht wegziehen, solange ich noch dort war.
Vielleicht war das ein Zeichen von Liebe, die sie mir gegenüber empfand.

Aber tief in mir konnte ich auch einen anderen Gedanken nicht loslassen: dass sie nicht wollte, dass ich ohne sie etwas Besseres erlebe.

Dass sie nicht akzeptieren konnte, kein Teil davon zu sein.Merkst du, wie viele Fragen und Gedanken immer wieder in mir auftauchten – in einer Freundschaft, die sich eigentlich harmonisch anfühlen sollte?

Und es ist keine Schuldzuweisung.

Es ist nur ein Zeichen dafür, dass ich mich davon trennen musste – um zu verstehen, wie viel von dieser Freundschaft überhaupt wahr war. Nicht nur von ihrer Seite, sondern auch von meiner.

Denn manchmal erkennt man erst in der Distanz, wie viel war echte Nähe, echte Verbindung, und wie viel war nur Gewohnheit, Bequemlichkeit oder das Bedürfnis, jemandem zu gefallen. Trennung bringt Klarheit. Nicht, um jemanden schlechtzumachen, sondern um zu sehen:

Was davon war wirklich?

Doch zu diesem Zeitpunkt trennte ich mich nur von meinem Partner in Deutschland, nach drei Monaten in Kanada. Ich verstand, dass es kein Jahr halten würde. Es war die Zeit, sich zu trennen. Und so wurde auch dieses Kapitel meines Lebens beendet.

War es leicht? Nein. Aber wahrscheinlich ein wenig leichter für mich als für ihn. Ich war diejenige, die wegging. Ich war diejenige, die die Beziehung beenden wollte. Ich war der Initiator.

Und doch musste ich mich auch mit dieser Trennung beschäftigen.

Auch mich hat sie berührt, verwirrt, verletzt und gefordert.

Einige Jahre später äußerte sich eine Cousine zu diesem Thema – wie immer, ohne dass jemand sie danach gefragt hätte. Sie musste es in ihren Augen einfach sagen. Sie empfand unsere Trennung als etwas Negatives, das ich getan hatte. „Du hattest ja Spaß im Ausland, und er ist hier allein geblieben...“

Hm. Ich war ALLEIN im AUSLAND. Okay, mit meiner Freundin … Doch die ersten Risse zeigten sich. Er war dagegen hier, in der Umgebung, die er kannte, geliebt von seiner Familie.

Aber darum ging es nicht. Es ging darum, dass ich wieder von der Familie unter die Lupe genommen wurde. Meine Entscheidungen wurden ständig zum Gesprächsthema – auch wenn niemand nach deren Meinung fragte. Ich war immer wie ein Dorn im Auge. Bis heute.

Nach einem Jahr in Kanada mussten wir zurückgehen. Unser Visum lief ab.

Ende August 2012 kamen wir wieder nach Deutschland.

Die Welt hier sah nun ganz anders für mich aus.

So viel hatte sich in mir geöffnet, so viel hatte sich verändert. Ich sah die Menschen, die ich kannte, mit anderen Augen.

Ich sah die Menschen allgemein anders an. Alles schien mir fremd.
Ich wollte nicht mehr hierhergehören, weil ich mich hier limitiert fühlte.
Vielleicht geht es jedem so, der einmal im Ausland war.
Meine Freundin sagte damals sogar, sie hätte innerlich etwas verloren durch dieses Jahr im Ausland. Man findet keinen Anschluss mehr, weil man nicht mehr alles einfach annimmt. Man ist nicht mehr zufrieden mit dem „normalen“ Leben. Man ist diesem Platz entwachsen – und wenn man bleiben soll, muss sich etwas ändern.

Man möchte nie wieder dahin zurück, wie es einmal war. Und wie es weitergehen soll, weiß man auch nicht.

Also fand ich erst mal einen Job in Hamburg, in meinem Beruf als technische Zeichnerin. Es war meine erste offizielle Stelle nach meiner Ausbildung. Ich saß in einem schönen Büro im Stadtteil St. Georg, nah am Hauptbahnhof, mit meiner eigenen Schreibtischfläche und einer Blumenvase auf dem Tisch, die mein neuer Arbeitgeber mir geschenkt hatte...

Damals wollte ich immer in Hamburg leben. Ich blieb zweieinhalb Monate. Dann kündigte ich. Noch in der Probezeit.

Und ich ging wieder zurück nach Kanada.

Kanada fühlte sich nie grausam an. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich nicht Dunkelheit – ich sehe Licht. Ich habe nur von den Seiten erzählt, die mich geprägt haben.

Doch die Stadt selbst … Vancouver … Sie hat sofort mein Herz gewonnen.

Vancouver ist ein Ort, an dem Natur und Stadt sich berühren wie zwei alte Freunde.

Ozean, Berge, Wälder – alles in derselben Bewegung.Du atmest Salz und Regen. Du hörst Möwen und Autos gleichzeitig.

Du spürst Freiheit in deiner Haut.
Die Stadt ist offen, multikulturell, weit.
Man spricht viele Sprachen dort, und man fühlt sich verstanden.

Man ist nie „anders“, sondern einfach ein Teil des Ganzen.

Vancouver hat eine besondere Ruhe. Keine Schwere – nur Weichheit.
Selbst der Regen fühlt sich wie ein warmer Mantel an.

Er gehört dazu, wie das Atmen. Er reinigt, er klärt, er lässt die Bäume glänzen.

Am Meer sitzt man still und schaut in die Weite. Und ich hatte sogar einen Ort, zu dem ich immer ging, wenn ich innerlich zerbrach.

Ich suchte Heilung am Wasser.

Und wenn Wasser sich bewegt, wird es ruhig an der Seele. Im Hintergrund die Berge – groß, schützend, stark.

Viele würden sagen:
Vancouver ist ein Ort, an dem man sich selbst begegnet.

Man kann in der gleichen Stunde am Strand sitzen, einen Kaffee in der Stadt trinken und später auf einem Berg stehen.

Das Leben hat dort Raum.

In Vancouver lernt man, langsamer zu gehen. Bewusster zu sehen. Tiefer zu atmen.
Es ist eine Stadt, in der man spürt:
Ich darf hier sein.

Genauso, wie ich bin.

Und vielleicht war es genau das, was Vancouver mein Herz berührt hat – leise, natürlich, ohne Anstrengung.

Achtes Kapitel

Zurück in Kanada fühlte es sich für mich seltsam an, da ich nicht nach Vancouver ging, sondern nach Toronto, der Stadt, in der ich meinen letzten Job hatte. Dort konnte ich wieder von vorne anfangen…aber ich blieb nicht lange – nur etwa sechs Monate –, weil ich einen Plan hatte: so bald wie möglich nach Australien zu gehen.

 Meine damalige beste Freundin hatte ein Jahr zuvor dort mit ihrem Partner verbracht, bevor wir nach Kanada reisten, und so wusste ich von ihr, dass man auf den Farmen in Australien ziemlich gut verdienen kann, wenn man schnell und fleißig arbeitet. Und das konnte ich immer. Ich wusste, dass ich vor keiner Arbeit zurückschrecken würde. Schon früh lernte ich, meine außergewöhnliche Fähigkeit, stark zu sein, genau dort einzusetzen, wo es anderen an Ausdauer oder Durchhaltevermögen fehlte.

Nach anderthalb Jahren in Kanada konnte ich zwar Englisch, aber nicht gut genug, um einen Bürojob zu bekommen.Und zu diesem Zeitpunkt war mein Selbstbewusstsein noch nicht so ausgeprägt, dass ich einen gut bezahlten Job in der Stadt hätte annehmen können. Damit wären viele weitere Aspekte einhergegangen, in denen ich mich unwohl gefühlt hätte. Daher entschied ich mich zunächst für etwas, bei dem ich mir sicher war, dass ich gut darin sein kann. Daher sammelte ich Obst und Früchte, weil ich mir meiner Sache sicher war: Ich konnte arbeiten. Und das konnte ich nur, solange ich jung war. Ich verstand, dass ich, wenn ich älter wäre, solche Jobs nicht mehr machen wollte. Aber in diesem Moment konnte ich es besser als viele andere. Solange alle anderen Backpacker in Australien ihr Geld fürs Reisen verdienten, habe ich entschieden, mein zukünftiges Studium in Kanada zu finanzieren. Ich wollte Modedesign in Vancouver studieren – nicht unbedingt die Stadt, die man als Modestadt ansehen würde, da hier viele in Jogginghosen von Lululemon unterwegs sind, aber für mich stand fest, dass ich Deutschland für immer verlassen wollte. Ich wollte in Kanada leben.

Es gab zwei Optionen: entweder jemanden heiraten – wie es einige in Kanada tun, um bleiben zu können – oder studieren, um später die Arbeitsvisa zu bekommen und mir ein Leben aufzubauen. Heirat hat mich nie fasziniert; ich wollte niemals meine Freiheit dafür aufgeben, besonders wenn ich es auch selbst erarbeiten konnte. Also entschied ich mich, meinem Wunsch, Modedesign zu studieren, nachzugehen – und das an einer privaten Universität, was natürlich bedeutete, dass ich sehr viel Geld bezahlen müsste. Aber ich tat es. Ich kannte meine Stärken und hatte, was viele nicht besitzen: Durchhaltevermögen und den Willen, etwas zu erreichen, selbst wenn andere nicht einmal anfangen würden. Schließlich entschied ich mich, mich am Blanche Macdonald Centre in Vancouver zu bewerben.

Vielleicht ist es wichtig zu sagen, dass ich in Deutschland so schnell nicht so viel sparen würde, weil man dort einen höheren Lebensstandard hat. In Australien als Backpacker musste man sich mit einem sehr einfachen Lebensstil arrangieren. Ich kaufte ein T-Shirt für fünf Dollar und war unglaublich glücklich darüber. In Deutschland hätte ich mich über so eine kleine Ausgabe kaum gefreut. Dort war diese gewisse Abgehobenheit in mir, die die materielle Welt betraf, einfach viel stärker.

Die Schule kostete mich 22.000 CAD. Die Schule hatte meine Kreditkartendaten, und einmal im Monat buchten sie eine bestimmte Summe ab. Das Geld, das ich durch harte Arbeit verdiente, wurde sofort abgebucht. So stellte ich sicher, dass ich die Studiengebühren bezahlte, bevor ich wieder in Kanada ankam. Auf diese Weise konnte ich mich selbst „austricksen“: Ich zahlte alles im Voraus und garantierte so, dass ich nach eineinhalb Jahren nach Kanada zum Studieren gehen konnte, und das Geld nicht ausgab. Mit 27 Jahren begann ich wieder ein Studium – aber der Weg dorthin war alles andere als leicht.

Zuerst reiste ich nach Australien und wurde von einem Paar getroffen, das ich schon aus Deutschland kannte. Es hatte einen großen Vorteil, jemanden zu kennen, der sich schon länger dort auskannte und die Gesetze sowie das Leben eines Backpackers verstand. Sie besaßen ein Auto, das viele Dinge erleichterte, insbesondere, wenn man von einer Farm zur nächsten unterwegs war – der übliche Weg, um eine Arbeitsstelle zu finden.

In Deutschland hatte ich bereits viele Absagen erhalten, sodass mich jegliche Ablehnung auf einer Farm in Australien nicht mehr enttäuschte. Anfangs ist Enttäuschung sehr stark, doch je länger man Absagen bekommt, desto leichter fällt es, mit einem „Nein“ umzugehen. Irgendwann wird es zur Normalität, und man lernt, einfach weiterzumachen. Ein Nein ist dann nicht mehr endgültig – im Laufe der Zeit kann es sogar zu einem Ja werden, wenn man lernt, damit umzugehen. Ein Nein bedeutet meistens „noch nicht“. Mit der Zeit wird es weniger persönlich genommen, und es macht das Leben deutlich leichter.

Meine Ankunft in Australien war unglaublich aufregend. Ich war fasziniert von der Natur und dem Leben auf einer Farm – von der Einfachheit und der Klarheit des Lebensstils, der damit einhergeht. Ich muss sagen, dass ich wahrscheinlich zu den glücklichsten Menschen in Australien gehörte. Das Farmleben lag mir sehr, weil ich selbst in einem Dorf geboren wurde und nichts mich erschreckte – weder die Tiere, obwohl sie in Australien anders waren als in Kasachstan, noch der staubige Boden, die einfache Lebensweise oder die Menschen. Alles fiel mir sehr leicht, und schwere Arbeit machte mir keinerlei Angst. Ich konnte alles und fühlte mich dabei unglaublich sicher.

Ich war schnell in allen Jobs, und der häufigste Satz, den ich in meinem Leben gehört habe – egal, wo ich arbeitete – war: „Irina, du bist so schnell.“ Egal, ob es ein Bürojob oder ein Farmjob war, ich erledigte meine Aufgaben effizient und zügig. Vielleicht liegt es an meinem numerologischen Stern: Ich habe die Zahl 7, die ich 5 mal habe, die für schnelle Energie steht, und diese Energie hat mir schon oft im Leben weitergeholfen. Ich bekam sogar den Spitznamen „Irina, die schnelle Deutsche“.

Diese Energie hat mir auch geholfen, die schwierigsten und härtesten Zeiten zu überstehen. Es gab Tage, an denen ich bis zu 16 Stunden gearbeitet habe. Ich verbrachte sieben bis acht Stunden frühmorgens draußen beim Pflücken der Weintrauben und ging danach direkt in den Shed zum Packen.

An solchen Tagen schmerzte mein Körper so sehr, dass ich nicht einschlafen konnte. Er bebte von innen. Mir war übel und ich konnte nichts essen. Man war so erschöpft, dass der Körper keine Ruhe fand. Und an genau diesen Tagen wusste ich: Ich hatte meinem Körper versprochen, das nie wieder so zu machen. Ich bat ihn nur, diese Phase noch auszuhalten.

Aufgeben kam für mich nie infrage. Ich war zu stolz, um alles hinzuschmeißen und nach Deutschland zurückzugehen – aus vielen Gründen. Ich wusste, wenn ich es nicht schaffen würde, würde ich mir selbst niemals verzeihen. Hätte ich es anders angehen können? Auf jeden Fall. Nicht so euphorisch. Nicht so kompromisslos.

Aber genau darauf war ich innerlich stolz. Auf diese Stärke. Weißt du noch, wann sie angefangen hat?

Ich erinnere mich sogar an einen Packingshed, in dem ich nach einem sechs­stündigen Grapes-Picking draußen weiterarbeitete und die Weintrauben einpackte. Wir arbeiteten beim Einpacken als Gruppe. Meine Aufgabe war es, die Weintrauben in Tüten zu verpacken, nachdem die anderen beiden Teammitglieder die gepflückten Trauben bearbeitet und schlechte Früchte entfernt hatten. Es war wie ein Karussell, auf dem sich die Früchte bewegten: Meine Aufgabe war es, die sauberen Trauben herauszupicken und in Boxen zu packen, die anschließend in die Supermärkte geliefert wurden.

Unsere Gruppe war die schnellste, nur eine andere Gruppe, die schon seit mehreren Jahren diesen Job machte, war ein wenig schneller. Meine Hände hatten bereits Blasen, weil ich so schnell gearbeitet hatte, und die Plastiktüten, in die ich die Früchte packte, verursachten zusätzliche Schnitte auf meinen Händen.Wir waren jedoch erst ca. zwei Monate dort, und das erzeugte Bewunderung – und wie so oft auch etwas Neid. 

Als Backpacker aus Deutschland war ich anders als viele andere, die nur zum Spaß Geld verdienten. Ich arbeitete hart, um mein Ziel zu erreichen, und hatte einen klaren Plan, wozu ich das Geld nutzen wollte, anstatt es einfach nur auszugeben. Nicht dass es falsch war, ich hatte einfach ein anderes Ziel. Doch meine Ziele lehrten mich, zu gehen, wenn man ausgenutzt und wie ein Sklave behandelt wird. Ich hatte meinen Job über einen Kontraktor, der ebenfalls Geld an mir verdiente.

Eines Tages gab es ein Meeting. Der Chef des Sheds machte alle zur Schnecke und sagte, unsere Schnelligkeit führe dazu, dass die Weintrauben nicht im perfekten Zustand verpackt würden. Er schrie uns alle an, als wären wir Menschen, die auf diesen Job angewiesen seien und keine andere Wahl hätten.

Es arbeiteten viele Menschen aus ärmeren Ländern dort, die mit diesem Job ihre Familien in Nepal und Indien unterstützten. Sie waren auf diesen Job angewiesen, und er nutzte das aus. Doch er machte keinen Unterschied zwischen Menschen und Dingen. Man hatte den Eindruck, dass er auf uns alle herabsah.

Nach diesem Meeting ging ich zurück zu unserem Karussell. Die Wut kochte in mir hoch. Ich hatte genug. Was ich nie akzeptieren konnte und lernen musste, war, von solchen Menschen wegzugehen. Meine Boxen waren gut – sonst wäre er zu mir gekommen. Er nutzte diese Methode, um Menschen in Angst zu versetzen, damit sie nicht nachließen.

So eine Strategie war nie etwas, das ich angestrebt hatte, geschweige denn war ich bereit, sie zu akzeptieren.

Ich stürmte aus dem Shed hinaus und sagte etwas in der Art, dass solche Arbeitsverhältnisse nichts für mich seien. 

Beide Chefs sahen mich mit weit geöffneten Augen an. Mein Kontraktor sagte noch:
„Das war doch nicht auf dich bezogen …“Er hat gerade eine seiner besten Arbeiterinnen verloren.

Ja, es war nicht direkt auf mich bezogen. Aber über einen Kamm geschoren zu werden und sich so etwas gefallen zu lassen, hätte bedeutet, dieses Verhalten meiner Vorgesetzten zu akzeptieren. Also ging ich.

Und dieses Gefühl der Befreiung strömte durch meinen Körper. Ich lachte laut und stolz, weil es sich einfach so gut anfühlte, aus diesem Hamsterrad auszusteigen.

Ich hatte etwas, das viele nicht hatten: einen Plan B. Ich konnte jederzeit nach Deutschland zurückgehen. Und ich hatte mich selbst. Ich wusste, dass ich egal wo einen Job finden konnte. Genau das gibt mir bis heute die Sicherheit, zu gehen, wenn es schlimm wird.

Und so erfuhr ich später, dass eine Gruppe aus Taiwan, die neben uns gearbeitet hatte, mich heimlich getimt hatte, um herauszufinden, wie viele Minuten ich für eine volle Box brauchte. Ihr Ziel war es, mich später zu übertreffen. Das Witzige daran war: Sie konkurrierten mit mir, ohne mir etwas davon zu sagen – nicht aus Feindseligkeit, sondern weil sie besser werden wollten und mich beobachteten. Sie spielten ein unfaires Spiel. Wenn du mit mir konkurrieren willst, lass es mich wissen – dann kann ich mich noch mehr anstrengen. Denn in Wirklichkeit konkurrierst du gar nicht mit mir.

Wenn man mich wirklich studieren möchte, muss ich enttäuschen: Ich übertreffe mich bis zum heutigen Tag selbst. Ich bin anders, und ich entwickle mich immer weiter, und genau das ist meine Stärke. Ich werde fast immer unterschätzt. Mit der Zeit habe ich gelernt, das für mich zu nutzen.

Wenn ich spüre, dass ich unterschätzt werde – und das passiert mir sehr oft, weil ich offen, freundlich und zugänglich bin und manche denken, sie könnten mich leicht um den Finger wickeln –, steige ich innerlich aus dem Kampf aus. Ich spiele keine Spiele. Und wenn ich spiele, dann nur in angekündigten Kämpfen, nicht dort, wo Dinge hinterlistig oder unausgesprochen geschehen.

Das Witzige ist: Die Lebenserfahrung hat mir Stück für Stück gezeigt, wie viele Menschen mich zunächst als Inspiration wahrnehmen und dann versuchen, mich zu übertreffen – sei es im familiären oder freundschaftlichen Kreis, sei es bei der Arbeit.

Früher hat mich das oft getriggert. Doch ich habe gelernt, dass ich Menschen inspiriere, eine bessere Version von sich selbst zu sein. Als ich mich schließlich komplett angenommen hatte, störte mich das nicht mehr – insbesondere das Einzige, was ich nicht tue: solche Spiele zu spielen.

Wenn Menschen es verheimlichen und ein Spiel mit mir spielen, zeigt das nicht nur Arroganz, sondern auch übertriebene Überheblichkeit. Und genau das sagt sehr viel über eine Person aus. Mit solchen „Gegnern“ gebe ich mich nicht ab.

Aber das kam auch mit den Jahren – ich war nicht immer so selbstsicher.

Meine Selbstsicherheit entstand durch die langwierigen Erfahrungen, die ich gesammelt habe – sogar beim Fruechtepflücken. 

In Australien habe ich Mandarinen, Weintrauben, Blaubeeren, Persimonen, Äpfel, Zitronen und vieles mehr gesammelt. Wir verbrachten bis zu 10–12 Stunden am Tag draußen in der Sonne. Je nach Frucht gab es unterschiedliche körperliche Herausforderungen. Bei den Zitronen zum Beispiel gab es oft starke Stacheln, und manchmal musste man auf Bäume klettern, um die Früchte zu erreichen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit einer 25 kg schweren Tasche voller Obst am Baum klettern musste, während mich die Stacheln pieksten und die Sonne brannte. Manchmal saß da eine riesige Spinne, die aussah wie eine Tarantel, und es lag an mir, ruhig zu bleiben und zu versuchen, sie vorsichtig wegzuschieben.

Ich konnte die Hitze bei der Arbeit kaum ertragen, deshalb trug ich immer nur Tanktops statt Langarmshirts – meine Arme waren komplett zerkratzt. Aber das war mir egal. Ich wusste, dass meine junge Haut das noch aushielt. Die Schmerzen waren erträglich, und sie gaben mir sogar ein gutes Gefühl: ein Beweis dafür, dass ich es schaffen kann, egal wie hart die Arbeit ist.

An Tagen, an denen wir zwischen den Picking Seasons warten mussten, stieg ich ins Auto und fuhr in ein Nachbardorf. Die Strecken in Australien waren sehr lang – das Land ist riesig, und oft fuhr man stundenlang, ohne auf etwas zu treffen, bis wieder einmal ein Dorf kam. Ich liebte es, die Musik im Auto auf die höchste Lautstärke zu stellen und einfach geradeaus zu fahren.

Es gab kaum Ampeln auf diesen Strecken; meistens bestand die Strecke nur aus Wald oder Steppe. Man fuhr mit dem Wind, und genau so erholte ich mich von dem eintönigen Leben des Fruchtpflückers.

An einem dieser Tage, an dem ich mich zehn Stunden lang wie ein Affe zwischen den Bäumen bewegte, um Mandarinen zu sammeln, hatte ich sehr viel Zeit für meine Gedanken. Während meine Hände arbeiteten, wanderte mein Kopf. Ich stellte mir mein Leben vor, plante meine Zukunft, dachte darüber nach, was ich machen würde, wenn ich „fertig“ bin.

Diese Gedanken wurden immer wieder von einem Satz unterbrochen: Aber wenn du Familie und Kinder hast, kannst du das nicht machen. Immer wieder. Und irgendwann wurde mir bewusst, dass ich mir ein anderes, freieres Leben wünschte, als das einer Mutter oder Ehefrau. Nicht, weil ich Kinder ablehne, sondern weil das klassische Familienleben mit Einschränkungen kommt, die ich nicht bereit war einzugehen.

Ich wollte ein Leben für mich. Ein Leben, in dem ich all meine verrückten Träume ausleben kann, ohne ständig verzichten zu müssen. Nicht auf Dinge zu verzichten, nur weil ein Kind mich braucht. Genau deshalb ging ich mit diesem Thema immer sehr ernst um. Ich wusste, was es mit einem Kind machen kann, wenn es von seinen Eltern nicht geliebt, nicht gesehen oder emotional vernachlässigt wird. Ich kam selbst aus so einer Familie. Ich musste mein ganzes Leben lang daran arbeiten, all die Wunden zu heilen. Ich sah, wie stark eine fehlerhafte Erziehung das Leben eines Kindes beeinträchtigen kann und welche Folgen sie mit sich bringt. Das war mir immer bewusst. Und ich wollte niemals, dass mein Kind dasselbe durchleben muss.

Genauso wenig wollte ich, dass mein Kind meine unerfüllten Träume lebt, nur weil ich sie selbst nicht verwirklicht habe. Viele Eltern verlangen von ihren Kindern genau das, was sie selbst nie erreicht haben – ohne dem Kind zu erlauben, ein eigenes Leben zu führen. Ich wusste, wie viel Verantwortung es bedeutet, ein Kind in die Welt zu bringen, und wie groß die Verantwortung ist, dieses Kind nicht zu beschädigen, nur weil man selbst mit sich nicht im Reinen ist.

Diese Verantwortung war immer präsent in meinem Leben. Und deshalb fragte ich mich oft, ob ich vielleicht unbewusst meine Partner so gewählt habe, dass Beziehungen nie wirklich vollständig wurden – damit es nie zu Kindern kommen konnte. Ob das wirklich so ist, weiß ich nicht. Mit diesem Gedanken habe ich mich nie tief genug auseinandergesetzt. Aber er hat mich oft gekreuzt. Und vielleicht werde ich es im nächsten Kapitel meines Lebens noch angehen.

An einem dieser Tage, als ich wieder einmal zwischen den Bäumen in meinem „Habitat“ unterwegs war, kam mir spontan die Idee, meine Haare ganz kurz zu schneiden – vielleicht sogar eine Glatze zu tragen. Diese verrückte Idee wurde nicht in Australien geboren; sie schlummerte tief in meinem Unterbewusstsein. Für mich bedeutete sie Freiheit, Rebellion, endlich die Last der Erwartungen loszulassen. Es war etwas, das als innerer Schrei herauskommen musste. Wahrscheinlich wollte ich es schon immer – jetzt konnte ich es endlich leben.

Also bat ich einen Freund, mir die Haare zu schneiden. Am selben Abend hatte ich keine Haare mehr. Zu dieser Zeit kämpfte eine enge Freundin von mir gegen Krebs, und sie musste ihre Haare wegen der Chemotherapie verlieren. Ich wollte sie auch dadurch unterstützen. Es war kein selbstloser Akt nur für sie – aber die Kombination aus vielen Faktoren und das Timing machten es perfekt. Ich lebte diesen Moment aus, voll und ganz … Leider reichte es nicht, um sie am Leben zu erhalten. Noch im selben Jahr verließ sie uns, und ich habe es nicht geschafft, ihr richtig Tschüss zu sagen – erst später an ihrem Grab. Diese Freundschaft hinterließ einen besonderen Eindruck in meinem Herzen, und ich werde noch darauf zurückkommen.

Die Glatze war auch ein Akt des Selbstschutzes. Ich wollte mich nur auf die Arbeit konzentrieren und keine romantischen Ablenkungen eingehen. Es ist ja wohl sicher, dass Männer Frauen mit Haaren mögen – also machte ich ein härteres Bild von mir selbst, weil ich innerlich eine tiefe Verletzung mit mir herumtrug, die ich aus Vancouver mitgebracht hatte. Ich traute immer noch dem Mann hinterher, der mir meine verletzliche Welt geöffnet hatte, und konnte daher auf nichts wirklich eingehen – nicht einmal zum Spaß.

Ich nahm meine innere Entwicklung so ernst, dass ich sogar Blockaden aufbaute, um nicht abgelenkt zu werden. Witzig, oder? So viele Frauen versuchen alles, um Männern zu gefallen. Ich tat genau das Gegenteil: Ich tat alles, um nicht aufzufallen.

Trotzdem war da mein inneres Ich präsent, und ich wurde trotzdem von Männern bemerkt. Ich erinnere mich an eine Situation: Ich erreichte am frühen Morgen eine Weintraubenplantage. Wir alle, Backpacker, standen bereit, um auf die Arbeitsanweisungen unseres Vorgesetzten zu hören. Ich kam mit meinem roten Auto an – ein kleiner Opel, gut genug, um von einer Farm zur anderen zu fahren.

Als ich ankam, schmunzelten ein paar Italiener auf Italienisch: „Oh, sieh dir diese hier an, die kommt mit ihrem Ferrari und glaubt, sie kann hier arbeiten…" Sie hatten beim ersten Anblick das Gefühl, dass ich faul und oberflächlich sei, und wollten testen, ob ich überhaupt arbeiten kann. Sie unterschätzten mich, wie so viele und wie so oft. Was sie nicht wussten: Ich sprach Italienisch. Nicht perfekt, aber genug, um mich zu verständigen und die einfachen Sätze zu verstehen. Natürlich habe ich nicht alles von mir preisgegeben – manchmal muss man Menschen unterschätzen lassen. Sie würden schon sehen.

Und als sie mich dann allein bei der Arbeit sahen, wie ich die Aufgaben von zwei erledigte, hörte ich Sätze wie „Wow … Das hat sie alleine gemacht“. Ich überzeugte nicht mit Worten – ich tat es immer mit Taten.

In Australien habe ich so viele verrückte Dinge gemacht, die mir später halfen, zu verstehen, dass man Dinge tun muss, die man als Kind nie durfte. Wenn du als Kind schwimmen wolltest und es nicht durftest, weil deine Eltern dich nicht bringen konnten – tue es jetzt. Wenn du als Kind eine Puppe haben wolltest, die du nie bekommen hast – kaufe sie dir selbst. Du musst sie ja niemandem zeigen, sie ist für dich.

Wenn du deinem inneren Kind all das gibst, was es früher nicht haben konnte, heilt es. Je mehr du jetzt tust, was du schon immer als Kind tun wolltest, desto schneller heilt das verletzte innere Kind in dir. Es ist wie ein Stück verlorene Freiheit zurückgewinnen – und das fühlt sich unglaublich befreiend an.

Australien brachte nicht nur Freiheit mit sich, sondern auch etwas sehr Schweres. 

An meinem Geburtstag im Jahr 2013 wurde ich benachrichtigt, dass meine Oma erneut einen Schlaganfall erlitten hatte und auf der Intensivstation lag. Das war mein „Geburtstagsgeschenk“.

Ohne lange nachzudenken, buchte ich am nächsten Tag einen Flug. Innerhalb von 26 Stunden war ich wieder in Deutschland. Als sie bei meiner Ankunft aufwachte und mich sah, brach etwas in mir. Der Anblick meiner zerbrechlichen Oma im Krankenhausbett erfüllte mich mit Sorgen und einer tiefen Angst.

Doch sie wurde stärker. Tag für Tag ging es ihr besser. Nach zwei Wochen fühlte sie sich so stabil, dass sie in ein normales Zimmer verlegt wurde. Und dann stand ich vor einer der schwersten Fragen meines Lebens: Gehe ich zurück und folge meinen Träumen – oder bleibe ich bei ihr?

Dieser innere Kampf war brutal. Ich wusste, dass ich mein Leben nicht für sie aufgeben konnte. Aber es fühlte sich grausam an, genau das nicht zu tun. Ich musste eine Entscheidung treffen..

Zu diesem Zeitpunkt war es die schwierigste Entscheidung meines Lebens – und der härteste Test meiner Selbstliebe: Gibst du deine Träume auf, um bei der Person zu bleiben, die du am meisten liebst?

Oder gehst du, um dein eigenes Leben zu leben? 

Sie hatte vier Kinder. Diese Verantwortung konnte und durfte nicht allein auf mir liegen – zumindest nicht jetzt.

Der Abschied fiel mir unendlich schwer. Als ich mich von ihr verabschiedete, sah ich die Enttäuschung in ihren Augen. Sie hätte es mir nie gesagt, aber ich spürte es. Sie hätte sich gewünscht, dass ich bleibe. Und trotzdem glaube ich heute, dass meine Aufgabe erfüllt wurde. Dass meine Ankunft ihr die Kraft gegeben hat, diesen Abschnitt zu überstehen. Manchmal besteht Liebe nicht darin, zu bleiben – sondern genau im richtigen Moment da zu sein.

Und diese Entscheidung habe ich nie in meinem Leben bereut. Ich wurde vom Universum getestet, und ich bestand diese Aufgabe. Mit Tränen in den Augen ging ich mit meiner Schwester im Fahrstuhl nach unten und ich flog zurück nach Australien. Mein ganzer Körper schmerzte, und doch tat ich das, was meine Seele von mir verlangte.

Diese innere Stimme habe ich immer gehört – und ihr immer vertraut. So lernte ich, mir selbst treu zu bleiben.

Nach meiner Rückkehr blieb ich noch sechs Monate in Australien. In dieser Zeit reiste ich über Bali, Indien, Singapur und Thailand. Ich hatte immer jemanden um mich herum. Diese kleine Reise war die Krönung meines Aufenthalts in Australien. Rückblickend hätte ich mir gewünscht, noch ein wenig länger zu reisen und die Zeit intensiver zu genießen. Ich wollte so schnell wie möglich nach Kanada zurück, um mein Modedesign-Studium zu beginnen, und habe deshalb meinen Aufenthalt in Australien um ein halbes Jahr verkürzt. Heute würde ich das anders machen: Ich hätte die Zeit nutzen sollen, um mehr zu reisen und die Erfahrungen dort noch bewusster zu sammeln.

Der Fehler lag darin, nicht im Moment zu leben. Ich wollte immer alles auf einmal, und deshalb konnte ich nicht entspannen. Mein ständiger Bewegungsdrang zwang mich weiterzugehen, obwohl ich noch sechs Monate hätte bleiben können.

So lernte ich eine neue Lektion: im Moment zu leben. Ich verstand, dass ich Geduld lernen musste. Geduld war eine neue Eigenschaft für mich – eine, die meine Schwäche ausglich. Meine Ungeduld hatte mir zuvor in finanziellen Situationen oft schlechte Erfahrungen beschert, weil ich alles sofort haben wollte.

Was ich aus diesen Ländern mitgenommen habe, ist die Erkenntnis, dass wir in der westlichen Welt alles haben – und doch oft nur jammern, wie schlecht alles ist. Viele Menschen dort leben in Armut, genießen aber die Natur, das Leben und die einfachen Dinge. Sie sind im Allgemeinen glücklicher und freundlicher, trotz weniger materieller Mittel.

Und das ist etwas, was ich mir als Ziel gesetzt hatte: eine Balance zwischen der materiellen und der geistigen Welt zu finden. Denn nur so kann man wirklich zufrieden und vollkommen leben.

Während meiner Zeit in Australien war eine Freundin aus Kanada bei mir. Sie war noch ziemlich jung, und wir hatten uns damals in Toronto bei einem Job in einem Golfklub kennengelernt. Als sie hörte, dass ich nach Australien reiste, wollte sie mitkommen. Ich hatte nicht lange überlegt und sie eingeladen. Rückblickend war das eine Art Probe für uns beide.

Sie war sehr rebellisch, klug, aber für das Farmleben nicht geeignet. Sie wollte nur Spaß haben und keine Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen. Irgendwie fühlte ich mich dafür verantwortlich, wie sie sich verhielt, nur weil sie mit mir unterwegs war. Schon damals war mir wichtig, dass meine Umgebung kein Spiegelbild von mir wurde – dass nicht alles, was andere taten, auf mich zurückfiel oder mein Leben beeinflusste.

Und trotz all dessen, was mich an ihr störte, liebte ich ihre rebellische Art. Irgendetwas daran zog mich an, vielleicht weil ich diesen Teil in mir selbst lange unterdrückt hatte oder nie ausleben durfte. An einem unserer freien Tage reisten wir spontan in eine Nachbarstadt, einfach um dort einen Tag zu verbringen – ohne Plan, ohne Ziel.

Dort trafen wir eine ebenso spontane Entscheidung: ein Nippel‑Piercing. Ich weiß bis heute nicht genau, ob es meine oder ihre Idee war. Wir liefen an einem Piercingstudio vorbei, und ich glaube, ich war es, die sagte: Lass uns hereingehen. Irgendwo tief in meiner Seele wollte ich das schon immer einmal tun.

Wir entschieden uns auf der Stelle. Innerhalb von zwei Minuten hatte ich ein Nippel‑Piercing auf der linken Seite. Wozu das Ganze? Ein Akt der Freiheit. Ein Zeichen von Selbstbestimmung.

Heute weiß ich, dass ich viel zu streng erzogen wurde. Mir wurde als Kind so vieles verboten. Ich durfte nicht schwimmen gehen, weil meine Oma Angst hatte, ich könnte ertrinken. Ich durfte nicht lange draußenbleiben. Ich durfte so vieles nicht. Ich bin eine 5 – und das Schlimmste, was man uns antun kann, ist, uns zu kontrollieren oder uns die Freiheit zu nehmen. Und dieses ständige Nicht‑dürfen erzeugte eine rebellische Energie in mir. Ich konnte sie erst mit 27 wirklich herauslassen. Aber egal wann – Hauptsache, sie durfte endlich raus. Und das möchte ich dir auch mit auf den Weg geben: Unterdrücke deine eigenen Wünsche nicht. Lebe sie – selbst wenn es erst später im Leben geschieht. Es heilt.

Unsere Freundschaft löste sich schließlich auf, als sie irgendwann einen Betrug beging – ich möchte hier nicht ins Detail gehen. Aber ich erkenne heute: Ich zog manchmal Menschen an, die seelisch gut waren, aber nicht die innere Stärke hatten, sich selbst zu kontrollieren. Vielleicht war das ein Spiegel für mich – eine Lektion, nicht zu hart mit mir selbst zu sein, wenn ich an meinen eigenen Schwächen arbeitete.

Später schrieb mir ihre Mutter und bedankte sich bei mir. Sie sagte, sie habe sich sicherer gefühlt, weil ihre Tochter unter meiner Obhut war und sie wusste, dass ich auf sie aufpassen würde. Das berührte mich sehr – und bestätigte mir wieder, dass Verantwortung für andere auch bedeutet, sie zu stärken, ohne sich selbst zu verlieren.

Ich setzte mich damals selbst enorm unter Druck wegen der noch bestehenden Kredite in Deutschland, die ich gemeinsam mit meinem Exfreund monatlich abzahlte. Jeden Monat kamen zusätzlich hohe Zinsen für die Überweisungen aus Australien dazu. Es wurde immer teurer, und ich erzählte meiner Oma davon.

Sie schlug vor, die restliche Summe für etwa acht Monate zu übernehmen, damit alles auf einmal beglichen wäre. Ich nahm ihre Hilfe an. Ich bat sie nicht um das Geld – es war eine freiwillige Entscheidung von ihr, mich zu unterstützen.

Doch auch das wurde innerhalb der Familie bekannt. Mein Vater wirft mir bis heute vor, dass sie mich damals unterstützt hat. Und meine Cousine machte eine merkwürdige Bemerkung über das Wort „freiwillig“. Sie konnte es einfach nicht ertragen, dass die Verbindung zwischen meiner Oma und mir so stark war, dass sie mich sogar finanziell unterstützte.

Was dabei immer vergessen wurde: Sie war eine Elternfigur für mich. Wirft man Eltern oder Großeltern vor, ihre Kinder zu unterstützen? Für mich ist das etwas völlig Natürliches. Mich belastet das bis heute nicht – im Gegenteil: Es zeigt mir nur, wie viel Neid, Missgunst und Bewertung innerhalb der Familie schon immer vorhanden waren, aber lange verschwiegen wurden.

Was sie nicht wussten: Ich habe das alles immer gespürt. Und Jahre später wurde es sogar ausgesprochen – all das, was ich schon so lange in mir getragen hatte.

Doch hier, in Australien, wurde noch etwas anderes geboren: ein offener und tiefer Hass gegen mich. In ihren Augen war es bereits unverschämt, dass ich es mir erlaubte, ein solches Leben zu führen. Und dann bekam ich auch noch freiwillige Unterstützung von meiner Oma. Für sie waren sie schließlich auch Enkelkinder.

Was sie dabei nie gefragt haben:  Wie viel habe ich für unsere Oma getan? Wie präsent war ich wirklich in ihrem Leben?

Und genau das wurde gegen mich verwendet: „Du bist schlecht mit Geld, das ist deine Schwäche.“ Je mehr ich im Leben erreichte, desto stärker wurde dieser Bereich meines Lebens unter die Lupe genommen. Es wurde so oft angedeutet, dass ich irgendwann selbst angefangen habe, daran zu glauben. 

Es war ein inneres Programm, das mir über die Ahnenlinie weitergegeben wurde – es war nicht meines, und ich musste es durchbrechen. Ich trage die Kraft meines Stammbaums in mir. Ich bin diejenige, die alte Muster erkennt und durchbricht – Prägungen, Programme und Dynamiken, die über Generationen weitergegeben wurden. Und genau das macht unbequem. Ich werde von der Familie nicht immer verstanden und manchmal sogar gehasst. Aber das zeigt nur, wie stark die Veränderungen sind, die ich bewirke.

Nicht jeder kann oder will sehen, wenn jemand den Kreislauf unterbricht. Deshalb stößt man damit oft auf Widerstand, Ablehnung oder Unverständnis innerhalb der Familie. Weil Veränderung Angst macht. Doch Angst war nie etwas, das ich besaß – zumindest nicht, wenn es um Veränderung ging

Neuntes Kapitel

Und so lebte ich mein Leben immer weiter – ohne Angst.

Es gab unzählige Momente und Situationen, in denen es bei sehr konservativen Menschen allein durch das Zuhören meiner Geschichten die Haare zu Berge stehen ließ. Doch für mich fühlte sich all das nie besonders riskant an, nie extrem, sondern vielmehr wie ein natürlicher Ausdruck meines Weges.

Auf meinem Weg begegnete ich vielen interessanten Menschen – Menschen, die das Leben noch intensiver, noch radikaler lebten und die 13. Energie in vollen Zügen genossen. Ich hingegen ging meinen eigenen Rhythmus. Vorsichtig, manchmal unüberlegt, manchmal viel zu lange überlegend – und doch immer bereit, irgendwann zu riskieren.
Denn Risiko war für mich nie bloßer Leichtsinn. Risiko war Adrenalin.

Risiko bedeutete Wachstum.

Was kannst du vom Leben erwarten, wenn du es nach den ganz normalen Mustern anderer Menschen lebst – nach jenen Mustern, die sie selbst als vernünftig erklärt haben? Doch was ist überhaupt vernünftig? Akzeptiert zu werden? Geliebt zu werden?
Nicht aus der Reihe zu tanzen – und wofür eigentlich?

Damit irgendwann irgendeine Karen, die ihr Leben lang nichts gewagt hat, eine Bewertung über dein Leben abgeben kann?

Ist es das wirklich wert, dafür dein eigenes Leben klein zu halten?
Ich habe sehr früh verstanden, dass mein einziges Vorbild immer ich selbst sein sollte.

Jeden Tag ein kleines Stück besser als am Tag zuvor.

Ja, ich habe viele Fehler in meinem Leben gemacht – weil ich nicht in den besten Verhältnissen aufgewachsen bin, weil es keine Person gab, die mich jemals zu hundert Prozent verstehen konnte, und weil ich auf irgendeine Art und Weise immer wieder Abwertung erlebte.

Ich habe viele Jahre meines Lebens verschenkt.

So viel Zeit an Menschen, die sich von meinem Potenzial nährten – während sie mich gleichzeitig immer weiter nach unten zogen.

Besonders deutlich zeigte sich das in engen Freundschaften. Nie ganz offen. Nie eindeutig sichtbar. Immer lag eine Schicht darüber – eine feine Tarnung, die alles verdeckte, weil man mich ja im Leben behalten wollte. Nicht aus Liebe. Sondern aus Bedürftigkeit.

Erst als ich begann, wirklich an mir selbst zu arbeiten, veränderte sich etwas. Nicht von einem Tag auf den anderen. Nicht plötzlich. Nicht laut.

Es war ein jahrelanger Prozess – ein leiser Weg, der mich Schritt für Schritt stärkte, mich selbstbewusster machte und mir schließlich die wahren Gesichter meiner Umgebung zeigte.

Nicht, um mich zu verletzen. Sondern, um mich endlich zu mir selbst zurückzuführen.

 So führten mich meine Wege auch immer wieder in gefährliche Situationen – Momente, in denen mein Mut und meine Geduld auf eine stille, aber eindringliche Weise geprüft wurden.

Noch immer in Australien machte ich mich eines Tages gemeinsam mit einer Freundin aus Taiwan auf den Weg nach Brisbane. Wir wollten shoppen gehen, weil ich mir einen Koffer für meine bevorstehende Reise zurück nach Kanada kaufen musste. Die Fahrt dauerte etwa drei Stunden, und eigentlich hätten wir problemlos in der Stadt übernachten können. Es war bekannt – beinahe eine unausgesprochene Regel –, dass man in Australien nachts nicht fährt, wegen des wilden Nachtlebens der Tiere, das die Straßen in der Dunkelheit
unberechenbar macht.

Doch ich fühlte mich nach Hause gezogen.

Ich wollte unbedingt in meinem eigenen Bett schlafen. Ich wollte nicht noch eine weitere Nacht unterwegs verbringen, nicht noch einmal fremde Wände um mich haben. Also machten wir uns auf den Weg zurück – obwohl ich wusste, dass man nachts in Australien
nicht fährt.

Dass die Strecke von Brisbane durch dunkle, endlose Wälder führt, in denen es keinen Handyempfang gibt.

Dass Kängurus, Wombats und Emus unvermittelt auf die Straße springen können – schwer, massiv, unberechenbar – und ein Zusammenstoß nicht nur ein Auto zerstören, sondern auch das eigene Leben gefährden kann.

Ich wusste, dass riesige Trucks diese Straßen nutzen, dass es Geschichten über verschwundene Backpacker gibt, Geschichten, die man sich abends am Feuer erzählt und am nächsten Morgen wieder verdrängt. Und ich wusste auch, dass selbst in den scheinbar warmen Sommermonaten – die in Australien eigentlich als Wintermonate angesehen werden – die Nächte so kalt werden, dass der Körper ohne Jacke zu zittern beginnt, still wird, langsamer wird.

Und doch fuhr ich los. Getragen von einer inneren Ruhe, die stärker war als jede Vernunft. Nicht aus Leichtsinn. Nicht aus Trotz.
Sondern aus einem tiefen, unerklärlichen Drängen heraus – als würde etwas in mir flüstern, dass dieser Weg gegangen werden musste, auch wenn er sich im Dunkeln verlor.

Und so wurde es auch bestätigt.
Es war stockdunkel. Wir fuhren durch den Wald – ohne Empfang, ohne Licht, ohne jede Orientierung außer der schmalen Straße vor uns. Ich fuhr schneller, als es vielleicht empfohlen wird, wenn man nachts durch australische Wälder fährt, aber nicht so schnell, dass es sich für mich wie ein echtes Risiko anfühlte. Es war dieses Zwischenmaß — jenes
Tempo, bei dem man glaubt, noch alles unter Kontrolle zu haben.
Bis es passierte…

Während das Außen vollkommen unsicher wurde, wurde es in mir ruhig.

Ich wusste, dass jetzt keine Panik helfen würde.Dass Angst nichts verändern konnte.

Dass es keinen Grund gab, verrückt zu werden.

Ich wusste — auf eine Weise, die nicht erklärbar ist — dass alles gut sein würde.

Diese Ruhe war nicht neu. Sie hatte mich mein ganzes Leben begleitet. Und vielleicht in dieser Nacht im Wald verstand ich zum ersten Mal wirklich, woher sie kam.

Als ich vier Jahre alt war, veränderte sich meine Welt. In diesem Alter versteht ein Kind keine Gründe, keine Entscheidungen, keine Erklärungen.

Es spürt nur, dass sich etwas grundlegend verschiebt — dass die Welt, wie sie einmal war, nicht mehr dieselbe ist.

Von diesem Moment an lebte ich zwischen zwei Welten.

Nicht mehr ganz dort, wo ich herkam.

Noch nicht wirklich dort, wo ich nun war.

In diesem Dazwischen begann meine innere Welt zu entstehen.
Ein stiller Raum, den ich mir schuf, lange bevor ich Worte dafür hatte. Ein Ort, an dem ich Ordnung fand, während das Außen wechselte. Ein Ort, an dem ich bleiben durfte, wenn nichts sicher schien.

Dort lernte ich früh etwas Entscheidendes: ruhig zu werden, um zu überleben.

Nicht aus Kälte. Nicht aus Abwesenheit von Gefühl. Sondern aus Schutz.
Während andere Kinder Halt im Außen fanden, musste ich ihn in mir selbst erschaffen.

Und genau diese frühe innere Ordnung wurde später zu meiner Stärke.
In schwierigen Situationen übernimmt sie bis heute die Führung.
Wenn Unsicherheit entsteht, wenn Gefahr spürbar wird, wenn alles schwankt, wird es in mir still — nicht leer, sondern klar.

Diese Kontrolle ist kein bewusster Akt. Sie ist Erinnerung.
Die Erinnerung eines vierjährigen Kindes, das zwischen zwei Welten lebte und dort lernte, sich selbst zu halten.

In jener Nacht im australischen Wald war ich wieder dort — nicht als Kind, sondern als erwachsene Frau. Und doch war es dieselbe innere Stimme, dieselbe Ruhe, derselbe Raum, der mich trug.

Nicht, weil nichts hätte passieren können.

Sondern weil ich gelernt hatte, ruhig zu bleiben, wenn das Leben unsicher wird.

Und vielleicht war genau das der Moment, in dem sich der Kreis schloss — zwischen damals und jetzt, zwischen Kindheit und Gegenwart, zwischen Angst und Vertrauen.

Ich vertraute darauf, dass alles gut ausgehen würde. Und genau so war es.

Nach etwa einer Stunde — vielleicht auch etwas länger — sprang der Motor plötzlich wieder an. Nicht, weil ich wusste, wie man ihn repariert, sondern weil ich immer wieder versucht hatte, ohne Hast, ohne Druck, getragen von dem Gefühl, dass Aufgeben jetzt keine Option war.

Wir konnten weiterfahren.

Vor uns lagen noch etwa zweieinhalb Stunden Fahrt. Doch ich wusste: Wenn wir es nur aus diesem dunklen Wald hinaus schaffen würden, wäre es bereits gut genug. Dann gäbe es zumindest eine Straße, vielleicht ein Licht, vielleicht irgendein Ort, an dem Hilfe möglich wäre.

Und tatsächlich — irgendwann erreichten wir eine Landstraße.
Am Rand stand ein einziges Haus.
Licht brannte darin. Wir hielten kurz an, sahen einander an und überlegten, ob wir dort anhalten oder einfach weiterfahren sollten. Es waren schließlich nur noch etwa anderthalb Stunden bis nach Hause.

Also fuhren wir weiter. Das Wasser lief die ganze Zeit weiter aus dem Wagen, und niemand wusste, was sich währenddessen im Inneren des Autos abspielte — welche Schäden entstanden waren, welche Teile bereits nachgegeben hatten und ob wir überhaupt noch sicher weiterfahren konnten.

Doch kaum waren wir ein paar Meter entfernt, meldete sich meine innere Stimme — leise, aber klar.

Geh zurück. Frag dort nach Hilfe.
Diese Stimme begleitet mich mein ganzes Leben lang. Diese Stimme ist mein Schutz.
Und ich lernte sehr früh, auf sie zu hören.
Ohne lange Diskussion drehten wir um und hielten an dem Haus an der Kreuzung.
Die Menschen hatten unser Auto bereits gehört. Noch bevor wir richtig ausgestiegen waren, kamen mehrere Personen nach draußen. Es war eine Familie — Mutter, Vater, zwei Töchter und der Freund einer der Töchter.

Und dieser Freund war zufällig Kfz-Mechaniker.

Sie nahmen uns warm auf, als würden sie uns kennen. Sie boten uns Essen an, eine warme Dusche, ein Bett für die Nacht. Während wir endlich wieder Wärme spürten, stellte der Freund das Auto in die Garage und begann zu schauen, was passiert war.

Am frühen Morgen hatte er das Loch provisorisch geklebt. Es sollte ausreichen, um sicher nach Hause zu kommen, damit ich das Auto später in eine Werkstatt bringen konnte.

Alles geschah so selbstverständlich. So menschlich. So still. Wir waren Fremde. In einem fremden Land. Mitten in der Nacht.

Und doch öffneten diese Menschen ihre Tür, ihre Garage, ihr Zuhause — ohne Zögern, ohne Angst, ohne Misstrauen.

Am späten Nachmittag, nachdem der Kleber etwa acht Stunden getrocknet war, verabschiedeten wir uns. Wir fuhren langsam los, dankbar, berührt, beinahe sprachlos — und kamen heil nach Hause.

Das war eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens.

Ein Segen. Ein schicksalhafter Moment. Ein stiller Beweis dafür, dass es noch immer sehr viele gute Menschen gibt — Menschen, die ihre eigene Angst zur Seite stellen, um zu helfen.

In diesem Moment fragte ich mich, ob jemand in Europa wohl dasselbe getan hätte. Und leider formte sich in mir sofort eine leise, traurige Antwort — weil dort oft zuerst über Gefahr gesprochen wird, bevor man dem Herzen zuhört. Diese Menschen aber handelten aus dem Augenblick heraus. Aus einer inneren Klarheit.

Aus Menschlichkeit.
Für mich war es ein Zeichen — vielleicht sogar ein Gruß unserer Engel.
Ich wusste, diese Nacht sollte mir etwas zeigen.
Einen Beweis dafür liefern, was innere Ruhe bewirken kann — und was geschieht, wenn man der Angst nicht erlaubt, die eigenen Gedanken zu kontrollieren.

Denn dort, wo Vertrauen bleibt, findet das Leben immer einen Weg.
Einige Wochen nach diesem Ereignis — nachdem das Auto repariert worden war — fuhr ich noch einmal zurück. Dieses Mal nicht aus Not, nicht aus Angst, sondern mit einer Kiste voller Bier und Süßigkeiten im Kofferraum.

Ich wollte mich bedanken.

Nicht nur für die Hilfe in jener Nacht, sondern für die Menschlichkeit, die sie uns geschenkt hatten. Für die Wärme, die sie uns gaben, als wir fremd waren. Für das Vertrauen, das sie uns entgegenbrachten, ohne Fragen zu stellen.

Ich wollte diese Herzlichkeit weitergeben.
Ich wollte, dass sie sehen, dass ihr Handeln etwas bewirkt hatte — dass es nicht selbstverständlich war, nicht übersehen, nicht vergessen.

Dass solche Gesten Spuren hinterlassen.
Denn genau das wollte ich ihnen zeigen: dass ihre Offenheit und Unterstützung gesehen und geschätzt wurden.
Und gleichzeitig spürte ich etwas Tieferes in mir.
Wie viel schöner diese Welt wäre, wenn solche Momente nicht als Ausnahme empfunden würden — sondern als etwas
Selbstverständliches.

Wenn Hilfe nicht zuerst durch Angst gefiltert würde. Wenn Menschlichkeit nicht erklärt, sondern gelebt würde.

Vielleicht war auch das ein Teil der Botschaft dieser Nacht: dass Güte sich vervielfacht, wenn man sie weiterträgt.

Und dass jede kleine Handlung — so unscheinbar sie wirken mag — die Welt ein wenig heller machen kann.

Australien hinterließ einen besonderen Wert in mir. Dort erlaubte ich meinem inneren Ich,
endlich hervorzutreten — so frei, so ungezähmt und so lebendig zu sein, wie es sich meine
Seele immer gewünscht hatte.

In Australien ging ich keine romantischen Beziehungen ein. Diese Zeit war nicht dafür gedacht. Ich las sehr viel, verbesserte dadurch meine Englischkenntnisse, verbrachte unzählige Stunden mit mir selbst und begann, mich auf eine tiefere Weise kennenzulernen — jenseits von Ablenkung, jenseits von äußeren Rollen.
An einem dieser Tage, während wir auf die nächste Picking Season warteten, saßen meine Freundin und ich auf der Farm. Wir lebten in einer einfachen Donga, container-artiges Wohnmodul, und an diesem Nachmittag lagen wir draußen auf der Wiese — auf einer Decke. Ich las, sie spielte auf ihrem Handy. Alles war still, weit, fast zeitlos.
Bis ich plötzlich ihre Stimme hörte.
Ganz ruhig sagte sie mir, ich solle mich nicht umdrehen.
Und wie es der menschliche Reflex in solchen Momenten ist, drehte ich mich dennoch um.

Etwa einen Meter von unserer Decke entfernt bewegte sich — fast traumartig — eine braune Schlange. Sie glitt langsam über die Wiese, direkt aus Richtung des Feldes. Für einen Moment wirkte alles unwirklich: die Sonne blendete, das Gras war intensiv grün, und mitten darin bewegte sich eines der gefährlichsten Tiere der Welt. Es war eine Eastern Brown Snake — eines der giftigsten Lebewesen dieses Kontinents. Ihr Gift wirkt schnell, lautlos und gnadenlos. Ein einziger Biss kann innerhalb kurzer Zeit das Nervensystem lähmen, die Blutgerinnung zerstören und selbst gesunde Erwachsene in Lebensgefahr bringen, wenn nicht sofort medizinische Hilfe erfolgt.

Doch ihre Gefährlichkeit liegt nicht nur in ihrem Gift, sondern in ihrer Unberechenbarkeit. Sie greift nicht aus Jagd an, sondern aus Verteidigung — oft schneller, als das menschliche Auge reagieren kann. Ein einziger falscher Schritt, eine unbedachte Bewegung, ein Moment der Panik hätte ausgereicht.

Ihr Körper war schlank, muskulös, perfekt angepasst an Geschwindigkeit. Jede Bewegung wirkte kontrolliert, fast lautlos, als würde sie mit dem Boden verschmelzen. Sie brauchte keine Drohgebärde, kein Zischen — ihre bloße Anwesenheit war Warnung genug.

In dieser Sekunde wurde mir bewusst, wie dünn die Grenze zwischen Leben und Gefahr manchmal ist. Wie still sie sein kann. Und wie wenig es braucht, damit sich alles verändert.

Aber sie schien uns vollkommen ignoriert zu haben — als wären wir gar nicht da.

Wir hielten inne. Völlig still. Wie eingefroren.

Niemand wusste, was zu tun war.

Als sich die Schlange langsam ein Stück von uns entfernte, begann meine Freundin nach dem ehemaligen Mitarbeiter der Farm zu rufen — einem Mann, der bereits im Ruhestand war und noch auf dem Gelände lebte.

Die Schlange kroch unter einen Holzstapel und verschwand dort.

Es war Winter in Australien — vermutlich ein Julitag. Eigentlich hätte sie zu dieser Zeit gar nicht draußen sein sollen. Vielleicht war sie deshalb so träge, so langsam.

Der Mann hieß Mof.

Er kam heraus, sichtbar verwundert darüber, dass wir ihn aus seinem Mittagsschlaf geweckt hatten. Mit einem fragenden Blick wollte er wissen, was los sei. Wir erklärten ihm die Situation. Ohne große Worte ging er in seinen Trailer, holte einen Besen und begann damit, kräftig auf den Holzstapel zu schlagen, um die Schlange herauszutreiben.

Und dann war sie wieder da. Sie kroch hervor — nicht aggressiv, nicht angreifend, eher verwirrt.

Mof schlug mehrmals auf die Wirbelsäule der Schlange, bis er überzeugt war, dass sie tot sei. Wir konnten kaum glauben, was wir sahen — denn ihr Körper bewegte sich weiterhin. Er erklärte uns ruhig, dass sich der Körper einer Schlange noch bis zu einer Stunde nach dem Tod bewegen könne.

Schließlich hob er sie mit dem Besen auf und legte sie in eine große Schüssel.

Er sagte, man müsse einer Schlange immer das Rückgrat brechen — so tötet man sie… Ein Tierschutzmitglied würde sich über diese Situation vermutlich aufregen. Ja — ich fand es traurig, dass die Schlange sterben musste. Und gleichzeitig war mir bewusst, dass es auch einer von uns hätte sein können, wenn sie nicht vom Gelände vertrieben worden wäre… Und wieder wurden wir von einem Schutzengel bewahrt.

Ja — wir hatten richtig gehandelt. Wir waren stehen geblieben, hatten innegehalten, hatten nichts überstürzt. Diese innere Ruhe hatte es möglich gemacht, dass die Schlange uns nicht als Gefahr wahrnahm — und wir nicht angegriffen wurden.

Hätten wir aus Angst reagiert, wäre vielleicht alles anders gekommen. Vielleicht würde ich heute dieses Buch nicht schreiben können. Denn Angst macht laut, unkontrolliert, sichtbar.

Sie sendet Unruhe aus — und Unruhe wird in der Natur als Bedrohung erkannt.

So aber blieb alles still. Und wieder zeigte sich, dass innere Ruhe nicht Schwäche ist, sondern ein tiefer Schutzinstinkt. Eine Kraft, die den Menschen selbst aus den gefährlichsten Situationen führen kann — wenn er ihr vertraut.

Das Universum hat uns ein Schutzengel geschickt.

Diesmal in der Gestalt von Mof.

Nicht spektakulär. Nicht überirdisch.

Ein alter Mann mit einem Besen in der Hand – und doch genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Vielleicht sind Schutzengel manchmal genau das: Menschen, die ohne Zögern handeln, wenn andere noch überlegen.

Und vielleicht erinnert uns das Leben genau dadurch daran, dass wir niemals wirklich allein sind – solange wir bereit sind, zu vertrauen.

Mof war fünfundsiebzig Jahre alt. Ein Australier alter Schule.

Ein Mann, der sein ganzes Leben mit solchen Tieren gelebt hatte – mit Respekt, aber ohne Angst.

Nach der Arbeit fuhr er jeden Abend mit den anderen Farmarbeitern in eine kleine lokale Bar. Dort traf sich das ganze Dorf. Man trank ein paar Bier, tauschte sich aus, und kannte einander.

Mundubbera war eine kleine ländliche Gemeinde, etwa 400 Kilometer nordwestlich von Brisbane, gelegen am Burnett River. Es lebten dort nur etwas über tausend Menschen – und genau deshalb kannte jeder jeden. Das Leben war überschaubar, ruhig, beinahe zeitlos.

Und genau das war das soziale Gefüge dieses Ortes: Gemeinschaft, Nähe und einfache Gespräche nach einem langen Tag – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Diese Szene blieb tief in mir. Nicht wegen der Schlange – sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der das Leben dort genommen wurde.

Roh. Echt. Und vollkommen präsent.

Im September 2014 war für mich die Zeit gekommen, nach Hause zu gehen. Ich verließ Australien mit tiefer Dankbarkeit für all die Erfahrungen und das innere Wachstum, das diese Zeit in mir hinterlassen hatte, und hielt für eine Woche in Deutschland an, bevor es weiter nach Kanada gehen sollte – dorthin, wo mein Studium beginnen würde.

Ich besuchte meine Oma und meine Familie und spürte, dass ich bereit war, ein neues Leben anzufangen. Ein Leben in der westlichen Zivilisation. Es bedeutete für mich, die materielle Welt wieder in mein Leben einzuladen – bewusst, achtsam und mit dem Wissen, dass sie nicht mehr mein Maßstab sein durfte, sondern nur ein Teil meines Weges.

Diese Woche in Deutschland fühlte sich wie ein stiller Übergang an – ein bewusstes Innehalten zwischen zwei Kapiteln meines Lebens.
In dieser Zeit heiratete auch eine Cousine von mir. Zu dieser Hochzeit wurde auch mein Exfreund eingeladen.

Er kam bei meiner Schwester an, und wir haben uns bewusst dafür entschieden, uns nach der Trennung in einem geschützten Rahmen zu sehen. Es war das erste Mal, dass wir uns seit unserem Abschied wieder begegnen würden. Schließlich gab es noch einige Möbelstücke, die wir damals bei seinem Onkel untergestellt hatten und die nun abgeholt werden mussten.

Wir regelten alles ruhig und respektvoll, teilten die Dinge auf – einiges ging zu meinen Eltern, anderes verkaufte ich.

Doch bei diesem Treffen ging es nicht um Gegenstände. Es ging um das emotionale Loslassen.

Ich wollte nicht, dass unsere Familie unser Wiedersehen während der Hochzeit beobachtet.

Ich erlaubte mir nicht, dass etwas so Persönliches zur Schau gestellt wurde…

Als er bei meiner Schwester ankam, öffnete ich die Tür – und fiel in seine Arme. Es war ein gesundes Gefühl. Das Wiedersehen mit einem Menschen, der lange Zeit sehr wichtig für mich gewesen war.

Wir waren im Guten auseinandergegangen. Und in dieser Umarmung zeigte sich all das, was noch da war: Wertschätzung, Dankbarkeit und Respekt für das, was wir miteinander erlebt hatten – und gleichzeitig die klare Gewissheit, dass ich emotional bereits einen ganz anderen Weg ging. Ich war ihm dankbar für unsere gemeinsame Zeit. Doch mein Leben hat sich längst weiterbewegt.

Kurz nach der Hochzeit meiner Cousine verließ ich Deutschland erneut – diesmal mit einem klaren Plan im Herzen: Kanada. Ein neuer Abschnitt wartete bereits auf mich

Etwas sprang von links direkt auf das Auto zu.Es war ein harter, dumpfer Aufprall — ein brutales Bum-Geräusch, das durch den ganzen Wagen ging. Das Auto stoppte abrupt, und wir hielten in Angst und völliger Überraschung an.

Ich hatte es für einen Sekundenbruchteil gesehen – diese Bewegung aus dem Dunkel –, doch ich war nicht schnell genug gewesen, um rechtzeitig zu bremsen.

Ein paar Sekunden vergingen, bis wir beide überhaupt verstanden, was geschehen war. Die Stille danach war fast noch beängstigender als der Aufprall selbst.

Ich stieg aus, um herauszufinden, was es gewesen war. Hatte ich Angst, dass etwas mich anspringen könnte? Ja – vielleicht ein wenig. Aber nicht wirklich. Meine größere Sorge war eine andere: dass dieses Wesen tot sein könnte. Und genau so war es.

Es war ein Wallaby – ein Tier, das einem Känguru ähnelt, nur kleiner, kompakter. Ein Känguru hätte mein Auto bei dieser Geschwindigkeit vermutlich vollständig zerstört.

Schließlich war es nur ein kleiner Opel.

Doch etwas anderes fiel mir sofort auf. Wasser begann aus dem Kondensator zu laufen.

Wahrscheinlich war der Aufprall nicht nur durch das Tier selbst entstanden, sondern auch durch einen Stein am Boden, auf den das Auto beim Zusammenstoß geschlagen war.

Wir stiegen sofort wieder ein. Ein wenig traurig wegen des Tieres – und doch mit dem klaren Ziel, weiterzufahren.
Aber etwas stimmte nicht.

Das Auto ruckelte. Es sprang nicht mehr richtig an. Der Motor reagierte nicht. Und plötzlich saßen wir da.

Ohne Jacken.
Es war 21:00 Uhr.
Mitten im Nirgendwo.
Ein Auto, das nicht ansprang. Keine Wärme. Kein Handyempfang. Keine Lichter.

Nur Dunkelheit, Wald – und diese wachsende Stille, die sich langsam um uns legte … Vielleicht ist es wichtig zu erwähnen, dass es in den Sommermonaten – so wie in den Winterzeiten der westlichen Länder – in Australien sehr früh dunkel wird. Doch diese Dunkelheit ist mit nichts zu vergleichen, was man aus Europa kennt. Sie ist nicht einfach nur Nacht. In Australien ist Dunkelheit vollständig. Man sieht nichts. Nicht einmal einen Schatten. Kein Umriss, keine Bewegung, keinen Übergang zwischen Licht und Finsternis.
Die Welt scheint zu verschwinden.
In solchen Momenten beginnen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf zu strömen – Szenarien, Ängste, Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Und doch geschah etwas Eigenartiges.

Zehntes Kapitel

Und so setzte mein Flugzeug aus Deutschland wieder in Vancouver auf.

  Es war nicht nur eine Landung auf einem anderen Kontinent. Es war eine Landung in einem neuen Lebensabschnitt.

  Ich kam mit einem tiefen Wunsch im Herzen: Modedesign zu studieren. Doch eigentlich wollte ich noch viel mehr. Ich wollte mir ein Leben erschaffen – eines, in dem ich nach meinen eigenen Vorstellungen leben würde. So, wie ich es mir schon so lange erträumt hatte und schon einige Zeit tat. Nicht angepasst oder vorgegeben. Sondern bewusst gewählt.

  Was faszinierte mich so sehr an Kanada?

  Es war dieses Gefühl von Anderssein. Andere Läden. Eine andere Kultur. Andere Menschen – mit so vielen unterschiedlichen Charakteren, so vielen individuellen Ausdrucksformen. Und vor allem: Es wurde weniger nach einem starren System gelebt, wie ich es aus Deutschland kannte.

  Hier schien es Raum zu geben. Raum für die Eigenheit und Individualität. Raum für Anderssein.

  Jeder war hier auf seine Weise anders – und genau das war normal. Es war vollkommen normal, nicht streng nach gesellschaftlichen Regeln zu funktionieren. Zumindest größtenteils. Dieses „Du musst so sein“ war leiser. Weicher. Weiter entfernt.

  Was mich tief berührte, war die Freundlichkeit der Menschen. Man wurde auf der Straße angesprochen – einfach so. Nicht, weil man etwas wollte. Sondern weil man etwas Wertschätzendes teilen wollte. Ein Kompliment. Ein Lächeln. Ein freundliches Wort.

  In Kanada scheuen sich Menschen nicht, im Vorbeigehen zu sagen: „Du siehst toll aus.“

  „Was für ein schöner Mantel.“ „Du hast ein wunderbares Lächeln.“


  Diese Offenheit hatte etwas Heilendes. Es war, als würde man gesehen werden – ohne bewertet zu werden.

  Es war diese positive, offene Art der Menschen, die mich tief berührte und mir sofort gefiel.Man wurde nicht so schnell verurteilt. Dieses Schubladendenken, das ich kannte, existierte hier kaum in meinem Alltag. Und wenn es da war, dann berührte es mein Leben zunächst nicht. Ich durfte einfach sein.

Erst später – im Berufsleben – änderte sich das. Dort begann die Konkurrenz. Dort begann das Suchen nach Schwächen. Dort spürte ich wieder dieses alte Feld von Bewertung und Vergleich. Doch in diesen ersten Momenten in Kanada war da vor allem eines: Freiheit.

  Der wichtigste Wunsch eines Menschen, der die 5. Energie in sich trägt, ist Freiheit. Freiheit in allem.
  
Und so lebte ich mein Leben – lange Zeit unbewusst. Nicht, weil ich es schon wusste. Sondern weil ich meiner inneren Stimme folgte. Ich hörte auf dieses leise, aber klare Wissen in mir. Dieses Gefühl von „Hier entlang“.

  Erst als ich mich intensiver mit Numerologie beschäftigte, wurde mir bewusst, wie sehr ich Freiheit in meinem Leben priorisiert hatte. Wie konsequent ich sie immer gewählt habe. Wie kompromisslos ich sie suchte.

  Es war mein innerer Motor. Mein unsichtbarer Kompass. 

  Mein größter Wunsch war immer, glücklich und frei zu sein. Und ich verstand irgendwann: Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Für mich zumindest nicht. Glück ohne Freiheit fühlte sich wie ein goldener Käfig an. Freiheit ohne inneres Glück wie Orientierungslosigkeit.

  Und genau deshalb rutschte ich immer wieder in Situationen, die mich lehren sollten, was wahre Freiheit wirklich bedeutet.

  Nicht die Freiheit, vor etwas wegzulaufen oder Regeln zu brechen. Sondern die Freiheit, bewusst zu wählen.

  Die Freiheit, Verantwortung für mein eigenes Leben zu übernehmen. Die Freiheit, Grenzen zu setzen. Die Freiheit, mich nicht kleiner zu machen, nur damit andere sich größer fühlen.

  Rückblickend sehe ich: Jede Situation, die sich eng anfühlte, war kein Zufall. Sie war ein Spiegel. Sie zeigte mir, wo ich mich noch selbst begrenzte. Wo ich aus Angst handelte. Wo ich mich anpasste, obwohl meine Seele längst weiter wollte. Wo ich noch wachsen musste.

  Die 5. Energie sucht Bewegung und Weite. Sie sucht Erfahrung. Und ich sammelte diese Erfahrungen wie etwas Heiliges.

  Ich sammelte Erfahrungen mit einer inneren Hingabe, als würde jede Begegnung, jede Entscheidung, jede Reise ein Puzzlestück eines größeren Bildes sein. Für mich waren Erfahrungen nie nur Ereignisse. Sie waren Initiationen.

  Irgendwann, damals in Australien, empfahl mir ein Freund, ein Buch über mein Leben zu schreiben. Und er war nicht der Erste. Doch seine Worte blieben in meinem Unterbewusstsein – leise, aber präsent.

  In diesem Moment erschien mir diese Idee völlig unreal. Ich lächelte nur und sagte, dass ich noch etwas leben müsse, bevor ich überhaupt etwas zu erzählen hätte.

  Und genau so war es. Ich musste noch mehr Erfahrungen sammeln. Noch mehr erleben. Erst musste sich ein Weg formen, den man überhaupt verfolgen konnte – ein Weg, auf dem Entwicklung sichtbar wurde.

  So begann die Idee dieser Geschichte langsam zu reifen.

   
Und meine Erfahrungen waren es, die meine innere Welt heilten. Denn jede einzelne zeigte mir ein neues Bild von mir selbst. Wie ich mit Situationen umgehen lernte. Was ich fühlte. Was ich lernen durfte. Und was ich noch heilen musste.

  Kein Buch dieser Welt hätte das ersetzen können. Kein Abschluss, keine Universität, kein akademischer Titel kann einem Menschen geben, was die eigenen Lebenserfahrungen ihn lehren. Das Leben selbst war mein wahrer Lehrer.

  Und so begann mein Studium an einer privaten Fashion-Schule in Vancouver.

  Wie fasziniert ich war! Ein neues Schulgebäude in einer Großstadt. Neue Fächer. Neue Menschen um mich herum, die dasselbe Ziel hatten – Kreativität leben zu lassen.

  Jeder auf seine Weise talentiert. In einer kanadischen Privatschule zu lernen, fühlte sich für mich wie ein Privileg an. Und ich hatte es selbst bezahlt. Was es für mich noch wertvoller machte. Nur ich wusste, wie viel Schweiß, Schmerz und Erschöpfung hinter jedem einzelnen Cent steckten, den ich in diese Ausbildung investierte.

  Mein Englisch war zu diesem Zeitpunkt noch begrenzt. Es reichte für den Service – für das Arbeiten im Restaurant oder auf einer Farm. Die Fachbegriffe eines kreativen, intellektuellen Berufs waren mir neu. Viele Worte hörte ich zum ersten Mal.

  Und so sog ich alles auf wie besessen: Dummys, Stoffe, Messschnüre, Schnittmuster, Nähmaschinen, Industrienähmaschinen, Moodboards, Skizzenbücher, Drapieren am Mannequin, Textilkunde, Konstruktion, Pattern Making etc.

  All das trat in mein Leben – und ich war so begeistert. Es war, als hätte ich endlich einen Raum betreten, in dem meine Kreativität atmen durfte. Wo ich endlich ich sein konnte.

  Und natürlich – neben all dieser Aufregung – musste ich nicht nur studieren, sondern auch arbeiten.

  Ich habe die Schule im Voraus bezahlt. Für Lebensunterhalt und Miete blieb jedoch nichts übrig. Und jeder, der schon einmal in Vancouver war, weiß, wie teuer hier alles ist – vor allem die Miete … Also arbeitete ich weiterhin im Service – bis ich nach etwa sechs Monaten eine Stelle bei der internationalen Modekette in der Männerabteilung antritt.

  Diesen Job verdankte ich einer Verbindung über meine Mitbewohnerin. Sie arbeitete dort bereits und konnte ein Interview für mich arrangieren. So begann ich zunächst in Teilzeit, denn mit einem Studentenvisum durfte ich nur eine bestimmte Anzahl an Stunden arbeiten. Und das spiegelte sich natürlich in meinen Finanzen wider.

  Geld war immer knapp. Und genau dort begannen auch meine Geldthemen…

  Ich teilte mir eine Wohnung mit fünf anderen Mädchen. Ich mietete das Wohnzimmer – mit einer notdürftigen Abtrennung. Das bedeutete jedoch auch, dass ich alles hörte. Wenn jemand nachts in die Küche ging. Wenn eine Mitbewohnerin um Mitternacht die Waschmaschine einschaltete – einen Meter entfernt von meinem Schlafsofa.

   
Und ja, es knallte. Ich konnte eine gewisse Arroganz und Rücksichtslosigkeit nicht akzeptieren. Gleichzeitig war genau das eine weitere Lektion für mich: meine Grenzen zu erkennen. Sie nicht nur innerlich zu spüren, sondern sie auch auszusprechen.

  Es waren die ersten Schritte darin, für mich selbst einzustehen.  

  Ich war irgendwann fix und fertig. Unser Schulprogramm war so dicht gepackt, dass wir in einem einzigen Jahr all das lernen sollten, wofür ein klassisches Fashion-Studium vier Jahre braucht. Die Hausaufgaben endeten nie. Wirklich nie.

  Und ich war nicht von Natur aus eine begeisterte Näherin. Mich faszinierte das Design – das kreative Erschaffen, das Entwickeln von Ideen, das Zeichnen von Silhouetten, das Entstehen einer Vision auf weißem Papier. Auch das Auswählen der Stoffe liebte ich: Materialien zwischen den Fingern zu fühlen, Texturen zu vergleichen, Farben aufeinander abzustimmen.

  Schnittmustererstellung und Nähen waren nicht meine größte Leidenschaft – aber ich musste es beherrschen. Also lernte ich es. Diszipliniert. Hartnäckig.

  Nach der Schule. Nach meinen Arbeitsstunden.

  Oft blieb ich bis zwei oder drei Uhr morgens wach, weil noch so viel zu tun war. Ich erinnere mich an Kaffee und Baileys nach 22 Uhr, nur um mich wachzuhalten. Und früh am Morgen begann alles von vorn. Es hörte nicht auf.

  Meine Mitbewohnerinnen bekamen alles mit. Sie sahen mein Licht nachts brennen, hörten mich arbeiten, spürten meine Erschöpfung. Und sie ermutigten mich, weiterzumachen. Sie sagten mir immer wieder, dass ich das schaffen würde. Vielleicht war es auch ihr Glaube an mich, der mich nicht aufgeben ließ. Und ich bin diesen Mädchen sehr dankbar. Mit einigen von ihnen bin ich bis heute in gutem Kontakt.

  Der einzige Grund, zuerst aufzugeben, wäre Geld gewesen – und das Gefühl, dass meine Finanzen nicht ausreichen, um mir diesen Lebensstil leisten zu können. Denn in Deutschland hätte ich es in vieler Hinsicht leichter gehabt. Meine Standards dort waren hoch gewesen.

  Doch meine Lebensweise in den letzten Jahren – besonders nach Australien – hatte mich stark geerdet. Sie hat mich gelehrt, mit weniger auszukommen, einfacher zu leben und durchzuhalten. Also machte ich weiter. Oft mit zusammengebissenen Zähnen. Und gleichzeitig mit einer inneren Gewissheit: Ich werde es schaffen. Wenn andere es schaffen, werde ich es auch schaffen.

  Ich war nicht die Einzige aus dem Ausland hier. Und ich war stark. Ja, viele internationale Studierende hatten wohlhabende Eltern, die ihre Ausbildung und ihren Lebensunterhalt finanzierten.

  Aber es gab auch andere – Menschen, die alles selbst stemmten.

  Der Unterschied war: Viele von ihnen kamen aus schwierigen Verhältnissen und suchten hier ein besseres Leben. Ich dagegen kam aus besseren Umständen – und wollte trotzdem

   
noch mehr. Und genau deshalb fühlte es sich manchmal so unangenehm an, materiell eine Stufe nach unten zu gehen. Weil mein innerer Maßstab einmal anders gewesen war.

  Und ich war schon in meinen späten Zwanzigern.

  Ein Lichtblick in diesem Tunnel war eine Begegnung, die mich – so glaubte ich damals – aus diesem Hamsterrad herausholen sollte.

  An einem meiner Arbeitstage wurde ich in die Damenabteilung geschickt, weil die Kassiererin ausgefallen war. Die Warteschlangen dort waren deutlich länger, und ich sollte aushelfen, Kundinnen schnell abwickeln.

  Während ich arbeitete, wurde ich beobachtet – von einer Frau aus einem gehobenen Fashion-Brand, die selbst gerade in der Schlange stand. Als sie schließlich an der Reihe war und bezahlen wollte, schob sie mir ihre Visitenkarte zu und sagte nur, ich solle mich bei ihr melden.

  Ich hatte bereits erwähnt, dass die 7. Energie die Energie der Bewegung und der Schnelligkeit ist. Dass sie einem Menschen erlaubt, einen Quantensprung zu machen.

  Und genau so fühlte es sich an. Ich war immer schnell. In allem, was ich tat. Und genau das bemerkte sie. Ich wurde rekrutiert.

  Zu diesem Zeitpunkt schien es wie eine großartige Gelegenheit. Ein Schritt nach oben. Eine Tür, die sich öffnete.

  Doch innerlich spürte ich etwas ganz anderes. Innerhalb weniger Minuten wurde mir klar: Ich mochte diese Person nicht. Da war etwas in ihrer Energie, das mich sofort wachsam machte. Ich fühlte, dass es schwierig werden würde, mich mit einer solchen Energie zu verbinden. Meine Intuition war da – klar und deutlich.

  Und doch wusste ich auch: Das könnte mein Weg in eine bessere Zukunft sein. Besserer Verdienst. Leichtere Arbeit. Und vielleicht auch eine besondere berufliche Perspektive. Nach langem Überlegen entschied ich mich, nicht auf meine Intuition zu hören. Ich kündigte meinen Job – und wechselte in eine höhere Marke.

  Das war im Juni 2015.

  In der Numerologie ergibt die Quersumme dieses Jahres eine 8 – eine karmische Zahl. Eine Zahl des Ausgleichs. Entweder wird alles größer. Oder alles wird schwerer. Je nachdem, was meine Seele im früheren oder in diesem Leben angestellt hat.

  Nach außen hin wurde alles besser. Ein etwas besserer Verdienst.

  Eine höhere Marke – etwas, das für einen Menschen, der auf Status schaut, Bedeutung hat.  

  Und genau deshalb wurden Menschen wie ich, die noch nicht fest im Land standen, leicht ausgenutzt. In ihren Augen war es bereits ein Privileg, dort arbeiten zu dürfen. Mein

  „Verdienst“ war nicht das Gehalt – mein Verdienst war die Zugehörigkeit zu diesem Namen.

Sehr oft musste ich an meinen freien Tagen spontan last minute für ein paar Stunden in den Laden kommen, weil meine Chefin während ihrer Schicht mit jemandem Kaffee trinken gehen wollte. Und ich kam jedes Mal. Weil ich gut sein wollte.

  Ich konnte es mir gar nicht erlauben, am Wochenende irgendwohin zu fahren. Unbewusst wurde ich so stark unter Druck gesetzt, dass sich mein ganzes Leben nur noch darum drehte, wie gut oder schlecht meine Chefin gelaunt war. Meine Stimmung hing von ihrer Stimmung ab. Ich wollte gut sein.Ich merkte nicht, wie tief ihre narzisstische Schicht mich veränderte. Wie stark sie mich manipulierte. Und wie leicht ich es mit mir machen ließ.

  Obwohl ich sehr bewusst spürte, dass es nicht gut war, machte ich weiter. Weil ich ein Ziel hatte.

  Ich wollte später im Land bleiben. Und dafür brauchte ich eine Perspektive. Ich strebte eine feste, offizielle Stelle an – als Visual Merchandiser –, um später meine Papiere vorlegen zu können und im Land bleiben zu dürfen.

  Die Firma versprach mir diese Position. Ich wurde eingearbeitet und übernahm die Aufgaben – zusätzlich zu meinem regulären Verkaufsjob.

  Doch obwohl ich die Verantwortung bereits trug, zögerten sie es immer wieder hinaus, die Position offiziell zu bestätigen. Und so arbeitete ich ein weiteres Jahr in einer Rolle, die ich längst ausfüllte, ohne sie wirklich zu besitzen.

  Sie hielten mich hin. Damit ich nicht ging. Damit ich blieb. Damit sie mich „am Haken“ hatten.


  Bis sie es schließlich doch offiziell machten. Und ich versprach, dass ich nur noch ein Jahr bleiben und erst danach gehen werde. Es hieß, ich muss dieses eine Jahr einfach durchhalten.

  Man würde denken, dass meine Finanzen bei so viel Arbeit eigentlich sehr gut gewesen sein müssen. Doch genau in diesen Jahren entstand eine Schuldsumme. Gerade in dieser Phase, in der ich innerlich ständig unter Druck stand, heruntergezogen wurde und das Leben mich von allen Seiten prüfte, litten auch meine Finanzen.

  Erst später begann ich zu verstehen, wie eng alles energetisch miteinander verbunden ist. Wenn ein Mensch innerlich zerbricht, sucht er einen Ausgleich. Manche betäuben ihre innere Welt mit Alkohol oder Drogen. Manche unterdrücken andere, um sich selbst größer zu fühlen. Bei mir war es Geld – und das Ausgeben für schöne Dinge.

  Ich erlaubte mir, schöne Mäntel aus dem Laden zu kaufen, mit fünfzig Prozent Rabatt. Ich erlaubte mir, nicht jeden einzelnen Penny umzudrehen. Sparen war nie mein Weg gewesen. Mein innerer Vorwand war immer derselbe: Ich hatte im Leben so viel entbehren müssen, durfte als Kind so wenig haben – jetzt durfte ich mir etwas gönnen.

  In Wahrheit war es mein Versuch, mit dem enormen Stress umzugehen. Ich redete mir ein, dass es Selbstliebe sei, mir Dinge zu kaufen. Dass ich mir damit Wert schenkte.

  Doch genau dort begann eine viel tiefere Entwicklung. Es war der Moment, in dem ich all die Bücher, die ich gelesen hatte, wirklich hätte integrieren müssen.

   
Und genau dort erkannte ich etwas Ehrliches: Ich hatte vieles von dem Gelesenen so interpretiert, wie es in meinen Alltag passte – so, dass es sich für mich stimmig anfühlte. Nicht unbedingt so, wie es wirklich gemeint war.

  Ich hatte mir aus den Inhalten Bedeutungen geformt, die mein Verhalten erklärten oder rechtfertigten, ohne dass ich es bewusst bemerkte.

  Sich etwas zu leisten, weil man sich liebt, bedeutet nicht, den letzten Penny für eine Taxifahrt auszugeben – nur weil man sich in diesem Moment nicht eingestehen möchte, dass man es sich eigentlich nicht leisten kann. Dieses „es mir nicht leisten können“ war für mich direkt verbunden mit dem Gefühl und der Erinnerung daran, woher ich kam. Und genau das wollte ich ja mein ganzes Leben lang unterdrücken.

  Später las ich irgendwo, dass einer der häufigsten Gründe, warum Menschen in Armut bleiben oder Schulden aufbauen, darin liegt, dass sie ihre eigene Realität nicht akzeptieren. Dass sie vergessen wollen, woher sie kommen.

  Und ich begann zu verstehen: Mein Problem war nicht, dass ich nicht mit Geld umgehen konnte. Mein Problem lag viel tiefer. Jedes Mal, wenn das Geld knapp wurde, wurde ich innerlich sofort an meine Kindheit erinnert – an meine Familie, an die Realität, in der ich aufgewachsen war.

  Ich dachte an meine Großmutter, die immer sparte, immer verzichtete, sich und mir kaum etwas erlaubte. Und gleichzeitig an meine Eltern, die das genaue Gegenteil lebten – die alles ausgaben, ohne Grenzen, ohne Sicherheit.

  Ich war zwischen diesen Extremen aufgewachsen. Zwischen Kontrolle und Maßlosigkeit. Zwischen Angst vor Mangel und dem Versuch, ihn zu überdecken.

  Und mein innerer Reflex war genau das: vergessen. Vergessen, woher ich kam. Vergessen, wie es sich angefühlt hatte, nicht genug zu haben.

  Also erlaubte ich mir alles – sogar dann, wenn es bedeutete, dass ich danach ohne Geld dastand und noch tiefer in Schulden rutschte. In diesem Moment ging es nie wirklich um Geld. Es ging um ein Gefühl. Um Abstand von der Vergangenheit.

  Und in dieser Lebensphase erkannte ich, dass alles eine Lehre ist. Dass es in Ordnung ist, Erfahrungen zu sammeln – auch schwierige –, weil sie einem etwas zeigen, etwas lehren, etwas in einem verändern werden.

  Wie oft beginnen Menschen gewisse Dinge gar nicht erst, weil sie Angst haben, in eine unangenehme Situation zu geraten? Weil sie Angst haben, Fehler zu machen? Also vermeiden sie es – und nennen das dann „Perfektion“. Denn wenn man etwas gar nicht erst versucht, kann man auch nichts falsch machen.

  Doch Menschen, die keine Fehler machen, lernen auch sehr wenig. Sie folgen den Normen. Auch das ist ein Weg – aber das war nie mein Weg. Ich lernte immer durch meine eigenen Erfahrungen.

   
Die wahre Stärke entsteht nicht durch Vorsicht, sondern durch Erfahrung. Nicht dadurch, dass man nichts riskiert – sondern dadurch, dass man Fehler macht, hinfällt, versteht, aufsteht und weitergeht.

  Denn die wichtigste Erkenntnis liegt genau dort: Unsere innere Welt beginnt in uns selbst.  

  Die Menschen, die mich wirklich gut kannten und mich liebten, wussten das. Ich hatte immer auch sehr gute Menschen an meiner Seite. Sie bewunderten meine Stärke, nicht aufzugeben und immer weiterzumachen. Auch was meine Finanzen angeht.

  Ich hätte jederzeit nach Deutschland zurückgehen können. In ein leichteres Leben. In Sicherheit. In Strukturen, die ich kannte. Aber ich tat es nicht. Ich machte weiter. Immer weiter.

  Weil irgendwo tief in meinem Unterbewusstsein eine leise Erkenntnis vorhanden war: Dieses Thema lag viel tiefer. Und es war nicht wirklich meins.

  Es war größer als meine aktuelle Situation. Es war etwas, das durch mich hindurchwirkte – geprägt von Erfahrungen, von Mustern, von Geschichten, die lange vor mir begonnen hatten…

  Und ein Teil von mir wusste: Wenn ich jetzt zurückginge, würde ich meinen Themen nicht wirklich begegnen. Ich würde ihnen nur ausweichen. Also blieb ich. Und ich ging durch alles hindurch.

  Nach außen war ich immer gepflegt, elegant gekleidet und präsentabel. Niemand hätte gedacht, dass meine Schulden wuchsen. Nur die engsten Menschen wussten es. Meine Familie bemerkte es, wenn ich meine Großmutter häufiger anrief und sie um ein paar hundert Euro bat, die sie mir leihen könnte – weil mein gesamtes Geld für das teure Leben ausgegeben worden war und ich mir manchmal nicht einmal mehr den Lebensmitteleinkauf leisten konnte.Und genau diese Informationen wurden weitergegeben. In der gesamten Verwandtschaft gesammelt. Man muss ja alles über die Person wissen, die ihr Leben verändert, wächst und an sich arbeitet. Man muss ja den ganzen „Dreck“ kennen, um ihn irgendwann gegen sie verwenden zu können – damit man selbst besser dasteht.

  Und mein eigenes Problem dabei war der innere Konflikt. Ein Teil von mir wusste sehr genau, dass es nicht gut war. Dass ich mir damit langfristig schadete. Und trotzdem konnte ich es in diesem Moment nicht lösen. Ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht schaffen würde, wenn ich mir neben all dem Stress nicht wenigstens dieses kleine Gefühl von Luxus erlaubte. Und rückblickend war es nicht einmal Luxus, so wie man ihn normalerweise versteht. Es waren kleine Dinge – ein Moment von Schönheit, ein Gefühl von Kontrolle, ein kurzer Ausgleich für den inneren Druck.

  Genau deshalb traf mich das Urteil der anderen so hart. Ich wollte es immer geheim halten, weil ich selbst nicht wirklich damit einverstanden war. Weil ich wusste, dass es kein gesunder Weg war – aber im Moment der einzige, den ich kannte.

   
Diejenigen, die davon wussten, zeigten immer wieder genau auf diesen Punkt – als wäre es der schlimmste Fehler der Welt. Als wäre ich ein schlechter Mensch, nur weil ich so mit Geld umging.

  Das Schmerzhafteste war jedoch zu erkennen, dass die engste Person, über die eigentlich alles vertraulich laufen sollte, diese Informationen immer weitergegeben hatte. Nicht aus Sorge. Sondern weil es ihren eigenen Wert in den Augen der anderen erhöhte. Damit sie besser dastand.

  Dieser innere Vergleich innerhalb von Familien existiert oft unterschwellig. Und genau in dem Moment deiner Schwäche geschieht etwas Paradoxes: Nach außen wird dir geholfen

– und sobald du dich umdrehst, wird es weitererzählt. Damit alle wissen, dass du gar nicht so bist, wie du erscheinst. Damit du bloß nicht als stärker, erfolgreicher oder besser als sie wahrgenommen wirst. Und genau dort liegt der eigentliche Schmerz. Nicht im Fehler selbst. Sondern im Verrat des Vertrauens.

  Denn wenn man wirklich wachsen würde – so glauben manche –, würde man gar nicht erst in solche Situationen geraten.

  Und wie naiv dieser Gedanke ist. Er stammt oft von Menschen, die nie ernsthaft an sich selbst gearbeitet haben. Nur diejenigen, die den ständigen Kampf mit sich selbst kennen, wissen, dass es zugleich der stärkste und der schwächste Kampf ist. Dass man selbst immer der strengste Richter der eigenen Handlungen bleibt. Und wie schwer es ist, den Mut aufzubringen, an den eigenen Schwächen zu arbeiten.

  Aber ich wusste immer, dass nur ich selbst all das verändern konnte. Und so ging ich weiter
– mit meinen Träumen.  

  Und einer meiner Träume erfüllte sich nach nur einem Jahr des Studiums. Ich durfte meine eigene kleine Kollektion auf dem Runway bei der Abschlussfeier präsentieren.

  Jeder Schüler musste drei Outfits komplett von Grund auf selbst erstellen – entwerfen, kreieren, zusammenstellen, nähen, Models anprobieren lassen, anpassen, verändern, bis alles fertig war.

  Der Moment, als die Models meine Outfits trugen und über das Podium liefen, war etwas ganz Besonderes für mich. Ich war so stolz auf das, was ich erschaffen hatte…

  Das Gefühl, etwas erreicht zu haben, wovon man ein Jahr zuvor noch nur geträumt hatte, ist kaum in Worte zu fassen. Dieses Erlebnis gibt einem eine so tiefe Bestätigung – dass alles möglich ist, wenn man dranbleibt und nicht aufgibt.

  Bis heute war das einer der stolzesten Momente meines Lebens…

  Nach meinem einjährigen Studium musste ich noch ein Praktikum im Fashion-Bereich absolvieren. Die Firma willigte ein, dass ich es dort im Rahmen meiner regulären Arbeitsstunden machen konnte. Trotzdem wollte ich zusätzlich noch besser nähen lernen. So bekam ich durch die Schule eine Empfehlung bei einem Schneider und half dort ein paar Tage die Woche für einige Stunden aus.
   
Doch jedes Mal, wenn ich dorthin musste, wurde ich plötzlich in den Laden gerufen. Meine Chefin liebte es, zu verhindern, dass ich weiterkam.

  Mit einem kurzen Lächeln gratulierte sie mir zwar zum Abschluss meines Studiums – doch gleichzeitig überhäufte sie mich mit unnötigen Aufgaben im Lager. Klamotten sortieren.

  Kleidung nach Größe und Art ordnen. Alles Tätigkeiten im Hintergrund. Da, wo ich mein Gehirn verblöden lassen sollte..Dort, wo ich nicht verkaufen konnte. Denn wenn ich verkaufte, erreichte ich immer mein Verkaufsziel. Und damit wurde meine Leistung von der Oberchefin bemerkt…

  Mein Name war in allen Filialen dieser Firma bekannt, weil jeder wusste, dass ich mehr arbeitete als nötig.

  Ich hatte das Gefühl, zu diesem Laden zu gehören. Dort, wo Millionäre an einem einzigen Tag vier oder fünf Mäntel kauften. Siebentausend kanadische Dollar für einen Mantel – und das ganz selbstverständlich. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich einem Pärchen Kleidung im Wert von 21.000 kanadischen Dollar verkauft habe und diesen Verkauf abwickeln musste. Meine Hände zitterten. Wahrscheinlich, weil mir in diesem Moment bewusst wurde, dass mein gesamtes Studium so viel gekostet hatte – und ich anderthalb Jahre dafür hatte arbeiten müssen, um diese Summe zu sparen.

  Alles fühlte sich plötzlich so anders an. Die Kontraste meines Lebens waren so extrem. 

  Diese Welt glänzte. Sie roch nach Luxus. Nach Macht. Nach Exklusivität. Und doch war sie innerlich kalt…

  Und ja, zu diesem Zeitpunkt dachte auch ich, es sei etwas Besonderes. Dass es einen tieferen Wert besitzt, wenn man sich in dieser Welt aufhält. Weil ich meine eigene Herkunft bis dahin nicht wirklich akzeptiert hatte. Ich hatte sie verdrängt. Ich wollte sie nicht wahrhaben.

  Ein Teil von mir glaubte, durch äußeren Aufstieg inneren Wert zu gewinnen. Weil ich plötzlich unter Menschen war, die sehr viel Geld besaßen. Und so wirkte es für mich wie ein Schritt nach oben.

  Doch innerlich wurde ich gezielt, bewusst und schmerzhaft zerstört. Und das Erschütterndste daran war: Für diese Person war es unterhaltsam.

  Heute verstehe ich: Es war eine karmische Begegnung. Die intensivste, die ich jemals erlebt habe. Von hier an durfte ich lernen, was es bedeutet, von einer narzisstischen Persönlichkeit erst bewundert – und dann systematisch klein gemacht zu werden.

  Es war bis heute die härteste Schule meines Lebens.

  Kein Buch. Keine Beziehung. Keine Freundschaft. Nichts hat mir so viel über mich selbst beigebracht wie diese Verbindung zu meiner Chefin.

  Hier musste ich lernen, was Selbstwert wirklich bedeutet. Was Selbstliebe wirklich bedeutet. Warum ein Mensch dich erst erhöht – nur um dich später zu kontrollieren. Welche

Mechanismen eingesetzt werden. Wie Manipulation funktioniert. Wie Ausnutzung beginnt – subtil, charmant, fast unsichtbar.

  Und ich musste lernen, mich selbst darin nicht zu verlieren. Und wenn es doch geschieht – wie erinnert man sich wieder an sich selbst? Wie tritt man aus diesem Verlorensein wieder heraus?

  Doch was ich noch viel tiefer erkannte, war etwas anderes: Dieses Muster war mir nicht neu… Es war, als würde sich das ganze Leben noch einmal vor mir entfalten – nur in einem anderen Gewand. Ich erkannte dieselben Dynamiken, die ich aus meiner weitläufigen Familie kannte.

  Ich hatte in meiner Familie nie gehört, dass meine Leistung zählte. Dass ich hübsch war. Dass ich etwas gut konnte. Stattdessen wurde immer an meinen Schwächen genörgelt. Nicht offen genug, um es klar benennen zu können. Immer mit einem Hintergedanken. Mit einer leichten Andeutung, die gerade subtil genug war, um nicht sofort erkannt zu werden.

  Mit einem Unterschied: In der Familie war trotz allem noch etwas Menschliches vorhanden. Doch die Techniken hier – sie wirkten wie aus einem Lehrbuch.

  Und immer wieder wurde meine Herkunft benutzt — so wie in meiner Familie, nun auch bei der Arbeit.

  Es wurde als Begründung für ihr Verhalten herangezogen – und in ihren Augen sogar als Rechtfertigung. In ihren Augen war es eine Erlaubnis, mich klein darzustellen, um sich selbst größer wirken zu lassen.

  Und irgendwann begann ich zu verstehen, dass ich es selbst – unbewusst – mein ganzes Leben glaubte. Ich glaubte, dass ich es wirklich so verdiente.

  Und weil ich es tief in meinem Inneren annahm – nicht mit Worten, nicht bewusst, sondern still und unsichtbar –, wurde es für andere leicht, mich genauso zu behandeln.

  Ich musste lernen, dass Menschen dich oft genauso behandeln, wie viel du ihnen erlaubst. Und du erlaubst nur so viel, wie du tief in dir selbst glaubst, zu verdienen. Dass du es wert bist – oder eben nicht.

  Von meiner Geburt an wurde ich auf eine bestimmte Weise behandelt. Mein System hat diese Muster gelernt. Und weil sie vertraut waren, weil ich schon wusste, wie man mit ihnen umgeht, zog ich immer wieder ähnliche Menschen in mein Leben. Nicht, weil ich es wollte – sondern weil es sich bekannt anfühlte.

  Indem sie mich herabsetzen, stellen sie sich auf ein Podest. Nicht, weil sie wirklich höher standen – sondern weil sie jemanden brauchten, der unter ihnen stand. Und ich verstand irgendwann: Wer andere kleinmacht, tut es selten aus Stärke. Sondern aus dem eigenen Mangel heraus, den er selbst nicht sehen will.

  Genau dort begann ich, nach innen zu gehen. Genau dort begann meine spirituelle Entwicklung…

Ich wollte nicht mehr so leben. Nicht mehr in einer Welt, in der Menschen sich erlauben, mich auszunutzen oder kleinzumachen – oft aus Angst vor meinem eigenen Potenzial.

  Und ich durfte verstehen: Ich wurde immer von denen klein gehalten, die insgeheim große Angst hatten, dass ich es weiter schaffen könnte als sie.

  Auch meine Chefin. Sie hatte mein Licht gesehen. Und es machte sie wütend. Nicht, weil ich es versteckte – sondern weil es einfach da war. Ich war immer positiv und sah selbst in den schwierigsten Momenten noch etwas Wertvolles — die Möglichkeit, daraus zu lernen und zu wachsen.

  Manches Licht erarbeitet man sich über Jahre. Durch Schmerz und Bewusstsein. Durch Wachstum. Und manches wird einem geschenkt – durch Herkunft, durch Umstände, durch Position.

  Vielleicht war genau das der Punkt. Ich habe mir mein inneres Licht durch Erfahrung und harte Arbeit an mir selbst erarbeitet. Und das kann man nicht kaufen, nicht erben und nicht imitieren.

  Meine Stärke war durch meine Erfahrungen entstanden. Durch harte Kämpfe. Durch das Weitermachen, wenn es schwierig wurde. Ihre Stärke dagegen war künstlich – auf erzwungenen Titeln, Manipulation und der Unterdrückung anderer.

  Tief in sich wusste sie vermutlich, dass sie nicht das Potenzial hatte, eine wirklich gute Führungsperson zu sein. Und der Schmerz, eine authentisch arbeitende, engagierte Person direkt vor sich zu sehen, war schwer auszuhalten.

  Deshalb musste sie mich immer wieder kleinhalten. Damit ich nicht in meine Kraft kam. Damit ich nicht weiter an mich glaubte. Damit ich nicht irgendwann besser wurde als sie.

  Eine Kollegin erzählte mir später sogar, dass meine Chefin einmal gesagt hatte, man solle neue Mitarbeiter, die besonders gute Leistungen zeigen, direkt danach wieder herunterziehen – ihnen „die Flügel stutzen“ . Damit sie nicht zu hoch fliegen. Damit sie anfangen, an sich selbst zu zweifeln.

  Ich glaubte das sofort. Denn genau dieses Muster habe ich immer wieder erlebt. Jedes Mal, wenn ich einen besonders guten Verkaufstag hatte, wenn meine Zahlen stark waren, wenn meine Schaufenster gelobt wurden oder Kunden mir Komplimente machten, folgte kurz darauf eine Phase, in der ich wieder klein gemacht wurde.

  Deswegen richtete sie ihren Fokus bewusst auf meine Schwächen – Schwächen, die ich selbst offen zeigte, fast auf dem Präsentierteller. Sie machte mich immer wieder darauf aufmerksam. Und es wäre falsch gewesen zu behaupten, dass ich perfekt war. Das war ich nicht. Ich hatte viele Schwächen. Und ich wusste das auch.

  Sie wusste, dass ich immer besser werden wollte. Dass ich hohe Ansprüche an mich selbst hatte. Genau deshalb wusste sie auch, wo sie ansetzen musste.

  Denn ein Mensch, der sich ständig verbessern möchte, ist gleichzeitig besonders verletzlich für Zweifel. Wenn man ihm immer wieder zeigt, wo er angeblich nicht gut genug ist, kann

   
man ihm langsam den Willen nehmen. Man kann ihn verunsichern. Man kann erreichen, dass man beginnt, an sich selbst zu zweifeln – selbst dann, wenn man objektiv gute Leistungen bringt.

  Doch was sie – und viele andere in meinem Leben, die dieselben Techniken benutzten – nicht verstanden: Sie lehrten mich, meine Schwächen anzunehmen. Das war natürlich nicht das Ergebnis, das sie sich gewünscht hatten. Aber ich habe den Schmerz immer in Stärke verwandelt.

  Dreck in Gold.

Angriff ins Bewusstsein.

  Und deshalb möchte ich heute jedem danken, der versucht hat, mich im Leben kleinzuziehen. Ja, danke. Denn durch euch musste ich hinschauen. Ich musste meine Schwächen erkennen – sie akzeptieren oder transformieren. Und so wurde ich noch stärker.

  Vielleicht nicht auf die Weise, die ihr euch vorgestellt habt. Aber stärker in mir.

  Meine Kraft liegt darin, negative Energie, die gegen mich gerichtet wird, in Licht und Liebe zu verwandeln. Je mehr ihr versucht habt, mich zu attackieren, desto klarer wurde ich. Desto bewusster.

Und tatsächlich – so verstehe ich heute karmische Seelen. Sie kommen nicht zufällig in unser Leben. Sie kommen mit einem Auftrag. Eine Balance zu erstellen.

  Sie erinnern uns an das, was wir einst begonnen haben. An das, was noch nicht geheilt war. An das, was gelernt werden wollte.

  Die Seelen dieser Menschen haben – auf einer feinstofflichen Ebene, noch bevor wir alle hier inkarniert sind – ein Versprechen abgelegt: Mich auf meinem Weg zu begleiten, damit ich meine Lektionen lernen darf. Nicht als Strafe. Sondern als Teil eines größeren Plans, den unsere Seelen bereits kannten, bevor wir uns hier als Menschen begegnet sind.

  Und das haben sie getan. ALLE.

  Deshalb danke ich jedem, der mir wehgetan hat oder versucht hat, mir wehzutun.

  Ihr habt eure Aufgabe erfüllt. Auch wenn ich in diesem Leben keinen Kontakt mehr zu euch möchte, danke ich euch von Herzen für euer Dasein. Denn euer Verhalten hat mich wachsen lassen. Ich wünsche jedem von euch ein schönes, erfülltes Leben.

  Ich trage keinen Groll in mir. Ich habe lediglich die Entscheidung getroffen, dass unsere Wege sich trennen, sobald eure Aufgabe in meinem Leben erfüllt war – ganz gleich, ob Familie oder nicht.

Ach ja – keiner von ihnen hatte je versucht, sich zu entschuldigen. Und ich bin mir sicher, dass einige von ihnen diese Zeilen lesen werden. Diejenigen, die mich heimlich beobachten.

Sie hatten meinen Weg aufmerksam verfolgt – obwohl manche mir ins Gesicht sagten, sie würden gar nicht über mich sprechen. Und nur wenige Minuten später deuteten sie an, dass sie doch alles über mich wüssten. Es war erstaunlich, wie oft sie sich dabei selbst widersprochen hatten.

  Und was genau hätte ich mit dieser Information anfangen sollen? Dass andere glaubten, Dinge über mich zu wissen, die ich niemandem erzählte? Warum hätte ich mir Sorgen machen sollen, nur weil jemand überzeugt war, etwas über mich zu wissen, das in seinen Augen negativ war?

  Wer bestimmte überhaupt, welchen Wert eine fremde Meinung für mich haben sollte?

  Ich fragte mich, ob sie wirklich glaubten, sie könnten mich mit solchen Aussagen beschämen. Wer waren sie, dass ihre Worte eine solche Macht haben sollten — Gott?

  Scham ist ein Werkzeug. Ein Mittel der Manipulation. Ein Instrument der Kontrolle.

  Es war naiv zu glauben, jemand hätte das Privileg besessen, solche Mittel gegen mich einzusetzen. Diese Macht existierte nur so lange, wie ich sie selbst erlaubte – und das lag längst in der Vergangenheit.

  Doch wie hätten sie das wissen sollen, wenn sie so beschäftigt damit waren, nach Schwächen bei anderen zu suchen, während sie das eigene Unkraut im eigenen Garten übersahen?

  Doch eines wusste ich mit Klarheit: Alles, was ich in diesem Leben getan habe, geschah bewusst oder unbewusst. Und ich schäme mich für nichts. Ich lebe. Ich mache Fehler. Ich lerne.

  Gleichzeitig erkannte ich, dass manche Menschen selbst viele Jahre später noch immer dieselben Themen bewegten. Dieselben Gespräche führten — oft über andere.

  Und so blieb in mir vor allem eines: Dankbarkeit für alles, was gewesen war. Und die innere Entscheidung, loszulassen.

  Uns wird oft beigebracht, man müsse vergeben. Und ja — das stimmt. Vergebung geschieht nicht für den anderen, sondern für einen selbst. Damit Groll, Bitterkeit und die gebundene negative Energie das eigene System verlassen können.

  Und ja, du verstehst vielleicht, warum jemand gehandelt oder gesprochen hat, wie er es tat. Aber Verständnis ist noch lange kein Grund, es weiterhin zu akzeptieren. Vergebung bedeutet nicht, alles weiter zuzulassen. Wachse. Und erlaube niemals wieder, dass sich das Gleiche wiederholt.

  Und für einen Menschen mit vielen 7er-Energien in der Matrix gibt es nichts Wertvolleres, als immer tiefer in sich selbst zu schauen. Und ich schaute immer weiter..

  Durch einen Bekannten hörte ich damals von einem Sanctuary in Mexiko. Ein Ort, an dem – so erzählte man – viele spirituell angebundene Menschen für einige Wochen zusammenkamen. Vegetarier. Veganer. Suchende. Menschen, die bewusst leben wollen.
   
Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Veganerin. Diese Entwicklung hatte ich zuvor kaum erwähnt. Vegetarierin wurde ich bereits in Toronto – kurz bevor ich nach Australien ging. Und etwa 2014 entschied ich mich bewusst für den veganen Weg.

  Meine wahren Beweggründe waren Liebe. Liebe zu den Tieren. Und die klare Erkenntnis, dass ich persönlich nicht mehr der Grund für den Tod eines Lebewesens sein wollte. So hat es begonnen. Heute gehören auch meine Gesundheit und der Umweltaspekt dazu. Doch am Anfang war es eine Herzensentscheidung. Und dennoch war ich nie diejenige, die anderen vorschreibt, wie sie zu leben haben. Du kannst mich fragen – und wir können gerne darüber sprechen. Ich kann dir viel darüber erzählen. Aber ich werde dir nicht sagen, was du anders machen solltest.

  So eine Entscheidung kann nicht erpresst werden. Sie kann nicht aus Druck entstehen. Nicht aus moralischer Überlegenheit. Sie darf bewusst und organisch wachsen. Aus innerer Überzeugung. Denn nur das, was aus dir selbst heraus entsteht, hat Bestand. Nur dann trägt es dich – und nicht umgekehrt.

  Ich würde sagen, dass meine bewusste spirituelle Entwicklung schon vor dieser Verwandlung begonnen hat. Doch was energetische Heilung betrifft, begann diese Phase 2015 – genau in der Zeit, als ich in diesem prestigeträchtigen Laden arbeitete und täglich den Angriffen einer narzisstischen Persönlichkeit ausgesetzt war.

  Denn das, was dort geschah, war ein permanenter Zyklus. Und ihre karmische Aufgabe bestand darin, mich zu erwecken – damit ich verstand, dass die eigentliche Ursache nicht im Außen lag, sondern in mir selbst, in einem tieferen Muster meines Systems.

  Mal wurde ich mit Geschenken überschüttet – einmal schenkte sie mir sogar ihre

  Louis-Vuitton-Tasche. Ein riesiges Geschenk, als „Wiedergutmachung“ für ihre Spielchen.

  So funktionieren solche Dynamiken. Erst wirst du idealisiert. Dann wirst du zerstört.

  Dann kommt eine Geste der „Liebe“. Vielleicht etwas Selbstgekochtes. Ein Lächeln. Ein Lob. Und dann wirst du wieder klein gemacht. Es ist ein Kreislauf.

  Ein emotionaler Wechsel zwischen Anheben und Abwerten. Zwischen Belohnung und Entzug. Und genau in diesem Zyklus begann ich zu verstehen, dass meine Heilung nicht im Außen liegen würde – sondern nur in mir.

  Ich musste genau hinschauen. Warum hatte ich dieser Person überhaupt erlaubt, mich so zu behandeln? Diese Frage führte mich zurück in meine Kindheit. Dorthin, wo Muster entstehen. Wo Grenzen entweder gestärkt – oder übergangen werden.

  Ich musste alte Erinnerungen ausgraben. Alte Gefühle ansehen. Alte Prägungen verstehen. Und genau dort begann ich, nach anderen Wegen zu suchen und meine Seele zu heilen.

  Nicht mehr im Außen. Nicht mehr durch Leistung als Kampf.

  Und fast wie eine Metapher – aber zugleich ganz real – begann ich in dieser Zeit mit Kickboxen. Zuerst einfach als Sport. Der Security Mann unseres Ladens, der am

   
Wochenende dort arbeitete, hat mich dazu inspiriert, ins Gym zu gehen. Und das war der Anfang einer neuen Ära für mich.

  Neben meiner spirituellen Entwicklung im Reiki begann ich, Kickboxen zu trainieren. Nach fünf oder sechs Monaten fing ich an, an Turnieren teilzunehmen. Der Boxsack wurde im wahrsten Sinne des Wortes zu meinem Punchingball. Ich durfte dort meine Frustration herauslassen. Ich durfte die psychologischen Spielchen bei der Arbeit abbauen.

  Die Disziplin, an Turnieren teilzunehmen – und sie alle zu gewinnen –, gab mir die Bestätigung, dass ich gut war. Eine Bestätigung, die ich im Laden nie bekommen hatte.

  Denn so oft suchen wir unsere Anerkennung im Außen – in bestandenen Prüfungen, im Lob von anderen, in Titeln, im Status, im Geld. Und so glaubte auch ich, dass unser Wert mit jedem Zertifikat steige, mit jeder Beförderung, mit jedem sichtbaren Erfolg.

  Ich strengte mich an, funktionierte, leistete mehr als nötig – nur um gesehen zu werden, um bestätigt zu bekommen, dass ich „genug“ bin.

  Und nur diese Kombination aus einer aggressiven Sportart und ganz weicher, energetischer Heilung veränderte so viel in mir. Ich durfte mein inneres Kind heilen.

  Weißt du noch, wie ich es als Kind geliebt habe, mit Jungs zu kämpfen? Jetzt durfte ich es ausleben. Jetzt durfte ich diese Feuerenergie in mir freilassen. Und damit wurde ein Teil meines inneren Kindes geheilt. Ich erlaubte mir all das, was ich früher haben wollte, aber nicht konnte – weil es keine Möglichkeit gab oder weil es mir verboten wurde.

  Und so entschied ich, weiterhin dem Ruf meiner Seele zu folgen. Er führte mich zu diesem Sanctuary in Mexiko, von dem mein Freund bereits erzählt hatte. Für fünf Tage machte ich mich auf den Weg.

  Es war ein privat geführtes Haus. Ein Ort, an dem sich – wie ich damals lachend sagte – die

  „Hippies der Welt“ versammelten. Freigeister. Suchende. Menschen, die anders lebten.

  Dort lernte ich viele interessante Seelen kennen. Und dort machte ich meine allererste Reiki-Erfahrung.

  Als der Reiki-Meister ins Haus kam, durfte ich als Zweite in den Raum. Diese Behandlung faszinierte mich zutiefst. Ich verspürte Sicherheit. Eine tiefe, ungewohnte Ruhe. Meine Arme wurden so schwer, als wären sie gelähmt. Sie ließen sich kaum bewegen. Es war, als würde mein Körper in einen Zustand fallen, den ich zuvor nicht kannte – zwischen Wachsein und Loslassen.

  Als ich den Raum verließ, nahm ich zunächst nichts Spektakuläres wahr. Kein großes Feuerwerk. Und doch – als ich wieder in Vancouver war – wusste ich es ganz genau: Ich hatte etwas gefunden. Etwas, das mir helfen würde, meine Seele zu heilen.

  Und so ließ ich Reiki in mein Leben. Ganz still. Ohne große Ankündigung.


  Mit jeder Behandlung wurde ich stärker. Offener. Klarer im Kopf. Etwas in mir richtete sich auf.
   
Meine Selbstliebe erwachte – nicht plötzlich, sondern schrittweise. Mit jeder Schicht, die ich abtrug. Mit jeder Wahrheit, die ich mir eingestand. Und diese Wahrheit war alles andere als leicht. Doch die Tränen, die flossen, als ich mir meine eigenen Schwachstellen eingestand, waren Tränen der Erleichterung.

  Sie reinigten mich.

  

  Je tiefer ich grub, desto mehr begann ich, mich so anzunehmen, wie ich war. Mit meinen Lichtseiten. Mit meinem Schatten. Mit meinen Wunden.

  Und je mehr ich mich selbst annahm, desto weniger Geduld hatte ich für respektloses Verhalten.

  Meine Arbeit an meinen Schwächen und inneren Verletzungen veränderte mein Energiefeld. Was ich früher noch ertragen habe, spürte ich nun sofort, aus wachsender Selbstachtung.

  Und so kam es – nach fast vier Jahren – zum endgültigen Bruch.


  Wieder einmal entstand eine narzisstische Situation, die ich nicht mehr ertragen konnte.

  Es ging vor allem darum, dass ich ihre Spielchen nicht mehr mitspielte. Dass ich nicht mehr gehorchte. Ich reagierte nicht mehr so, wie sie es gewohnt war. Ich ließ mich nicht mehr provozieren. Ich suchte keine Bestätigung mehr bei ihr.

  Doch es ging noch tiefer. Meine neue Klarheit war für sie eine Provokation. Meine Haltung – ruhig, aber bestimmt – machte deutlich, dass sie nicht mehr jeden meiner Schritte kontrollieren durfte. Und das war zu offensichtlich geworden.

  Sie spürte, dass sie die Kontrolle über mich verlor. Und genau dort begann die Eskalation zwischen uns.

  An einem Arbeitstag kam ich deutlich früher in den Laden, weil ich vor der Öffnung noch eine Aufgabe erledigen sollte, die sie mir gegeben hatte. Dafür waren offiziell nur anderthalb Stunden eingeplant. Doch ich wusste bereits, dass das unmöglich zu schaffen war.

  Es ging um Arbeit im Lager — neue Mäntel mussten ausgepackt, Plastik entfernt, sortiert und nach Größen geordnet werden. Sie hatte keine Vorstellung davon, wie lange so etwas tatsächlich dauert, weil sie diese Arbeit selbst nie gemacht hatte. Ich dagegen kannte mich. Ich wusste genau, wie viel Zeit ich brauchen würde.

  Mir war auch klar: Wenn ich es nicht rechtzeitig fertigstellen würde, hätte sie es später gegen mich verwendet. Also kam ich früher, um genug Zeit zu haben, alles in Ruhe zu erledigen und nicht unter Druck zu geraten.

  Gleichzeitig wusste ich, dass diese zusätzlichen Stunden wahrscheinlich nicht bezahlt werden würden. Und trotzdem war ich damit einverstanden — weil ich meine Arbeit ordentlich machen wollte.

  Doch genau dieser freiwillige Einsatz zeigte auch etwas anderes: Ich begann strategisch zu handeln und legte immer weniger Wert auf ihre Einschätzungen. Zu diesem Zeitpunkt hatte

   
ich bereits erkannt, dass sie wenig praktische Erfahrung hatte — außer Anweisungen zu geben und laut zu werden. Ich hatte vieles längst selbstständig organisiert und erledigt, oft mehr, als sie überhaupt verlangte. Es kam vor, dass meine Ideen zuerst als falsch dargestellt wurden — und wenig später, nur anders formuliert, als ihre eigenen bei der Geschäftsleitung auftauchten.

  In dieser aufgeheizten Diskussion sagte sie mir schließlich, sie werde mir die zusätzlichen Stunden, die ich freiwillig gearbeitet hatte, nicht bezahlen.

  Und in diesem Moment sagte ich einen Satz, der alles veränderte: „Ich bin nicht deine Sklavin.“

  Dann verließ ich den Laden. Dabei ging es mir nie um das Geld. Es ging um das, was ihre Reaktion offenbarte.

  Ich hatte freiwillig mehr Zeit investiert, Verantwortung übernommen und eigenständig gehandelt — und genau das hatte sie getriggert. Meine Handlung stellte ihre Autorität infrage. Nicht durch Worte, sondern durch Kompetenz.

  Anstatt meinen Einsatz anzuerkennen, versuchte sie, Kontrolle auszuüben. In diesem Moment wurde mir klar, dass es nicht um Stunden ging. Meine Handlung hatte ihre Autorität berührt – genau dort, wo ihre eigenen Zweifel lagen.

  Und genau dort wusste ich, dass ich gehen musste.

  Das war meine Befreiung. Aus einem fast vierjährigen Trauma, das noch lange in meinem System nachwirkte.

  Ich kann und werde hier nicht alles schreiben. Mit der Veröffentlichung dieser Geschichte verfolge ich ein anderes Ziel, als jemanden vor Gericht zu ziehen – auch wenn es vieles gäbe, was man bei genauer Betrachtung rechtlich hinterfragen könnte.

  Aber eines weiß ich: Es war das schmerzhafteste und zugleich längste Erwachen meiner Selbstliebe – vor allem im Umgang mit Menschen außerhalb meines sicheren Kreises.

  Danach veränderte sich meine Sprache. Zu mir selbst.

  Ich hörte auf, Hierarchien innerlich anzuerkennen. Kein Titel, kein Status, kein Geld und kein Einfluss stellte jemanden über mich.

  Von diesem Moment an stand ich auf gleicher Ebene – mit jedem. Und ich stellte nie wieder jemanden über meinen eigenen Wert. Und ich habe es nie wieder erlaubt. Sobald ich spürte, dass sich jemand über mich stellte, ging ich. Ohne Streit. Ohne Erklärung. Ich verschwand aus dem Leben dieser Menschen.

  Sie brauchten keine Erklärung. Sie wussten ganz genau, was sie getan hatten.

Elftes Kapitel

Und wenn ich damals dachte, dass die letzten Jahre bereits die schwersten Jahre meines Lebens gewesen wären, dann würde ich heute sagen: Das war eine Illusion.
Denn was emotional noch vor mir lag, sollte sich als ein weiterer, tiefer Test meines Lebens zeigen.

Bevor ich mich hingesetzt habe, um dieses Kapitel zu schreiben, habe ich mir diese Frage unzählige Male gestellt. Soll ich es wirklich aufschreiben?
Und noch mehr: Hat es überhaupt einen Sinn, diese Erfahrung mit anderen Menschen zu teilen? Nicht, weil ich Angst hätte, dass Menschen darüber sprechen oder urteilen könnten. Diese Angst war es nie. Was mich zögern ließ, war etwas anderes.
Es war die Vorstellung, etwas mit der ganzen Welt zu teilen, das mich innerlich auf eine Weise zerstört hatte, für die es kaum Worte gibt.

Es ist diese Verletzlichkeit – diese nackte, ungefilterte Wahrheit über das, was in einem Menschen geschieht. Und doch bin ich zutiefst davon überzeugt, dass wir unsere Gefühle nicht verstecken sollten. Dass die Wahrheit – auch wenn sie schmerzhaft ist – ihren Platz haben darf. Denn genau so heilen wir.

Und wenn manch einer, der diesen Blog liest, denkt, dass ich es noch nicht verarbeitet habe und es als einen schwachen Punkt ansehen würde, möchte ich darauf hinweisen, dass jede Geschichte und jede Heilung einen Abschluss braucht, bevor sie weitergegeben werden kann.

Diese Vergangenheit ist bereits abgeschlossen. Ich teile meine Erfahrung, damit sich vielleicht jemand darin wiederfinden kann, der gerade etwas Ähnliches durchmacht – und vielleicht etwas für sich daraus mitnehmen kann.

Denn Heilung besteht darin, die Vergangenheit zu akzeptieren. Genau in dem Moment, in dem du sie annimmst, verliert jede Geschichte ihre Macht über dich – und damit auch die Welt um dich herum.

Und trotzdem war das, was damals geschah, so erschütternd für mich, dass selbst meine damalige Mitbewohnerin davon tief verunsichert war. Sie sagte einmal zu mir, dass sie Angst habe, mich anzusehen. Dabei hatte ich selbst das Gefühl, dass man von außen gar nicht erkennen konnte, wie schlimm es wirklich war.

Und genau darin liegt vielleicht das Unbegreifliche. Denn wenn das, was man außen sehen konnte, bereits erschreckend wirkte – stell dir vor, wie es sich in meinem Inneren angefühlt haben muss.

Nachdem ich diese schicke Welt in der prestigeträchtigen Firma verlassen hatte, wurde ich als Verkaufsleiterin bei einer lokalen Modefirma eingestellt.

Interessanterweise hatte ich mich dort bereits einige Jahre zuvor beworben. Damals wollte ich meine Kenntnisse im Bereich Fashion Design weiterentwickeln und verbessern. Doch nach dem zweiten Interview erhielt ich eine Absage. Dieses Gespräch hatte ich mit der rechten Hand der Geschäftsleitung geführt.

Schon damals hatte ich ein seltsames Gefühl. Irgendetwas in ihr sagte mir, dass sie mich persönlich nicht mochte. Die Geschäftsleitung selbst hatte mich eigentlich gemocht und wollte lediglich eine zweite Meinung einholen. Doch weil sie als besonders kompetent galt, führte sie schließlich das entscheidende Interview mit mir – und gab mir die Absage.

Ich wusste damals auch, dass meine Gehaltsvorstellung nicht ganz dem entsprach, was die Firma zahlen konnte. Deshalb erklärte ich mir die Situation so, dass ich einfach kein gutes Match für das Unternehmen gewesen war. Ein paar Jahre später jedoch geschah etwas Unerwartetes.

Ich veröffentlichte auf meinem LinkedIn-Account, dass ich im September ein Studium an der lokalen Universität UBC beginnen will. Kurz darauf meldete sich die Geschäftsleitung der Firma erneut bei mir. Diesmal mit einer Einladung zu einem Interview für die Position als Sales-Managerin.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich noch immer in der Firma, die mich kleinhalten wollte. Doch ich habe inzwischen eine wichtige Entscheidung für mich getroffen: Ich musste weiter studieren. Meine Unsicherheit erklärte ich mir damals oft damit, dass es noch vieles gab, was ich nicht wusste. Ich hatte das Gefühl, erst dann einen beruflichen Schritt wagen zu dürfen, wenn ich mir vollkommen sicher war, dass ich alles bereits konnte.

Rückblickend erkannte ich jedoch etwas, das vielen Frauen vertraut ist: Wir neigen oft dazu, eine neue Position erst dann anzunehmen, wenn wir glauben, bereits vollständig dafür bereit zu sein.

Während Männer häufig auch jene Chancen ergreifen, bei denen sie vieles erst auf dem Weg dorthin lernen.

Paradoxerweise war es gerade dieses ständige Kleinhalten durch meine Managerin, das mir bewusst machte, dass mir noch einiges fehlte, um wirklich erfolgreich zu werden – und ich beginnen musste, mir dieses Wissen selbst anzueignen.

Ein Studium an einer Universität bedeutete für mich auch, dass mein damals nicht bestandenes Abitur keine Rolle mehr spielen würde. Und doch hatte mich diese damalige Niederlage lange verfolgt. Sie saß tief in meinem System.

Deshalb musste ich es mir selbst beweisen. Ich wollte mir selbst zeigen, dass die damalige Niederlage an den äußeren Umständen lag – und nicht an meiner Intelligenz.

Jetzt, wo ich mein Leben endlich mehr im Griff hatte, war es möglich.

Also bewarb ich mich für ein dreijähriges Diplomprogramm, das ich zweimal pro Woche nach der Arbeit besuchen würde. Es sollte mir helfen, mich beruflich in Kanada weiterzuentwickeln. Das Programm hieß Sales and Marketing Management.

Zu diesem Zeitpunkt wurde ich erneut von der Geschäftsleitung und ihrem Berater interviewt. Die rechte Hand der Leitung, die mich damals abgelehnt hatte, war zu dieser Zeit im Urlaub.

Während des Gesprächs erzählte ich von meinen Zukunftsplänen. Ich erzählte von meinen Verkaufserfahrungen und den Erfolgen, die ich in der Firma erreicht hatte, in der ich damals noch arbeitete. Und ich sprach auch darüber, dass in mir der Wunsch lebte, weiter zu wachsen, mich zu entwickeln und eines Tages wirklich erfolgreich zu werden.

Am Ende bot man mir tatsächlich den Job an. Doch das Gehalt lag deutlich unter dem, was ich zu diesem Zeitpunkt bereits verdiente. Deshalb antwortete ich ehrlich, dass ich das Angebot unter diesen Bedingungen nicht annehmen könne.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich nur wenige Wochen später meine Situation mit meiner damaligen Chefin eskalieren würde.

Als dieser Moment schließlich kam und ich aus dem Laden hinaus lief, nachdem ich gesagt hatte, dass ich nicht ihre Sklavin sei, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich einen Plan B hatte.

Also schrieb ich meine Kündigung. Und kurz darauf schickte ich auch eine E-Mail an die andere Firma – mit der Nachricht, dass ich doch interessiert sei.

Und so hatte ich nicht einmal eine Woche Zeit, mich wirklich zu erholen, bevor ich bereits meine neue Stelle begann.

Die Firma arbeitete eng mit indigenen Gemeinschaften zusammen und verkaufte Kleidung aus Kanada an kleine Boutiquen und Geschäfte im ganzen Land und in Amerika. Meine Aufgabe war es nicht, direkt mit den Endkunden zu arbeiten. Meine Kunden waren die Ladenbesitzer selbst – Menschen, die kleine oder auch größere Geschäfte führten.

Es war eine völlig neue Welt für mich. Eine Welt, die mich sofort faszinierte.

Das Leben im Büro fühlte sich überraschend ruhig und entspannt an. Niemand hetzte dich. Niemand kontrollierte jeden deiner Schritte. Schließlich war ich inzwischen in einer Position als Managerin, in der ich die Verantwortung für viele Accounts trug und eine Assistentin hatte, die die Bestellungen für meine Kunden verpackte und versendete.

Die Einarbeitungsphase verlief schnell. Alles war neu, und doch fühlte sich die Energie dieses Ortes ganz anders an als alles, was ich zuvor erlebt hatte.

Meine Chefin war eine Frau, die ihr Unternehmen von Grund auf selbst aufgebaut hatte. Sie war eine Person, die mich inspirierte – jemand, von dem ich lernen durfte.

Sie hat sich ihren Namen gemacht, weil sie authentisch war und unglaublich hart arbeitete. Nicht, weil sie reich war oder durch ihre Familie in diese Position gekommen war.

Und genau deshalb waren auch die Umstände bescheidener: Das Gehalt war niedriger, die Kunden anders als zuvor. Es gab keinen prätentiösen Glamour mehr wie in meiner früheren Welt. Und trotzdem war es auf eine andere Weise wunderschön.

Die Kleidung wurde vollständig in Kanada produziert. Alles entstand direkt vor Ort – von der ersten Skizze bis zum letzten Knopf an einem Kleidungsstück.

Es war keine Luxusmode. Es war nachhaltige Mode. Mode mit Bedeutung.

Der Wert dieser Kleidung lag nicht im Namen eines großen Brands, sondern in der Geschichte, die hinter jedem Stück stand. Die Modedesignerin verwendete in ihrer Kleidung die Kunst indigener Künstler, und diese erhielten dafür einen prozentualen Anteil an den Royalties.

Und vielleicht war es genau das, dass ich mich dort zum ersten Mal wirklich zu Hause fühlte.

Aber auch dort stellte sich wieder dieses Gefühl ein, als würde ich erneut eine Stufe nach unten gehen.

Ich mochte den Sinn der Firma. Die Idee dahinter, die Zusammenarbeit mit indigenen Künstlern, das Bewusstsein für ihre Kunst – all das fühlte sich eigentlich richtig an. Und doch blieb tief in mir dieses leise Gefühl bestehen, dass es für mich wieder ein Schritt zurück war.

Die Welt, aus der ich zuvor gekommen war, hat mich stark geprägt. Dort galt oft unausgesprochen eine einfache Regel: Was nach Geld aussah, hatte Wert. Was keinen Glanz ausstrahlte, wurde schnell übersehen.

Und natürlich hatte es auch mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Ich habe mich immer näher an der Armut gefühlt als am Reichtum. Deshalb war für mich jeder Schritt, der sich wie ein Zurück anfühlte, besonders schwer zu akzeptieren.

Doch ich hatte bis dahin etwas gelernt: Manchmal bereitet uns ein Schritt nach hinten auf einen größeren Sprung nach vorn vor. Von außen kann es wie eine Rücksetzung aussehen. Manche Menschen machen einen großen Schritt nach vorne und erleben ein sichtbares, vielleicht sogar schnelleres Wachstum.

Aber auch das ständige Weitergehen – selbst wenn es manchmal kleine Schritte nach hinten bedeutet – schafft eine andere Art von Wachstum. Ein Wachstum, das sich stabil aufbaut, immer wieder, Schritt für Schritt. Und genau so entsteht ein Wachstum, das wirklich real ist. Und genau dadurch bleibt man bescheiden und lernt oft viel mehr.

Dieser Job veränderte auch etwas in meiner inneren Welt. Das Gefühl, in einer Arbeit zu sein, die sich in diesem Moment wirklich richtig anfühlte, war etwas Besonderes. Der starke Kontrast zu allem, was ich zuvor erlebt hatte, machte mir etwas sehr deutlich.

Oft verstehen wir Menschen gar nicht, wie tief wir bereits in eine Situation hineingeraten sind. Manchmal, weil uns niemand etwas anderes zeigt. Und manchmal, weil wir von einer Umgebung umgeben sind, die von narzisstischen Dynamiken geprägt ist.

Es ist erstaunlich, wie tief wir uns selbst verlieren können, wenn wir lange in einer solchen Umgebung leben – ob im Beruf, im Privatleben oder sogar im Freundeskreis.

Erst wenn man diese Umgebung verlässt, beginnt man wirklich zu verstehen, was eigentlich passiert ist. Dann erkennt man plötzlich, wie stark man eigentlich war. Und gleichzeitig auch, wie blind man manchmal sein kann, wenn man sich Dinge gefallen lässt, die man niemals hätte akzeptieren dürfen.

In diesem Beruf hatte ich plötzlich eine Freiheit, die ich zuvor nie erlebt hatte.

Ich konnte meinen Arbeitstag selbst planen, Kunden besuchen und Beziehungen pflegen. Sehr oft fuhr ich sogar mit dem Firmenauto auf eine nahegelegene Insel, nahm die Fähre dorthin und besuchte bestehende Kunden, um unsere Beziehungen zu pflegen und weiter wachsen zu lassen. Es war eine ganz neue Art zu arbeiten.

Einmal reiste ich gemeinsam mit meiner Chefin und unserer Social-Media-Managerin zur Fashion Week nach London, um ihre Modelinie dort zu präsentieren. Diese Reise wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis für mich.

Auch zahlreiche Events in Kanada durfte ich besuchen, um die Marke zu präsentieren und neue Kontakte zu knüpfen.

Mir wurde die Firmen-Businesskarte anvertraut, um meine Ausgaben zu decken, wenn ich unterwegs war. Es war eine andere Art von Vertrauen – es war Geld, das mir anvertraut wurde.

Fast so, als wollte mich das Universum noch einmal daran erinnern, dass es uns immer wieder Zeichen schickt – Hinweise auf die Themen, die wir in unserem Leben noch anschauen und verstehen müssen. In diesem Moment wurde mir klar, dass auch meine finanziellen Themen letztlich in meinen eigenen Händen lagen.

Es fühlte sich an, als wäre ich in eine neue Welt eingetreten. Eine Welt, die so anders war als alles, was ich zuvor gekannt hatte.

Ich sammelte Erfahrungen, lernte unglaublich viel und wuchs mit jeder Begegnung.

Ein anderes Mal schickte mich meine Chefin auf eine einwöchige Reise nach Alaska – auf einem Kreuzfahrtschiff. Während dieser Reise kontaktierte ich lokale Geschäfte in Alaska, stellte ihnen die Kollektion vor und hatte gleichzeitig die Möglichkeit, eine Woche lang diese Reise und die Welt auf dem Schiff für mich selbst zu erleben.

Diese Reise schenkte mir einen der eindrucksvollsten Momente meines Lebens.

Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich vor der Schönheit der Natur weinen musste.

Als das Schiff langsam durch die Gletscherlandschaft fuhr, umgeben von gewaltigen Eiswänden und einer tiefen, fast ehrfürchtigen Stille, stand eine indigene Frau an Deck. Sie begann, eine schamanische Trommel zu schlagen.

Es war eine Art Tradition auf dem Schiff – ein Moment des Innehaltens, um die Natur und den Ort zu ehren, während wir durch diese Landschaft fuhren.

Das Wasser war vollkommen still. Die Gletscher wirkten zeitlos und kraftvoll.

Und in diesem Moment öffnete sich etwas in mir. Ich spürte die Größe der Natur auf eine Weise, die ich zuvor noch nie erlebt hatte. Ich stand einfach da, überwältigt von diesem Gefühl – und plötzlich liefen mir die Tränen über das Gesicht.

Bis heute bin ich sehr dankbar für diese Zeit in meinem Leben.

Auch wenn ich nach 1,5 Jahren schließlich weiterzog und auch diese Position wieder verließ.

Doch auch in diesem Job durfte ich eine weitere Seite der Arbeitswelt kennenlernen – was Neid und Konkurrenz zwischen Menschen bewirken können.

Relativ schnell bemerkte ich, dass die rechte Hand der Geschäftsleitung mich nicht wirklich mochte. Immer wieder wurde ich auf meine Aussprache hingewiesen oder auf kleine Fehler in meinem Englisch aufmerksam gemacht. Jedes Mal, wenn ich eine Idee oder einen Vorschlag einbrachte, wurde er auf eine höfliche, fast freundliche Weise abgelehnt.

Ja, es war anders als bei meiner früheren Chefin. Es war nicht so aggressiv. Aber die Tendenz war dieselbe. Ich sollte nicht wirklich sprechen.

Hier wurde mir etwas noch deutlicher bewusst als zuvor: Es spielte kaum eine Rolle, wo ich arbeitete – man wollte nicht hören, was ich zu sagen hatte. Meine Ideen wurden abgeschwächt, klein geredet oder einfach in langen Gesprächen aufgelöst. So etwas hatte ich früher schon in meiner weiter entfernten Familie erlebt. Wenn ich über andere Menschen sprach, wurde mir mit weit geöffneten Ohren zugehört. Doch sobald ich über Wissen, Ideen oder Gedanken sprach, wurde ich ausgelacht und oft zum Schweigen gebracht – mit Kommentaren wie: „Du bist verrückt“ oder „Das ist doch Unsinn“, und ähnlichen Bemerkungen. Wie so oft habe ich die genauen Worte längst vergessen. Doch das Gefühl, das dabei in mir entstand, ist mir bis heute vertraut geblieben.

Und vielleicht würde manch einer sagen: Vielleicht waren diese Ideen einfach nicht gut genug. Doch ich war mir sehr bewusst darüber, dass nicht jede Idee perfekt sein kann. Aber viele meiner Gedanken bekamen gar nicht erst den Raum, sich zu entfalten.

Denn wirklich zuzuhören hätte bedeutet, dass ich noch mehr zeigen konnte.

Mehr Kompetenz.

Und genau das war die Angst. Auch in zukünftigen Jobs danach spürte ich diese Dynamik immer wieder. Die rechte Hand der Geschäftsleitung suchte regelrecht nach meinen Fehlern oder stellte sie besonders detailliert heraus. In ihren Augen sollte ich inkompetent wirken.
Und vielleicht war das Paradoxe an all dem, dass meine Chefinnen und Chefs mich immer mochten.

Viele von ihnen sagten mir sogar offen, dass ich eine der besten Mitarbeiterinnen sei, die sie je gehabt hatten – manche sagten sogar, ich sei die Beste. Aber die anderen wollten immer sichtbar machen, dass ich diesen Platz nicht wirklich verdient hatte.

Und genau an diesem Punkt wurde mir etwas klar…

Viele von ihnen glaubten offenbar, dass ich ihren Job machen wollte. Dass ich irgendwann ihren Platz einnehmen würde. Oder dass sie durch mich den Einfluss auf die Chefin verlieren könnten.

Denn sie hatten einen enormen Einfluss auf sie. Sie taten alles für sie, waren ständig verfügbar und hatten über Jahre hinweg eine starke Position aufgebaut.

In ihren Augen war mein Ehrgeiz also automatisch ein Angriff. Doch was sie nicht wussten, war etwas ganz anderes. Ich wollte nie ihre Position. Für mich wäre ein Leben als „rechte Hand“ viel zu eng gewesen. Viel zu klein. Ich liebe Freiheit zu sehr.

Mein Ziel war nie, den Platz eines anderen Menschen einzunehmen.

Ich wollte meinen eigenen Weg gehen. Ich wollte mein eigenes Business aufbauen.

Aber das konnten sie sich nicht vorstellen. Denn in ihren Augen war ich nicht gut genug.

Und gleichzeitig sahen sie sich selbst als viel besser – und selbst sie hätten sich so etwas nie zugetraut. Also, wie könnte jemand wie ich überhaupt auf die Idee kommen, so etwas zu versuchen? …weil sie sich selbst so etwas niemals zugetraut hätten, geschweige denn den Mut gehabt hätten, es wirklich zu verwirklichen.

Und doch – so ganz unrecht hatten sie vielleicht nie. Tief in mir gab es immer eine leise Unsicherheit. Weil ich vieles noch nicht wusste. Weil ich mich in manchen Bereichen tatsächlich inkompetent fühlte.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der meine Chefin von etwas sprach, von dem ich als Verkaufsleiterin eigentlich hätte wissen müssen – zumindest glaubte ich das damals.

In diesem Moment spürte ich etwas, das ich heute wohl Imposter-Syndrom nennen würde. Mein Gesicht wurde plötzlich taub. Meine Augen wollten sich schließen. In mir stieg eine tiefe Scham auf, weil ich etwas nicht wusste und nichts dazu sagen konnte.

In diesem Moment dachte ich: Vielleicht bin ich wirklich nicht gut genug für diesen Job. Das Wort ‚Managerin‘ übte einen immensen Druck auf mich aus. Es war meine erste leitende Position, und dieses Wort hatte für mich eine enorme Bedeutung und Kraft. Damals bedeutete der Status noch etwas für mich.

Ich hatte zwar bereits begonnen, aufzuhören, andere über mich zu stellen. Doch die lange eingeübten Muster lebten noch immer in mir weiter. Und ich musste erst lernen, dass das, was wir unser ganzes Leben lang geglaubt haben, nicht einfach verschwindet – selbst dann nicht, wenn wir bereits den ersten Schritt gemacht haben, uns davon zu lösen.

Worte können eine enorme Macht über uns haben. Und in meinem Fall hatten sie diese Macht besonders stark. Denn mein ganzes Leben lang hatte ich nie wirklich gelernt, auszusprechen, was ich sagen wollte. Immer wieder wurde ich unterbrochen. Immer wieder sprach jemand anderes lauter. So lernte ich nie, meine Stimme wirklich zu benutzen.

Und trotzdem zeigten meine Leistungen immer bessere Ergebnisse…

Und deshalb entschied ich mich zum ersten Mal, über mein Gehalt zu verhandeln. Ich fragte nach einer Lohnerhöhung. Ich hatte damit vorher keinerlei Erfahrung. Mein Wissen eignete ich mir nur durch Hörbücher und Bücher an – darüber, wie man eine Gehaltserhöhung verhandelt. Früher hätte ich mich so etwas nie getraut, weil ich Angst gehabt hätte, den Job ganz zu verlieren. Doch je mehr ich lernte, mich selbst zu schätzen und zu erkennen, was ich eigentlich leistete, desto leichter fiel es mir, auch das entsprechend zu verlangen.

Ja, es war schwierig, aber ich habe es geschafft, mein Gehalt so zu bekommen, wie ich es für angemessen hielt. Es war nicht viel, aber es war mein kleiner Sieg. Und er bedeutete mir viel mehr, als manche glauben würden. Meine Chefin war darüber sehr verärgert – doch sie hatte keine Wahl. Sie wusste, dass ich sogar mehr verdiente. Sie war wohl auch deshalb wütend, weil ich es inzwischen selbst erkannt hatte und keine Scham mehr hatte, danach zu fragen.

Wie ich schon sagte: Je mehr du beginnst, dich selbst zu schätzen und zu sehen, was du wirklich tust, desto weniger Angst hast du, deinen Wert auch zu erwarten. Und wenn sie deinen tatsächlichen Wert sehen, werden sie es dir auch geben. Wenn nicht, dann weißt du, was zu tun ist. Doch der Weg zu dieser Erkenntnis war sehr lang.

Und genau das hat der rechten Hand meiner Chefin wohl nicht gefallen. Sie musste beobachten, dass ich nicht nur gut in meinem Job war und von der Chefin geschätzt wurde. Sie sah auch, dass ich mehr Geld verdiente.

Vielleicht genau deshalb begann die rechte Hand der Geschäftsleitung irgendwann, meine Verkaufsziele rückwirkend zu erhöhen. Mitten im Monat. Zu einem Zeitpunkt, an dem ich diese Ziele bereits erreicht hatte – und damit auch Anspruch auf höhere Provision gehabt hätte. Was sie tat, war eigentlich illegal. Doch indem sie die Ziele nachträglich erhöhte, sorgte sie dafür, dass ich weniger oder gar keine Provision erhielt.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich bereits, dass ich besonders durch meine Provisionen mehr verdiente als sie. Und so bemerkte ich, was passiert war. Ich sprach meine Chefin darauf an…

Am nächsten Morgen fuhr die rechte Hand der Geschäftsleitung noch vor Arbeitsbeginn direkt zu meiner Chefin nach Hause. Als sie später ins Büro zurückkam, war der Zugriff auf das Spreadsheet bereits blockiert.

Es wirkte, als hätte meine Chefin sie darauf angesprochen. Wahrscheinlich war genau das der Grund, warum sie den Zugang zu der Provisions-Seite für mich sperrte. Meine Chefin erklärte mir später, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt. Ich hätte etwas missverstanden. Ob sie meiner Chefin etwas anderes erzählt hat oder ob beide bereits in diese Situation verwickelt waren, weiß ich bis heute nicht. Doch zu diesem Zeitpunkt traf ich eine klare Entscheidung.

Ich hätte mich rechtlich gegen diese Situation wehren können. Was geschehen war, war nicht korrekt. Aber ich befand mich damals mitten im Prozess, meine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Kanada zu bekommen. Und ich wollte keinen zusätzlichen Stress verursachen oder durch rechtliche Auseinandersetzungen mein eigenes Leben komplizierter machen. Also entschied ich mich zu gehen.

Meine Chefin versuchte, mich zum Bleiben zu bewegen. Und vielleicht war genau das der Moment, in dem etwas in mir endgültig klar wurde.

Es war die Fortsetzung einer neuen Haltung in meinem Leben.

Respektlosigkeit mir gegenüber beantwortete ich von da an mit meiner Abwesenheit – ohne Streit. Wenn jemand es sich erlaubte, mich für dumm zu halten, ging ich. Ohne Rechtfertigung oder Erklärung. Ich ließ sie mit ihrem eigenen Karma sitzen. Denn in dem Moment, in dem du beginnst, dich zu rechtfertigen, oder Energie darauf verwendest, anderen zu beweisen, dass es nicht so ist, wie sie sagen oder denken, übernimmst du die negative Energie, die sie dir geben.

Wenn du STILL bleibst, bleiben sie mit ihrem eigenen Karma zurück.

Und trotzdem bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung. Das Universum schickte mir eine Situation, in der ich mich entscheiden musste – und ich durfte sie so leben, dass sich das, was ich in meinem früheren Job erlebt hatte, in diesem Job nicht noch einmal wiederholte. Selbst wenn sonst alles perfekt scheint: Erlaubt man einmal, dass man respektlos behandelt wird, wird es meist immer wieder passieren.

In diesem Sinne hatte ich den Test bestanden: Ich sprach das Problem an. Doch wirklich darauf eingegangen wurde nicht. Stattdessen wurde es kleingeredet, und meine Wahrnehmung – meine Wahrheit – als bloßes Missverständnis dargestellt.

Im Englischen nennt man so etwas Gaslighting.

Gaslighting ist eine Form psychologischer Manipulation. Dabei versucht eine Person, die Wahrnehmung, Erinnerung oder Gefühle einer anderen Person infragezustellen, um sie zu verunsichern. Mit der Zeit kann die betroffene Person beginnen, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, obwohl ihre Erfahrung eigentlich real ist.

Gaslighting passiert oft schrittweise: Ein Problem wird kleingeredet, die Verantwortung wird verschoben, und die Gefühle der anderen Person werden als Missverständnis oder Überreaktion dargestellt. Dadurch entsteht das Gefühl, dass die eigene Wahrheit nicht zählt.

Und genau dort lag meine Entscheidung: Was werde ich als Nächstes tun? Gehen – oder so tun, als wäre nichts passiert und damit erlauben, dass es sich weiter wiederholt.

Ich kündigte.

Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass ich in dieser Zeit noch einen zweiten Job angenommen habe, weil ich mein Studium finanzieren musste. Das, was ich verdiente, reichte nicht aus. Ich musste für die Schule bezahlen, und ich hatte Schulden, die auf meinen Schultern lasteten.

Also arbeitete ich einen Vollzeitjob im Büro als Verkaufsleiterin. Zusätzlich hatte ich am Wochenende noch einen Job als Concierge im Nachbarschaftshaus. Das waren zwar nur vier bis fünf Stunden pro Tag, aber trotzdem etwa zehn zusätzliche Stunden pro Woche. Und dazu kam noch mein Studium: Zweimal pro Woche musste ich nach der Arbeit abends zur Schule gehen – und natürlich auch noch lernen.

Ich muss sagen, es war alles andere als einfach. Ich war ständig müde, und die Schule fiel mir sehr schwer. Alles war sehr businessorientiert: Ich musste Vorträge vorbereiten, mit Tabellen arbeiten, Kalkulationen erstellen..

Ich hatte niemanden, an den ich mich anlehnen konnte. Am Ende war da immer nur ich. Ja, alles ist machbar und vieles ist möglich, wenn man es wirklich möchte. Ja, ich war immer stark. Aber noch heute frage ich mich manchmal, wie ich das alles überhaupt geschafft habe. Alleine.

Es war auch in der Zeit, in der ich ihn kennenlernte...

Er lebte in dem Nachbarschaftshaus, in dem ich arbeitete, und er fiel mir sofort auf. Einmal holte er ein Paket ab, weil die Lieferungen am Concierge-Tisch bei mir abgegeben wurden. In diesem Moment sahen wir uns zum ersten Mal richtig an.

Und wenn es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt – dann war es genau das. Er war sehr charmant und freundlich, und seine Stimme war so sanft. Er sah aus wie ein kuscheliger Teddybär, mit einem kleinen bisschen Fülle im Gesicht und Körper, aber zugleich war er groß und stark. In seiner Anwesenheit fühlte ich mich sofort sicher. Man könnte fast sagen: Wie ist so etwas überhaupt möglich? Doch es war dieser Moment, in dem meine Seele ihn erkannte…

Zuerst war es einfach ein kleines Flirten – vielleicht von mir, vielleicht von ihm. In diesem Moment war etwas zwischen uns beiden, da bin ich mir ziemlich sicher.

Nach zwei Monaten kündigte ich diesen Job, weil die Belastung für mich zu groß geworden war. … Und eines Tages sah ich sein Profil auf einer Dating-App. Ich gab ihm ein Like – und er mir auch. Also schrieb ich ihm: „Hallo, Nachbar.“

Er sagte später, dass er mich zuerst nicht sofort erkannt habe. Doch irgendwann erzählte er mir, dass er mich schon damals im Haus bemerkt hatte und mich mochte.

Und so begann diese wunderschöne Geschichte. Er war ein Gentleman. Die Art, wie er mit mir umging, hatte etwas ganz Besonderes. Ich fühlte mich sicher – und von der ersten Sekunde an verliebt, fast wie ein kleines Mädchen.

Er war sehr kommunikativ, sehr gut im Small Talk und auch sehr erfolgreich in seinem Beruf. Er hatte eine Direktorenposition in einer Softwarefirma und trug entsprechend viel Verantwortung.

Er war genau der Mann, den ich mir immer vorgestellt hatte – äußerlich, innerlich und auch in Bezug auf seine Karriere. Jemand, der immer nach mehr strebte, der immer lernen wollte und mit dem es nie langweilig wurde.

In seiner Freizeit machte er Ausflüge in die Natur. Er war viel gereist und sehr belesen. All das waren Dinge, die ich mir immer bei meinem Partner gewünscht hatte.

Bei der Arbeit dachte ich ständig an ihn und an die Zeit, die wir zusammen verbrachten. Er nannte mich seine Prinzessin, und ich fühlte mich wie eine kleine Fee in seinen großen

Armen und auf seinen breiten Schultern. In seine Umarmung hätten ruhig drei Irinas hineinpassen. Ich liebte seine Umarmungen.

Und deshalb fühlte es sich für mich wie das Ende der Welt an, als er eines Tages sagte, dass er sich auf seine Arbeit konzentrieren müsse und keine Zeit für eine Beziehung habe.

Meine Welt zerbrach….

Ich konnte meinen Ohren nicht trauen. Ich verstand nicht, woher plötzlich dieser Mann kam – wie er das, was wir hatten, mit nur einem einzigen Satz zerstören konnte.

Er sagte, dass diese Erkenntnis nichts daran ändere, dass er mich mochte…

Mir war bewusst, dass er eine sehr vernünftige Erklärung benutzte – eine, die ich leichter annehmen würde, weil er verstand, wie sensibel ich war. Ich dachte damals, er wollte mich nicht verletzen. Er wollte, dass wir im Guten auseinandergehen.

Unsere Beziehung hat wahrscheinlich nur ein oder zwei Monate gedauert. Doch irgendwann wurde mir klar: Er hatte erkannt, dass ich nicht die Richtige für ihn war, um eine Familie zu gründen. Und genau in diesem Moment traf mich eine schmerzhafte Erkenntnis – dass ICH für einen Mann vielleicht nicht gut genug war.

Damals erklärte ich es mir damit, dass ich als Person vielleicht zu stark für ihn war, dass er jemanden wollte, der schwächer war. Doch tief in mir wuchs eine andere Erkenntnis.

Er wollte eine andere Art von Frau. Jemanden, der aus einer guten Familie kam, der keine großen Traumata erlebt hatte. Jemanden, der nicht ständig beweisen musste, dass er gut genug war, sondern der dieses Gefühl einfach lebte. Jemanden, der auch in der materiellen Welt zeigen konnte, dass er aus stabilen Verhältnissen kam – aus einer wohlhabenden Familie, ohne schwere innere Programme, die erst mühsam bearbeitet werden mussten.

Vielleicht hätte er mich damals gar nicht selbst angeschrieben, weil er es bereits wusste. Und als ich ihn anschrieb, sah er es vielleicht einfach als eine Gelegenheit für eine schöne Zeit. Er ließ sich auf mich ein, weil ich den ersten Schritt gemacht hatte.

Diese Erkenntnis kam erst nach einem sehr intensiven Nachdenken über die Situation – darüber, wer er war und was ich nicht hatte. Und genau dort wurde mir erneut bewusst, dass unsere Herkunft nicht nur Auswirkungen auf Freundschaften oder berufliche Wege hat, sondern auch auf romantische Beziehungen. Menschen wählen ihre Partner oft aus denselben Kreisen, mit ähnlichen Werten, ähnlichen Gewohnheiten und einem ähnlichen Verständnis davon, wie die Welt funktioniert.

Ja, er mochte mich. Aber er hörte nicht auf sein Herz – oder vielleicht hatte er gar nicht die Gefühle für mich, die ich für ihn hatte. Er folgte seiner Logik.

Kann ich ihn dafür verurteilen? Nein. Denn auch ich war einmal fest davon überzeugt, dass dieser Weg der richtige sei. Und ja – es ist einfacher.

Was er damals vielleicht nicht wusste: Menschen können sich verändern. Sie können aus den Kreisen herauswachsen, in die sie hineingeboren wurden. Sie können die Programme in

sich auflösen und zu genau der Person werden, die eines Tages die familiären Umstände verändert.

Ich bin mir sicher, dass er klug genug war zu verstehen, dass dieser Weg Jahre dauern würde – und er wollte jemanden, der all das nicht machen musste oder bereits hinter sich hatte. Zumindest glaube ich heute, dass er genau das gesucht hat.

Manchmal treffen wir genau die richtige Person – aber wenn das Timing nicht stimmt, verlieren wir die Chance, diese Verbindung wirklich zu leben.

Innerlich starb ich … Die Erkenntnis, die Liebe meines Lebens zu verlieren, weil ich nicht aus den gleichen Verhältnissen kam – weil ich nicht auf demselben Level war und genau das der Grund war, warum dieser Mensch mich ablehnte – zerstörte mich … Ich starb innerlich.

Eine Woche später schrieb er mir, dass er mich vermisse … Ich antwortete – und fand mich wieder in seinen Armen. So ging es einige Monate lang. Wir sahen uns eine Woche lang, dann verschwand ich wieder, weil ich wusste, dass es falsch war. Doch dann schrieb er mir erneut. Er wusste genau, wie er mich emotional erreichen konnte. Er machte es mir fast unmöglich, ihn zu ignorieren. Er war auch nur ein Haus entfernt von mir.

In dieser Zeit lernte ich, wie emotionaler Missbrauch aussehen kann – wie manipulativ Menschen sein können, wenn sie wissen, dass man Gefühle für sie hat. Sie nutzen genau diese Gefühle aus.

Irgendwann war ich wieder bei ihm. Ich musste nur über die Straße gehen, um zu seiner Wohnung zu kommen. An diesem Tag lagen wir einfach nur zusammen und machten ein Mittagsschläfchen. Wir kuschelten, nichts weiter. Ich schlief kurz ein.

Als ich nach ein paar Minuten aufwachte, hörte ich eine innere Stimme. Sie war so klar und intensiv, dass ich sie nicht ignorieren konnte. Die Stimme sagte: „Frag ihn, ob er noch jemand anderen sieht.“

Diese Stimme war so stark, dass ich ihn tatsächlich fragte. Er war überrascht und wollte wissen, was ich denn geträumt hätte, um auf so eine Frage zu kommen. Doch schließlich sagte er die Wahrheit: Ja, er würde noch andere Frauen daten.

Wenn ich bis dahin noch Hoffnung gehabt hätte, dass er seine Meinung über mich ändern würde, dann verschwand diese Hoffnung in diesem Moment. Er zeigte mir sehr deutlich, dass er, während er nach seiner zukünftigen Ehefrau suchte, trotzdem eine schöne Zeit mit mir haben konnte. Und wieder starb etwas in mir…

Ich brach in Wut aus. Ich sagte ihm, dass er meine Zeit verschwendet habe. Mit Tränen in den Augen traf ich eine Entscheidung: Das würde das letzte Mal sein, dass ich seine Wohnung betrete.

Beim Ausgang umarmte ich ihn noch einmal – wütend, verletzt und mit dem tiefen Schmerz, zu wissen, dass es auch das letzte Mal sein würde, dass ich ihn umarmte … Das Gefühl ist unbeschreiblich. Es ist, als würde man ein Stück der eigenen Seele abgeben. Am liebsten möchte man bleiben und alles dafür tun, bei dieser Person zu bleiben – egal wie.

Und doch liebt man sich selbst genug, um zu verstehen, was es mit einem machen würde und wie falsch es wäre, diesen Weg weiterzugehen.

Ich sagte ihm, er solle ein schönes Leben haben. Dann verließ ich seine Wohnung, ohne mich umzudrehen.

Und ich kam nie wieder zurück.

Diese Situation lehrte mich einmal mehr, für mich selbst einzustehen. Ich war länger geblieben, als ich hätte bleiben sollen, weil ich immer das Gute in den Menschen sah und bereit war, an einer Beziehung zu arbeiten. Doch ich musste lernen, dass eine Beziehung nur funktionieren kann, wenn auch die andere Person bereit ist, daran zu arbeiten.

Und ich durfte noch einmal erleben, wie wichtig es ist, auf die innere Stimme zu hören. Diese innere Stimme hatte mich schon öfter aus gefährlichen Situationen herausgeführt – besonders wenn es um romantische Beziehungen ging.

Danach fühlte es sich an, als würde ich langsam in eine Depression hineingleiten.

Trotz allem verstand ich, dass ich das Richtige tat, indem ich mich von ihm entfernte. Diese Entscheidung war klar, logisch und notwendig. Doch mein Herz fühlte etwas völlig anderes. Es fühlte sich an, als würde es zerreißen. Es war wieder einmal dieser innere Kampf, den ich schon kannte – der Kampf zwischen meinem Herzen und meinem Verstand.

Mein Verstand wusste den Weg. Doch meine Seele musste den Schmerz erst durchleben.

Nicht nur innerlich, sondern auch auf der physischen Ebene begann sich etwas in mir zu verändern. In dieser Zeit entwickelte ich Herzbeschwerden, von denen ich zunächst nicht wusste, ob sie wirklich körperlich waren oder ob sie aus einer tieferen seelischen Schicht kamen. Mein Herz schmerzte auf eine Weise, die sich anders anfühlte als ein gewöhnlicher Herzschmerz nach einer Trennung.

Ich hatte Herzklopfen, starke Palpitationen und tiefe, stechende Schmerzen im Herzbereich, die einfach nicht aufhören wollten. Es waren keine kurzen Momente – sie blieben, kehrten immer wieder zurück und ließen mich nicht zur Ruhe kommen.

Irgendwann entschied ich mich, einen Arzt aufzusuchen. Von dort wurde ich ins Krankenhaus überwiesen, wo zahlreiche Untersuchungen durchgeführt wurden. Mein Herz wurde gründlich überprüft – sogar ein Herzmonitor wurde eingesetzt, um den Rhythmus über längere Zeit zu beobachten. Doch das Ergebnis überraschte mich nicht: Auf der körperlichen Ebene war mein Herz vollkommen gesund.

Alle Werte waren normal. Keine organische Erkrankung, keine medizinische Erklärung für die Schmerzen. Es fühlte sich fast wie ein Phantomschmerz an – als würde mein Herz etwas spüren, das medizinische Geräte nicht messen konnten.

Ja, dafür gibt es tatsächlich wissenschaftliche Hinweise. Starke emotionale Belastungen, wie eine Trennung oder der Verlust eines geliebten Menschen, können echte körperliche Herzsymptome auslösen. In der Medizin wird das unter anderem als Takotsubo-Kardiomyopathie (Broken-Heart-Syndrom) beschrieben. Dabei treten Schmerzen im Brustbereich, Herzklopfen oder Herzstiche auf, obwohl das Herz bei Untersuchungen oft völlig gesund erscheint.

Studien zeigen außerdem, dass emotionaler Schmerz im Gehirn ähnliche Bereiche aktiviert wie körperlicher Schmerz. Deshalb kann sich eine tiefe seelische Verletzung tatsächlich wie ein physischer Schmerz im Herzen anfühlen.

Ich verbrachte unzählige Stunden in meinem Zimmer, oft im Bett, mit einem völlig verweinten Gesicht. Es fühlte sich an, als würde ich meine Seele aus mir heraus weinen.

Die Tränen wollten einfach nicht aufhören. Sie kamen Welle um Welle, als würde sich all der Schmerz, den ich in mir trug, einen Weg nach draußen suchen.

Meine damalige Mitbewohnerin sah mich manchmal an, als würde sie einen Geist sehen. Ihr Blick war voller Sorge. Manchmal kam sie leise in mein Zimmer, setzte sich zu mir und versuchte, mich aufzumuntern. Sie sagte immer wieder, dass er mich nicht verdient habe...

Es war auch der Moment, in dem mir langsam bewusst wurde, dass diese Begegnung mir etwas zeigen sollte. Sie hielt mir einen Spiegel vor – einen Spiegel meiner eigenen inneren Schwächen. Ich begann zu erkennen, dass meine innere Unsicherheit ein Teil dessen war, was mich so verletzlich gemacht hat.

Vielleicht war genau das der Punkt, an dem sich etwas in mir zu verändern begann.

Denn aus dieser Erkenntnis entstand ein neuer Wunsch in mir: Ich wollte stärker werden. Nicht nur innerlich, sondern auch finanziell.

Ich begann, mich mehr auf meine finanzielle Unabhängigkeit zu konzentrieren. Tief in mir wuchs der Wunsch, eines Tages ein Leben aufzubauen, in dem ich mich sicher fühlen konnte – getragen von meiner eigenen Kraft. Damit meine Kinder niemals die Liebe ihres Lebens wegen Geld oder Status verlieren würden. Heute kann ich dazu nur sagen: Wäre es wirklich Liebe von seiner Seite gewesen, hätte er mich nicht gehen lassen. Doch in dem Moment, in dem so etwas geschieht, funktioniert unsere Logik oft anders.

Viele Männer suchen vor allem nach Stabilität – nach einer stabilen Persönlichkeit und nach einem Leben, das bereits geordnet und sicher wirkt. Sie wünschen sich eine Frau, mit der sie eine Familie aufbauen können, eine Frau, die eines Tages auch ihre Kinder erziehen wird.

Sie suchen jemanden, der in sich selbst gefestigt ist – jemanden, dem sie vertrauen können.

Meine Art zu leben zeigte jedoch oft etwas anderes. Mein Leben machte deutlich, dass ich emotional nicht wirklich stabil war. Tief in mir selbst wählte ich nicht immer das, was wirklich gut für mich gewesen wäre, und ich blieb nicht immer konsequent in meinen Entscheidungen.

Nach etwa vier Monaten suchte ich noch einmal das Gespräch mit ihm. Damals sagte ich mir selbst, dass ich einfach verstehen wollte, was wirklich der Grund für unsere Trennung gewesen war. Für mich war es eine Art Abschluss, ein Versuch, inneren Frieden zu finden.

Ich glaubte, wenn ich noch einmal mit ihm sprechen würde, würde es mir danach besser gehen – und es würde mir leichter fallen, ihn loszulassen.

Heute weiß ich, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Tief in mir wollte ich einfach seine Stimme noch einmal hören – selbst wenn es nur über eine Kamera war.

Doch selbst diese entfernte Nähe reichte aus, um all die Gefühle wieder spürbar zu machen, die ich so lange versucht hatte zu ordnen.

Während unseres Gesprächs entschuldigte er sich dafür, dass er mir wehgetan hatte. Als ich dann den Grund für unsere Trennung erwähnte – so wie ich ihn inzwischen für mich verstanden hatte –, reagierte er nur mit einem kurzen Satz. Er sagte: „Du hast wirklich darüber nachgedacht.“ In diesem Moment bestätigte er indirekt das, was ich längst gespürt hatte: Der eigentliche Grund für unsere Trennung war, dass wir aus völlig unterschiedlichen Hintergründen und Welten kamen.

Und so erkannte ich, dass ich dieses Trauma aus meiner Familie anschauen und heilen musste – ein Trauma, das auch meine Beziehungen beeinflusst hat.

Oft beginnt unsere Beziehung zu Männern viel früher, als wir denken. Sie beginnt in unserer ersten Beziehung zu einem Mann – zu unserem Vater.

Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich auch meine Finanzen in den Griff bekommen musste. Obwohl ich innerlich zerbrochen war, versuchte ich dennoch, etwas Positives aus dieser Erfahrung entstehen zu lassen.

So war es eigentlich immer in meinem Leben gewesen: Irgendwo tief in mir wusste ich, dass selbst das, was mir Schmerz brachte, auch die Möglichkeit in sich trug, in etwas Schönes verwandelt zu werden. Ich habe gelernt, dass selbst das Dunkelste, was uns begegnet, manchmal der Beginn von etwas Neuem sein kann – wenn wir den Mut finden, es zu verwandeln.

Ich fühlte, dass es meine Verantwortung war, einen Weg aus den Schulden und aus den Verhältnissen zu finden, in die ich hineingeboren worden war – aus diesem familiären Status hinauszuwachsen.

Also sah ich diese Erfahrung als eine Lehre des Universums – als einen Hinweis darauf, wieder mal meine eigenen Schwächen anzuschauen und daran zu arbeiten. Und ich bin unglaublich dankbar für diese Erfahrung.

Es war der Anfang einer neuen Ära in meinem Leben. Ich erstellte ein Spreadsheet mit meinen Finanzen und begann, alles anders anzugehen.

Von diesem Moment an musste ich mich wieder Stück für Stück sammeln – während ich gleichzeitig versuchte, meine Karriere, mein Studium und meine Finanzen unter Kontrolle zu halten. Sowie auch seine ständigen Nachrichten und Versuche, mich zu überreden, zu ihm zu kommen.

Und während ich all das alleine trug, gab es Menschen in meiner weitgehenden Familie, die meinten, über mein Leben urteilen zu können. Menschen, die nie allein gelebt haben.

Menschen, die direkt aus einem gut versorgten Elternhaus in eine eigene Familie gegangen waren, in der die Männer die Verantwortung trugen, während sie selbst nur dafür sorgten, dass die Küche glänzte – und das war ihr größtes Verdienst.

Es waren genau diese Menschen, die glaubten, das Recht zu haben, mein Leben zu beurteilen. Sie hatten nicht einmal einen Bruchteil dessen erlebt, was ich oder meine Schwestern durchmachen mussten, nur weil wir in eine bestimmte Familie hineingeboren wurden. Und genau diese Menschen fragten mich später auch noch, warum sie selbst nie in solche Situationen geraten sind. Ja, Sabine – woran liegt es wohl? Denkst du wirklich, dass alles nur dein eigener Verdienst ist? Oder hattest du einfach mehr Glück und verwechselst dieses Glück mit Leistung? Und was hast du aus deiner scheinbar perfekten Ausgangssituation wirklich gemacht?

Und das Ironische daran ist: Diese Menschen würden nicht einmal verstehen, was der Begriff „Sabine“ in diesem Zusammenhang überhaupt bedeutet. So viel zur geistigen Tiefe solcher Kommentare.

Es sind oft genau diese Menschen, die in dein Zuhause kommen und nach Staub suchen. Sie glauben, ungefragt ihre Meinungen und Ratschläge erteilen zu dürfen. Und doch haben sie nicht einmal einen Bruchteil davon erreicht oder durchlebt, was ich in meinem Leben erlebt und geschafft habe. Oft urteilen gerade die am lautesten, die selbst am wenigsten erschaffen haben. Doch irgendwann verstand ich etwas: Die Meinung von Menschen kann nur dann Gewicht haben, wenn ihr Leben auch etwas ist, das man selbst bewundert oder anstrebt. Und das war hier nicht der Fall.

Und so machte ich mit meinem Leben und meiner Karriere weiter. Als ich schließlich meinen Job nach der Provisionssperre kündigte, war es Januar 2020.

Ich tat es ohne einen anderen Job in Aussicht.

Ich hatte ein gebrochenes Herz und eine große Summe an Schulden.

Ich durfte wieder einmal von vorn anfangen – und mich den Konsequenzen meiner Vergangenheit und meiner Entscheidungen stellen.

Und doch fühlte es sich in diesem Moment wie die richtige Entscheidung an.

Und genau in dieser Zeit begrüßte die ganze Welt Corona.

Zwölftes Kapitel

Bevor ich über die Zeit der Pandemie schreibe, möchte ich noch eine Geschichte erzählen, die in gewisser Weise den Hintergrund für vieles bildet, was später geschah. Es geht um eine Freundschaft, die über Jahre hinweg verschiedene Phasen durchlief und die mir auf ihre Weise einiges über Erwartungen, Nähe und persönliche Grenzen gezeigt hat.

Damals arbeitete ich noch in der Firma und hatte zusätzlich einen zweiten Job als Concierge im Nachbarschaftshaus. In dieser Zeit bekam ich zum ersten Mal Besuch aus Deutschland. Das war etwas Besonderes für mich, denn bis dahin hatte mich noch niemand aus meiner Familie besucht. Ich hatte meine Schwester mehrmals eingeladen, doch sie reagierte meist ablehnend darauf. Häufig sagte sie nur: „Was soll ich dort machen?“

Mit der Zeit spürte ich, dass sich zwischen uns etwas verändert hatte. Nachdem ich weggezogen war, entwickelte sich eine Distanz, die sich später immer deutlicher zeigte. Für mich fühlte es sich oft so an, als hätte sich in ihr eine starke Ablehnung mir gegenüber aufgebaut, mehr als je zuvor. Diese Haltung zeigte sich immer offener. Sie machte deutlich, dass sie weder Interesse noch Zeit noch Geld dafür aufbringen wollte, mich zu besuchen.

Vielleicht war es gerade deshalb für mich so besonders, als eine damalige Freundin tatsächlich den Weg zu mir fand.

Unsere Freundschaft hatte jedoch bereits zuvor eine schwierige Phase erlebt. Für etwa drei Jahre hatten wir keinen Kontakt miteinander. Der Auslöser dafür lag in einer Situation während eines meiner Besuche in Deutschland.

Zu dieser Zeit studierte sie Medizin in Lübeck. Sie wünschte sich sehr, dass ich sie dort besuchen würde. Für mich hätte das jedoch eine Zugfahrt von etwa vier Stunden in eine Richtung bedeutet. Mein Besuch bei ihr würde wenigstens zwei volle Tage in Anspruch nehmen. Gleichzeitig hatte ich damals nur zehn Urlaubstage im Jahr. Es war in Kanada durchaus üblich, dass manche Firmen nur zehn Tage Urlaub pro Jahr anbieten.

Drei davon waren bereits für den Flug eingeplant, und die verbleibende Zeit wollte ich mit meiner Oma und meiner Familie verbringen. Meine Oma hatte für mich immer eine besondere Bedeutung. Als ich nach Deutschland kam, war es mir wichtig, so viel Zeit wie möglich mit ihr zu verbringen.

Deshalb entschied ich mich, nicht nach Lübeck zu fahren. Für mich war diese Entscheidung selbstverständlich. Doch für meine Freundin war sie schwer nachzuvollziehen. Für sie fühlte es sich offenbar anders an. Sie sagte, dass sie wegen mir sogar bereit gewesen wäre, um die halbe Welt zu reisen und mich in Kanada zu besuchen – fast so, als würde sie mir damit einen Gefallen tun, für den ich mein ganzes Leben dankbar sein sollte.

Ich konnte ihre Gefühle verstehen, doch meine Entscheidung blieb dennoch klar. Meine Oma stand für mich an erster Stelle. Rückblickend wurde mir bewusst, dass sie in diesem Moment ihre eigenen Erwartungen auf mich gelegt hatte – und dass ihre Enttäuschung weniger mit meiner Entscheidung zu tun hatte als mit dem Bild, das sie davon hatte, wie ich hätte handeln sollen.

Ich versuchte damals dennoch, eine andere Möglichkeit vorzuschlagen. Ihre Eltern lebten in Braunschweig, nicht weit von der Stadt entfernt, in der auch meine Familie wohnte. Deshalb schlug ich vor, dass sie ihre Eltern besuchen könnte und wir uns dort zumindest für ein paar Stunden sehen würden. Für mich schien das ein natürlicher Kompromiss zu sein. So hätte sie Zeit mit ihrer Familie verbringen können, und wir hätten uns trotzdem getroffen. Doch manchmal tragen Menschen unterschiedliche Erwartungen in sich, und nicht immer finden diese Erwartungen im selben Moment zueinander.

Aus dieser Situation entstand schließlich eine größere Spannung zwischen uns, und der Kontakt brach für mehrere Jahre ab.

Rückblickend sehe ich diese Zeit heute ruhiger. Damals spürte ich jedoch sehr klar, dass unsere Perspektiven noch nicht wirklich zueinanderpassen. Sie war einige Jahre jünger als ich, und für mich entstand der Eindruck, dass wir uns in sehr unterschiedlichen inneren Entwicklungsphasen befinden.

Für mich fühlte es sich deshalb richtig an, unseren Weg zunächst getrennt weiterzugehen. Nicht aus Groll, sondern aus dem Gefühl heraus, dass jeder Mensch manchmal seinen eigenen Raum braucht, um Erfahrungen zu sammeln und zu wachsen.

So vergingen einige Jahre ohne Kontakt zwischen uns.

Nach etwa drei Jahren war es schließlich sie, die sich wieder bei mir meldete. Sie schrieb mir, dass sie in dieser Zeit immer wieder an mich gedacht habe und gern wissen würde, wie es mir geht. Und so entschied sie sich, mich in Kanada zu besuchen.

Als sie mich schließlich besuchte, verbrachten wir zunächst eine sehr schöne Zeit miteinander. Vieles fühlte sich vertraut an, fast so, als wären die Jahre der Distanz zwischen uns nie wirklich vergangen. Unsere Gespräche waren lebendig, und es war angenehm, ein Stück der alten Vertrautheit wiederzufinden.

Doch im Laufe dieser Tage entstand erneut eine Situation, die mich an frühere Dynamiken erinnerte. Es gab einen Moment, in dem sie von mir erwartete, in einer Weise für sie da zu sein, die sich für mich nicht mehr stimmig anfühlte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich innerlich bereits begonnen, mich von vielen Erwartungen anderer Menschen zu lösen – besonders innerhalb von Freundschaften. Ich hatte gelernt, meine eigenen Grenzen klarer zu spüren und zu respektieren.

So kam es zu einer kleinen Auseinandersetzung zwischen uns. Wir waren in einem Spa-Bereich, und als wir nach dem langen Tag duschen gingen, kam ich etwas früher aus der Dusche. Als sie dann herauskam, konnte sie ihren Locker nicht öffnen, weil er ein Problem hatte. Das machte sie wütend – vor allem, weil ich schon draußen war und es nicht mitbekommen hatte. Ich war allerdings ein paar Meter entfernt und hatte bereits angefangen, meine Haare mit dem Föhn zu trocknen.

Als sie es schließlich doch geschafft hatte, kam sie zu mir und machte mir Vorwürfe, dass ich nicht für sie da gewesen sei. Ich schaute sie verblüfft an und merkte, wie sich etwas in mir umdrehte – eine Art von Wut entstand. Ich hätte bei ihr stehen und warten sollen, bis sie fertig ist – ich hätte ihr jeden Schritt folgen sollen, bis ihre „Königin“ alles erledigt hatte. Was ist sie – drei Jahre alt? Vor allem war es keine gefährliche Situation oder ein unsicherer Ort. Es war eine Frauenabteilung, in der alle entspannt waren. Ich hätte es verstanden, wenn sie allgemein Angst gehabt hätte, sich in einer unsicheren Umgebung zu befinden. Allerdings war das nicht der Fall.

Ich äußerte mich zum ersten Mal in dieser Freundschaft so deutlich und wies darauf hin, dass sie mich wenigstens hätte rufen können, wenn sie Hilfe gebraucht hätte. Woher hätte ich wissen sollen, dass sie ein Problem hatte?

Diese Situation war nicht groß, und sie führte auch nicht dazu, dass der Kontakt wieder abbrach. Doch für mich war sie ein stiller Hinweis darauf, wie unterschiedlich unsere inneren Haltungen noch immer waren und dass sich in dieser Hinsicht nicht wirklich viel verändert hatte.

Vielleicht hatte sich nur eines verstärkt: Mit den Jahren war sie zu einer Person geworden, die unrealistische Erwartungen an die Menschen in ihrem Umfeld stellte. Sie hatte viel erreicht und wirkte von außen sicherer in ihrer eigenen Haut. Was auf seine Weise auch etwas sehr Schönes sein kann. Und doch erinnerte mich etwas in dieser Dynamik an eine sehr frühe Erfahrung in meinem Leben – an die langjährige beste Freundschaft, von der ich mich damals schließlich ebenfalls lösen musste.

Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass die materielle Welt und der Elite-Status, über den sie so gern sprach, auch ihr Verhalten zunehmend prägten. Es zeigte sich in den Erwartungen, die sie an die Menschen um sich herum stellte – Erwartungen, die manchmal fast so wirkten, als müssten andere ihr in gewisser Weise dienen oder sich danach ausrichten. Und an dieser Stelle ist es mir wichtig zu sagen, dass ich es früher höchstwahrscheinlich getan hätte – doch zu diesem Zeitpunkt brauchte ich meine Freiheit, frei von den Erwartungen anderer.

Als sie wieder ging, versuchte ich, die Situation nicht zu ernst zu nehmen. Schließlich musste ich nicht jeden Tag mit ihr verbringen. Doch irgendwo in meinem Inneren hatte sich ein kleiner Samen gelegt. Von diesem Moment an begann ich, die Muster in ihrem Verhalten bewusster wahrzunehmen und zu beobachten.

Als Corona in der Welt erschien, lebte ich bereits außerhalb der Stadt. Kurz zuvor war ich zu einem Kumpel in ein Haus gezogen. Dort konnte ich ein Zimmer für deutlich weniger Geld mieten, als ich für eine Wohnung in der Innenstadt hätte zahlen müssen.

Dieser Schritt war Teil eines Plans, den ich umsetzen musste, um langsam aus meinen Schulden herauszukommen. Für mich fühlte es sich zunächst wie ein Schritt zurück an. Doch gleichzeitig wusste ich, dass es notwendig war. Ich musste meine Kosten kleinhalten, um mir wieder mehr Stabilität aufzubauen.

Im Rückblick fühlte sich vieles, was in der Zeit davor geschehen war, fast wie eine Vorbereitung an. Als hätte das Leben – oder vielleicht das Universum – mich Schritt für Schritt auf das vorbereitet, was die Welt bald erleben würde.

Ich konzentrierte mich weiterhin auf meine Karriere und mein Studium. In meiner Zeit an der Universität gab es einen Moment, der sehr viel in mir bewegt hat.

Ich habe schon oft erwähnt, wie große Angst ich vor Public Speaking hatte. Vor Menschen zu sprechen, war für mich früher etwas, das mir regelrecht die Luft nahm. Allein der Gedanke daran ließ mein Herz schneller schlagen.

Ich erinnere mich an eine Situation nach dem ersten Jahr. Wir mussten eine Präsentation in Gruppen vorbereiten. Auf Grundlage dessen, was wir im ersten Jahr dieses Sales- und Marketing-Management-Programms gelernt hatten, sollten wir ein lokales Unternehmen analysieren, die Schwachstellen erkennen und anschließend einen Business-Vorschlag (bzw. ein Verbesserungskonzept) erarbeiten, wie das Unternehmen erfolgreicher arbeiten könnte. Daraus sollten wir eine Präsentation erstellen. Die Arbeit daran machte mir sogar Spaß. Doch sobald ich daran dachte, vor der ganzen Klasse und den Professoren auf Englisch zu präsentieren, fühlte es sich an, als würde ich sterben.

Und das, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre in Kanada gelebt und bereits häufiger Produktkenntnis-Meetings in lokalen Geschäften durchgeführt hatte – in meiner Tätigkeit als Sales-Managerin.

Jedes Mal vor einer Gruppe zu stehen, besonders vor jungen Menschen, die das Gleiche wie ich gelernt hatten, blieb für mich eine Herausforderung. Trotz all meiner Erfahrung war da diese leise, unerklärliche Angst, vorn zu stehen und Fehler zu machen.

Als Kind hatte ich diese Angst nicht. Sie entstand erst später, nachdem wir nach Deutschland gezogen waren. Es war ein Trauma, das mich damals sehr stark geprägt hatte, weil ich Angst hatte, etwas Falsches zu sagen … Wie dem auch sei …

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich in meinem Hotelzimmer stand, kurz bevor wir zu dieser Veranstaltung aufbrechen mussten. Es fühlte sich an, als würde meine innere Welt vor Angst zusammenbrechen. Unsere ganze Klasse war in die Berge gereist, in ein Hotel, in dem solche Veranstaltungen häufig stattfinden. Dort sollten wir unsere Präsentationen halten.

Unsere Gruppe bestand aus vier Personen. Ein anderer Partner und ich hatten besonders viel Zeit in das Projekt investiert, und deshalb mussten wir auch den größten Teil der Präsentation übernehmen. Als der Moment kam, nach vorne zu gehen und zu präsentieren, gab es kein Zurück mehr. Ich wollte keinen Preis gewinnen. Ich wollte einfach nur durchkommen und es hinter mich bringen. Die Präsentationen wurden bewertet, und sie zählten zu einem großen Teil zur Gesamtnote des Jahres.

Umso größer war meine Überraschung, als uns später gesagt wurde, dass unser Team den ersten Platz gewonnen hatte. Unsere Namen wurden sogar in eine Trophäe eingraviert.

Für jemanden, der Public Speaking als seine größte Angst empfand, war es unbeschreiblich, für eine Präsentation einen Preis zu gewinnen. Ich konnte meinen Ohren nicht glauben.
Nicht, dass der Inhalt unserer Analyse nicht gut gewesen wäre, aber ich selbst habe mich für meine Schwäche bewertet, und deshalb war ich überrascht, dass wir gewonnen haben. Die Zuhörenden haben offenbar auf etwas anderes Wert gelegt. Ja, vorn zu stehen und zu präsentieren, erfordert sehr viel Mut, und niemand achtet wirklich so sehr darauf, wie du es sagst. Dennoch weiß ich, dass wir den ersten Platz nicht gemacht hätten, wenn es schlecht gewesen wäre – vor allem, weil die Mehrheit der Klasse Englisch als Muttersprache hatte.

Was nehme ich aus dieser Erfahrung mit?

War es leicht? Nein. War ich perfekt? Nein. War es leichter, weil ich nicht allein dort vorn stand? Ja. Aber es zeigte mir, dass ich die Fähigkeit der fünften Energie in mir trage: die Gabe zu kommunizieren. Ein Talent, mit dem ich geboren wurde, das mir jedoch durch die Erfahrungen meines Lebens lange Zeit genommen schien. Es war auch ein Schritt, meine Ängste und Schwächen aufzuarbeiten.

Denn Angst ist oft genau der Weg. Dort, wo unsere Angst liegt, liegt oft auch unser größtes Wachstum.

Diese Geschichte soll vor allem eines zeigen: Alles ist möglich – und vieles wird leichter –, wenn wir unsere Energie darauf richten, etwas zu verbessern, statt uns nur auf die Angst zu konzentrieren, uns Gedanken darüber zu machen, was schiefgehen könnte, und es gar nicht erst zu versuchen.

Kurz davor hatte ich einen Job als Verkaufsleitung bei einer internationalen Modefirma gefunden. Ich wurde eingestellt und begann voller Hoffnung in dieser neuen Position. Doch ich blieb nur eine Woche in dieser Rolle.

Anfang März kündigte Kanada plötzlich weitreichende Maßnahmen an. Geschäfte mussten schließen, besonders im Einzelhandel. Innerhalb kürzester Zeit standen die Türen der Läden still. Für mich bedeutete das vor allem eines: kein Geld, keine Arbeit.

All das geschah im März, in den ersten Tagen einer Zeit, von der damals noch niemand wirklich wusste, wie sehr sie die Welt verändern würde.

In den Wochen danach fanden alle Treffen der Führungskräfte nur noch online statt. Wir hielten regelmäßige Meetings, ich wurde weiter eingearbeitet, und gemeinsam entwickelten wir Strategien für eine mögliche Wiedereröffnung der Geschäfte.

Doch eines Tages kam schließlich die Nachricht, dass die Filiale in der Innenstadt, in der ich eingestellt worden war, in eine Renovierungsphase gehen würde. Niemand konnte sagen, wie lange das dauern würde.

Also wartete ich. Eine Zeit lang hoffte ich noch, dass sich alles bald klären würde. Doch nach einiger Zeit merkte ich, dass ich nicht länger in dieser Ungewissheit bleiben wollte. Schließlich entschied ich mich, die Position aufzugeben, und begann, mich nach anderen Möglichkeiten umzusehen.

In dieser Zeit hatte der kanadische Staat ein Unterstützungsprogramm für Menschen eingeführt, die durch die Pandemie ihre Arbeit verloren hatten. Das Programm hieß CERB, und viele Menschen erhielten monatlich 2000 kanadische Dollar (ca. 1250 €), solange diese ungewisse Zeit andauerte. Auch ich wurde in dieser Phase vom Staat unterstützt. Während viele Menschen diese Monate als eine der schwierigsten Zeiten ihres Lebens erlebten, wurde diese Phase für mich auf eine ganz unerwartete Weise besonders. Rückblickend waren es vielleicht sogar die schönsten sechs Monate meines Lebens.

Zum ersten Mal musste ich nichts leisten, nichts beweisen und nichts erzwingen. Zum ersten Mal konnte ich einfach sein, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Zum ersten Mal durfte ich wirklich zur Ruhe kommen. Und ich wusste, dass ich für diese Situation nichts konnte.

Und in dieser Zeit gelang es mir, selbst mit dieser kleinen Summe einen großen Teil meiner Schulden abzubezahlen.

Diese Zeit gab mir Raum – Raum, mich wirklich und noch mehr meiner inneren Heilung zuzuwenden. Und gerade weil ich sie so ernst nahm, begann aus dieser stillen Phase nach und nach etwas Neues zu entstehen.

Ich verbrachte in dieser Zeit sehr viel Zeit mit Büchern. Gleichzeitig lief ich weiterhin regelmäßig, so wie ich es schon lange zuvor getan hatte. Schon damals hatte ich mir das Ziel gesetzt, einmal einen Marathon zu laufen. Allerdings hatte ich nicht genug spezifisches Training dafür, obwohl ich bereits 2018 einen Halbmarathon gelaufen war. Damals war ich allerdings auch noch im Kickbox-Training, wodurch ich insgesamt viel aktiver war.

Während der Corona-Zeit wollte ich meine sportlichen Aktivitäten unbedingt beibehalten. Die ganze Welt war plötzlich still geworden, und ich wusste, wenn ich meinen Körper nicht in Bewegung halte, würde ich schnell träge werden. Gesundheit war für mich schon immer eines der wichtigsten Dinge im Leben. Deshalb achtete ich auch sehr bewusst auf meine Ernährung und meine körperliche Aktivität.

Also begann ich, mich auf meine Weise auf einen Marathon vorzubereiten. Doch irgendwann entwickelten sich Schmerzen in meinem Knie. Nach einer ärztlichen Beratung wurde mir schließlich geraten, das Laufen aufzugeben.

Es war erst ein paar Monate zuvor gewesen, dass ich mich von der Liebe meines Lebens getrennt hatte. Diese Trennung hat in mir bereits vieles in Bewegung gesetzt. In dieser Zeit begann sich etwas tief in meiner Seele zu lösen.

Ich war an einem der tiefsten Punkte meines Lebens angekommen – tiefer, als ich es je zuvor erlebt hatte. Und doch fühlte ich gleichzeitig eine Freiheit, die ich vorher nicht kannte: die Freiheit von den Programmen und Erwartungen, die so lange über mein Leben gelegt worden waren. Wenn ich mit diesem Gefühl klarkomme und lerne, daran zu wachsen, gibt es nichts mehr, was mich zerreißen könnte.

Mit jedem Schrei, der meine Seele verließ, löste sich auch ein Stück des Gefühls, nicht genug zu sein. Jede Träne, die über mein Gesicht floss, wurde für mich zu einem stillen Beweis, dass ich stärker war, als ich lange geglaubt hatte. Jede Träne wurde zu einem Stück Selbstbewusstsein. Mit jeder Träne wuchs etwas Neues in mir. Langsam begann ich, wie ein Phönix aus der Asche zu entstehen…

Die Gedanken und Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit kamen immer wieder zurück. Doch anstatt vor ihnen davonzulaufen, ließ ich sie da sein. Ich hörte jedem Gedanken zu, auch den dunkelsten. Ich sah meine Wunden an und lief nicht mehr vor ihnen davon.
Stattdessen begann ich, sie mit Geduld zu heilen – als würde ich meine eigene Seele aus den Trümmern wieder aufbauen. Aus ihnen formte sich nach und nach ein Gefühl von Fülle in mir – ein Gefühl, das nicht mehr von jemand anderem abhängig war. Ich begann, mich selbst als genug zu sehen…

Und mit jedem Stück „Genug-Sein“ wuchs mein Selbstvertrauen. Ich begann, mein Leben wie einen Film vor meinen Augen zu sehen – all das, was ich bis dahin erreicht hatte.

Und plötzlich wurde mir klar: Genau das war es gewesen, was ich mir als kleines Mädchen immer gewünscht hatte – für mich selbst genug zu sein.

Viele Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, nach diesem Gefühl zu suchen – und erreichen es nie. Sie versuchen, es durch Status und materielle Dinge zu erlangen, und fühlen nur für eine kurze Zeit ein Gefühl des Ankommens, doch dann kehrt es wieder zurück – dieses Gefühl, dass es nicht genug ist. Die wahre Antwort liegt darin, sich selbst als genug zu sehen – auch ohne etwas im Außen.

Mit der Zeit wuchsen daraus eine tiefe Freude und eine neue Sicherheit in mir. Ein Gefühl, für das manche Menschen tausende von Euro ausgeben, um es zu erreichen – und doch kann kein Reichtum der Welt dieses innere Fundament wirklich ersetzen.

Und ja, von außen sah mein Leben vielleicht chaotisch oder sogar schlimm aus. Doch in meinem Inneren hatte ich etwas erreicht, das ich lange gesucht hatte: inneren Frieden.

Ich liebte dieses Gefühl. Und genau deshalb machte ich mit meiner Heilung weiter. Ich wollte, dass dieses Gefühl nicht nur ein kurzer Moment bleibt, sondern zu etwas Stabilem in mir wird.

Denn ich begann zu verstehen: Unsere äußere Welt beginnt sich erst dann wirklich zu verändern, wenn unsere innere Welt sicher und stabil geworden ist.

Die Trennung von ihm war am Ende wie die Kirsche auf der Torte. Sie war der letzte Schritt in einer Entwicklung, die schon lange begonnen hatte. Ich suchte nicht nach einer neuen Beziehung und auch nicht nach Ablenkung. Stattdessen wandte ich mich noch bewusster meiner eigenen Heilung zu. Reiki begleitete mich weiterhin auf diesem Weg. Spirituelle Bücher fanden ihren Weg zu mir, und eines von ihnen berührte mich besonders tief.

Diese Zeit wurde zu einer Phase des Reflektierens, des Verstehens und auch des inneren Handelns.

Ich begann zu verstehen, dass ICH es gewesen war, die für eine Familie nicht wirklich bereit gewesen war – obwohl ich lange geglaubt hatte, dass dies der natürliche nächste Schritt sein müsste, obwohl es nie mein größter Wunsch gewesen war.

Manchmal entsteht dieser Gedanke ganz automatisch, wenn wir jemanden treffen, den wir lieben. Fast so, als würde eine unsichtbare Ordnung vorgeben, dass der nächste Schritt immer eine Familie sein muss. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass dieser Wunsch nie wirklich aus meinem eigenen Herzen gekommen war, sondern aus Erwartungen, die lange über meinem Leben gelegen hatten.

Ich weinte, weil mich diese Einsicht auf eine tiefe Weise erleichterte. Sie nahm eine Last von meinen Schultern und schuf gleichzeitig Raum – Raum, mich auf andere Seiten meines Lebens und auf meine eigenen Stärken zu konzentrieren, anstatt meine Energie weiter auf etwas zu richten, das nie wirklich mein eigenes Ziel gewesen war.

Es ist fast paradox, wie solche Erkenntnisse entstehen. Man glaubt lange, einem bestimmten Weg folgen zu müssen, bis eines Tages plötzlich klar wird, dass dieser Weg vielleicht nie der eigene war. Und genau in diesem Moment beginnt eine neue Freiheit.

Die Erfahrung mit ihm veränderte etwas tief in meinem Inneren. Man sagt oft, dass ein Mensch sich verändert, wenn er einmal wirklich geliebt hat.

Davor hatte ich keinen Vergleich. Ich hatte mich zuvor nie auf eine Weise verändert, die so tief ging. Doch er war der Mensch, der vieles in meinem Inneren in Bewegung brachte.

Heute sehe ich ihn auf eine andere Weise. In gewisser Weise war er ein Heiler in meinem Leben. Seine Aufgabe war es vielleicht, meine innere Welt zu erschüttern – alte Muster und Strukturen zu zeigen, die sich über Jahre aufgebaut hatten. Erst durch diese Erschütterung konnte sich vieles auflösen. Und genau dadurch bekam ich die Möglichkeit, mich neu zu sammeln und mich auf eine neue Weise aufzubauen.

Genauso funktionieren karmische Begegnungen.

Die Seele eines Menschen verspricht auf einer tieferen Ebene, uns in diesem Leben zu berühren – manchmal sogar zu erschüttern –, um uns aufzuwecken. Und als ich später diese karmische Verbindung numerologisch analysierte, wurde mir erneut bestätigt, dass seine Aufgabe darin bestand, mich zu erwecken – dass ich lerne, Nein zu sagen, dass ich es nicht erlaube, mit meinen Gefühlen zu spielen. Eine Situation entsteht, die uns dazu bringt, an uns selbst zu arbeiten und bestimmte Muster in unserer Ahnenlinie zu erkennen. Und genau deshalb bin ich diesem Treffen bis heute sehr dankbar.

Im letzten Gespräch sagte er mir, dass es ihm wichtig sei, dass Menschen, die sein Leben verlassen, etwas mitnehmen – dass er auf irgendeine Weise für sie nützlich gewesen sein kann. Und das war er auch für mich. Trotz des Schmerzes, den ich durchleben musste.

Denn durch diese Begegnung konnte ich wachsen, mich neu sammeln und mich auf eine Weise entwickeln, die ohne diese Erfahrung vielleicht nie möglich gewesen wäre.

Durch diese Erfahrung begann ich, mich von der Scham zu lösen, die ich lange über meine Herkunft getragen hatte. Und damit tat ich etwas, das viele Generationen vor mir nicht geschafft hatten. Ich durchbrach die Programme meiner Ahnenlinie. Ich hörte auf, Geld als Maßstab für den Wert eines Menschen zu sehen. Und ich stellte auch niemanden mehr über mich selbst. Niemanden.

Nach dieser Zeit begann ich auch meine Beziehungen bewusster zu betrachten. Ich wurde selektiver darin, mit wem ich meine Energie teile, und ich lernte, mich auch von Menschen zu lösen, wenn ich spürte, dass ein Weg nicht mehr stimmig war.

Ja, ich hatte mich verändert. Und nicht jeder in meinem Umfeld konnte mit dieser Veränderung umgehen.

Vielleicht ist hier auch der richtige Moment, noch eine andere Freundschaft zu erwähnen.

Wir hatten uns einige Jahre zuvor kennengelernt, als ich noch mein Studium zur Modedesignerin machte. Sie kam ebenfalls aus Europa, war einige Jahre jünger als ich und hatte eine sehr charmante Art. Es fiel ihr leicht, Menschen für sich einzunehmen. Viele fühlten sich schnell von ihr angezogen. Sie war hübsch, klug und sehr kommunikativ. Es war leicht, sich in ihrer Gegenwart wohlzufühlen. Viele Menschen fühlten sich schnell von ihr angezogen – und vielleicht war genau das auch der Grund, warum ich sie so mochte. Sie hatte etwas, das ich auch wollte. Ihre Art zu kommunizieren war in meinen Augen sehr attraktiv, und deshalb ignorierte ich die Red Flags.

Lange Zeit nahm ich bestimmte Dinge nicht wirklich wahr. Und selbst wenn ich manchmal etwas spürte, überspielte ich es. Vielleicht auch deshalb, weil ich damals noch sehr daran gewöhnt war, in Menschen zuerst das Gute zu sehen und das Schwierige nicht sofort als Warnsignal zu deuten.

Mit der Zeit begann ich jedoch, Dinge wahrzunehmen, die ich nicht mehr einfach übergehen konnte. Früher hätte ich vieles vielleicht noch ignoriert, doch inzwischen hatte ich gelernt, stärker auf mein inneres Gefühl zu hören.

Als ich die Liebe meines Lebens traf, entschied ich mich bewusst, ihr zunächst nichts davon zu erzählen. Irgendetwas in mir spürte, dass sie eine Art hatte, Situationen sehr schnell auf sich zu ziehen. Und manchmal gibt es Menschen, bei denen man instinktiv fühlt, dass man sie nicht unbedingt in die Nähe einer so persönlichen Verbindung bringen möchte.

Ihr Charme war stark. Sie hatte eine besondere Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen. Oft schien es fast wie ein Spiel – als würde sie die Aufmerksamkeit eines Menschen gewinnen, nur um sich danach wieder davonzulösen, sobald sie spürte, dass sie diese Aufmerksamkeit nicht mehr brauchte. Es wirkte, als würde sie vor allem die Dynamik und die Macht der Aufmerksamkeit genießen. Und tatsächlich schien es ihr schwerzufallen, Menschen über längere Zeit in ihrem Leben zu halten. Mit der Zeit begannen viele, die Dynamiken hinter diesen Spielen zu erkennen. Ich blieb länger als jemand zuvor in ihren Worten.

Ironischerweise war ich es gewesen, die ihr damals das Interview in der Firma, in dem Prestige-Laden, ermöglicht hatte. Mit der Zeit entwickelte sich auch eine enge Verbindung zwischen ihr und meiner damaligen Chefin – einer Frau, die unsere Freundschaft gelegentlich für ihre eigenen Machtspiele nutzte.

Nach und nach bemerkte ich, wie sie begann, sich im Verhalten meiner Chefin zu spiegeln. In Gesprächen konnte man manchmal eine übertriebene Begeisterung in ihrer Stimme hören, während gleichzeitig andere Ideen eher abgewertet wurden. Es war eine subtile Art, Dynamiken zu verstärken, die ich aus meiner Zeit dort bereits kannte. Es wirkte fast so, als würde sie meine Chefin nachahmen wollen. Sie schien von ihrer manipulierbaren Art fasziniert zu sein und begann, einige ihrer Verhaltensmuster zu übernehmen – etwas, das ich nur schwer ertragen konnte.

Und langsam begann ich zu verstehen, dass sich auch diese Freundschaft in eine Richtung entwickelte, die für mich nicht mehr wirklich stimmig war. Wenn eine Freundin mit der Person befreundet ist, die dich immer wieder fertig macht, solltest du dich von dieser Freundin fernhalten. Wie kannst du einer solchen Person vertrauen, die für alle gut erscheinen möchte? Sie belügt sich doch selbst in erster Linie – kannst du erwarten, dass sie dich nie betrügt? Sie betrügt dich bereits in dem Moment, in dem sie vorgibt, deine Freundin zu sein.

In dieser Zeit lernte ich auch etwas Anderes über Vertrauen. Wenn man bei einer Freundin das Gefühl hat, den eigenen Partner in ihrer Nähe nicht wirklich alleinlassen zu wollen, hat das nicht unbedingt etwas mit Unsicherheit zu tun. Manchmal ist es eher ein inneres Wissen darüber, welche Dynamiken ein Mensch in sich trägt.

Es gibt Menschen, die Aufmerksamkeit wie ein Spiel betrachten – und die vielleicht sogar bereit wären, die Freundschaft darauf zu setzen, nur um zu beweisen, dass sie diese Aufmerksamkeit gewinnen können. Und an einem bestimmten Punkt darf man sich dann selbst eine ehrliche Frage stellen: Möchte ich jemanden mit dieser Energie wirklich so nah an meinem Leben haben?

Diese Frage gilt nicht nur für Freundschaften. Sie gilt für alle Beziehungen im Leben – auch in der Familie. Denn Nähe sollte ein Ort des Vertrauens sein, nicht von stillen Machtspielen.

Und auch in dieser Zeit wurde ein Same in mir gepflanzt. Natürlich hatte ich Menschen und ihre Verhaltensweisen schon lange beobachtet. Doch bis dahin hatte ich oft versucht zu verstehen, warum jemand so war, wie er war. Fast so, als würde ich immer eine Erklärung suchen, um an der Seite dieser Menschen bleiben zu können.

Nach meiner Erfahrung mit diesem Mann und der inneren Heilung, die darauf folgte, reichte ein „Warum“ jedoch nicht mehr aus.

Ich begann zu verstehen, dass Gespräche in solchen Situationen oft wenig verändern. Es waren erwachsene Menschen – nicht weniger bewusst oder weniger intelligent als ich.
Wenn sie so handelten, dann war es ihre eigene Entscheidung, so zu sein. Und meine Entscheidung war es, mich davon zu entfernen.

Von da an begann ich, solche Freundschaften loszulassen – ob jemand Neues oder eine langjährige Beziehung, es spielte keine Rolle. Manchmal schrieb ich einen respektvollen Brief, ohne lange Erklärungen oder Rechtfertigungen. Denn ich wollte nicht, dass sich jemand meinetwegen verändert.

Ein Mensch sollte sich nur für sich selbst verändern – dann ist Veränderung wirklich echt. Und ich war nicht länger bereit, meine Zeit damit zu verbringen, Beziehungen aufrechtzuerhalten, die sich für mich nicht mehr stimmig anfühlten.

In dieser Zeit wurde mir auch etwas anderes sehr klar. Sobald jemand begann, meine Zeit und meine Energie für eigene Spiele zu nutzen – mich anzulügen und sich danach selbst als Opfer darzustellen – zog ich mich zurück.

Und genau in solchen Momenten hörte ich oft denselben Satz:

„Du hast dich verändert.“

Früher hätte mich dieser Satz vielleicht getroffen. Heute ist dieser Satz für mich zu einem Kompliment geworden.

Denn oft wird dieser Satz nicht deshalb ausgesprochen, weil Veränderung etwas Schlechtes über dich aussagt, sondern weil jemand gehofft hatte, dass du so bleibst, wie es für ihn bequem war – innerhalb der Grenzen und Erwartungen, die in sein eigenes Weltbild passen.

Ja, ich habe mich verändert.

Und ich bin dankbar dafür. Ich habe mich durch harte innere Arbeit verändert, und weil diese Veränderung aus echter Erkenntnis entstanden ist, gibt es für mich keinen Weg zurück zu der Person, die ich einmal war.

Wenn ein Mensch beginnt, klare Grenzen zu setzen, kann das für andere unbequem sein. Manchmal reagieren sie darauf mit Vorwürfen oder stellen die Geschichte so dar, als sei man selbst das Problem geworden. Heute sehe ich das auch mit Ruhe. Wenn Menschen Energie darauf verwenden, über mich zu sprechen oder Geschichten oder Lügen zu erzählen, dann zeigt das am Ende mehr über sie als über mich.

Doch in Wirklichkeit zeigt Veränderung oft nur eines: dass jemand begonnen hat, sich selbst ernst zu nehmen. Und vielleicht berührt genau das andere Menschen – weil es sie daran erinnert, wo sie selbst stehen geblieben sind. Oder einfach, weil du nicht mehr bequem bist. Aber das ist nicht länger mein Problem.

Wenn mich heute jemand fragen würde, wann genau der Punkt kam, der mich verändert hat, würde ich sagen: Es war kein einzelner Moment. Es war etwas, das sich über die Zeit hinweg entwickelt hat.

Es fühlte sich fast so an, als wäre ich mein ganzes Leben lang auf diesen Punkt vorbereitet worden. Und als dieser Mann schließlich in mein Leben trat und meine innere Welt so tief bewegte, konnte ich diese Veränderung nicht mehr nur verstehen – ich musste sie leben.

Mein ganzes Leben war wie ein Trainingsfeld gewesen. Doch nach dieser Erfahrung fühlte es sich an, als hätte ich dieses Training hinter mir gelassen und würde nun in die Welt hinaustreten, um das Gelernte tatsächlich zu leben. Von da an konnte ich es nur noch ausleben.

Am Anfang wirkte diese Veränderung für viele Menschen vielleicht rau. Manche sagten mir, ich sei nicht mehr empathisch genug. Andere waren überrascht, wie ruhig und ohne Zögern ich begann, Verbindungen zu beenden, die mich kleinhalten wollten oder mir nicht mehr guttaten.

Doch es lag nicht daran, dass ich kein Herz hatte oder menschliche Beziehungen nicht schätzte. Ganz im Gegenteil.

Mein eigentliches Problem war immer gewesen, dass ich viel zu viel Geduld mit anderen Menschen hatte – und viel zu wenig mit mir selbst. Und genau darin lag das Ungleichgewicht. Ich gab mein Potenzial, meine Energie und meine Geduld oft an andere … während meine eigene Welt dabei zu kurz kam.

Und ja, als ich begann, auch beruflich meine direkte Meinung zu äußern, kam das für manche Menschen zunächst ungewohnt – manchmal sogar hart – an. Viele hatten diese Klarheit von mir nicht erwartet. Es gibt diesen Moment, in dem sich innerlich bereits alles verändert hat – doch der Körper braucht noch Zeit, um zu folgen. Alte Bewegungen, vertraute Gesichtsausdrücke, gewohnte Reaktionen bleiben noch eine Weile bestehen, als würden sie das Alte langsam loslassen. Doch wie ich bereits sagte: Ich habe aufgehört, mein Leben nach den Vorstellungen anderer Menschen zu leben.

Was andere über mich denken oder welche Erwartungen sie an mich haben, verlor für mich zunehmend an Bedeutung. Wichtiger wurde für mich eine andere Entscheidung: dass ich mich selbst nicht mehr verrate – für niemanden.

Natürlich passt eine solche Haltung nicht für alle. Manche Menschen hatten lange geglaubt, sie hätten Einfluss auf mein Selbstbewusstsein und meine Entscheidungen – dass sie so raffiniert und geschickt Einfluss ausüben konnten. Sie wurden sogar wütend, wenn ich klar in meiner Meinung blieb. Und als sie merkten, dass sie diesen Einfluss verloren hatten, begannen sie, Geschichten über mich zu erzählen – Geschichten, die besser in ihre eigene Welt passten.

Doch ihre Worte verloren für mich an Bedeutung. Sie waren nie meine Vorbilder, und ihre Meinung war nie der Maßstab für mein Leben. Warum also sollte ich mich darum kümmern, was Menschen über mich sagen? Egal wer.

Dreizehntes Kapitel

Ende des Sommers 2020 fand ich eine neue berufliche Möglichkeit. Ich bewarb mich bei einem Unternehmen, das eine hybride Stelle in der Vertriebsassistenz mit Verantwortung im Bereich Debitorenbuchhaltung ausgeschrieben hatte.

Gesucht wurde eine Person, die das Vertriebsteam im Hintergrund unterstützt – jemand, der Verkaufsaufträge im System erfasst, neue Kundinnen und Kunden betreut und gleichzeitig die Zahlungsprozesse begleitet. Dazu gehörte es, eingehende Zahlungen zu verbuchen, offene Rechnungen zu überwachen und die gesamte Zahlungsabwicklung im Blick zu behalten.

Auf den ersten Blick wirkte diese Position für mich fast wie ein Schritt zurück. In meinen vorherigen beruflichen Stationen hatte ich bereits leitende Aufgaben übernommen und viele Jahre Erfahrung gesammelt. In dieser Rolle jedoch sollte ich vor allem den Vertrieb unterstützen – fast wie eine Art Assistenz.

Und dennoch spürte ich beim Lesen der Stellenbeschreibung eine leise innere Resonanz.

Besonders der Bereich der Debitorenbuchhaltung sprach mich an. In der Beschreibung wurde erwähnt, dass sich diese Verantwortung mit dem Wachstum des Unternehmens weiterentwickeln würde und daraus langfristig eine eigenständige Position in diesem Bereich entstehen könnte.

Das fühlte sich für mich wie eine Möglichkeit an – wie ein Weg, der sich langsam öffnete.

Das Unternehmen selbst war in Texas gegründet worden und befand sich noch im Aufbau. Zu diesem Zeitpunkt hatte es etwa sechzehn Standorte, die meisten davon in den Vereinigten Staaten. Einer der neueren Standorte befand sich in Vancouver, ein weiterer in den Vereinigten Staaten war gerade erst entstanden.

Ich kam also in ein Unternehmen, das sich noch in einer Phase des Wachstums befand.

Das bedeutete viele Möglichkeiten.
Raum, sich zu entwickeln.
Und die Chance, mit dem Unternehmen gemeinsam zu wachsen.

Auch finanziell war diese Stelle ein bedeutender Schritt für mich. Das Gehalt war deutlich höher als alles, was ich bis dahin verdient hatte. Oft hört man, dass im Vertrieb das meiste Geld verdient wird. Doch in meinen bisherigen Vertriebspositionen war das nicht wirklich der Fall gewesen. Entweder waren die Unternehmen zu klein gewesen oder die Bonusprogramme waren so gestaltet, dass man nur begrenzt mehr verdienen konnte.

Deshalb entschied ich mich, diese neue Stelle anzunehmen.

Mein erstes Vorstellungsgespräch führte ich direkt mit dem Investor und dem Geschäftsführer des Unternehmens. Anschließend hatte ich weitere Gespräche mit einem Mitglied des Teams für Vertriebsunterstützung sowie mit dem Senior-Buchhalter der Firma. An dieser Stelle ist es wichtig, etwas zu erwähnen, das ich erst später erfahren habe.

Mit der Zeit entwickelte sich ein engerer Kontakt zu einigen Mitarbeitenden im Unternehmen. In vertraulichen Gesprächen wurde mir irgendwann anvertraut, dass der Senior-Buchhalter damals eigentlich dagegen gewesen war, mich einzustellen.
Obwohl Mitglied des Teams für Vertriebsunterstützung und der Geschäftsführer bereits ein sehr positives Bild von mir hatten und im Grunde nur noch eine weitere Meinung einholen wollten, hatte er Vorbehalte.

Am Ende fiel die Entscheidung dennoch zu meinen Gunsten.

Interessanterweise spielte genau diese Person in den darauffolgenden Jahren eine wichtige Rolle in meinem beruflichen Leben. Er wurde zu einer der engsten Vertrauenspersonen der Geschäftsführung – gewissermaßen zur rechten Hand des Geschäftsführers.

Als ich das später erfuhr, musste ich innerlich schmunzeln.

Es war nicht das erste Mal in meinem beruflichen Weg, dass ausgerechnet jemand aus der unmittelbaren Nähe der Geschäftsführung – jemand, dessen Stimme Gewicht hatte – zunächst überzeugt war, mich nicht einstellen zu wollen. Und doch führte mich mein Weg am Ende immer wieder genau an diese Orte.

Schon in diesen ersten Begegnungen spürte ich, dass sich hier ein neues Kapitel meines beruflichen Weges eröffnete.

Diese Position half mir, mich Schritt für Schritt aus meinen Schulden zu befreien. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich nicht nur äußerlich einen neuen Weg ging, sondern auch meine innere Veränderung wirklich leben konnte.

Äußerlich hatte sich damals noch nicht viel verändert. Meine Gesichtszüge, meine Art aufzutreten – ich wirkte immer noch eher schüchtern und zurückhaltend. Doch innerlich war ich stärker als je zuvor.

Etwas hatte sich in mir verschoben.

Meine Arbeitseinstellung und meine Fähigkeit, mich schnell in einem schnellen, dynamischen Arbeitsumfeld zurechtzufinden, wurden auch in diesem Unternehmen schnell sichtbar. Nach etwa einem Jahr wurde ich schließlich vollständig in die Debitorenbuchhaltung übernommen.

Ich war unglaublich erleichtert.
Endlich musste ich nicht mehr im Vertriebs-Support arbeiten.

Doch bevor es dazu kam, geschah etwas Interessantes.

Nach ca. 2 Monaten sprach mich der Vertriebsdirektor an. Er wollte mich in sein Team holen – als Account Manager. Genau die Position, von der ich einst geträumt hatte, als ich mein dreijähriges Studium im Bereich Sales and Marketing Management begonnen hatte.

Er bot mir sogar 20.000 Dollar mehr Gehalt, als ich zu diesem Zeitpunkt verdiente.

Er erklärte mir, dass er bereits erkannt hatte, dass ich hart arbeitete, professionell war und Ehrgeiz hatte. Er sagte, er wolle jemanden wie mich in seinem Team haben.

Und dennoch lehnte ich das Angebot ab.

Aus zwei Gründen.

Der erste Grund war sehr persönlich.
Ich wollte nie wieder zulassen, dass mich jemand von meinen eigenen Zielen abbringt.

Früher hatte ich einmal einen Traum – im Bereich Fashion Design. Meine damalige Chefin hatte mich jedoch so sehr mit energieraubenden Aufgaben überladen, dass am Ende keine Kraft mehr übrig blieb, um meinen eigenen Traum weiterzuverfolgen.

Als ich diese neue Stelle begann, hatte ich mir ein klares Ziel gesetzt: Ich wollte im Finanzbereich arbeiten.

Und inzwischen war in mir genug Heilung geschehen, dass ich mich selbst und meine eigenen Ziele an erste Stelle stellen konnte.

Doch der zweite Grund war noch wichtiger.

Dieser Mann erinnerte mich auf eine seltsame Weise an zwei Menschen aus meiner Vergangenheit – eine Mischung aus meiner ehemaligen Chefin und dem Mann, der mir einst das Herz gebrochen hatte.

Er war jung, charmant, zielstrebig und sehr von sich selbst überzeugt.
Doch hinter dieser Ausstrahlung lag auch etwas anderes: die Erwartung, dass alle um ihn herum alles für seine Ziele tun sollten.

In solchen Konstellationen wirst du schnell zu einem Werkzeug.
Deine Leistung wird zu ihrem Erfolg erklärt.
Und am Ende bauen sie sich mit deiner Energie ihr eigenes Haus.

Inzwischen hatte ich gelernt, Menschen sehr genau zu beobachten.
Ich konnte ihre Motive oft schon erkennen, bevor sie selbst sie vollständig ausgesprochen hatten.

Und ich hatte etwas gelernt, das früher für mich fast unmöglich gewesen war:

Nein zu sagen.

Ohne Angst. Ohne Schuldgefühl. Ohne Scham.

Ich blieb standhaft.

Der Vertriebsdirektor versuchte danach noch ein paar Mal, mich in sein Team zu holen. Theoretisch hätte es sogar bedeuten können, dass ich langfristig noch viel mehr verdienen würde, als er mir ursprünglich angeboten hatte.

Doch ich wusste auch, dass ich damit wieder in eine Situation geraten könnte, in der meine Energie ausgenutzt wird.

Manche Menschen, die das lesen, würden vielleicht sagen: Warum Ausnutzung, wenn es doch eine bessere Position ist?

Doch bei bestimmten Persönlichkeiten geht es nicht um deine Entwicklung – sondern um ihren Nutzen.

Sie lächeln dich an. Sie loben dich. Sie sprechen freundlich mit dir.

Doch ein sensibler Mensch – und ein Mensch mit Erfahrung – spürt sofort die Wahrheit hinter den Worten.

Die Botschaft ist oft unausgesprochen, aber deutlich:
Du kannst unter mir arbeiten.
Aber neben mir wirst du niemals stehen.

Solche Menschen benutzen andere Menschen als Mittel zum Zweck.

Und ich wusste damals bereits mit einer Klarheit, die ich früher nicht hatte:

Ich würde nie wieder zulassen, dass ich zu einem Werkzeug für die Ziele anderer werde.

Und umso ironischer war es, als einige Jahre später – als ich bereits wieder in Deutschland war – eines meiner Familienmitglieder sagte, ich würde alles für Geld tun.

Ich musste damals nur leise schmunzeln.

Denn sie sahen immer nur das Bild von mir, das in ihre eigene Vorstellung passte.
Sie hatten keine Ahnung, was ich auf meinem Weg wirklich erlebt hatte – und welche Entscheidungen ich treffen musste, um meinen inneren Frieden zu bewahren.

Dabei gehörte genau diese Entscheidung zu den wichtigsten meines Lebens.

Viele Menschen hätten diese Gelegenheit wahrscheinlich ergriffen.
Viele hätten vielleicht sogar gesagt: Ach, verstell dich einfach ein bisschen – das machen doch alle.

Und tatsächlich leben viele Menschen genau so.

Sie hassen die Umgebung, in der sie arbeiten.
Sie mögen ihren Job nicht.
Sie mögen ihren Chef nicht.

Aber sie bleiben – weil der Job gut bezahlt ist.

Doch innerlich beginnt etwas langsam zu sterben.
Nicht wegen der Arbeit selbst, sondern weil sie sich dabei selbst verraten.

Das ist kein Urteil über andere Menschen.
Es ist nur eine Beobachtung.

Und vielleicht auch ein Beispiel dafür, wie es sich anfühlen kann, wenn man irgendwann aufhört, sich selbst zu verraten, nur weil äußere Umstände wichtiger erscheinen als das eigene innere Gleichgewicht.

Natürlich haben viele Menschen nicht immer die Freiheit, einfach zu gehen.
Manche tragen Verantwortung für eine Familie.
Es muss Essen auf den Tisch kommen.
Rechnungen müssen bezahlt werden.

Und manche würden vielleicht sagen:
Wenn ich allein leben würde, dann würde ich diese Entscheidung auch treffen.

Vielleicht.

Unsere Umstände mögen unterschiedlich sein.
Doch eines haben wir alle gemeinsam:

Wir treffen Entscheidungen.

Und leider treffen viele Menschen irgendwann Entscheidungen gegen sich selbst.

Vielleicht kann dieses Beispiel jemandem, der einmal in einer ähnlichen Situation steht, den Mut geben, sich selbst zu wählen.

Habe ich es finanziell bereut?

Nein.

Denn letztlich erhielt ich diese Summe trotzdem – nur auf einem anderen Weg. Ich blieb in meiner Position und entwickelte mich mit dem Unternehmen weiter.
Innerhalb von etwa drei Jahren mit der Firma stieg mein Einkommen um rund 45 %.

Ja, ich musste dafür länger arbeiten.
Und ja, ich hätte dieses Geld theoretisch schon viel früher verdienen können.

Aber der Preis wäre hoch gewesen.

Ich hätte dafür ein Stück meiner Seele verkaufen müssen.
Und das hätte mich genau dorthin zurückgeführt, wo ich einmal herkam.

Ich hatte mir selbst ein Versprechen gegeben:

Dass ich das nie wieder tun würde.

Und dieses Versprechen halte ich bis heute.

In diesem Unternehmen bekam ich die Gelegenheit, all das, was ich bis dahin gelernt und innerlich geheilt hatte, wirklich zu leben.

Jedes Mal, wenn meine Integrität infrage gestellt wurde oder ich auch nur ein Zeichen von Respektlosigkeit wahrnahm, sprach ich es offen an. Ich ließ Dinge nicht mehr still über mich ergehen.

Natürlich blieb das nicht ohne Reaktionen.

In solchen Momenten wurde ich schnell als „nicht sympathisch genug“ bezeichnet. Man sagte, ich sei zu streng oder nicht nachgiebig genug. Und interessanterweise kamen solche Kommentare fast immer von Menschen mit eher narzisstischen Persönlichkeitszügen.

Doch diesmal störte mich das nicht mehr.

Ich hielt meine Grenzen klar und standhaft.

Andere konnten ihr Verhalten fortsetzen, wenn sie wollten – doch sie konnten mich nicht mehr herunterziehen. Dafür war ich inzwischen zu erfahren geworden und hatte ein zu starkes Selbstbewusstsein entwickelt.

Gerade Menschen in höheren Positionen können damit oft schwer umgehen. Besonders dann, wenn sie selbst nie wirklich an ihrer inneren Entwicklung gearbeitet haben, sondern ihren Weg eher dadurch gemacht haben, andere zu pushen oder zu kontrollieren.

Manchmal sah ich förmlich das Erstaunen in ihren Gesichtern.

Sie fragten sich:
Wie kann jemand so selbstbewusst sein und gleichzeitig keine leitende Position haben?
Woher kommt dieser starke Charakter?

Doch ich ging einfach meinen eigenen Weg – ohne das Bedürfnis, irgendjemandem etwas beweisen zu müssen.

Nie wieder.

Und dennoch wurde meine Arbeit bemerkt.

Ich musste häufig für Standorte in den USA einspringen. Die Führungskräfte machten sogar manchmal scherzhaft Bemerkungen darüber, dass man mich klonen müsse, weil ich so wertvoll für das Unternehmen sei. Mein Vorgesetzter sagte einmal zu mir, ich solle nicht zu gut für die amerikanischen Standorte arbeiten, sonst würden sie versuchen, mich ihnen wegzunehmen. Es ist wichtig zu erwähnen, dass der Geschäftsführer der amerikanischen Standorte in Kalifornien auch sein Bruder war.
Zwischen den beiden herrschte eine liebevolle, unterstützende Beziehung, die man deutlich spüren konnte.

Besonders intensiv wurde es in einer Phase, in der ich gleichzeitig meine Kolleginnen und Kollegen im Vertriebs-Support unterstützen und zusätzlich mehrere US‑Standorte in der Debitorenbuchhaltung betreuen musste.

Drei Wochen lang arbeitete ich täglich 14 bis 16 Stunden.

Die Überstunden wurden bezahlt, was mir wiederum half, meine Schulden schneller zu begleichen. Meine finanzielle Situation verbesserte sich deutlich. Gleichzeitig fühlte ich mich immer wohler in meiner eigenen Haut.

Es war immer noch Corona-Zeit, und bis dahin hatte ich kein politisches Interesse – ich fühlte mich nie betroffen. Doch als die Impfungen kamen und von uns erwartet wurde, dass wir uns spritzen ließen, war ich zunächst unsicher, ob ich dem folgen würde. Ich hatte wenig medizinisches Wissen, um eine fundierte Entscheidung zu treffen, doch gleichzeitig begann meine Intuition, sich deutlich zu melden.

Meine spirituelle Entwicklung spielte in dieser Zeit eine entscheidende Rolle. Die Reiki-Sitzungen, die ich regelmäßig praktizierte – selbst wenn sie nur mit meinen Freundinnen stattfanden – trugen dazu bei, dass mein drittes Auge stets weit geöffnet blieb. Diese innere Wahrnehmung stärkte meine Intuition und half mir, die subtilen Energien um mich herum zu erkennen. Ich spürte sofort, wenn etwas nicht stimmte, und konnte so Entscheidungen treffen, die nicht nur rational, sondern tief mit meiner inneren Wahrheit übereinstimmen.

In dieser Zeit wurde mir noch mehr bewusst, dass wahre Stärke nicht darin liegt, Erwartungen anderer zu erfüllen, sondern in der Fähigkeit, auf die eigene innere Stimme zu hören – eine Fähigkeit, die durch meine spirituelle Praxis kontinuierlich genährt wurde.

Allein der Gedanke an die Spritze ließ meinen Magen sich zusammenziehen. Mein Bauchgefühl sagte mir klar: „Nein.“ Und mit diesem Gefühl wuchs auch der innere Impuls, mich zu wehren.

In Kanada wurde es irgendwann notwendig, einen Impfpass vorzulegen, wenn man Restaurants besuchen oder Veranstaltungen besuchen wollte oder in einen Flieger einsteigen wollte. Für mich persönlich war das kein Problem. Ich hatte bis dahin gelernt, mein eigenes Leben und meine eigene Gesellschaft zu schätzen und wusste, dass ich keine sozialen Kontakte brauchte, um glücklich zu sein. Neid, Erwartungen oder Druck von außen konnten mir nichts anhaben.

Trotzdem war ich eine von nur zwei Personen im gesamten Büro, die sich entschieden hatten, diese Spritze nicht zu nehmen. Interessanterweise wurde ich von den Manipulatoren im Büro sogar direkt darauf angesprochen, wie „unverantwortlich“ meine Entscheidung sei – ein Versuch, mich moralisch unter Druck zu setzen. Bis heute frage ich mich, ob sie daraus etwas gelernt haben…

Einmal jedoch wurde die Situation auf die Spitze getrieben: Ich sollte nach Texas fliegen, um an einer internen Weiterbildung teilzunehmen – und man erwartete, dass ich dafür geimpft sei. Ich sprach offen mit dem Controller des Unternehmens und erklärte meine Lage. Seine Antwort war klar: Ich musste nicht fliegen. Ich wurde verschont. Mein Chef hat mich dabei immer respektiert und nie unter Druck gesetzt.

Dieses Erlebnis bestätigte mir noch einmal: Mein Widerstand war kein Akt der Rebellion gegen die Gesellschaft, sondern ein Schutz meiner eigenen Integrität. Hätte es notwendig gewesen, hätte ich sogar meinen Job aufgegeben – doch ich ließ mich nicht unter Druck setzen. Selbst als von außen ein subtiler sozialer Test stattfand, um zu sehen, wie leicht Menschen ihre Entscheidungen gegen ihre innere Stimme aufgeben, blieb ich standhaft. Ich erkannte: Wahre Stärke liegt darin, treu zu sich selbst zu bleiben, egal wie sehr andere versuchen, Kontrolle auszuüben.

Parallel dazu begann ich, mich bewusst von negativen Menschen in meinem Leben zu distanzieren.

In dieser Zeit beendete ich auch die Freundschaft zu einigen Freundinnen. Eine von ihnen hatte ich bereits einmal erwähnt – diejenige, die ebenfalls aus Europa kam.

Sie versuchte sogar, über meine neue Freundin Einfluss auf mich zu nehmen. Ich bemerkte nach und nach, dass ihr Verhalten kein Zufall war, sondern ein gezielter Versuch, Kontrolle zu gewinnen.

Sie versuchte sogar, über meine neue Freundin Einfluss auf mich zu nehmen. Ich bemerkte nach und nach, dass ihr Verhalten kein Zufall war, sondern ein gezielter Versuch, Kontrolle zu gewinnen.

Als sie eines Tages in den Laden kam, in dem diese Freundin noch arbeitete, sprach sie direkt mich meinetwegen an. Doch meine Freundin antwortete, dass sie eigentlich keinen Kontakt mehr zu mir habe – was für mich völlig unerwartet war. Es wirkte, als wolle sie testen, wie loyal meine neue Freundin mir gegenüber ist, oder beobachten, wie ich reagieren würde – ein stiller Versuch, eine Oberhand zu gewinnen und mich subtil zu verunsichern. Doch meine neue Freundin ließ sich nicht darauf ein. Sie ignorierte die Versuche, sich manipulieren zu lassen, und bestätigte damit ihre Loyalität und Integrität. Bis heute ist sie einer der zuverlässigsten und treuesten Menschen in meinem Leben.

Noch deutlicher wurde die Manipulation durch ihr Verhalten online: Sie las meine Nachrichten, antwortete wochenlang nicht, weil sie angeblich bei der Arbeit sehr beschäftigt war – gleichzeitig sah sie sich immer als Erste meine Instagram-Stories an. Dieses Muster zeigte mir, dass sie versuchte, meine Aufmerksamkeit zu lenken und gleichzeitig meine Reaktionen zu beobachten, ohne direkten Kontakt aufzunehmen.

Nach und nach wurde mir klar: Dies war kein zufälliges Verhalten, sondern ein bewusster Versuch, mich zu destabilisieren und Kontrolle auszuüben.

Es waren typische Gaslighting‑Muster.

Als sie sich schließlich wieder meldete, sagte ich ihr ruhig, dass ich unsere Freundschaft beende.

Ich erklärte ihr, dass ich weder die Lust noch die Zeit hätte, ihr zu erklären, was mich störte – weil sie es genau wusste. Es war auch nicht meine Aufgabe, jemanden zu erziehen oder ihm zu erklären, wie man sich respektvoll verhält.

Ich wünschte ihr alles Gute und ging meinen Weg.

Sie antwortete, dass sie das nie erwartet hätte und dass ich jederzeit wieder in ihrem Leben willkommen sei, wenn ich irgendwann so weit wäre.

Interessanterweise hatte sie auch nach all den Jahren nicht verstanden, wie ich Entscheidungen treffe.

Wenn ich gehe, gibt es für mich kein Zurück.

Denn bevor ich eine solche Entscheidung treffe, habe ich bereits alles durchdacht: jeden Satz, jede Situation, jede Geste. Ich handle nicht aus einer spontanen Emotion heraus. Ich gehe, weil ich erkannt habe, dass sich nichts mehr verändern wird.

Und warum sollte ich jemanden nur deshalb in meinem Leben behalten, weil wir uns schon lange kennen – wenn alles andere längst nicht mehr passt?

An dieser Stelle möchte ich etwas Wichtiges erklären.

Wenn wir Dinge akzeptieren, die uns innerlich belasten, die uns ständig zweifeln lassen oder unnötige Gedanken erzeugen, entsteht automatisch innerer Stress.

Und Stress ist einer der größten Auslöser für Krankheit.

Warum sollte ich also mein Leben mit Menschen verbringen, die meine Lebensenergie schwächen?

Warum sollte ich meine Gesundheit opfern, nur damit von außen alles „vernünftig“ aussieht?

Für mich bedeutet Vernunft etwas anderes.

Vernünftig ist für mich, auf meine eigene Gesundheit und mein inneres Gleichgewicht zu achten.

Es war auch in dieser Zeit, dass ich endlich meine eigene Wohnung in der Innenstadt beziehen konnte – ohne Schulden, mit einem guten Verdienst und einem sicheren Gefühl im Umgang mit dem Leben. Wir befanden uns noch mitten in der Corona-Zeit, und ich war überglücklich, dass ich in meinen Augen im schönsten Stadtteil lebte: ein kleines, helles Studio, das mir gehörte.

Langsam begann ich, alles neu einzurichten und zu kaufen – eine Eigenheit, die viele vielleicht als „Macke“ betrachten würden. Ich wollte keine alten Gegenstände, keine gebrauchte Kleidung und keine Möbel, die die Energie anderer Menschen trugen. Für mich geht es dabei nicht nur um das Optische alter Sachen; ich spüre die feinen Energien, die Objekte mit sich bringen, und weiß, dass sie mein Leben und mein Wohlbefinden beeinflussen können.

Ich bin kein Fan von Second-Hand-Läden, es sei denn, die Dinge stammen von Menschen, denen ich wirklich vertraue. Denn manche Gegenstände können negative Energien tragen, die sich in einem Zuhause einnisten und das Leben belasten. Deshalb musste alles neu sein – Schritt für Schritt, denn ich hatte gerade erst meine Schulden hinter mir gelassen. Meine Ersparnisse waren noch minimal, ein kleiner Betrag, den ich vorsichtig investiert hatte, und doch fühlte ich mich bereit, mein eigenes energetisch sauberes Zuhause aufzubauen.

Und doch begann sich eine Stimme zu melden … immer stärker in mir zu wachsen, wie ein leiser, aber beharrlicher Herzschlag: Wenn ich jetzt nicht fliegen kann und meiner Oma etwas zustößt, werde ich sie vielleicht nie wiedersehen. Diese Angst trug ich schon lange in mir. Meine größte Furcht war, eines Nachts von meiner Schwester die Nachricht zu bekommen, dass Oma nicht mehr da ist. Ich konnte es vor meinem inneren Auge sehen, spürte den Schmerz in jeder Faser meines Körpers – und ich wollte nicht, dass es so geschieht. Ich wollte in ihren letzten Tagen bei ihr sein, ihre Hand halten, ihr nah sein, ihr meine Liebe zeigen.

Ich habe endlich verstanden, dass sie die einzige Person in meinem Leben war, die mich bedingungslos geliebt hat. Alles, was ich geben konnte, wollte ich ihr schenken – meine Zeit, meine Aufmerksamkeit, mein Herz. Selbst wenn es bedeutete, alles aufzugeben, worauf ich so lange hingearbeitet hatte. Sie sollte wissen: Ich bin da.
Du bist mir unendlich wichtig.

2021 erhielt ich schließlich meine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, die gleichzeitig eine Voraussetzung mit sich brachte: Innerhalb von fünf Jahren musste ich mindestens zwei Jahre in Kanada bleiben. Bis zu diesem Zeitpunkt war erst ein Jahr und ein paar Monate vergangen. Wenn ich jetzt gegangen wäre, um bei meiner Oma zu sein, hätte ich spätestens im August 2025 zurückkehren müssen. Das hätte bedeutet, dass ich alles riskieren würde, was ich mir mühsam aufgebaut hatte – meine Sicherheit, meine berufliche Position, meine neu gewonnene Stabilität. Ich hätte wieder von null anfangen müssen, hätte alles verloren, wofür ich so hart gearbeitet hatte.

Und doch war der Wunsch, bei ihr zu sein, stärker als jede Vernunft, stärker als jede Angst. Sie war es wert, alles zu riskieren.

Meine Oma hat mir gezeigt, was es bedeutet, ein ehrlicher, aufrechter Mensch zu sein, treu zu bleiben und Liebe ohne Bedingungen zu geben. Ich wollte ihr all das zurückgeben. Ich wollte, dass sie sieht, wie sehr sie mir bedeutet – dass sie weiß, dass ihr Herz in meinem Herzen weiterlebt.

Trotz aller Risiken, aller Unsicherheiten, fühlte ich tief in mir: Ich muss bei ihr sein. Ich musste ihr zeigen, dass sie mir unendlich wichtig ist. Ich wollte, dass sie spürt: Ich bin hier, ich bin bei dir, egal, was um uns herum passiert.

Ich traf die Entscheidung, zu gehen. Ich kündigte die Wohnung, in der ich gerade einmal sechs Monate gelebt hatte, und verkaufte alles, was ich bis dahin gekauft hatte.

Doch bevor ich ging, sprach ich mit meinem Chef. Ich erklärte ihm, dass ich nicht wirklich gehen möchte und gerne weiterhin mit der Firma arbeiten würde – wenn er es erlaubte. Ich wusste, dass es riskant war und dass er höchstwahrscheinlich nicht zustimmen würde. Aber er sagte: „Weil du es bist, werde ich es möglich machen.“

Er sagte auch, dass er mir so sehr vertraute, dass er wusste, ich würde selbst vom Nordpol aus meine höchste Leistung erbringen.

Dieses Vertrauen erleichterte mir unglaublich vieles. Ich durfte meine Arbeit weiterführen, mein Leben mit meiner Oma verbinden – alles fügte sich mühelos zusammen. Sogar meine Wohnung war nur auf sechs Monate ausgelegt, der Vertrag schien perfekt angepasst, als hätte das Universum schon gewusst, dass ich diesen Weg gehen würde.

Es gab keine Hindernisse für mich. Alles fügte sich, alles wurde möglich gemacht – vom Universum, von meinen Ahnen, von der Intuition, die mich leitete. In diesem Moment wusste ich tief in mir: Es war die richtige Entscheidung. Ich war getragen, unterstützt und auf meinem Weg bestärkt, sowohl im Herzen als auch im Leben.

Vierzehntes Kapitel

Bevor ich mich auf den Weg nach Deutschland machte, musste ich einen Weg finden zu fliegen. Da ich nicht ohne einen Impfpass fliegen konnte, hätte ich es vielleicht geschafft, indem ich angegeben habe, dass ich das Land für immer verlasse. Denn anders hätten die kanadischen Behörden mich nicht im Land behalten können. Ich war Deutsche Bürgerin. Ich weiß, dass ich damals sehr lange darüber nachgedacht habe, wie ich es schaffen konnte, ohne aufzufallen, sodass ich im System nicht geflaggt werde und dadurch nie wieder zurückkommen kann.
Ich war noch keine Bürgerin des Landes, ich hatte nur eine Aufenthaltsgenehmigung. Eines Tages fand ich durch mein eigenes Research online eine Antwort auf meine Frage. Die kanadischen Behörden überprüften den Impfpass nicht, wenn man über Land mit dem Auto die Grenze in die USA überschritt. Die Amerikaner waren ebenfalls nicht so strikt mit den Impfungen,besonders nicht bei den ländlichen Grenzübergängen. Ich habe ein Loch im System gefunden.
Das lässt mich schmunzeln. Mein Ex-Freund hat mir oft gesagt, dass ich aus jeder schwierigen Situation ein Loch finde und trotzdem das bekomme, was ich möchte. Das sagt sehr viel über mich aus. Ich glaube, dass es immer einen Ausweg gibt. Deshalb jammere ich nicht. Wenn es ein Problem gibt, versuche ich es zu lösen. Wenn es nicht gelöst werden kann, akzeptiere ich es so.
Wieso sollte ich meine Energie, Zeit und Stimmung von etwas abhängig machen, das nicht geändert werden kann?
Und genau deshalb habe ich im Laufe der Jahre keine Toleranz für Menschen entwickelt, die nur jammern und sich beschweren und nichts verändern wollen. Du gibst ihnen eine Lösung und sie finden ein Problem darin, weil sie nichts verändern wollen. Sie wollen nur deine Energie auslaugen, während du versuchst sie davon zu überzeugen, dass es besser gehen kann oder dass man aus allem etwas lernen kann.
Solange du deine Zeit und Energie investierst, leben sie davon. Sie trinken deine Energie wie Vampire. Du fühlst dich danach erschöpft und in deinem eigenen Leben läuft alles schlechter, trotz deiner Einstellung. Und sie profitieren genau davon, dass du deine Energie abgegeben hast, während bei ihnen alles scheinbar weiterläuft und sie weiter jammern.
Mit den Jahren habe ich gelernt, mich von solchen Menschen zu distanzieren oder den Kontakt komplett abzubrechen. Und in den meisten Fällen werfen sie dir danach vor, dass sie dir irgendwann geholfen hätten und du undankbar bist. Dabei sehen sie nicht, wie viel Zeit und Energie DU in ihre Themen investiert hast.
Weil deine Zeit für sie nicht sichtbar ist, wird sie nicht geschätzt. Sie wirkt selbstverständlich, weil sie keinen greifbaren Wert hat.
Ich habe gelernt, mich davon zurückzuziehen. Wenn mich solche Menschen ansprechen, gehe ich innerlich bereits einen Schritt zurück, weil ich aus der Distanz spüre, was sie wollen. Die Menschen, die meine Zeit und Energie wirklich schätzen, gehen bewusst damit um. Entweder gibt es einen klaren Austausch oder, wenn es Freundschaft ist, einen natürlichen Energiefluss, aber keinen einseitigen Verbrauch.
Und es geht nicht darum, dass ich in Freundschaften nicht da bin oder alles als Transaktion sehe. Genau das möchte ich nicht. Aber ich verschwende keine Energie mehr darauf, jemanden davon zu überzeugen, dass seine negative Denkweise falsch ist oder dass es wichtig ist, optimistisch zu sein. Wir sind alle erwachsene Menschen. Wenn jemand sich entscheidet, in seiner Schwere zu bleiben, dann ist das seine Entscheidung. Ich werde niemanden mehr davon überzeugen, etwas anders zu sehen, nachdem ich es ein paar Mal versucht habe. Dafür ist meine Zeit zu wertvoll.
Mit der Zeit merkt man auch, dass solche Menschen oft gar nicht mehr in deiner Nähe sein wollen, weil deine Art sie stört. Deine Klarheit, deine Positivität, deine Ausrichtung. Sie wollen davon nichts annehmen. Und du wirst dann als naiv bezeichnet.
Ich lasse sie in dem Glauben, der ihnen Ruhe gibt. Ich konzentriere mich stattdessen auf mein Leben.
Aber zurück zu meinem Weg nach Deutschland.
Ich fragte eine Freundin, ob sie mich über die Grenze nach Seattle fahren kann. Ich hatte einige Arbeitskollegen, die sich ebenfalls bereit erklärt hatten, aber als es konkret wurde, gab es plötzlich Schwierigkeiten und Ausreden. Am Ende hatte ich nur sie – eine Freundin, die ich damals beim Kickboxen kennengelernt hatte. Sie erklärte sich bereit, mich zu fahren. Die Nacht davor schrieb sie mir, dass sie eine Art Magen-Darm-Grippe bekommen hat und sich
nur noch übergeben musste. Sie fragte mich, ob ich doch jemanden anderen finden könnte, der mich fährt – um 11 Uhr abends.
Sie sagte, sie würde trotzdem fahren, aber wenn ich spontan jemanden finde, sollte ich es besser machen. Eine Nacht vor der Abreise, in einer Phase, in der die Wohnung bereits aufgegeben war, das Flugticket gekauft worden war, die Koffer gepackt waren und ich mich von Kollegen und Freunden verabschiedet hatte.
Ich sagte ihr, dass es mir unglaublich schwerfällt, sie darum zu bitten, trotzdem zu fahren, aber dass ich keine andere Wahl habe. Gleichzeitig verstand ich, wie schwer es für sie war und dass ich es nicht als selbstverständlich sehe.
Sie ließ mich nicht im Stich. Sie holte mich gegen sieben Uhr morgens ab und wir fuhren ungefähr drei Stunden nach Seattle. Dort habe ich ein Übernachtungshotel am Flughafen gebucht, weil es am nächsten Tag zurück nach Deutschland ging.
Die amerikanischen Airlines verlangten keinen Impfnachweis mehr und in Europa konnte man sich ebenfalls ohne Impfpass bewegen.
Ich muss noch dazu sagen, dass ich an diesem Tag aus dem Hotelzimmer am Flughafen gearbeitet habe. Ich hatte nur einen Tag frei für meinen Abflug eingeplant, so „verantwortungsvoll“,„verantwortungsvoll“ wie ich damals dachte, zu sein. Heute würde ich es nicht mehr so machen.
Ich werde ihre Geste nie wieder vergessen. Es war nicht selbstverständlich und nichts, was jeder in dieser Situation getan hätte, besonders nicht in dem Zustand, in dem sie war. Aber genau diese Charakterzüge waren der Grund, warum ich sie so geschätzt habe. Sie ist loyal, sie ist engagiert und sie liefert. So war sie auch in ihrer Kickboxing-Karriere: sehr diszipliniert, sehr bodenständig und überhaupt nicht abgehoben durch all die Erfolge und Gewinne, die sie erreicht hatte. Sie ist bis heute meine Freundin, die ich von Herzen schätze.
Die Ankunft in Deutschland war für mich alles andere als gewöhnlich. Ich habe mich in den letzten Jahren so stark verändert, dass Deutschland sich fremd anfühlte und gleichzeitig vertraut, als wäre ich nie weg gewesen. Als wäre ich nicht mehr wirklich zugehörig und doch mit allem verbunden.Ich kam bei meiner Schwester an, weil ich meine Oma mit meiner Ankunft überraschen wollte. Sie wusste nichts von meinen Plänen – zumindest dachte ich das.
Ich hatte einige Monate davor meine Tante angeschrieben, weil ich wollte, dass sie mit meiner Oma spricht und sie darauf vorbereitet, dass sie mit mir leben kann. Ich wollte sie aus dem Haus meiner Eltern herausholen, weil sie dort keinen Frieden hatte.
Meine Tante antwortete sehr abweisend und bestimmt, dass ich erst kommen sollte, es habe keinen Sinn, mit ihr zu reden, weil sie meinen Vater nicht verlassen wird. Das hier ist wichtig für alles, was danach passierte...
Meine Oma glaubte, meinen Vater vor meiner Mutter zu schützen. Meine Mutter war physisch gewaltig und hat meinen Vater sein ganzes Leben lang geschlagen, wenn sie wütend war. Sie war aggressiv, aber er war auch kein Engel. Tatsächlich habe ich später festgestellt, wie viel dunkle Energie auch in seinem Verhalten lag. Aber dazu später.
Meine Oma hat ihr ganzes Leben damit verbracht, meinen Vater zu schützen. Sie fühlte sich verantwortlich dafür, wie er geboren wurde, dass er als Baby gehbehindert zur Welt kam. Sie litt darunter und hat ihn so erzogen, dass ihm alles erlaubt war. Es gab keine Konsequenzen.
Das wurde auch von seinen Geschwistern erzählt und ich wusste es von den Kindern der Familie. Die ganze Familie war wütend auf ihn, weil ihm alles erlaubt wurde, und genau daraus entstand auch Eifersucht gegenüber, weil er als Lieblingskind galt.
So wuchs er in eine narzisstische Struktur hinein, in der Wut ausbrach, wenn etwas nicht nach seinem Willen lief, wenn etwas nicht seinen Erwartungen entsprach. Und als ich ihn diesmal mit meinem bewussten Verstand ansah, konnte ich kaum glauben, was sich Menschen in dieser Familie erlaubten. Sie erwarteten von dir, dass du alles für sie tust, sie ignorierten deine Zeit, sie sahen nicht, wer du geworden bist oder welche Qualitäten du hast. Sie sahen
dich als Mittel für ihre Zwecke. Alles drehte sich um sie.
Und was genau machte sie eigentlich so besonders? Ich habe sehr lange versucht zu verstehen, was sie ausmacht, dass sie so überzeugt von sich selbst sind. Nicht dass es nicht offensichtlich war, dass es innere Unsicherheit ist und vieles nur Überkompensation, aber ich habe trotzdem immer tiefer geschaut, ob ich etwas übersehe. Vielleicht etwas, das ich doch respektieren kann. Doch am Ende fand ich nichts, was ich wirklich bewunderte, auch nicht
bei ihren Kindern. Es war zu banal und zu scheinheilig, diese Maske, die sie alle trugen. Zumindest ist das meine Meinung, und ich zwinge sie niemandem auf. Das ist einfach die Wiedergabe meines Lebens und wie ich es empfinde. Mein Vater beleidigte fast jeden in unserer Familie, weil andere ein besseres Leben hatten, als wäre es nicht seine eigene Verantwortung gewesen, dass er das ganze Geld für Wodka ausgab. Wenn du ein Auto hattest, warst du in seinen Augen reich, wenn du gearbeitet hast, hattest du „viel Geld“. In seiner Logik sollte alles irgendwie zu ihm fließen, wenn er es wollte.

Und hier liegt etwas sehr Bedeutsames:
Erst viele Jahre später erkannte ich, dass sich in dieser kleinen Szene bereits ein tieferes Muster zeigte – ein Programm, das ich später auch in mir selbst wiederfinden sollte.

Dieses stille Ausleihen war Teil eines generationsübergreifenden Musters, das über meinen Vater auch zu mir weitergewandert war.

Früher konnte ich es noch nicht benennen. Doch rückblickend wurde mir klar: Manche Prägungen werden nicht bewusst weitergegeben – sie leben einfach in uns weiter, bis wir beginnen, sie zu erkennen und zu verwandeln.

Und als ich später begann, meine eigenen Muster zu heilen und bewusster zu betrachten, erkannte ich auch, welche davon ich einfach übernommen hatte – leise, fast unbemerkt, wie etwas, das schon lange zu meinem inneren Gepäck gehört hatte.

Aber ja, er wurde gleichzeitig von vielen beneidet, weil meine Oma ihm so viel Liebe gegeben hat. Diese Mischung aus Eifersucht und Abwertung zeigte sich in Gesprächen über ihn, besonders wenn er nicht anwesend war, auch bei Familienfeiern, und es störte niemanden, dass seine Kinder am Tisch saßen.

Und ja, als wir alle noch klein und jung waren, haben auch wir selbst zu vielem beigetragen. Doch mit den Jahren begann sich in mir etwas zu verändern. Ich wurde zu einem anderen Menschen – zu jemandem, der trotz allem weiterhin Respekt und sogar eine leise Form von Liebe für ihren Vater empfand.

Umso unangenehmer war es für mich zu erleben, wie meine Cousinen bei jeder Gelegenheit über unsere Eltern sprachen – oft abwertend und ohne Zurückhaltung. Selbst wenn fast vieles der Wahrheit entsprach, fühlte es sich für mich dennoch unpassend und respektlos an.

Denn in solchen Momenten ging es nicht nur um unsere Eltern. Für mich fühlte es sich auch wie ein fehlender Respekt uns gegenüber – ihren eigenen Kindern.

Doch diese Gedanken und Gefühle gehören eigentlich in ein anderes Kapitel meiner Geschichte.

Hier geht es mehr darum, warum meine Oma am Ende nein sagte, als ich endlich ankam und sie fragte, ob sie mit mir wohnen möchte. Ich habe versucht, sie über die ganzen Jahre zu überreden, sie zu fragen, sie nicht aufzuhören, zu fragen, mit mir zu leben. Sie beschwerte sich immer, wie müde sie ist, sich diese Streitereien anzuhören, und doch weigerte sie sich, und jedes Mal war es eine andere Antwort, doch jedes Mal führte es zu einem Grund: die Angst, verlassen zu werden.
Einmal sagte sie mir, dass sie schon einmal bei jemandem gewohnt hat und dann wieder raus musste...
Nach ihrem ersten Schlaganfall lebte sie bei meiner Tante, die sich um sie kümmerte. Aber davor lebte sie eine Zeit lang im Haus mit meinem Vater und meiner Mutter, mit der Frau, die sie ihr ganzes Leben lang gehasst und die sie ständig kritisiert hat. Meine Mutter und meine Schwester kamen nach Deutschland und lebten alle zusammen, da war ich schon ausgezogen.

Und hier stellt sich wirklich die Frage, ob es daran lag, dass sie so anders war oder an der Gewalt in der Familie oder an allem zusammen. Meine Mutter war nicht in der Lage, sich um jemanden zu kümmern, besonders nicht um die Frau, die sie ihr ganzes Leben lang abgelehnt hat. Mein Vater und ich selbst haben oft blaue Flecken von ihr bekommen. Und daher wusste jeder, dass sie auch nicht in der Lage war, jemanden zu pflegen.

Meine Tante hatte meine Oma damals aufgenommen. Das war in der Zeit, in der ich selbst in meine damalige Beziehung eingetreten bin und kurz davor ausgezogen bin und ein Zimmer gemietet habe. Ich war nicht bereit und wahrscheinlich auch nicht imstande, diese Verantwortung zu tragen.

Aber es dauerte nur etwa zwei Jahre, bis meine Oma wieder raus wollte. Ich werde nicht in alle Details gehen, weil es nicht meine Angelegenheit ist, das Leben anderer zu erzählen, aber sie wollte nicht mehr dortbleiben. Sie fühlte sich unwohl, und das hat sie mir auch am Telefon immer wieder gesagt … Der Grund, warum sie gehen wollte, war nicht der, der damals von ihnen erzählt und überall verbreitet wurde. Ihre Version der Geschichte bekam viel Raum,
und vieles von dem, was sie sagten, hatte auch seinen Platz in dieser Erzählung. Doch der eigentliche Auslöser war es nicht.

In ihrer Darstellung lag die Ursache stets außerhalb von ihnen. Es waren immer die anderen.

Ich schlug meiner Oma vor, ein Treffen mit ihren Kindern zu organisieren, damit wir gemeinsam entscheiden, was passiert. Das Treffen fand im Haus meiner Tante statt. Bei diesem Treffen hat keiner ihrer Söhne vorgeschlagen, sie aufzunehmen. Jeder hatte seine Gründe dafür. Meine Tante und ich schlugen vor, eine kleine Wohnung für sie zu finden, in der sie alleine wohnen könnte. Sie war noch stabil genug dafür. Wir hätten sie unterstützt.
Sie weigerte sich stur. Sie wollte nicht alleine wohnen. Und genau hier liegt ein wichtiger Punkt: Sie hatte Angst, allein zu sein. Schließlich war es damals auch der Grund, wieso sie mich zu sich geholt hat … Und gleichzeitig war das der Zustand, vor dem sie am meisten Angst hatte.

Sie hatte eine dominante Art. Was sie sagte, musste passieren, egal was es für andere bedeutete. Gleichzeitig gab es Momente, in denen sie sich wieder komplett den Erwartungen anderer unterwarf. Dieses Paradox hat mich damals sehr beschäftigt.

Ich weiß, wie schwierig es für mich war, diese Gespräche mit ihr zu führen, bevor es überhaupt zu diesem Treffen kam. Ich versuchte, eine Lösung zu finden, aber jede Lösung wurde sofort durch ein neues Problem ersetzt, weil ihre Entscheidungen immer aus Angst kamen.
Es ist extrem energieraubend, wenn du versuchst, jemandem zu helfen, der nicht bereit ist, Hilfe anzunehmen.
Mein Vater sagte dann irgendwann, sie solle zu ihm kommen … und dafür bin ich ihm bis heute sehr dankbar. Später wurde ihm vorgeworfen, er hätte es nur wegen des Geldes gemacht. Auch ich habe das damals so gesehen, weil ich wusste, wie er war. Aber ich weiß auch, dass er seine Mutter geliebt hat. Zwischen ihnen gab es eine besondere Verbindung, die man nicht erklären konnte, aber sehen konnte.
Er war ihr Kind, geboren in einer schwierigen Schwangerschaft, in einem Umfeld voller Ablehnung und Beleidigungen. Meine Oma hat mir oft erzählt, wie sie während der Schwangerschaft behandelt wurde, wie sie von der Familie meines Opas beleidigt wurde, sogar während sie schwanger war, und wie sie irgendwann weinend zu Fuß in ein anderes Dorf geflohen ist, um diesen Menschen zu entkommen.
Damals gab es in den kasachischen Steppen keine Autos. Die Menschen legten weite Wege zu Fuß zurück oder ritten mit Pferden durch die endlosen Landschaften. Sie erzählte, wie ihre Mutter geweint hatte, als sie davon erfuhr – hochschwanger, allein irgendwo in der Steppe...

Oft sprach sie auch über die Familie meines Großvaters, denn sie gehörten zur mennonitischen Minderheit. Diese Gemeinschaft hat ihre Wurzeln in Europa: Die Mennoniten sind eine christliche Glaubensgemeinschaft mit deutschen und niederländischen Ursprüngen, die im 16. Jahrhundert während der Reformation entstanden. Im Laufe der Zeit wanderten viele von ihnen nach Osteuropa aus und lebten später als ethnische Deutsche im Russischen Reich, in der Ukraine, in Sibirien und schließlich auch in Kasachstan.

Ihre Gemeinschaften waren meist stark organisiert. Der Glaube spielte eine zentrale Rolle im Alltag, ebenso Disziplin, harte Arbeit und ein schlichtes, zurückhaltendes Leben. Viele Mennoniten lebten in eigenen Dörfern, sprachen über Generationen hinweg deutsche Dialekte und hielten an ihren kulturellen Traditionen fest, selbst weit entfernt von dem Land, aus dem ihre Vorfahren einst gekommen waren.

Doch das Bild, das meine Großmutter zeichnete, war stark von ihren eigenen Erfahrungen geprägt. Wenn sie von der Familie meines Großvaters sprach, lag oft eine spürbare Bitterkeit in ihren Worten. Sie erzählte, dass im Volk häufig gesagt wurde, diese Menschen seien „protivnye“ – unangenehm, schwierig im Umgang, nicht besonders herzlich.

So wuchs in ihren Erzählungen das Bild einer Minderheit, über die viel gesprochen wurde und die von vielen nicht gerade mit Wärme betrachtet wurde. Für sie waren diese Eindrücke zu einer festen Überzeugung geworden.

Und so vermischten sich in ihren Geschichten persönliche Erfahrungen, alte Dorf Erzählungen und das Bild, das sich über Jahre in ihrem Herzen festgesetzt hatte.Und genau das ist auch etwas, das ich in unserer Familie wiedergefunden habe.
Jeder hatte das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, obwohl ich persönlich nichts gesehen habe, das diesen Anspruch wirklich getragen hat. Ich habe mir jeden einzelnen Menschen angeschaut, aber es gab nichts, das ich wirklich als inspirierend oder außergewöhnlich empfunden habe. Und ich sage das nicht als Verurteilung, sondern als meine Wahrnehmung.
Viele ihrer Werte waren geprägt von einer anderen Zeit. Ich habe keinen gesehen, der sich wirklich mental weiterentwickelt hat. Nach außen sah alles perfekt aus – Familien, Häuser, Arbeit – aber innerlich war es oft sehr eintönig. Der Satz, den ich irgendwann nicht mehr hören konnte, war: „Mal etwas anderes machen.“ In meinen Augen, ein typischer Satz für Menschen, die glauben, sich abzuheben, aber im Kern alle sehr ähnlich sind.

Also zog meine Oma zu meinem Vater und meiner Mutter zusammen. Und so verbrachte sie die letzten Jahre ihres Lebens in den täglichen Streitereien meiner Eltern. Das Haus war wie ein Irrenhaus. Man braucht wirklich starke Nerven, gute Ausdauer und ein gewisses Verständnis für diese Menschen, um selbst nicht kaputtzugehen. Es wurde keinerlei Rücksicht darauf genommen, wie es meiner Oma damit ging oder dass sie in ihrem Alter nach einem so schwierigen Leben eigentlich Ruhe gebraucht hätte. Genau deshalb wollte ich sie dort herausholen. Doch ihre Angst war nicht nur, sie verlassen zu werden. Sie hat mir auch oft gesagt, dass sie glaubt, ich würde irgendwann wieder gehen und sie alleinlassen. Dass ich damals mit 19 Jahren ausgezogen bin, hat sie lange verfolgt. Sie konnte diesen Schmerz nicht vergessen....
Und in ihrem Alter wollte sie nicht mehr aus der gewohnten Umgebung heraus, egal was dort passierte.

Alle dreieinhalb Jahre, auch später, als ich schon in Deutschland war, habe ich sie gefragt, ob sie mit mir ziehen möchte. Und jedes Mal sagte sie nein. Ob diese Entscheidung wirklich nur ihre eigene war, kann ich nicht sagen. Es würde mich nicht überraschen, wenn sie auf eine gewisse Weise auch von anderen in der Familie beeinflusst wurde. Und dafür gab es einen Grund: Wie würde es nach außen aussehen, wenn ich aus Kanada komme, um mich um sie zu kümmern, während ihre Kinder in der Nähe lebten...

Ich habe schon geahnt, dass meine Rückkehr bei vielen etwas auslösen würde. Freunde fragten mich oft: „Wo sind ihre Kinder? "Warum du?"“ Und genau diese Fragen stellen sich wahrscheinlich auch andere. Vielleicht hat sie sich selbst diese Fragen gestellt oder sie hat gespürt, was andere darüber denken würden. Und so entstand über die Zeit eine stille Form von Wut und Abneigung mir gegenüber, die ich sehr stark wahrgenommen habe, wie eine
dunkle Wolke, ruhig, ohne Gewitter, aber spürbar wie die Stille vor dem Sturm.

Doch bevor ich weiter auf die familiären Themen eingehe und darauf, was meine Anwesenheit in all dem ausgelöst hat, möchte ich den Tag meiner Ankunft beschreiben. Meine Oma wusste bereits, dass ich komme, weil manche Menschen ihre Klappe nicht halten konnten und die Überraschung dadurch zerstört wurde. Aber ich glaube nicht, dass ihre Freude dadurch kleiner wurde.
Als ich ankam, umarmte sie mich stark und fragte, ob ich es wirklich bin, als ob sie ihre Überraschung verspielte. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Sehkraft bereits sehr schlecht, sie konnte auf einem Auge kaum noch etwas sehen und auf dem anderen nur verschwommen. Ich habe noch das Video, das meine Schwester in diesem Moment aufgenommen hat. Es ist eines der wichtigsten Videos meines Lebens. Dieser Moment bleibt für immer in meinem
Herzen, als wäre es die Rückkehr einer verlorenen Seele, die endlich wieder nach Hause gefunden hat.
Ich habe meine Entscheidung damals sehr klar getroffen. Ich war 36, ich war noch jung genug, um mein Leben weiterzuführen. Selbst wenn sie nur noch fünf Jahre leben würde, hätte ich diese Zeit. Sie aber nicht. Und ich wollte es nicht bereuen, nicht für sie da gewesen zu sein, nur weil ich Angst hatte, etwas in meinem eigenen Leben zu verpassen. Ich habe mein Leben schon lange nach meinen eigenen Regeln gelebt, deshalb wusste ich, dass nichts diese Zeit mit ihr ersetzen kann. Für so etwas gibt es keinen Preis und keinen Ersatz für einen Menschen, den man liebt. Ich wusste, dass ich es durchziehen werde, egal was kommt.

Ich fand sehr schnell eine kleine möblierte Wohnung, etwa vier Kilometer entfernt von der Wohnung meiner Eltern. Ich wusste, dass ich nicht bleiben würde. Ich wollte mit dem Koffer kommen und mit dem Koffer wieder gehen. Nach etwa einem Monat zog ich dort ein.
Die Umgebung in Fallersleben war wie für mich gemacht. Vor 15 Jahren hätte ich sie wahrscheinlich als zu ruhig und eher für ältere Menschen beschrieben. Doch nach all den stressigen Jahren fand ich genau diese Ruhe bezaubernd. Es gab einen kleinen Teich mit Park in der Nähe meiner Wohnung, wo ich oft meine Morgen mit Kaffee verbrachte. Ein Bioladen war in der Nähe und der Kaffee dort schmeckte besonders gut. Ich lebte in der Altstadt, direkt an der
Hauptstraße. Sobald ich die Tür öffnete, war ich mitten im Leben, und sobald sie geschlossen war, hatte ich das Gefühl, von allem abgeschirmt zu sein. Ich liebte diese Zeit dort. Es war ruhig. Eine Qualität, die ich zu schätzen gelernt hatte. Besonders in dieser Zeit brauchte ich es wie Luft zum Atmen. Hier konnte ich mich wieder aufladen.

Doch bevor ich dort einzog, verbrachte ich diese Zeit bei meinen Eltern, zusammen mit meiner Oma. Und ich dachte wirklich, ich drehe irgendwann durch.

Ganz abgesehen von der fehlenden Sauberkeit in der Wohnung und den täglichen Streitereien meiner Eltern – jeden Morgen um sieben Uhr begann der gleiche Lärm. Niemand nahm Rücksicht darauf, ob meine Oma oder ich noch schliefen. Es war, als gäbe es keine Grenze zwischen Tag, Nacht und Ruhe. Jeden Tag wurde man wie von einem brutalen Wecker aus dem Schlaf gerissen – durch Streit, Vorwürfe, Spannung in der Luft.

Ich arbeitete von dort aus und hatte meine wöchentlichen Meetings mit meinem Team in Kanada über Zoom. Jedes Mal bat ich darum, für etwa eine Stunde leise zu sein.

Mein Vater schaute in dieser Zeit Fußball oder andere Sendungen im
Fernsehen. Kurz vor einem wichtigen Meeting bat ich ihn, den Fernseher auszuschalten. Seine Antwort war, ich solle warten, bis die Sendung zu Ende sei.

Und in diesem Moment sollte ich meinem Team – inklusive dem CFO einer multimillionenschweren Firma – erklären, dass ich nicht pünktlich am Meeting teilnehmen konnte, weil mein Vater erst seine Fernsehsendung zu Ende schauen musste.

Mein Kopf konnte in solchen Momenten nicht mehr erfassen, was hier eigentlich passierte. Es war eine Mischung aus Wut, Unglauben und einem tiefen Gefühl, dass Realität und Verantwortung völlig auseinandergefallen waren. Genau das hat mir gezeigt, wie weit entfernt diese familiäre Welt von meiner beruflichen Realität war.

Es war auch Wut auf diese Art von Ignoranz, auf dieses selbstverständliche Gefühl, dass alles um ihn herum sich nach ihm richten müsse. Als wäre seine Sendung wichtiger als die Verantwortung seiner Tochter, die sich alles selbst erarbeitet hatte – Schritt für Schritt, über Jahre hinweg.

Und genau diese Situationen haben mir immer wieder gezeigt, wie sehr diese Welt manchmal von der Realität abgeschnitten war. Und was mein Vater offenbar nicht verstand – oder nicht verstehen wollte – war, was es eigentlich bedeutet, Verantwortung zu tragen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Kinder.

Ich zog schließlich aus und verbrachte danach jeden Tag die Vormittage bei meiner Oma. Ich kochte für sie, kümmerte mich um ihre Medikamente, machte ihre Wäsche und räumte ihr Zimmer auf. Ich tat alles, als würden wir zusammen in einem Haushalt leben.

Und das Wichtigste war vielleicht etwas ganz anderes: Ich  gab ihr
Gesellschaft. Jeden Tag wartete sie auf mich. Sie wusste genau, wann ich kommen würde. Und als ich ging, stand sie am Fenster und winkte mir nach. Obwohl sie nicht mehr wirklich sehen konnte, wer draußen war – sie erkannte nur noch Schatten und Umrisse – wusste sie genau, in welche Richtung ich gehen würde. Und sie winkte mir nach..
Und das jeden Tag, während ich ab 14 oder 15 Uhr anfing zu arbeiten und oft erst nach Mitternacht ins Bett ging. Zwei Jahre lang. Ohne echte Wochenenden. Ich konnte nicht ausschlafen, weil ich erst nach Mitternacht einschlief und morgens wieder zu ihr musste. Später wurde es sogar zweimal täglich, morgens und abends, weil sie immer schwächer wurde.
Ich möchte nicht in die Details gehen, aber stellt euch einfach vor, was man für kleine Kinder tun würde. Genau das habe ich für sie getan. Und währenddessen wurde meine Zeit von manchen Menschen mitgezählt, die sie vielleicht einmal im Jahr gesehen haben und sich dennoch ein Urteil erlaubt haben. Die Dreistigkeit war zu glauben, dass ein kurzer Besuch mehr Gewicht hätte als tägliche Präsenz. Doch solche Vergleiche sind eigentlich absurd und verdienen weder besondere Aufmerksamkeit noch Mitleid gegenüber diesen Menschen.
Und auch mein Vater tat alles, damit diese schönste und gleichzeitig schwierigste Zeit meines Lebens unvergesslich blieb...

Fünfzehntes Kapitel

Als ich damals nach Deutschland kam, dachte ich, der einzige Grund dafür wäre meine Oma gewesen. Zumindest war das der einzige Grund, den mein menschlicher Verstand bewusst greifen konnte. Doch wie so oft im Leben verstand meine Seele bereits mehr als ich selbst. Denn die Umstände, in denen ich mich nach meiner Rückkehr wiederfand, machten mir langsam aber deutlich klar, dass ich erneut genau dorthin geführt worden war, wo die nächste tiefe Schicht meiner inneren Heilung auf mich wartete.

Und dieses Mal sollte es um meine Verbindung zu meinen Eltern gehen. Vor allem zu meiner Mutter.

Bis dahin war ich überzeugt gewesen, bereits alles verarbeitet zu haben. Ich habe so viele innere Prozesse durchlebt, so viel reflektiert, geweint, losgelassen, verstanden. Ich war intuitiv geworden, spirituell wach, erfahren durch das Leben. Die Welt hatte mich nicht gebrochen. Deshalb wusste ich nicht, dass noch etwas viel Tieferes in mir verborgen lag. Eine Wunde, die so lange still gewesen war, dass ich sie selbst kaum noch wahrnahm.

Denn die Wahrheit war: Ich hatte nie gelernt, meine Mutter wirklich zu lieben.

Nicht, weil ich es nicht wollte. Sondern weil diese Verbindung zwischen uns niemals wirklich existierte. Sie fühlte sich für mich immer wie eine fremde Frau an, die zufällig meine biologische Mutter war. Nicht wie „Mama“. Nicht wie dieser warme, sichere Ort, den andere Kinder kannten. Dieses Gefühl, jederzeit anrufen zu können, wenn das Leben weh tut. Zu wissen, dass da jemand ist, der dich auffängt, versteht, schützt. Ich kannte dieses Gefühl nicht.

Ich lernte nie, meine Mutter anzurufen, wenn es mir schlecht ging. Nie, ihren Rat zu suchen. Nie, einfach ihre Nähe zu brauchen. Diese Möglichkeit existierte emotional nicht in meinem Leben. Und irgendwann akzeptierte ich es einfach. Ich verstand früh, dass unsere Beziehung niemals so sein würde wie die Beziehungen anderer Töchter zu ihren Müttern.

Und wenn ich ehrlich bin, habe ich nie danach gesucht, weil ich verstand, dass sie mir nicht geben konnte, was eine Mutter geben kann.

Und irgendwie war es okay. Schließlich war ich mit meiner Oma groß geworden. Der Schmerz der Trennung damals mit vier Jahren war tief in meinem inneren Kind eingeschlossen worden. Ein stiller Seelenschrei, den ich so lange unterdrückt hatte, bis ich selbst vergaß, dass er überhaupt existierte. Viele Menschen wussten nicht einmal wirklich etwas über meine Geschichte.

Doch als ich die letzten dreieinhalb Jahre mit meiner Oma verbrachte, verbrachte ich automatisch auch Zeit mit meiner Mutter. Und langsam begann ich, sie wirklich zu sehen.

Meine Mutter war ein Mensch, der ständig nach Aufmerksamkeit suchte. Für Menschen, die sie nicht wirklich kannten, wirkte sie manchmal fast unterhaltsam oder interessant. Du konntest ihr erzählen, dass du zufällig jemanden getroffen hast, und innerhalb von Sekunden erfand sie eine eigene Geschichte dazu, in der sie dieselbe Person ebenfalls gesehen hatte. Sie konnte aus dem Nichts ganze Märchen erschaffen. Und das Seltsame war: Sie glaubte sich oft selbst dabei.

Als ich wieder täglich mit ihr zusammen war, fühlte sich dieses Verhalten unglaublich unangenehm an.

Meine Schwester konnte damit viel direkter umgehen. Sie sagte ihr einfach ins Gesicht:

„Hör auf, Märchen zu erzählen.“

Und dann wurde meine Mutter kurz still.

Ich dagegen konnte das nie. Nicht, weil ich es grundsätzlich nicht kann, sondern weil zwischen uns diese emotionale Nähe nicht existierte. Stattdessen begann ich, Mitgefühl für sie zu empfinden. Ich verstand plötzlich, wie oft sie selbst manipuliert, ausgenutzt und emotional klein gehalten worden war. Wie viele ihrer Entscheidungen niemals aus innerer Stabilität entstanden waren. Sie war ein Mensch, der sich nach Liebe sehnte und gleichzeitig unfähig war, selbst Liebe zu geben.

Und wie hätte sie es auch lernen sollen?

Von meiner älteren Schwester wusste ich, dass auch ihre eigene Mutter – unsere Oma – sie emotional nie wirklich angenommen hatte. Fast so, als hätte sie sich für sie geschämt, weil sie anders war. Nicht passend genug. Nicht „normal“ genug für gesellschaftliche Standards.

Meine Mutter trug so viel Wut in sich. So viel unterdrückte Härte. Und gleichzeitig konnte sie nach außen plötzlich unglaublich lieb wirken. Es war, als würden zwei Welten in ihr gegeneinander kämpfen. Der Wunsch, dazuzugehören – und gleichzeitig der Wunsch, alle Menschen von sich wegzustoßen.

Sie war grob. Maskulin. Emotional verschlossen. Zärtlichkeit kannte sie kaum. Eine Umarmung fühlte sich bei ihr fremd an.

Und genau das machte sie für andere Menschen so leicht manipulierbar.

Meine Oma und sie hatten ihr ganzes Leben lang ein sehr schwieriges Verhältnis. Meine Oma hat meine Mutter immer für ihre Art verurteilt, und meine Mutter hat sie mit allen möglichen Worten beschimpft, ihr ganzes Leben lang. Beide konnten sich nicht ausstehen, und ich merkte es extrem, als ich dort war.

Jeden Tag sprach meine Oma darüber, wie schlimm meine Mutter sei und dass sie an allem schuld sei, was passiert. Irgendwann konnte ich es nicht mehr hören, und es fühlte sich auch ihr gegenüber ungerecht an, weil es nicht immer ihre Schuld war. Aber so ist es im Leben: einmal die Schuldige, immer die Schuldige.

Ich fühlte mich innerlich so verwirrt. Ich wollte meine Oma damit nicht verletzen, indem ich doch die Seite meiner Mutter einnahm, und trotzdem konnte ich diese Ungerechtigkeit ihr gegenüber nicht akzeptieren.

Meine Mutter war wie ein Boxsack, auf den von allen Seiten eingeschlagen wurde – ob es der Wahrheit entsprach oder nicht, spielte keine Rolle. Wer würde ihr schon glauben? Sie war ja schließlich die „Verrückte“.

Und ich merkte, dass meine Oma das auch nicht toll fand, wenn ich manchmal meine Mutter beschützte. Ich riss innerlich zwischen dem Gefühl, meine Oma nicht verletzen zu wollen, und dem Bedürfnis, es ihr nicht zu erlauben, meine Mutter für alles und jedes zu beschuldigen.

Und so war es immer.

Die ganze Welt und somit auch Menschen in unserer Familie erlaubten sich ständig, ihr Ratschläge zu geben. Besonders wenn es um meine Oma ging. Menschen, die kaum anwesend waren, erklärten meiner Mutter am Telefon, was sie tun sollte. Dabei waren es nicht diese Menschen, die nachts aufstanden, um meiner Oma auf die Toilette zu helfen. Nicht sie, die ihre Blutwerte kontrollierte, weil sie fast blind geworden war. Nicht sie, die einfach da waren, um ihr Gesellschaft zu leisten und eine Unterhaltung anzubieten.

Es war meine Mutter.

Und trotzdem wartete sie regelrecht auf diese täglichen Kontrollanrufe. Ihre Stimme veränderte sich dabei komplett. Fast wie eine Sekretärin, die mit ihren Vorgesetzten spricht. Während ich das beobachtete, spürte ich gleichzeitig Traurigkeit und Mitgefühl. Denn diese Menschen haben ihr Leben lang über sie gelästert, sie verurteilt und sich über sie gestellt.

Aber es würde sich nichts verändern, wenn ich ihr erklärt hätte, sich ihnen gegenüber nicht so zu verhalten. Sie war, wer sie war.

Und trotzdem suchte sie unbewusst ihre Anerkennung.

Gleichzeitig setzte sie sich nie mit ihnen an einen Tisch. Die anderen bemerkten das und kommentierten öfter darüber. Doch ich wusste genau, warum sie es tat. Ihre Seele fühlte sich unsicher und unwohl zwischen diesen Menschen. Sie wusste genau, dass sie über sie
urteilen würden. Über ihre Art zu essen. Über ihre Art zu sprechen. Über alles, was sie am Tisch sehen würden.

Und obwohl ihr Verstand vieles vielleicht nicht begriff, wusste ihre Seele ganz genau, wo sie nicht hingehörte.

Und dafür bewundere ich ihre Seele. Sie machte das, was viele „normale“ Menschen nicht tun. Sie versammeln sich alle an einem Tisch, um irgendetwas zu feiern, tun so, als würden sie sich mögen, und lästern danach trotzdem übereinander. Sie tun es, weil es sich so gehört, trotz dessen, dass viele in der Familie sich eigentlich nicht stehen können. Jede Familie trägt eine Maske: Wie sieht es aus, wenn wir nicht miteinander Zeit verbringen? Es gehört sich so, alle einzuladen, sogar die, die man nicht leiden kann. Und dann schaut man sich in die Augen, und diese Heuchelei geht weiter...

Ich hatte das früh genug erkannt und fuhr irgendwann nicht mehr hin. Ich blieb lieber ruhig zu Hause, als diesem unnötigen Geschwätz zuzuhören.

Im Sommer 2024 veränderte sich plötzlich alles.

Meine Mutter war schon einige Tage gesundheitlich angeschlagen gewesen, doch an diesem einen Tag saß sie zitternd am Küchentisch, und sofort wusste ich: Dieses Mal spielt sie nichts vor. Es war ernst.

Der Krankenwagen kam sofort. Ihre Blutwerte waren miserabel. Sie hatte eine Blutinfektion, die ihre Wirbelsäule so stark angegriffen hatte, dass eine Rückenversteifung durchgeführt werden musste.

Und plötzlich stand ich dort im Krankenhaus und hörte dem Arzt zu, wie er mit ernster Stimme über mögliche Komplikationen sprach, weil sie noch andere gesundheitliche Probleme hatte, die diese Operation erschwerten.

In diesem Moment passierte etwas mit mir.

Mein Hals zog sich zusammen. Meine Brust wurde eng. Meine Augen füllten sich mit Tränen, obwohl ich selbst nicht verstand, warum. Ich sah meine Mutter an, benommen von Medikamenten, verwirrt, blass, verletzlich. Und sie sah mich genauso verwirrt zurück an.

Es war ein winziger Augenblick.

Aber in diesem Augenblick brach etwas in mir auf.

Ich versuchte es zu unterdrücken, solange ich dem Doktor meine Fragen stellte. Nicht, weil ich Angst davor hatte zu weinen. Gefühle zu zeigen war für mich nie Schwäche gewesen. Im Gegenteil. Tränen reinigen den Körper. Sie lösen Energie, Schmerz und unterdrückte
Emotionen.

Doch ich verstand nicht, warum ausgerechnet sie diese Emotionen in mir auslöste. Die Frau, die mein ganzes Leben emotional abwesend gewesen war.

Und genau dort begann die eigentliche Heilung.

Alles davor war nur eine Vorbereitung gewesen.

Als ich später das Krankenhaus verließ, spürte ich plötzlich eine unfassbare innere Schwere. Ich musste stark für meine Oma sein. Arbeiten. Funktionieren. Gleichzeitig öffnete sich in mir eine neue Wunde, von der ich gar nicht wusste, dass sie noch existierte.

Denn mein inneres Kind erinnerte sich plötzlich.

Es erinnerte sich daran, wie es sich angefühlt hatte, die Mutter zu verlieren.

Auch wenn sie emotional nie wirklich da gewesen war — sie war trotzdem meine Mama.

Und diese mich überraschende Angst, sie verlieren zu können, ließ all diese verdrängten Gefühle plötzlich an die Oberfläche steigen.

Und ich wusste, dass jetzt die innere Arbeit beginnt: nicht davor wegzulaufen und es zu unterdrücken, sondern es anzunehmen, zu reflektieren und damit Frieden zu finden.

Als ich sie später nach der OP auf der Intensivstation besuchte, spürte ich wieder diesen Druck im Hals. Wieder diesen Schmerz in meiner Brust. Und plötzlich verstand ich:

Mein inneres Kind hatte all die Jahre immer noch auf ihre Liebe gewartet.

Und genau dadurch begann sich etwas zwischen uns zu verändern.

Nicht äußerlich. Unsere Gespräche waren immer noch dieselben. Der Umgang miteinander war immer noch gleich. Doch innerlich fühlte ich plötzlich etwas für sie. Etwas Weiches. Etwas Beschützendes.

Und dieses Gefühl überraschte mich selbst am meisten.

In der Numerologie spricht man oft darüber, dass die Beziehung zur Mutter eng mit unserer eigenen Weiblichkeit verbunden ist. Dass wir später oft genauso von Männern behandelt werden, wie wir unsere Mutter innerlich betrachten. Wenn du deine Mutter ablehnst, lehnst du unbewusst auch Teile von dir selbst ab.

Und plötzlich verstand ich, dass diese Heilung nicht nur für mein inneres Kind wichtig war. Sondern auch für die Frau, die ich geworden war.

Denn eine Frau, die sich selbst wirklich liebt, versucht niemandem zu beweisen, dass sie Liebe verdient. Sie zieht keine Beziehungen an, die ihr ständig zeigen, dass sie „nicht genug“ ist. Sie ist sicher in sich selbst – und dann kann auch eine reife Beziehung funktionieren.

Und dafür musste ich lernen, meine Mutter anzunehmen. Nicht perfekt. Nicht idealisiert.

Sondern genauso, wie sie war.

Mit all ihren Brüchen, ihrer Härte und inneren Leere.

2024 war energetisch ein extremes Jahr. Ein Jahr des Karmas. Ein Jahr des Ausgleichs. Viele Menschen wurden in diesem Jahr mit Situationen konfrontiert, die sie innerlich komplett erschütterten. Denn wenn man wirklich ehrlich ist – wer kann von sich behaupten,
ein Engel zu sein? Wir alle sind hier, um Erfahrungen zu sammeln, Fehler zu machen und dadurch unsere Evolution als Seele zu beschleunigen. Wenn unsere Seelen wirklich so rein wären, würden wir gar nicht hier sein. Ja, es gibt tatsächlich Engel unter uns, die uns
begleiten und uns auf unserem Weg helfen, doch die meisten sind hier, um eine Seelenentwicklung und -Evolution anzugehen.

Und somit durchging auch meine Mutter ihre karmische Reinigung – und gleichzeitig auch ich.

Deshalb entwickelte ich plötzlich einen enormen Beschützerinstinkt ihr gegenüber.

Als ich damals nach Deutschland kam, dachte ich, der einzige Grund dafür wäre meine Oma gewesen. Zumindest war das der einzige Grund, den mein menschlicher Verstand bewusst greifen konnte. Doch wie so oft im Leben verstand meine Seele bereits mehr als ich selbst. Denn die Umstände, in denen ich mich nach meiner Rückkehr wiederfand, machten mir langsam aber deutlich klar, dass ich erneut genau dorthin geführt worden war, wo die nächste tiefe Schicht meiner inneren Heilung auf mich wartete.

Und dieses Mal sollte es um meine Verbindung zu meinen Eltern gehen. Vor allem zu meiner Mutter.

Bis dahin war ich überzeugt gewesen, bereits alles verarbeitet zu haben. Ich habe so viele innere Prozesse durchlebt, so viel reflektiert, geweint, losgelassen, verstanden. Ich war intuitiv geworden, spirituell wach, erfahren durch das Leben. Die Welt hatte mich nicht gebrochen. Deshalb wusste ich nicht, dass noch etwas viel Tieferes in mir verborgen lag. Eine Wunde, die so lange still gewesen war, dass ich sie selbst kaum noch wahrnahm.

Denn die Wahrheit war: Ich hatte nie gelernt, meine Mutter wirklich zu lieben.

Nicht, weil ich es nicht wollte. Sondern weil diese Verbindung zwischen uns niemals wirklich existierte. Sie fühlte sich für mich immer wie eine fremde Frau an, die zufällig meine biologische Mutter war. Nicht wie „Mama“. Nicht wie dieser warme, sichere Ort, den andere Kinder kannten. Dieses Gefühl, jederzeit anrufen zu können, wenn das Leben weh tut. Zu wissen, dass da jemand ist, der dich auffängt, versteht, schützt. Ich kannte dieses Gefühl nicht.

Ich lernte nie, meine Mutter anzurufen, wenn es mir schlecht ging. Nie, ihren Rat zu suchen. Nie, einfach ihre Nähe zu brauchen. Diese Möglichkeit existierte emotional nicht in meinem Leben. Und irgendwann akzeptierte ich es einfach. Ich verstand früh, dass unsere
Beziehung niemals so sein würde wie die Beziehungen anderer Töchter zu ihren Müttern.

Und wenn ich ehrlich bin, habe ich nie danach gesucht, weil ich verstand, dass sie mir nicht geben konnte, was eine Mutter geben kann.

Und irgendwie war es okay. Schließlich war ich mit meiner Oma groß geworden. Der Schmerz der Trennung damals mit vier Jahren war tief in meinem inneren Kind eingeschlossen worden. Ein stiller Seelenschrei, den ich so lange unterdrückt hatte, bis ich selbst vergaß, dass er überhaupt existierte. Viele Menschen wussten nicht einmal wirklich etwas über meine Geschichte.

Doch als ich die letzten dreieinhalb Jahre mit meiner Oma verbrachte, verbrachte ich automatisch auch Zeit mit meiner Mutter. Und langsam begann ich, sie wirklich zu sehen.

Meine Mutter war ein Mensch, der ständig nach Aufmerksamkeit suchte. Für Menschen, die sie nicht wirklich kannten, wirkte sie manchmal fast unterhaltsam oder interessant. Du konntest ihr erzählen, dass du zufällig jemanden getroffen hast, und innerhalb von
Sekunden später erfand sie eine eigene Geschichte dazu, in der sie dieselbe Person ebenfalls gesehen hatte. Sie konnte aus dem Nichts ganze Märchen erschaffen. Und das Seltsame war: Sie glaubte sich oft selbst dabei.

Als ich wieder täglich mit ihr zusammen war, fühlte sich dieses Verhalten unglaublich unangenehm an.

Meine Schwester konnte damit viel direkter umgehen. Sie sagte ihr einfach ins Gesicht:

„Hör auf, Märchen zu erzählen.“

Und dann wurde meine Mutter kurz still.

Ich dagegen konnte das nie. Nicht, weil ich es grundsätzlich nicht kann, sondern weil zwischen uns diese emotionale Nähe nicht existierte. Stattdessen begann ich, Mitgefühl für sie zu empfinden. Ich verstand plötzlich, wie oft sie selbst manipuliert, ausgenutzt und emotional klein gehalten worden war. Wie viele ihrer Entscheidungen niemals aus innerer Stabilität entstanden waren. Sie war ein Mensch, der sich nach Liebe sehnte und gleichzeitig unfähig war, selbst Liebe zu geben.

Und wie hätte sie es auch lernen sollen?

Von meiner älteren Schwester wusste ich, dass auch ihre eigene Mutter – unsere Oma – sie emotional nie wirklich angenommen hatte. Fast so, als hätte sie sich für sie geschämt, weil sie anders war.Nicht passend genug.Nicht „normal“ genug für gesellschaftliche Standards.

Meine Mutter trug so viel Wut in sich. So viel unterdrückte Härte. Und gleichzeitig konnte sie nach außen plötzlich unglaublich lieb wirken. Es war, als würden zwei Welten in ihr gegeneinander kämpfen. Der Wunsch, dazuzugehören – und gleichzeitig der Wunsch, alle
Menschen von sich wegzustoßen.

Sie war grob. Maskulin. Emotional verschlossen. Zärtlichkeit kannte sie kaum. Eine Umarmung fühlte sich bei ihr fremd an.

Und genau das machte sie für andere Menschen so leicht manipulierbar.

Meine Oma und sie hatten ihr ganzes Leben lang ein sehr schwieriges Verhältnis. Meine Oma hat meine Mutter immer für ihre Art verurteilt, und meine Mutter hat sie mit allen möglichen Worten beschimpft, ihr ganzes Leben lang. Beide konnten sich nicht ausstehen, und ich merkte es extrem, als ich dort war.

Jeden Tag sprach meine Oma darüber, wie schlimm meine Mutter sei und dass sie an allem schuld sei, was passiert. Irgendwann konnte ich es nicht mehr hören, und es fühlte sich auch ihr gegenüber ungerecht an, weil es nicht immer ihre Schuld war. Aber so ist es im
Leben: einmal die Schuldige, immer die Schuldige.

Ich fühlte mich innerlich so verwirrt. Ich wollte meine Oma damit nicht verletzen, indem ich doch die Seite meiner Mutter einnahm, und trotzdem konnte ich diese Ungerechtigkeit ihr gegenüber nicht akzeptieren.

Meine Mutter war wie ein Boxsack, auf den von allen Seiten eingeschlagen wurde – ob es der Wahrheit entsprach oder nicht, spielte keine Rolle. Wer würde ihr schon glauben? Sie war ja schließlich die „Verrückte“.

Und ich merkte, dass meine Oma das auch nicht toll fand, wenn ich manchmal meine Mutter beschützte. Ich riss innerlich zwischen dem Gefühl, meine Oma nicht verletzen zu wollen, und dem Bedürfnis, es ihr nicht zu erlauben, meine Mutter für alles und jedes zu beschuldigen.

Und so war es immer.

Die ganze Welt und daher Menschen in unserer Familie erlaubten sich ständig, ihr Ratschläge zu geben. Besonders wenn es um meine Oma ging. Menschen, die kaum anwesend waren, erklärten meiner Mutter am Telefon, was sie tun sollte. Dabei waren es nicht diese Menschen, die nachts aufstanden, um meiner Oma auf die Toilette zu helfen. Nicht sie, die ihre Blutwerte kontrollierte, weil sie fast blind geworden war. Nicht sie, die einfach da waren, um ihr Gesellschaft zu leisten und eine Unterhaltung anzubieten.

Es war meine Mutter.

Und trotzdem wartete sie regelrecht auf diese täglichen Kontrollanrufe. Ihre Stimme veränderte sich dabei komplett. Fast wie eine Sekretärin, die mit ihren Vorgesetzten spricht. Während ich das beobachtete, spürte ich gleichzeitig Traurigkeit und Mitgefühl. Denn diese Menschen haben ihr Leben lang über sie gelästert, sie verurteilt und sich über sie gestellt.

Aber es würde sich nichts verändern, wenn ich ihr erklärt hätte, sich ihnen gegenüber nicht so zu verhalten. Sie war, wer sie war.

Und trotzdem suchte sie unbewusst ihre Anerkennung.

Gleichzeitig setzte sie sich nie mit ihnen an einen Tisch. Die anderen bemerkten das und kommentierten öfter darüber. Doch ich wusste genau, warum sie es tat. Ihre Seele fühlte sich unsicher und unwohl zwischen diesen Menschen. Sie wusste genau, dass sie über sie
urteilen würden. Über ihre Art zu essen. Über ihre Art zu sprechen. Über alles, was sie am Tisch sehen würden.

Und obwohl ihr Verstand vieles vielleicht nicht begriff, wusste ihre Seele ganz genau, wo sie nicht hingehörte.

Und dafür bewundere ich ihre Seele. Sie machte das, was viele „normale“ Menschen nicht tun. Sie versammeln sich alle an einem Tisch, um irgendetwas zu feiern, tun so, als würden sie sich mögen, und lästern danach trotzdem übereinander. Sie tun es, weil es sich so gehört, trotz dessen, dass viele in der Familie sich eigentlich nicht stehen können. Jede Familie trägt eine Maske: Wie sieht es aus, wenn wir nicht miteinander Zeit verbringen? Es gehört sich so, alle einzuladen, sogar die, die man nicht leiden kann. Und dann schaut man sich in die Augen, und diese Heuchelei geht weiter …

Ich hatte das früh genug erkannt und fuhr irgendwann nicht mehr hin. Ich blieb lieber ruhig zu Hause, als diesem unnötigen Geschwätz zuzuhören.

Im Sommer 2024 veränderte sich plötzlich alles.

Meine Mutter war schon einige Tage gesundheitlich angeschlagen gewesen, doch an diesem einen Tag saß sie zitternd am Küchentisch, und sofort wusste ich: Dieses Mal spielt sie nichts vor. Es war ernst.

Der Krankenwagen kam sofort. Ihre Blutwerte waren extrem schlecht. Sie hatte eine Blutinfektion, die ihre Wirbelsäule so stark angegriffen hatte, dass eine Rückenversteifung durchgeführt werden musste.

Und plötzlich stand ich dort im Krankenhaus und hörte dem Arzt zu, wie er mit ernster Stimme über mögliche Komplikationen sprach, weil sie noch andere gesundheitliche Probleme hatte, die diese Operation erschwerten.

In diesem Moment passierte etwas mit mir.

Mein Hals zog sich zusammen. Meine Brust wurde eng. Meine Augen füllten sich mit Tränen, obwohl ich selbst nicht verstand, warum. Ich sah meine Mutter an, benommen von Medikamenten, verwirrt, blass, verletzlich. Und sie sah mich genauso verwirrt zurück an.

Es war ein winziger Augenblick.

Aber in diesem Augenblick brach etwas in mir auf.

Ich versuchte es zu unterdrücken, solange ich dem Doktor meine Fragen stellte. Nicht, weil ich Angst davor hatte zu weinen. Gefühle zu zeigen war für mich nie Schwäche gewesen. Im Gegenteil. Tränen reinigen den Körper. Sie lösen Energie, Schmerz und unterdrückte
Emotionen.

Doch ich verstand nicht, warum ausgerechnet sie diese Emotionen in mir auslöste. Die Frau, die mein ganzes Leben emotional abwesend gewesen war.

Und genau dort begann die eigentliche Heilung.

Alles davor war nur eine Vorbereitung gewesen.

Als ich später das Krankenhaus verließ, spürte ich plötzlich eine unfassbare innere Schwere. Ich musste stark für meine Oma sein. Arbeiten. Funktionieren. Gleichzeitig öffnete sich in mir eine neue Wunde, von der ich gar nicht wusste, dass sie noch existierte.

Denn mein inneres Kind erinnerte sich plötzlich.

Es erinnerte sich daran, wie es sich angefühlt hatte, die Mutter zu verlieren.

Auch wenn sie emotional nie wirklich da gewesen war – sie war trotzdem meine Mama.

Und diese mich überraschende Angst, sie verlieren zu können, ließ all diese verdrängten Gefühle plötzlich an die Oberfläche steigen.

Und ich wusste, dass jetzt die innere Arbeit beginnt: nicht davor wegzulaufen und es zu unterdrücken, sondern es anzunehmen, zu reflektieren und damit Frieden zu finden.

Als ich sie später nach der OP auf der Intensivstation besuchte, spürte ich wieder diesen Druck im Hals. Wieder diesen Schmerz in meiner Brust. Und plötzlich verstand ich:

Mein inneres Kind hatte all die Jahre immer noch auf ihre Liebe gewartet.

Und genau dadurch begann sich etwas zwischen uns zu verändern.

Nicht äußerlich. Unsere Gespräche waren immer noch dieselben. Der Umgang miteinander war immer noch gleich. Doch innerlich fühlte ich plötzlich etwas für sie. Etwas Weiches. Etwas Beschützendes.

Und dieses Gefühl überraschte mich selbst am meisten.

In der Numerologie spricht man oft darüber, dass die Beziehung zur Mutter eng mit unserer eigenen Weiblichkeit verbunden ist. Dass wir später oft genauso von Männern behandelt werden, wie wir unsere Mutter innerlich betrachten. Wenn du deine Mutter ablehnst, lehnst du unbewusst auch Teile von dir selbst ab.

Und plötzlich verstand ich, dass diese Heilung nicht nur für mein inneres Kind wichtig war. Sondern auch für die Frau, die ich geworden war.

Denn eine Frau, die sich selbst wirklich liebt, versucht niemandem zu beweisen, dass sie Liebe verdient. Sie zieht keine Beziehungen an, die ihr ständig zeigen, dass sie „nicht genug“ ist. Sie ist sicher in sich selbst – und dann kann auch eine reife Beziehung funktionieren.

Und dafür musste ich lernen, meine Mutter anzunehmen. Nicht perfekt. Nicht idealisiert.

Sondern genauso, wie sie war.

Mit all ihren Brüchen, ihrer Härte und inneren Leere.

2024 war energetisch ein extremes Jahr. Ein Jahr des Karmas. Ein Jahr des Ausgleichs. Viele Menschen wurden in diesem Jahr mit Situationen konfrontiert, die sie innerlich komplett erschütterten. Denn wenn man wirklich ehrlich ist – wer kann von sich behaupten,
ein Engel zu sein? Wir alle sind hier, um Erfahrungen zu sammeln, Fehler zu machen und dadurch unsere Evolution als Seele zu beschleunigen. Wenn unsere Seelen wirklich so rein wären, würden wir gar nicht hier sein. Ja, es gibt tatsächlich Engel unter uns, die uns
begleiten und uns auf unserem Weg helfen, doch die meisten sind hier, um eine Seelenentwicklung und -Evolution anzugehen.

Und somit durchging auch meine Mutter ihre karmische Reinigung – und gleichzeitig auch ich.

Deshalb entwickelte ich plötzlich einen enormen Beschützerinstinkt ihr gegenüber.

Und zum ersten Mal in dieser Familie ließ ich das nicht mehr zu.

Jeder, der anrief und den ich nicht kannte, dem sagte ich, er solle bitte nicht mehr anrufen, bis sich alles gelegt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter bereits auf einer Pflegestation untergebracht worden, damit sie sich einen Monat lang von der Operation erholen konnte.

Eine Cousine meines Vaters rief an und wollte alles wissen – wie, warum und wieso. Und sofort begann sie meiner Oma Anweisungen zu geben, was „die Mädchen“ tun sollten. Damit waren meine Schwester und ich gemeint. In diesem Moment kochte etwas in mir
hoch. Mein ganzes Leben lang hatten Menschen geglaubt, sie dürften sich in unsere Familie einmischen. ...Und sie war es, die sich damals in meine Erziehung eingemischt und meine Oma mit ihren Ratschlägen ständig beeinflusst hat.

Doch diesmal nicht.

Ruhig, aber bestimmt sagte ich ihr, dass wir erwachsene Menschen seien und selbst wüssten, was zu tun ist. Und dass sie keine Ratschläge erteilen solle. Sie war überrascht, dass ich alles hören konnte – aber noch mehr darüber, dass ich sie auf ihren Platz verwies.

Hier ist, was ich im Leben gelernt habe und was für mich zu einer Art Bibel geworden ist: Gib keine Ratschläge, wenn du nicht danach gefragt wirst. Wer sagt überhaupt, dass deine Meinung einen Wert für die andere Person hat? Und zweitens: Warum glaubst du, dass du
es besser weißt, weil du erfahrener oder vermeintlich schlauer bist? Mit ungefragten Ratschlägen versuchen viele Menschen unbewusst, eine Hierarchie zu erschaffen.

Nach dieser Abweisung legte sie schnell auf. Ich weiß nicht wirklich, was meine Oma davon hielt. Ich glaube nicht, dass sie davon gestört war. Sie lächelte nur auf ihre Weise. Sie verstand, dass ich eine Kämpferin war und ich das mein ganzes Leben lang gewesen bin.

Ein paar Tage später sagte mein Vater zu mir: Wie konnte ich so unhöflich zu seiner Cousine sein? Angeblich rief sie ihn danach an und beschwerte sich darüber, dass ich so frech gewesen sei. Und dann fügte mein Vater noch hinzu, dass sie uns damals doch mit der Papierarbeit geholfen hatte, als wir nach Deutschland kamen. Das war die Tante, bei der wir unsere ersten Wochen gewohnt hatten.

Und damit sprach er unbewusst ein anderes Thema an: Viele Menschen erwarten, dass sie, wenn sie dir helfen, danach dein Leben bestimmen dürfen. Dass sie dich manipulieren, deine Entscheidungen und Handlungen infrage stellen dürfen. Oder dass du dein ganzes
Leben dazu verpflichtet bist, sie zu vergöttern.

Ich bin immer sehr dankbar für jede Hilfe, die ich in meinem Leben erhalten habe. Aber das macht mich nicht zu einem Menschen, der dich oder deine Meinung über seine eigene stellt.

Denn Dankbarkeit bedeutet nicht Unterwerfung.

Und ich hatte verstanden:

Viele Menschen glauben, dass Hilfe ihnen später das Recht gibt, Kontrolle auszuüben.

Nicht mit mir.

Je mehr ich meine Mutter beschützte, desto näher fühlte ich mich ihr plötzlich. Nicht nur körperlich, sondern auch energetisch. Ich erschuf eine schützende Hülle für meine engste Familie – nicht nur physisch, sondern auch spirituell. Ich hielt innerlich den Raum für sie. Ich verstand, dass wir auf der feinstofflichen Ebene ebenfalls in Gefahr waren. Ich als Lichtkrieger musste mir keine Sorgen um meinen eigenen Schutz machen, weil ich wusste, dass Menschen, die mit Licht, Bewusstsein und innerer Wahrheit arbeiten, auf eine gewisse
Weise geführt und beschützt werden. Meine Familie jedoch trug diesen inneren Schutz nicht in derselben Form in sich. Sie waren emotional, energetisch und seelisch viel offener für die Ängste, Projektionen und negativen Energien anderer Menschen.

Vielleicht mussten genau deswegen mein Vater und meine Schwester in diesem Moment weg sein, damit ich diese Heilung überhaupt zulassen konnte. Beide waren im Urlaub.

Vielleicht musste ich diejenige sein, die da war, wenn sie Hilfe brauchte. Vielleicht musste ich die Erste sein, die meine Mutter nach der Operation sah. Vielleicht musste mein inneres Kind genau dort endlich verstehen, dass es all die Jahre immer noch nach ihrer Liebe gesucht hatte.

Und so begann langsam etwas in mir weicher zu werden.

Denn die Wahrheit ist:

Ich hatte mein ganzes Leben versucht, alles an mir abzulehnen, was mich an meine Mutter erinnerte.

Ich färbte meine Haare schwarz, weil wir dieselbe Haarfarbe hatten und ich niemals wie sie aussehen wollte. Irgendwann las ich auch, dass es psychologisch oft so erklärt wird, dass Frauen ihre Haare färben, weil sie ihre Mutter innerlich nicht annehmen. Ob das wirklich
immer so ist, weiß ich nicht. Aber ich sehe ihr sehr ähnlich. Meine Augen stammen aus der Familie Warkentin, alles andere gehört zur Blutlinie Miller.

Später bemerkte ich, dass ich auch ihre Nase geerbt hatte. Hoch angesetzt. Markant. Für mich zu maskulin.

Es war die größte Sache an meinem Aussehen, die ich niemals wirklich lieben konnte.

Und natürlich bemerkten auch andere Menschen genau das. Bereits als Kind machte eine Mitschülerin Kommentare über meine Nase. Sie sei zu dick. Jahre später sagte sogar die Mutter einer Freundin über mich:

Irina ist wunderschön, aber ihre Nase zerstört diese Schönheit.“

Und genau da wurden die Samen gepflanzt. Genauso entstehen tiefe Unsicherheiten.

Nach meiner inneren Transformation fühlte ich irgendwann, dass mein Äußeres nicht mehr zu meiner inneren Energie passte. Deshalb entschied ich mich schließlich für eine Nasenoperation in Istanbul.

Und nein, ich hatte keine Angst, ich konnte es kaum abwarten – ich bereute es auch nie.

Ganz im Gegenteil.

Zum ersten Mal fühlte ich mich äußerlich genauso weich und feminin, wie ich mich innerlich bereits entwickelt hatte.

Heilung bedeutet nicht immer nur, alles unverändert zu akzeptieren. Manchmal bedeutet Heilung auch, sich selbst die Erlaubnis zu geben, etwas zu verändern, wenn es Frieden in dir schafft.

Und plötzlich liebte ich mein eigenes Lächeln wieder.

Früher hielt ich beim Lachen oft automatisch meine Hände vor mein Gesicht, weil die Nase breiter und dadurch für mich hässlicher wirkte.

Doch selbst dort zeigte sich erneut die Dynamik zwischen meiner Mutter und mir. Ich hatte ihr von der OP nichts erzählt, weil ich wusste, dass meine Mutter sofort halb Deutschland und Kasachstan anrufen würde. Ich rief meine Oma an, um ihr zu sagen, dass die OP gut verlaufen war, und bat alle darum, meiner Mutter nichts zu erzählen.

Sie bekam es trotzdem mit und weinte deswegen:

„Sie ist meine Tochter.Ich will es wissen.“

Und zum ersten Mal verstand ich sogar ihren Schmerz darin.

Natürlich waren das nicht die einzigen Projektionen anderer Menschen, die mich dazu bringen sollten, mich selbst verändern zu wollen oder mich dafür zu hassen.

Vor langer Zeit kommentierte eine Cousine meinen Körper mit den Worten:
„Arme Irina, gar keine Brüste.“

Und weißt du, was lustig ist?

Das traf mich nie. Auch damals nicht, als ich noch unsicher in mir war.

Weil es nie meine eigene Unsicherheit gewesen war.

Ich liebte meinen Körper und meine kleine Brust so, wie sie war. Es passte zu mir.

Menschen versuchen oft, Hierarchien zu erschaffen, indem sie andere auf ihre vermeintlichen „Makel“ reduzieren. Doch ich habe irgendwann aufgehört, gesellschaftliche Standards ernst zu nehmen.

Ich wollte nie eine Kopie anderer Menschen sein.

Ja, viele nannten mich verrückt.
Zu emotional.
Zu intensiv.
Zu anders.
Aber lieber „crazy“, als ein Mensch zu werden, der sich selbst aufgibt, nur um akzeptiert zunvwerden.

Und genau daran erkannte ich später meine Heilung.

Und als es später zu einer Auseinandersetzung zwischen meiner Tante und mir kam, warf sie mir vor, dass ich wohl irgendwo den Kopf angeschlagen hätte, dass ich verrückt sei, und meinte sogar, ich solle mich behandeln lassen.

Weil meine Handlungen und meine Veränderungen nicht in ihr Weltbild passen. Damit wollte sie mir wohl auch sagen, dass ich wie meine Mutter bin.

Früher hätten mich solche Worte tief verletzt. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Mutter angenommen und auf meine Art lieben gelernt. Meine Tante kam zu spät mit ihren Versuchen, mich klein zu halten.

Tatsächlich bin ich ihr heute sogar dankbar dafür. Denn nur wegen dieser ganzen Konfrontation bemerkte ich, dass ich auch meine Mutter innerlich aufgearbeitet hatte. Ob ich schmutzig, verrückt oder faul sei – all das wurde mir ins Gesicht geworfen. Andere Worte
wurden benutzt, doch der eigentliche Sinn blieb derselbe. Es hätte wie die Faust aufs Auge gepasst, wenn diese Worte gegen meine Mutter gerichtet gewesen wären, und doch wurden sie mir gegenüber ausgesprochen. Weil es genau das war, als sie mich sah. Und sie wollte, dass ich innerlich zerbreche.

Hmm … zu spät.

Es war längst geheilt.

Aber woher sollte sie überhaupt wissen, was innere Arbeit bedeutet? Denn außer Hausreinigung gab es für diese Person nichts Wichtigeres.

Und inzwischen wusste ich:

Menschen greifen immer dort an, wo sie selbst Angst haben oder sich selbst nicht erlauben, so zu sein, wie du es dir erlaubst.

Und wenn dich die Projektionen anderer Menschen nicht mehr zerstören können, weil du bereits deinen eigenen Schatten angesehen hast, beginnt wahre innere Freiheit.

Dann lässt du sie reden.
Du lässt sie urteilen.
Du lässt sie projizieren.
All die negative Energie wird an sie zurückgeschickt.
Und du bleibst trotz allem weich in deiner Seele.

Sechzehntes Kapitel

Meine Beziehung zu meiner Mutter hat sich über die Jahre verändert und sich auf vielen Ebenen verbessert. Heute glaube ich, dass die Zeit selbst ein wichtiger Teil dieses Heilungsprozesses war. Mit jedem Jahr, das ich in Deutschland verbrachte, konnte ich ihre Geschichte ein wenig mehr verstehen, ihre innere Welt erkennen und Mitgefühl für die Frau entwickeln, die sie war. Die Ablehnung, die ich ihr gegenüber einst empfand, verblasste zunehmend, besonders wenn ich sie mit den Gefühlen verglich, die ich meinem Vater gegenüber in mir trug.

Ich erinnere mich daran, dass ich damals kaum mit ihm in einem Raum sein konnte. Er schien ständig nach Möglichkeiten zu suchen, mich zu provozieren. Und die ungeheilte Irina war wie trockenes Heu – ein einziger Funke genügte, um alles in Brand zu setzen. Tief in mir
saßen Wut, Enttäuschung und Verletzungen, die sich über viele Jahre angesammelt hatten.

Er spürte das ebenfalls. Mehr als einmal hörte ich ihn sagen:

„Irka menja ne prisnaet.“

„Irka“ ist eine sehr grobe Art, meinen Namen auszusprechen, und schon darin konnte man erkennen, wie viel Abneigung seinen Worten mir gegenüber innewohnte.

Die Übersetzung dieses Satzes lautet:

„Irina erkennt mich nicht an.“

Und in gewisser Weise hatte er recht.

Ich wusste, dass er mein Vater war. Von außen betrachtet sah es wahrscheinlich auch so aus, als würde ich ihn als meinen Vater ansehen. Doch tief in meinem Inneren konnte ich ihn nie als Vaterfigur wahrnehmen. Nicht als Papa.

Das Wort „Papa“ habe ich nie benutzt.

Für mich trägt dieses Wort Wärme, Schutz, Geborgenheit, Fürsorge und bedingungslose Liebe in sich. All das, was ein Kind mit einem sicheren Zuhause verbindet.

Und genau diese Erfahrungen hatte ich mit ihm nie gemacht.

Im Gegenteil: Es schien oft so, als hätte er sich zum Ziel gesetzt, mein Leben so schwer wie möglich zu machen.

Als ich wieder nach Deutschland zurückkehrte, musste ich auch ihn täglich sehen. Immer wieder war ich seinen manipulativen Angriffen und subtilen Grenzüberschreitungen ausgesetzt. Ja, zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits viele Heilungswege beschritten, viele
Erfahrungen gesammelt und zahlreiche innere Prozesse durchlaufen. Doch ähnlich wie bei meiner Mutter war damals erst die erste Schicht der Wunde geheilt. Die tiefere Arbeit lag noch vor mir. Ich musste ihn annehmen, so wie er war.

Oft ignorierte er meine Zeit, meine Verpflichtungen und mein eigenes Leben völlig. Nachdem er stundenlang mit seinen Rentnerfreunden Karten gespielt hatte, kam er regelmäßig zu spät zurück, wenn ich bei meiner Großmutter war und meine Mutter im Krankenhaus lag. Ich
konnte meine Oma nicht alleinlassen. Es musste immer jemand bei ihr sein, was an sich schon für alle Beteiligten mit vielen Einschränkungen verbunden war. Er wusste, dass ich sie niemals alleinlassen würde, und deshalb tat er oft einfach, was er wollte. Nicht immer, aber oft genug.

Später warf er mir sogar vor, ich würde schließlich dafür bezahlt werden, bei meiner Oma zu sitzen. Und ja, im letzten Jahr war das tatsächlich der Fall. Aber darüber später. Doch in seiner Wahrnehmung bedeutete das offenbar, dass meine Zeit keinen Wert mehr hatte. Dass es völlig in Ordnung sei, sich zu verspäten. Dass es keine Rolle spielte, dass ich bereits den gesamten Vormittag mit meiner Großmutter verbracht hatte, anschließend meine
Arbeit verspätet beginnen musste und oft bis Mitternacht arbeitete – nur damit am nächsten Morgen alles wieder von vorn begann. Dass ich keine Zeit für mich selbst hatte, interessierte ihn nicht.

Wir gerieten mehrfach heftig aneinander.

Interessanterweise bevorzugte er solche Situationen immer dann, wenn er Publikum hatte. Besonders dann, wenn seine Schwester anwesend war. Es schien nie darum zu gehen, ein Problem zu lösen. Es ging darum, anzugreifen – mit Rückendeckung. Und meistens
entstanden seine emotionalen Angriffe aus dem Nichts heraus oder aufgrund von Dingen, an die er sich plötzlich erinnerte.

Im Laufe meines Lebens habe ich etwas beobachtet: Die schwächsten Menschen greifen selten allein an. Sie sammeln Verbündete um sich, weil sie wissen, dass ihnen die Stärke für eine direkte Konfrontation fehlt. Dieses Muster hatte ich bereits oft erlebt, und auch bei ihm konnte ich es deutlich erkennen.

Damals hatte ich noch keinen offenen Konflikt mit meiner Tante. Doch ich spürte schon lange eine unterschwellige Wut, die sie mir gegenüber in sich trug.

Später erfuhr ich, dass eine Cousine sich große Mühe gegeben hatte, Geschichten über mich zu verbreiten – Geschichten, die teilweise über zwanzig Jahre zurücklagen oder schlicht nicht der Wahrheit entsprachen. Manche Fakten wurden so verdreht und verändert,
dass sie kaum noch etwas mit der Realität zu tun hatten.

War ich wütend?
Nein.

Denn ihren Neid und ihre Eifersucht hatte ich bereits lange gespürt, bevor alles offen eskalierte.

Das war auch der Grund, weshalb ich mich von vielen Menschen in meiner Familie distanzierte, lange bevor sie ihre Ablehnung öffentlich zeigten. Ich hatte die Energien bereits wahrgenommen, bevor die Worte ausgesprochen wurden.

War ich meiner Tante böse, weil sie diesen Geschichten glaubte und nicht mir?
Nein.

Denn wenn jemand zu dir kommt und dir etwas über einen Menschen erzählt, den du angeblich liebst, und du sofort die Seite des Fremden einnimmst, dann sagt das mehr über deine tatsächlichen Gefühle aus als über die Wahrheit der Geschichte oder die Person, die sie erzählt hat.

Ich war sehr dankbar für diese Situation.

Denn damit bestätigst du lediglich, dass es nie wirklich Liebe oder echte Zuneigung war. Vielleicht hast du nur darauf gewartet, dass endlich jemand etwas findet, womit man mich beschmutzen kann. Und ich war froh, dass ich dafür endlich eine offizielle Bestätigung
erhalten hatte.

Mir ist egal, wer dir etwas über mich erzählt oder was über mich erzählt wird.

Wenn du mich wirklich kennst und trotzdem lieber den Geschichten anderer Menschen glaubst, dann geh und höre weiter zu.

Solche Menschen brauche ich nicht in meinem Leben.

Egal, wer du bist.

Tante. Vater. Mutter. Schwester. Enge Freundin.

Ich habe keinen Platz für Verrat und Heuchelei.
Das Ironische daran ist, dass genau diese Menschen dir später vorwerfen, ein Verräter oder Lästerer zu sein. Besonders dann, wenn du beginnst, die Wahrheit auszusprechen.

In vielen Familien existiert ein unausgesprochenes Gesetz: Alles muss geheim bleiben. Man spricht nicht darüber. Man zeigt nichts nach außen. Das Bild muss aufrechterhalten werden – koste es, was es wolle.

Nicht unbedingt in der Familie meiner Eltern, aber in den größeren familiären Kreisen. Dort wurde alles wie ein offenes Buch ausgelegt.

Ach ja, du schreibst ja auch ein Buch, denkst du jetzt vielleicht.

Ja, aber ich mache genau das Gegenteil von dem, was solche ungeheilten Dynamiken erschaffen. Ich versuche, etwas Wertvolles zu schaffen, etwas, das Menschen unterstützen kann, und nicht einfach Worte in die Welt zu streuen, um andere zu verletzen.

Mein Vater warf mir eines Tages sogar vor, ich hätte jemandem erzählt, er habe mich sexuell belästigt.

Die Wut und der Schmerz in seinen Augen zeigten mir, dass er dieser Geschichte tatsächlich Glauben schenkte.

Und ich wusste nicht, was mich mehr schockierte.

Dass er einer solchen Lüge ohne Weiteres glaubte und tatsächlich dachte, ich wäre ein Mensch, der solche Geschichten erfinden würde.

Oder dass es Menschen gibt, die solche Dinge in die Welt setzen, nur um Spaß daran zu haben, Beziehungen innerhalb einer Familie zu zerstören.

Aber woher hätte er wissen sollen, wer ich als Mensch wirklich war? Er war nie wirklich Teil meines Lebens gewesen. Wie viele andere in meiner Familie betrachtete er mich so, wie es besser in seine eigene Welt passte. So, wie ich früher gewesen war. Denn den Zugang zu
meinem heutigen Leben hatte ich fast allen verwehrt.

Doch etwas anderes faszinierte mich noch mehr.

Fast jede Lüge, jedes Gerücht und jede Verleumdung, die über mich verbreitet wurden, kamen letztlich von genau den Menschen, die selbst diese Dinge taten.

Wenn du Menschen aufmerksam beobachtest, wirst du erkennen, wie erstaunlich dieses Muster ist. Oft verraten sie dir bereits, was sie als Nächstes tun werden – nur werfen sie es zuerst dir vor.

Und als ich begann, die Wahrheit auszusprechen, wurde plötzlich ich zur Täterin erklärt.

Doch dieses Muster ist älter, als wir denken.

Wenn Menschen dich nicht mehr kontrollieren können, wenn ihre Manipulation nicht mehr funktioniert und ihre Macht über dich schwindet, beginnen sie oft, deine Reputation anzugreifen. Sie versuchen, die Menschen um dich herum gegen dich aufzubringen. Sie hoffen, dass diejenigen, die dich lieben, ihre Seite wählen.

Denn du besitzt etwas, das sie nicht erzwingen können.

Echte Liebe.Echten Respekt. Echte Verbindung.

Deine Energie ist echt.

Menschen beneiden selten das, was man in der materiellen Welt besitzt.

Sie beneiden das, was du geworden bist.

Und das Wertvollste, was du auf deinem Weg jemals erwerben kannst, ist nicht Geld, Status oder Anerkennung.

Es ist deine innere Heilung.

Denn selbst wenn es jemandem gelingt, andere gegen dich aufzubringen, selbst wenn Menschen dir den Rücken kehren und falsche Geschichten über dich glauben, stehst du dennoch aufrecht da.

Vielleicht allein. Aber stark.

Vielleicht missverstanden. Aber frei.

Du hast bereits die tiefsten Täler deines Lebens durchschritten. Du hast die dunkelsten Nächte überlebt. Und trotzdem stehst du noch immer aufrecht da – stark und rein in deinem Herzen.

Wenn man diese Wege einmal gegangen ist, verlieren die Meinungen anderer Menschen ihre Macht.

Dann bleibt nur noch die Wahrheit. Und die Verbindung zu sich selbst.

Nach all diesen Vorfällen begann ich, die Beziehung zu meinem Vater bewusst aufzuarbeiten.

Tief in meinem Inneren wusste ich jedoch, dass die üblichen Wege der Klärung hier nicht funktionieren würden. Die Methoden, die bei gesunden Beziehungen helfen – miteinander reden, Missverständnisse ausräumen, Gefühle offen ansprechen – hatten bei uns nie wirklich existiert.

Mein Vater lebte in seiner eigenen Realität.

Er konnte sich heute vernünftig verhalten und dir das Gefühl geben, geschätzt zu werden, und morgen mit dir sprechen, als wärst du sein größter Feind. Es gab keine Beständigkeit.Keine Verlässlichkeit. Keine emotionale Sicherheit.

Man wusste nie, welcher Mensch einem begegnen würde.

Wenn er alkoholisiert war, wurde Irina gesucht, damit er diese Energie loswerden konnte. Denn die Dunkelheit, die ein Mensch über Jahre hinweg durch Alkohol in sich nährt, verlangt nach immer mehr Energie. Sie zehrt von innen. Irgendwann kann der Mensch selbst kaum noch etwas geben, weil seine eigene Lebenskraft bereits aufgebraucht ist.

Besonders deutlich wurde mir das nach einer weiteren heftigen Auseinandersetzung.

Besonders deutlich wurde mir das nach einer weiteren heftigen Auseinandersetzung.
Wieder einmal geschah es in Anwesenheit meiner Tante.

Es schien fast so, als würden seine inneren Dämonen Zeugen brauchen. Rückendeckung. Bestätigung. Jemanden, vor dem sie sich entfalten konnten. Unterstützung durch Gleichgesinnte.

Während ich mich gerade um die Wäsche meiner Oma kümmerte, griff er mich plötzlich verbal an. Aus dem Nichts heraus warf er mir vor, anderen Menschen erzählt zu haben, dass ich nur wegen meiner Oma nach Deutschland zurückgekehrt sei und wieder gehen würde, sobald die Zeit dafür gekommen wäre.

Er warf mir vor, anderen Menschen erzählt zu haben, dass ich auf meine Eltern „scheiße“ und sie mir egal seien. Vor allem war er empört darüber, dass ich angeblich öffentlich über solche Dinge sprechen würde.

Ob er diese Worte selbst erfunden hatte oder ob jemand meine Aussagen verdreht und ihm so weitergegeben hatte, spielte für mich in diesem Moment keine Rolle. Erst viel später erfuhr ich, von wem diese Informationen gekommen waren. Irgendwie erfahre ich immer,
wer was erzählt hat.

Meine Beziehung zu meiner Mutter hat sich über die Jahre verändert und sich auf vielen Ebenen verbessert. Heute glaube ich, dass die Zeit selbst ein wichtiger Teil dieses Heilungsprozesses war. Mit jedem Jahr, das ich in Deutschland verbrachte, konnte ich ihre Geschichte ein wenig mehr verstehen, ihre innere Welt erkennen und Mitgefühl für die Frau entwickeln, die sie war. Die Ablehnung, die ich ihr gegenüber einst empfand, verblasste zunehmend, besonders wenn ich sie mit den Gefühlen verglich, die ich meinem Vater gegenüber in mir trug.

Ich erinnere mich daran, dass ich damals kaum mit ihm in einem Raum sein konnte. Er schien ständig nach Möglichkeiten zu suchen, mich zu provozieren. Und die ungeheilte Irina war wie trockenes Heu – ein einziger Funke genügte, um alles in Brand zu setzen. Tief in mir
saßen Wut, Enttäuschung und Verletzungen, die sich über viele Jahre angesammelt hatten.

Er spürte das ebenfalls. Mehr als einmal hörte ich ihn sagen:

„Irka menja ne prisnaet.“

„Irka“ ist eine sehr grobe Art, meinen Namen auszusprechen, und schon darin konnte man erkennen, wie viel Abneigung seinen Worten mir gegenüber innewohnte.

Die Übersetzung dieses Satzes lautet:

„Irina erkennt mich nicht an.“

Und in gewisser Weise hatte er recht.

Ich wusste, dass er mein Vater war. Von außen betrachtet sah es wahrscheinlich auch so aus, als würde ich ihn als meinen Vater ansehen. Doch tief in meinem Inneren konnte ich ihn nie als Vaterfigur wahrnehmen. Nicht als Papa.

Das Wort „Papa“ habe ich nie benutzt.

Für mich trägt dieses Wort Wärme, Schutz, Geborgenheit, Fürsorge und bedingungslose Liebe in sich. All das, was ein Kind mit einem sicheren Zuhause verbindet.

Und genau diese Erfahrungen hatte ich mit ihm nie gemacht.

Im Gegenteil: Es schien oft so, als hätte er sich zum Ziel gesetzt, mein Leben so schwer wie möglich zu machen.

Als ich wieder nach Deutschland zurückkehrte, musste ich auch ihn täglich sehen. Immer wieder war ich seinen manipulativen Angriffen und subtilen Grenzüberschreitungen ausgesetzt. Ja, zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits viele Heilungswege beschritten, viele
Erfahrungen gesammelt und zahlreiche innere Prozesse durchlaufen. Doch ähnlich wie bei meiner Mutter war damals erst die erste Schicht der Wunde geheilt. Die tiefere Arbeit lag noch vor mir. Ich musste ihn annehmen, so wie er war.

Oft ignorierte er meine Zeit, meine Verpflichtungen und mein eigenes Leben völlig. Nachdem er stundenlang mit seinen Rentnerfreunden Karten gespielt hatte, kam er regelmäßig zu spät zurück, wenn ich bei meiner Großmutter war und meine Mutter im Krankenhaus lag. Ich
konnte meine Oma nicht alleinlassen. Es musste immer jemand bei ihr sein, was an sich schon für alle Beteiligten mit vielen Einschränkungen verbunden war. Er wusste, dass ich sie niemals alleinlassen würde, und deshalb tat er oft einfach, was er wollte. Nicht immer, aber oft genug.

Später warf er mir sogar vor, ich würde schließlich dafür bezahlt werden, bei meiner Oma zu sitzen. Und ja, im letzten Jahr war das tatsächlich der Fall. Aber darüber später. Doch in seiner Wahrnehmung bedeutete das offenbar, dass meine Zeit keinen Wert mehr hatte. Dass es völlig in Ordnung sei, sich zu verspäten. Dass es keine Rolle spielte, dass ich bereits den gesamten Vormittag mit meiner Großmutter verbracht hatte, anschließend meine
Arbeit verspätet beginnen musste und oft bis Mitternacht arbeitete – nur damit am nächsten Morgen alles wieder von vorn begann. Dass ich keine Zeit für mich selbst hatte, interessierte ihn nicht.

Wir gerieten mehrfach heftig aneinander.

Interessanterweise bevorzugte er solche Situationen immer dann, wenn er Publikum hatte. Besonders dann, wenn seine Schwester anwesend war. Es schien nie darum zu gehen, ein Problem zu lösen. Es ging darum, anzugreifen – mit Rückendeckung. Und meistens
entstanden seine emotionalen Angriffe aus dem Nichts heraus oder aufgrund von Dingen, an die er sich plötzlich erinnerte.

Im Laufe meines Lebens habe ich etwas beobachtet: Die schwächsten Menschen greifen selten allein an. Sie sammeln Verbündete um sich, weil sie wissen, dass ihnen die Stärke für eine direkte Konfrontation fehlt. Dieses Muster hatte ich bereits oft erlebt, und auch bei ihm konnte ich es deutlich erkennen.

Damals hatte ich noch keinen offenen Konflikt mit meiner Tante. Doch ich spürte schon lange eine unterschwellige Wut, die sie mir gegenüber in sich trug.

Später erfuhr ich, dass eine Cousine sich große Mühe gegeben hatte, Geschichten über mich zu verbreiten – Geschichten, die teilweise über zwanzig Jahre zurücklagen oder schlicht nicht der Wahrheit entsprachen. Manche Fakten wurden so verdreht und verändert,
dass sie kaum noch etwas mit der Realität zu tun hatten.

War ich wütend?
Nein.

Denn ihren Neid und ihre Eifersucht hatte ich bereits lange gespürt, bevor alles offen eskalierte.

Das war auch der Grund, weshalb ich mich von vielen Menschen in meiner Familie distanzierte, lange bevor sie ihre Ablehnung öffentlich zeigten. Ich hatte die Energien bereits wahrgenommen, bevor die Worte ausgesprochen wurden.

War ich meiner Tante böse, weil sie diesen Geschichten glaubte und nicht mir?
Nein.

Denn wenn jemand zu dir kommt und dir etwas über einen Menschen erzählt, den du angeblich liebst, und du sofort die Seite des Fremden einnimmst, dann sagt das mehr über deine tatsächlichen Gefühle aus als über die Wahrheit der Geschichte oder die Person, die sie erzählt hat.

Ich war sehr dankbar für diese Situation.

Denn damit bestätigst du lediglich, dass es nie wirklich Liebe oder echte Zuneigung war. Vielleicht hast du nur darauf gewartet, dass endlich jemand etwas findet, womit man mich beschmutzen kann. Und ich war froh, dass ich dafür endlich eine offizielle Bestätigung
erhalten hatte.

Mir ist egal, wer dir etwas über mich erzählt oder was über mich erzählt wird.

Wenn du mich wirklich kennst und trotzdem lieber den Geschichten anderer Menschen glaubst, dann geh und höre weiter zu.

Solche Menschen brauche ich nicht in meinem Leben.

Egal, wer du bist.

Tante. Vater. Mutter. Schwester. Enge Freundin.

Ich habe keinen Platz für Verrat und Heuchelei.
Das Ironische daran ist, dass genau diese Menschen dir später vorwerfen, ein Verräter oder Lästerer zu sein. Besonders dann, wenn du beginnst, die Wahrheit auszusprechen.

In vielen Familien existiert ein unausgesprochenes Gesetz: Alles muss geheim bleiben. Man spricht nicht darüber. Man zeigt nichts nach außen. Das Bild muss aufrechterhalten werden – koste es, was es wolle.

Nicht unbedingt in der Familie meiner Eltern, aber in den größeren familiären Kreisen. Dort wurde alles wie ein offenes Buch ausgelegt.

Ach ja, du schreibst ja auch ein Buch, denkst du jetzt vielleicht.

Ja, aber ich mache genau das Gegenteil von dem, was solche ungeheilten Dynamiken erschaffen. Ich versuche, etwas Wertvolles zu schaffen, etwas, das Menschen unterstützen kann, und nicht einfach Worte in die Welt zu streuen, um andere zu verletzen.

Mein Vater warf mir eines Tages sogar vor, ich hätte jemandem erzählt, er habe mich sexuell belästigt.

Die Wut und der Schmerz in seinen Augen zeigten mir, dass er dieser Geschichte tatsächlich Glauben schenkte.

Und ich wusste nicht, was mich mehr schockierte.

Dass er einer solchen Lüge ohne Weiteres glaubte und tatsächlich dachte, ich wäre ein Mensch, der solche Geschichten erfinden würde.

Oder dass es Menschen gibt, die solche Dinge in die Welt setzen, nur um Spaß daran zu haben, Beziehungen innerhalb einer Familie zu zerstören.

Aber woher hätte er wissen sollen, wer ich als Mensch wirklich war? Er war nie wirklich Teil meines Lebens gewesen. Wie viele andere in meiner Familie betrachtete er mich so, wie es besser in seine eigene Welt passte. So, wie ich früher gewesen war. Denn den Zugang zu
meinem heutigen Leben hatte ich fast allen verwehrt.

Doch etwas anderes faszinierte mich noch mehr.

Fast jede Lüge, jedes Gerücht und jede Verleumdung, die über mich verbreitet wurden, kamen letztlich von genau den Menschen, die selbst diese Dinge taten.

Wenn du Menschen aufmerksam beobachtest, wirst du erkennen, wie erstaunlich dieses Muster ist. Oft verraten sie dir bereits, was sie als Nächstes tun werden – nur werfen sie es zuerst dir vor.

Und als ich begann, die Wahrheit auszusprechen, wurde plötzlich ich zur Täterin erklärt.

Doch dieses Muster ist älter, als wir denken.

Wenn Menschen dich nicht mehr kontrollieren können, wenn ihre Manipulation nicht mehr funktioniert und ihre Macht über dich schwindet, beginnen sie oft, deine Reputation anzugreifen. Sie versuchen, die Menschen um dich herum gegen dich aufzubringen. Sie hoffen, dass diejenigen, die dich lieben, ihre Seite wählen.

Denn du besitzt etwas, das sie nicht erzwingen können.

Echte Liebe.Echten Respekt. Echte Verbindung.

Deine Energie ist echt.

Menschen beneiden selten das, was man in der materiellen Welt besitzt.

Sie beneiden das, was du geworden bist.

Und das Wertvollste, was du auf deinem Weg jemals erwerben kannst, ist nicht Geld, Status oder Anerkennung.

Es ist deine innere Heilung.

Denn selbst wenn es jemandem gelingt, andere gegen dich aufzubringen, selbst wenn Menschen dir den Rücken kehren und falsche Geschichten über dich glauben, stehst du dennoch aufrecht da.

Vielleicht allein. Aber stark.

Vielleicht missverstanden. Aber frei.

Du hast bereits die tiefsten Täler deines Lebens durchschritten. Du hast die dunkelsten Nächte überlebt. Und trotzdem stehst du noch immer aufrecht da – stark und rein in deinem Herzen.

Wenn man diese Wege einmal gegangen ist, verlieren die Meinungen anderer Menschen ihre Macht.

Dann bleibt nur noch die Wahrheit. Und die Verbindung zu sich selbst.

Nach all diesen Vorfällen begann ich, die Beziehung zu meinem Vater bewusst aufzuarbeiten.

Tief in meinem Inneren wusste ich jedoch, dass die üblichen Wege der Klärung hier nicht funktionieren würden. Die Methoden, die bei gesunden Beziehungen helfen – miteinander reden, Missverständnisse ausräumen, Gefühle offen ansprechen – hatten bei uns nie wirklich existiert.

Mein Vater lebte in seiner eigenen Realität.

Er konnte sich heute vernünftig verhalten und dir das Gefühl geben, geschätzt zu werden, und morgen mit dir sprechen, als wärst du sein größter Feind. Es gab keine Beständigkeit.Keine Verlässlichkeit. Keine emotionale Sicherheit.

Man wusste nie, welcher Mensch einem begegnen würde.

Wenn er alkoholisiert war, wurde Irina gesucht, damit er diese Energie loswerden konnte. Denn die Dunkelheit, die ein Mensch über Jahre hinweg durch Alkohol in sich nährt, verlangt nach immer mehr Energie. Sie zehrt von innen. Irgendwann kann der Mensch selbst kaum noch etwas geben, weil seine eigene Lebenskraft bereits aufgebraucht ist.

Besonders deutlich wurde mir das nach einer weiteren heftigen Auseinandersetzung.

Besonders deutlich wurde mir das nach einer weiteren heftigen Auseinandersetzung.
Wieder einmal geschah es in Anwesenheit meiner Tante.

Es schien fast so, als würden seine inneren Dämonen Zeugen brauchen. Rückendeckung. Bestätigung. Jemanden, vor dem sie sich entfalten konnten. Unterstützung durch Gleichgesinnte.

Während ich mich gerade um die Wäsche meiner Oma kümmerte, griff er mich plötzlich verbal an. Aus dem Nichts heraus warf er mir vor, anderen Menschen erzählt zu haben, dass ich nur wegen meiner Oma nach Deutschland zurückgekehrt sei und wieder gehen würde, sobald die Zeit dafür gekommen wäre.

Er warf mir vor, anderen Menschen erzählt zu haben, dass ich auf meine Eltern „scheiße“ und sie mir egal seien. Vor allem war er empört darüber, dass ich angeblich öffentlich über solche Dinge sprechen würde.

Ob er diese Worte selbst erfunden hatte oder ob jemand meine Aussagen verdreht und ihm so weitergegeben hatte, spielte für mich in diesem Moment keine Rolle. Erst viel später erfuhr ich, von wem diese Informationen gekommen waren. Irgendwie erfahre ich immer,
wer was erzählt hat.

Seine Wut schien nicht nur aus der Angst zu entstehen, wie andere Menschen ihn sehen könnten. Vielleicht berührte sie auch einen tieferen Schmerz.

Die Vorstellung, dass seine Tochter eines Tages wieder gehen würde. Dass sie ihr eigenes Leben leben würde. Dass sie nicht seinetwegen zurückgekommen war.

Mein Vater war stolz auf meine Schwester und mich. Immer wieder erlebte ich, wie sein Gesicht aufleuchtete, wenn er neuen Menschen begegnete. War ich dabei, stellte er mich oft voller Stolz vor:

„Das ist meine Tochter.“

Und jedes Mal löste dieser Satz widersprüchliche Gefühle in mir aus.

Einerseits konnte ich seinen Stolz spüren. Andererseits meldete sich tief in meinem Inneren eine leise Stimme:

Und was hast DU dazu beigetragen, dass deine Tochter zu dem Menschen geworden ist, auf den du heute so stolz bist?

Es war keine Frage voller Bitterkeit. Es war vielmehr die stille Trauer eines Kindes, das sich ein anderes Vater-Tochter-Verhältnis gewünscht hätte.

Denn die Stärke, die Selbstständigkeit und die innere Reife, die er heute voller Stolz präsentierte, waren nicht in einem geschützten Raum entstanden.

Sie waren auf einem Weg gewachsen, den ich so oft allein gehen musste. Vielleicht lag genau darin einer seiner größten Schmerzen.

Er war stolz auf das Ergebnis. Doch die Reise dorthin hatte größtenteils ohne ihn stattgefunden.

Mein Vater hatte sein Leben lang großen Wert darauf gelegt, von anderen als guter Mensch wahrgenommen zu werden. Nach außen zeigte er oft das Bild eines fürsorglichen und freundlichen Mannes. Hinter verschlossenen Türen jedoch erlebten wir eine andere Seite von ihm – eine Seite voller Wutausbrüche, Spannungen und emotionaler Gewalt, die Außenstehenden verborgen blieb.

Seine körperliche Behinderung löste bei vielen Menschen Mitgefühl aus. Oft hatte ich den Eindruck, dass er dieses Mitgefühl bewusst oder unbewusst für sich zu nutzen wusste. Vielleicht schmerzte ihn deshalb der Gedanke, dass andere Menschen eine Realität sehen
könnten, die nicht zu dem Bild passte, das er über viele Jahre aufgebaut hatte.

Dabei wussten viele Menschen durchaus, wie er sein konnte. Nicht nur einmal wurde er betrunken irgendwo aufgegriffen und nach Hause gebracht.

Seine Hände rieben sich nervös aneinander. Dieses Zittern, dieses Reiben war längst zu einem vertrauten Begleiter seiner Wutausbrüche geworden. Jeder, der ihn kannte, kannte
auch diesen Nerventick. Seine Stimme wurde lauter, Speichel flog durch die Luft, während er sich immer tiefer in seine Empörung hineinsteigerte.

Was mich an diesem Moment überraschte, war nicht sein Vorwurf.

Es war seine Reaktion auf etwas, das er längst wusste.

Ich hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, warum ich zurückgekehrt war. Von Anfang an hatte ich offen gesagt, dass ich wegen meiner Oma gekommen war. Ebenso hatte ich nie verheimlicht, dass ich nicht vorhatte, dauerhaft in Deutschland zu bleiben.

Heute verstehe ich, dass nicht meine Worte ihn verletzten.

Es war etwas anderes. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich ihm nie die Aufmerksamkeit schenken konnte, nach der er sich insgeheim sehnte. Vielleicht war es der Schmerz, den er nie auszusprechen vermochte.

Doch stattdessen bestand er auf seinem „Recht“ als Vater.

Er erinnerte mich daran, dass er mir das Leben geschenkt hatte und ich deshalb verpflichtet sei, für ihn da zu sein.

Und in einem Punkt hatte er recht. Er hatte mir das Leben geschenkt.

Dafür war und bin ich ihm dankbar, und genau das sagte ich ihm auch in diesem Moment.

Doch genau dort endete das, was ich ihm geben konnte.

Was mich tief erschütterte, war seine Erwartung, ein selbstverständliches Anrecht auf mein Leben zu besitzen. Die Vorstellung, dass eine Tochter, für die er über weite Strecken ihres
Lebens nicht da gewesen war und deren Weg er häufiger erschwert als erleichtert hatte, nun selbstverständlich die Verantwortung für sein Alter übernehmen müsse.

Diese Selbstverständlichkeit. Diese Arroganz. Diese Anspruchshaltung.

Und dennoch konnte ich auch seinen Schmerz sehen.

Meine Mutter und er hatten über Jahre hinweg beobachtet, wie ich mich um meine Oma kümmerte. Sie sahen meine Fürsorge, meine Hingabe und meine Bereitschaft zu helfen.Natürlich wünschten sie sich insgeheim dasselbe für sich selbst.

Und ich half ihnen. Immer dort, wo ich helfen konnte. Aber es war nicht dasselbe.

Waren sie mir egal, wie mein Vater behauptete?
Nein.

Natürlich nicht.

Doch bedeutete das automatisch, dass ich für sie dieselbe Rolle übernehmen würde, die ich für meine Oma übernommen hatte?
Nein.

Denn die Geschichte zwischen uns war eine andere. Ich war das Kind gewesen, das weggegeben wurde. Und ich war nicht die einzige Tochter in ihrem Leben.

Schon so viel Verantwortung hatte ich übernommen. Ich hatte mich um seine Mutter gekümmert, obwohl sie noch weitere Kinder hatte. Kinder, die angeblich alles besser wussten, alles besser konnten und immer genau zu wissen glaubten, wie andere ihr Leben zu führen hatten.

Man lehrt uns, dass wir für unsere Eltern da sein sollen. Und grundsätzlich stimmt das auch.

Doch es sollte aus dem eigenen Wunsch heraus entstehen und nicht als Verpflichtung betrachtet werden. Kinder schulden ihren Eltern nichts.

Doch selten spricht jemand über die andere Seite dieser Wahrheit.

Was geschieht, wenn Eltern für ihr Kind nie wirklich da waren?

Was geschieht, wenn genau diese Eltern später erwarten, dass das Kind bedingungslos für sie da ist?

Wenn sie die Geburt ihres Kindes nicht als Geschenk betrachten, sondern als eine Schuld, die irgendwann zurückgezahlt werden muss?

Wenn sie ihr Kind nicht als eigenständigen Menschen sehen, sondern als eine Art Besitz?

Ich hatte getan, was ich tun konnte.

Eines Tages entschied ich mich, das Zimmer meiner Oma zu streichen. Ich wollte etwas Frische in den Raum bringen, etwas Leichtigkeit. Während ich dabei war, entstand ganz natürlich der Gedanke, auch die restliche Wohnung zu streichen. Der Zustand der Wohnung war inzwischen so belastend geworden, dass ich ihn kaum noch ertragen konnte. Nicht nur, weil überall Schmutz und Vernachlässigung sichtbar waren, sondern weil ich mich dort
täglich aufhielt und alles mitansehen musste.

Ich wartete einen Moment ab, als meine Mutter nicht zu Hause war. Ich glaube, sie war damals bei meiner älteren Schwester zu Besuch. Das gesamte Wochenende nutzte ich, um so viel wie möglich zu schaffen. Ich strich Wände, räumte auf, putzte und versuchte, aus
diesem Ort wieder einen Raum zu machen, in dem man durchatmen konnte.

Als ich fertig war, war ich vollkommen erschöpft. Mein Körper schmerzte, meine Kräfte waren aufgebraucht.

Habe ich mich beschwert? Nein. Es war meine freie Entscheidung gewesen.

Als meine Mutter sich später mit fünfzig Euro bei mir bedankte, fragte mein Vater, wofür das Geld sei. Ich antwortete, halb scherzend und halb ehrlich:
„Dafür, dass ich meine Freizeit geopfert habe, um euren Dreck wegzuräumen.“
Seine Antwort kam sofort: „Keiner hat dich darum gebeten.“

Dieser eine Satz blieb in mir hängen.

Heute erkenne ich, dass er weit mehr ausdrückte als nur eine beiläufige Bemerkung. In diesem Satz spiegelte sich vieles von dem wider, was in unserer Familie über Generationen gelebt wurde: fehlende Wertschätzung, fehlende Dankbarkeit und die Selbstverständlichkeit, mit der die Zeit, die Kraft und die Liebe anderer Menschen angenommen wurden.

Früher hätte mich diese Antwort tief verletzt. Ich hätte wahrscheinlich geglaubt, dass meine Bemühungen wieder einmal nicht ausgereicht hatten. Dass ich nicht genug war. Dass ich mehr hätte machen müssen, um Anerkennung zu verdienen.

Doch Heilung verändert den Blick auf die Vergangenheit.

Wenn die Schleier alter Wunden sich langsam auflösen, betrachtet man Situationen nicht mehr durch die Brille des eigenen Mangels. Man sieht sie klarer. Man versteht, dass nicht jede fehlende Anerkennung bedeutet, dass man selbst nicht wertvoll ist. Manchmal zeigt sie lediglich die Grenzen von Menschen auf, die nie gelernt haben, Dankbarkeit auszudrücken.

Zum ersten Mal sah ich nicht mein vermeintliches Versagen. Ich sah die Unfähigkeit anderer, das Geschenk zu erkennen, das ihnen gemacht wurde.

Vielleicht hatten sie nie gelernt, die Zeit eines anderen Menschen zu achten. Vielleicht war in ihrer Welt alles selbstverständlich geworden – besonders innerhalb der Familie. Hilfe wurde erwartet, nicht gewürdigt. Opfer wurden hingenommen, nicht gesehen.

Doch ich war anders.

Für mich war nichts selbstverständlich. Kein Einsatz. Keine Aufmerksamkeit. Keine Liebe. Und schon gar nicht die Lebenszeit eines Menschen.

Denn Zeit ist das Wertvollste, was wir besitzen. Geld kann zurückkommen. Dinge können ersetzt werden. Doch die Stunden unseres Lebens, die wir einem anderen schenken, kehren
niemals zurück.

Vielleicht war dies die eigentliche Erkenntnis, die mir dieses Wochenende geschenkt hat: Wahre Wertschätzung beginnt dort, wo wir verstehen, dass nichts selbstverständlich ist – und dass die Zeit eines Menschen eines der größten Geschenke ist, die er uns machen
kann.

Ich hatte dafür gesorgt, dass beide Eltern Unterstützung bekamen. Ich führte Telefonate, kümmerte mich um Anträge, begleitete Versicherungstermine und organisierte Hilfen. Ich sorgte dafür, dass sie im Alter nicht allein waren und die Unterstützung erhielten, die sie
benötigten.

Doch gleichzeitig wusste ich etwas sehr Wichtiges:

Mehr konnte ich nicht geben.

Nicht, weil ich nicht wollte.

Sondern weil meine Seele ihre Grenzen erreicht hatte.

Manchmal bedeutet Liebe nicht, alles zu geben.

Manchmal bedeutet Liebe, ehrlich zu erkennen, was man geben kann – und was nicht.

Und genau an diesem Punkt stand ich.

Nach einer weiteren Auseinandersetzung mit ihm beugte ich mich zu meiner Oma und erklärte ihr, dass ich nach Hause gehen würde. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits sehr schwerhörig und konnte nur noch schlecht sehen. Meine Tante war ebenfalls anwesend.

Während ich mich von meiner Oma verabschiedete, sagte mein Vater voller Wut zu mir:
„Пиздуй.“

Ein Wort voller Verachtung und Schmerz. Eine Aufforderung, mich zu verziehen. Zu verschwinden.

Ausgesprochen vor seiner eigenen Mutter. Vor seiner Schwester.

Doch das hielt ihn nie auf.

Meistens behauptete er am nächsten Tag, wir würden lügen und er habe so etwas nie gesagt. Denn es war nicht das erste Mal, dass er sich auf diese Weise verhielt.

In diesem Moment spürte ich nicht einmal mehr Wut. Es war vielmehr eine tiefe Ernüchterung. Eine weitere Bestätigung dessen, was ich über Jahre hinweg erlebt hatte.

Und wie so oft geschah am nächsten Tag das Erstaunlichste. Als wäre nichts gewesen.

Meine Beziehung zu meiner Mutter hat sich über die Jahre verändert und sich auf vielen Ebenen verbessert. Heute glaube ich, dass die Zeit selbst ein wichtiger Teil dieses Heilungsprozesses war. Mit jedem Jahr, das ich in Deutschland verbrachte, konnte ich ihre Geschichte ein wenig mehr verstehen, ihre innere Welt erkennen und Mitgefühl für die Frau entwickeln, die sie war. Die Ablehnung, die ich ihr gegenüber einst empfand, verblasste zunehmend, besonders wenn ich sie mit den Gefühlen verglich, die ich meinem Vater gegenüber in mir trug.

Ich erinnere mich daran, dass ich damals kaum mit ihm in einem Raum sein konnte. Er schien ständig nach Möglichkeiten zu suchen, mich zu provozieren. Und die ungeheilte Irina war wie trockenes Heu – ein einziger Funke genügte, um alles in Brand zu setzen. Tief in mir
saßen Wut, Enttäuschung und Verletzungen, die sich über viele Jahre angesammelt hatten.

Er spürte das ebenfalls. Mehr als einmal hörte ich ihn sagen:

„Irka menja ne prisnaet.“

„Irka“ ist eine sehr grobe Art, meinen Namen auszusprechen, und schon darin konnte man erkennen, wie viel Abneigung seinen Worten mir gegenüber innewohnte.

Die Übersetzung dieses Satzes lautet:

„Irina erkennt mich nicht an.“

Und in gewisser Weise hatte er recht.

Ich wusste, dass er mein Vater war. Von außen betrachtet sah es wahrscheinlich auch so aus, als würde ich ihn als meinen Vater ansehen. Doch tief in meinem Inneren konnte ich ihn nie als Vaterfigur wahrnehmen. Nicht als Papa.

Das Wort „Papa“ habe ich nie benutzt.

Für mich trägt dieses Wort Wärme, Schutz, Geborgenheit, Fürsorge und bedingungslose Liebe in sich. All das, was ein Kind mit einem sicheren Zuhause verbindet.

Und genau diese Erfahrungen hatte ich mit ihm nie gemacht.

Im Gegenteil: Es schien oft so, als hätte er sich zum Ziel gesetzt, mein Leben so schwer wie möglich zu machen.

Als ich wieder nach Deutschland zurückkehrte, musste ich auch ihn täglich sehen. Immer wieder war ich seinen manipulativen Angriffen und subtilen Grenzüberschreitungen ausgesetzt. Ja, zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits viele Heilungswege beschritten, viele
Erfahrungen gesammelt und zahlreiche innere Prozesse durchlaufen. Doch ähnlich wie bei meiner Mutter war damals erst die erste Schicht der Wunde geheilt. Die tiefere Arbeit lag noch vor mir. Ich musste ihn annehmen, so wie er war.

Oft ignorierte er meine Zeit, meine Verpflichtungen und mein eigenes Leben völlig. Nachdem er stundenlang mit seinen Rentnerfreunden Karten gespielt hatte, kam er regelmäßig zu spät zurück, wenn ich bei meiner Großmutter war und meine Mutter im Krankenhaus lag. Ich
konnte meine Oma nicht alleinlassen. Es musste immer jemand bei ihr sein, was an sich schon für alle Beteiligten mit vielen Einschränkungen verbunden war. Er wusste, dass ich sie niemals alleinlassen würde, und deshalb tat er oft einfach, was er wollte. Nicht immer, aber oft genug.

Später warf er mir sogar vor, ich würde schließlich dafür bezahlt werden, bei meiner Oma zu sitzen. Und ja, im letzten Jahr war das tatsächlich der Fall. Aber darüber später. Doch in seiner Wahrnehmung bedeutete das offenbar, dass meine Zeit keinen Wert mehr hatte. Dass es völlig in Ordnung sei, sich zu verspäten. Dass es keine Rolle spielte, dass ich bereits den gesamten Vormittag mit meiner Großmutter verbracht hatte, anschließend meine
Arbeit verspätet beginnen musste und oft bis Mitternacht arbeitete – nur damit am nächsten Morgen alles wieder von vorn begann. Dass ich keine Zeit für mich selbst hatte, interessierte ihn nicht.

Wir gerieten mehrfach heftig aneinander.

Interessanterweise bevorzugte er solche Situationen immer dann, wenn er Publikum hatte. Besonders dann, wenn seine Schwester anwesend war. Es schien nie darum zu gehen, ein Problem zu lösen. Es ging darum, anzugreifen – mit Rückendeckung. Und meistens
entstanden seine emotionalen Angriffe aus dem Nichts heraus oder aufgrund von Dingen, an die er sich plötzlich erinnerte.

Im Laufe meines Lebens habe ich etwas beobachtet: Die schwächsten Menschen greifen selten allein an. Sie sammeln Verbündete um sich, weil sie wissen, dass ihnen die Stärke für eine direkte Konfrontation fehlt. Dieses Muster hatte ich bereits oft erlebt, und auch bei ihm konnte ich es deutlich erkennen.

Damals hatte ich noch keinen offenen Konflikt mit meiner Tante. Doch ich spürte schon lange eine unterschwellige Wut, die sie mir gegenüber in sich trug.

Später erfuhr ich, dass eine Cousine sich große Mühe gegeben hatte, Geschichten über mich zu verbreiten – Geschichten, die teilweise über zwanzig Jahre zurücklagen oder schlicht nicht der Wahrheit entsprachen. Manche Fakten wurden so verdreht und verändert,
dass sie kaum noch etwas mit der Realität zu tun hatten.

War ich wütend?
Nein.

Denn ihren Neid und ihre Eifersucht hatte ich bereits lange gespürt, bevor alles offen eskalierte.

Das war auch der Grund, weshalb ich mich von vielen Menschen in meiner Familie distanzierte, lange bevor sie ihre Ablehnung öffentlich zeigten. Ich hatte die Energien bereits wahrgenommen, bevor die Worte ausgesprochen wurden.

War ich meiner Tante böse, weil sie diesen Geschichten glaubte und nicht mir?
Nein.

Denn wenn jemand zu dir kommt und dir etwas über einen Menschen erzählt, den du angeblich liebst, und du sofort die Seite des Fremden einnimmst, dann sagt das mehr über deine tatsächlichen Gefühle aus als über die Wahrheit der Geschichte oder die Person, die sie erzählt hat.

Ich war sehr dankbar für diese Situation.

Denn damit bestätigst du lediglich, dass es nie wirklich Liebe oder echte Zuneigung war. Vielleicht hast du nur darauf gewartet, dass endlich jemand etwas findet, womit man mich beschmutzen kann. Und ich war froh, dass ich dafür endlich eine offizielle Bestätigung
erhalten hatte.

Mir ist egal, wer dir etwas über mich erzählt oder was über mich erzählt wird.

Wenn du mich wirklich kennst und trotzdem lieber den Geschichten anderer Menschen glaubst, dann geh und höre weiter zu.

Solche Menschen brauche ich nicht in meinem Leben.

Egal, wer du bist.

Tante. Vater. Mutter. Schwester. Enge Freundin.

Ich habe keinen Platz für Verrat und Heuchelei.
Das Ironische daran ist, dass genau diese Menschen dir später vorwerfen, ein Verräter oder Lästerer zu sein. Besonders dann, wenn du beginnst, die Wahrheit auszusprechen.

In vielen Familien existiert ein unausgesprochenes Gesetz: Alles muss geheim bleiben. Man spricht nicht darüber. Man zeigt nichts nach außen. Das Bild muss aufrechterhalten werden – koste es, was es wolle.

Nicht unbedingt in der Familie meiner Eltern, aber in den größeren familiären Kreisen. Dort wurde alles wie ein offenes Buch ausgelegt.

Ach ja, du schreibst ja auch ein Buch, denkst du jetzt vielleicht.

Ja, aber ich mache genau das Gegenteil von dem, was solche ungeheilten Dynamiken erschaffen. Ich versuche, etwas Wertvolles zu schaffen, etwas, das Menschen unterstützen kann, und nicht einfach Worte in die Welt zu streuen, um andere zu verletzen.

Mein Vater warf mir eines Tages sogar vor, ich hätte jemandem erzählt, er habe mich sexuell belästigt.

Die Wut und der Schmerz in seinen Augen zeigten mir, dass er dieser Geschichte tatsächlich Glauben schenkte.

Und ich wusste nicht, was mich mehr schockierte.

Dass er einer solchen Lüge ohne Weiteres glaubte und tatsächlich dachte, ich wäre ein Mensch, der solche Geschichten erfinden würde.

Oder dass es Menschen gibt, die solche Dinge in die Welt setzen, nur um Spaß daran zu haben, Beziehungen innerhalb einer Familie zu zerstören.

Aber woher hätte er wissen sollen, wer ich als Mensch wirklich war? Er war nie wirklich Teil meines Lebens gewesen. Wie viele andere in meiner Familie betrachtete er mich so, wie es besser in seine eigene Welt passte. So, wie ich früher gewesen war. Denn den Zugang zu
meinem heutigen Leben hatte ich fast allen verwehrt.

Doch etwas anderes faszinierte mich noch mehr.

Fast jede Lüge, jedes Gerücht und jede Verleumdung, die über mich verbreitet wurden, kamen letztlich von genau den Menschen, die selbst diese Dinge taten.

Wenn du Menschen aufmerksam beobachtest, wirst du erkennen, wie erstaunlich dieses Muster ist. Oft verraten sie dir bereits, was sie als Nächstes tun werden – nur werfen sie es zuerst dir vor.

Und als ich begann, die Wahrheit auszusprechen, wurde plötzlich ich zur Täterin erklärt.

Doch dieses Muster ist älter, als wir denken.

Wenn Menschen dich nicht mehr kontrollieren können, wenn ihre Manipulation nicht mehr funktioniert und ihre Macht über dich schwindet, beginnen sie oft, deine Reputation anzugreifen. Sie versuchen, die Menschen um dich herum gegen dich aufzubringen. Sie hoffen, dass diejenigen, die dich lieben, ihre Seite wählen.

Denn du besitzt etwas, das sie nicht erzwingen können.

Echte Liebe.Echten Respekt. Echte Verbindung.

Deine Energie ist echt.

Menschen beneiden selten das, was man in der materiellen Welt besitzt.

Sie beneiden das, was du geworden bist.

Und das Wertvollste, was du auf deinem Weg jemals erwerben kannst, ist nicht Geld, Status oder Anerkennung.

Es ist deine innere Heilung.

Denn selbst wenn es jemandem gelingt, andere gegen dich aufzubringen, selbst wenn Menschen dir den Rücken kehren und falsche Geschichten über dich glauben, stehst du dennoch aufrecht da.

Vielleicht allein. Aber stark.

Vielleicht missverstanden. Aber frei.

Du hast bereits die tiefsten Täler deines Lebens durchschritten. Du hast die dunkelsten Nächte überlebt. Und trotzdem stehst du noch immer aufrecht da – stark und rein in deinem Herzen.

Wenn man diese Wege einmal gegangen ist, verlieren die Meinungen anderer Menschen ihre Macht.

Dann bleibt nur noch die Wahrheit. Und die Verbindung zu sich selbst.

Nach all diesen Vorfällen begann ich, die Beziehung zu meinem Vater bewusst aufzuarbeiten.

Tief in meinem Inneren wusste ich jedoch, dass die üblichen Wege der Klärung hier nicht funktionieren würden. Die Methoden, die bei gesunden Beziehungen helfen – miteinander reden, Missverständnisse ausräumen, Gefühle offen ansprechen – hatten bei uns nie wirklich existiert.

Mein Vater lebte in seiner eigenen Realität.

Er konnte sich heute vernünftig verhalten und dir das Gefühl geben, geschätzt zu werden, und morgen mit dir sprechen, als wärst du sein größter Feind. Es gab keine Beständigkeit.Keine Verlässlichkeit. Keine emotionale Sicherheit.

Man wusste nie, welcher Mensch einem begegnen würde.

Wenn er alkoholisiert war, wurde Irina gesucht, damit er diese Energie loswerden konnte. Denn die Dunkelheit, die ein Mensch über Jahre hinweg durch Alkohol in sich nährt, verlangt nach immer mehr Energie. Sie zehrt von innen. Irgendwann kann der Mensch selbst kaum noch etwas geben, weil seine eigene Lebenskraft bereits aufgebraucht ist.

Besonders deutlich wurde mir das nach einer weiteren heftigen Auseinandersetzung.

Besonders deutlich wurde mir das nach einer weiteren heftigen Auseinandersetzung.
Wieder einmal geschah es in Anwesenheit meiner Tante.

Es schien fast so, als würden seine inneren Dämonen Zeugen brauchen. Rückendeckung. Bestätigung. Jemanden, vor dem sie sich entfalten konnten. Unterstützung durch Gleichgesinnte.

Während ich mich gerade um die Wäsche meiner Oma kümmerte, griff er mich plötzlich verbal an. Aus dem Nichts heraus warf er mir vor, anderen Menschen erzählt zu haben, dass ich nur wegen meiner Oma nach Deutschland zurückgekehrt sei und wieder gehen würde, sobald die Zeit dafür gekommen wäre.

Er warf mir vor, anderen Menschen erzählt zu haben, dass ich auf meine Eltern „scheiße“ und sie mir egal seien. Vor allem war er empört darüber, dass ich angeblich öffentlich über solche Dinge sprechen würde.

Ob er diese Worte selbst erfunden hatte oder ob jemand meine Aussagen verdreht und ihm so weitergegeben hatte, spielte für mich in diesem Moment keine Rolle. Erst viel später erfuhr ich, von wem diese Informationen gekommen waren. Irgendwie erfahre ich immer,
wer was erzählt hat.

Meine Beziehung zu meiner Mutter hat sich über die Jahre verändert und sich auf vielen Ebenen verbessert. Heute glaube ich, dass die Zeit selbst ein wichtiger Teil dieses Heilungsprozesses war. Mit jedem Jahr, das ich in Deutschland verbrachte, konnte ich ihre Geschichte ein wenig mehr verstehen, ihre innere Welt erkennen und Mitgefühl für die Frau entwickeln, die sie war. Die Ablehnung, die ich ihr gegenüber einst empfand, verblasste zunehmend, besonders wenn ich sie mit den Gefühlen verglich, die ich meinem Vater gegenüber in mir trug.

Ich erinnere mich daran, dass ich damals kaum mit ihm in einem Raum sein konnte. Er schien ständig nach Möglichkeiten zu suchen, mich zu provozieren. Und die ungeheilte Irina war wie trockenes Heu – ein einziger Funke genügte, um alles in Brand zu setzen. Tief in mir
saßen Wut, Enttäuschung und Verletzungen, die sich über viele Jahre angesammelt hatten.

Er spürte das ebenfalls. Mehr als einmal hörte ich ihn sagen:

„Irka menja ne prisnaet.“

„Irka“ ist eine sehr grobe Art, meinen Namen auszusprechen, und schon darin konnte man erkennen, wie viel Abneigung seinen Worten mir gegenüber innewohnte.

Die Übersetzung dieses Satzes lautet:

„Irina erkennt mich nicht an.“

Und in gewisser Weise hatte er recht.

Ich wusste, dass er mein Vater war. Von außen betrachtet sah es wahrscheinlich auch so aus, als würde ich ihn als meinen Vater ansehen. Doch tief in meinem Inneren konnte ich ihn nie als Vaterfigur wahrnehmen. Nicht als Papa.

Das Wort „Papa“ habe ich nie benutzt.

Für mich trägt dieses Wort Wärme, Schutz, Geborgenheit, Fürsorge und bedingungslose Liebe in sich. All das, was ein Kind mit einem sicheren Zuhause verbindet.

Und genau diese Erfahrungen hatte ich mit ihm nie gemacht.

Im Gegenteil: Es schien oft so, als hätte er sich zum Ziel gesetzt, mein Leben so schwer wie möglich zu machen.

Als ich wieder nach Deutschland zurückkehrte, musste ich auch ihn täglich sehen. Immer wieder war ich seinen manipulativen Angriffen und subtilen Grenzüberschreitungen ausgesetzt. Ja, zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits viele Heilungswege beschritten, viele
Erfahrungen gesammelt und zahlreiche innere Prozesse durchlaufen. Doch ähnlich wie bei meiner Mutter war damals erst die erste Schicht der Wunde geheilt. Die tiefere Arbeit lag noch vor mir. Ich musste ihn annehmen, so wie er war.

Oft ignorierte er meine Zeit, meine Verpflichtungen und mein eigenes Leben völlig. Nachdem er stundenlang mit seinen Rentnerfreunden Karten gespielt hatte, kam er regelmäßig zu spät zurück, wenn ich bei meiner Großmutter war und meine Mutter im Krankenhaus lag. Ich
konnte meine Oma nicht alleinlassen. Es musste immer jemand bei ihr sein, was an sich schon für alle Beteiligten mit vielen Einschränkungen verbunden war. Er wusste, dass ich sie niemals alleinlassen würde, und deshalb tat er oft einfach, was er wollte. Nicht immer, aber oft genug.

Später warf er mir sogar vor, ich würde schließlich dafür bezahlt werden, bei meiner Oma zu sitzen. Und ja, im letzten Jahr war das tatsächlich der Fall. Aber darüber später. Doch in seiner Wahrnehmung bedeutete das offenbar, dass meine Zeit keinen Wert mehr hatte. Dass es völlig in Ordnung sei, sich zu verspäten. Dass es keine Rolle spielte, dass ich bereits den gesamten Vormittag mit meiner Großmutter verbracht hatte, anschließend meine
Arbeit verspätet beginnen musste und oft bis Mitternacht arbeitete – nur damit am nächsten Morgen alles wieder von vorn begann. Dass ich keine Zeit für mich selbst hatte, interessierte ihn nicht.

Wir gerieten mehrfach heftig aneinander.

Interessanterweise bevorzugte er solche Situationen immer dann, wenn er Publikum hatte. Besonders dann, wenn seine Schwester anwesend war. Es schien nie darum zu gehen, ein Problem zu lösen. Es ging darum, anzugreifen – mit Rückendeckung. Und meistens
entstanden seine emotionalen Angriffe aus dem Nichts heraus oder aufgrund von Dingen, an die er sich plötzlich erinnerte.

Im Laufe meines Lebens habe ich etwas beobachtet: Die schwächsten Menschen greifen selten allein an. Sie sammeln Verbündete um sich, weil sie wissen, dass ihnen die Stärke für eine direkte Konfrontation fehlt. Dieses Muster hatte ich bereits oft erlebt, und auch bei ihm konnte ich es deutlich erkennen.

Damals hatte ich noch keinen offenen Konflikt mit meiner Tante. Doch ich spürte schon lange eine unterschwellige Wut, die sie mir gegenüber in sich trug.

Später erfuhr ich, dass eine Cousine sich große Mühe gegeben hatte, Geschichten über mich zu verbreiten – Geschichten, die teilweise über zwanzig Jahre zurücklagen oder schlicht nicht der Wahrheit entsprachen. Manche Fakten wurden so verdreht und verändert,
dass sie kaum noch etwas mit der Realität zu tun hatten.

War ich wütend?
Nein.

Denn ihren Neid und ihre Eifersucht hatte ich bereits lange gespürt, bevor alles offen eskalierte.

Das war auch der Grund, weshalb ich mich von vielen Menschen in meiner Familie distanzierte, lange bevor sie ihre Ablehnung öffentlich zeigten. Ich hatte die Energien bereits wahrgenommen, bevor die Worte ausgesprochen wurden.

War ich meiner Tante böse, weil sie diesen Geschichten glaubte und nicht mir?
Nein.

Denn wenn jemand zu dir kommt und dir etwas über einen Menschen erzählt, den du angeblich liebst, und du sofort die Seite des Fremden einnimmst, dann sagt das mehr über deine tatsächlichen Gefühle aus als über die Wahrheit der Geschichte oder die Person, die sie erzählt hat.

Ich war sehr dankbar für diese Situation.

Denn damit bestätigst du lediglich, dass es nie wirklich Liebe oder echte Zuneigung war. Vielleicht hast du nur darauf gewartet, dass endlich jemand etwas findet, womit man mich beschmutzen kann. Und ich war froh, dass ich dafür endlich eine offizielle Bestätigung
erhalten hatte.

Mir ist egal, wer dir etwas über mich erzählt oder was über mich erzählt wird.

Wenn du mich wirklich kennst und trotzdem lieber den Geschichten anderer Menschen glaubst, dann geh und höre weiter zu.

Solche Menschen brauche ich nicht in meinem Leben.

Egal, wer du bist.

Tante. Vater. Mutter. Schwester. Enge Freundin.

Ich habe keinen Platz für Verrat und Heuchelei.
Das Ironische daran ist, dass genau diese Menschen dir später vorwerfen, ein Verräter oder Lästerer zu sein. Besonders dann, wenn du beginnst, die Wahrheit auszusprechen.

In vielen Familien existiert ein unausgesprochenes Gesetz: Alles muss geheim bleiben. Man spricht nicht darüber. Man zeigt nichts nach außen. Das Bild muss aufrechterhalten werden – koste es, was es wolle.

Nicht unbedingt in der Familie meiner Eltern, aber in den größeren familiären Kreisen. Dort wurde alles wie ein offenes Buch ausgelegt.

Ach ja, du schreibst ja auch ein Buch, denkst du jetzt vielleicht.

Ja, aber ich mache genau das Gegenteil von dem, was solche ungeheilte Dynamiken erschaffen. Ich versuche, etwas Wertvolles zu schaffen, etwas, das Menschen unterstützen kann, und nicht einfach Worte in die Welt zu streuen, um andere zu verletzen.

Mein Vater warf mir eines Tages sogar vor, ich hätte jemandem erzählt, er habe mich sexuell belästigt.

Die Wut und der Schmerz in seinen Augen zeigten mir, dass er dieser Geschichte tatsächlich Glauben schenkte.

Und ich wusste nicht, was mich mehr schockierte.

Dass er einer solchen Lüge ohne Weiteres glaubte und tatsächlich dachte, ich wäre ein Mensch, der solche Geschichten erfinden würde.

Oder dass es Menschen gibt, die solche Dinge in die Welt setzen, nur um Spaß daran zu haben, Beziehungen innerhalb einer Familie zu zerstören.

Aber woher hätte er wissen sollen, wer ich als Mensch wirklich war? Er war nie wirklich Teil meines Lebens gewesen. Wie viele andere in meiner Familie betrachtete er mich so, wie es besser in seine eigene Welt passte. So, wie ich früher gewesen war. Denn den Zugang zu
meinem heutigen Leben hatte ich fast allen verwehrt.

Doch etwas anderes faszinierte mich noch mehr.

Fast jede Lüge, jedes Gerücht und jede Verleumdung, die über mich verbreitet wurden, kamen letztlich von genau den Menschen, die selbst diese Dinge taten.

Wenn du Menschen aufmerksam beobachtest, wirst du erkennen, wie erstaunlich dieses Muster ist. Oft verraten sie dir bereits, was sie als Nächstes tun werden – nur werfen sie es zuerst dir vor.

Und als ich begann, die Wahrheit auszusprechen, wurde plötzlich ich zur Täterin erklärt.

Doch dieses Muster ist älter, als wir denken.

Wenn Menschen dich nicht mehr kontrollieren können, wenn ihre Manipulation nicht mehr funktioniert und ihre Macht über dich schwindet, beginnen sie oft, deine Reputation anzugreifen. Sie versuchen, die Menschen um dich herum gegen dich aufzubringen. Sie hoffen, dass diejenigen, die dich lieben, ihre Seite wählen.

Denn du besitzt etwas, das sie nicht erzwingen können.

Echte Liebe.Echten Respekt. Echte Verbindung.

Deine Energie ist echt.

Menschen beneiden selten das, was man in der materiellen Welt besitzt.

Sie beneiden das, was du geworden bist.

Und das Wertvollste, was du auf deinem Weg jemals erwerben kannst, ist nicht Geld, Status oder Anerkennung.

Es ist deine innere Heilung.

Denn selbst wenn es jemandem gelingt, andere gegen dich aufzubringen, selbst wenn Menschen dir den Rücken kehren und falsche Geschichten über dich glauben, stehst du dennoch aufrecht da.

Vielleicht allein. Aber stark.

Vielleicht missverstanden. Aber frei.

Du hast bereits die tiefsten Täler deines Lebens durchschritten. Du hast die dunkelsten Nächte überlebt. Und trotzdem stehst du noch immer aufrecht da – stark und rein in deinem Herzen.

Wenn man diese Wege einmal gegangen ist, verlieren die Meinungen anderer Menschen ihre Macht.

Dann bleibt nur noch die Wahrheit. Und die Verbindung zu sich selbst.

Nach all diesen Vorfällen begann ich, die Beziehung zu meinem Vater bewusst aufzuarbeiten.

Tief in meinem Inneren wusste ich jedoch, dass die üblichen Wege der Klärung hier nicht funktionieren würden. Die Methoden, die bei gesunden Beziehungen helfen – miteinander reden, Missverständnisse ausräumen, Gefühle offen ansprechen – hatten bei uns nie wirklich existiert.

Mein Vater lebte in seiner eigenen Realität.

Er konnte sich heute vernünftig verhalten und dir das Gefühl geben, geschätzt zu werden, und morgen mit dir sprechen, als wärst du sein größter Feind. Es gab keine Beständigkeit.Keine Verlässlichkeit. Keine emotionale Sicherheit.

Man wusste nie, welcher Mensch einem begegnen würde.

Wenn er alkoholisiert war, wurde Irina gesucht, damit er diese Energie loswerden konnte. Denn die Dunkelheit, die ein Mensch über Jahre hinweg durch Alkohol in sich nährt, verlangt nach immer mehr Energie. Sie zehrt von innen. Irgendwann kann der Mensch selbst kaum noch etwas geben, weil seine eigene Lebenskraft bereits aufgebraucht ist.

Besonders deutlich wurde mir das nach einer weiteren heftigen Auseinandersetzung.

Besonders deutlich wurde mir das nach einer weiteren heftigen Auseinandersetzung.
Wieder einmal geschah es in Anwesenheit meiner Tante.

Es schien fast so, als würden seine inneren Dämonen Zeugen brauchen. Rückendeckung. Bestätigung. Jemanden, vor dem sie sich entfalten konnten. Unterstützung durch Gleichgesinnte.

Während ich mich gerade um die Wäsche meiner Oma kümmerte, griff er mich plötzlich verbal an. Aus dem Nichts heraus warf er mir vor, anderen Menschen erzählt zu haben, dass ich nur wegen meiner Oma nach Deutschland zurückgekehrt sei und wieder gehen würde, sobald die Zeit dafür gekommen wäre.

Er warf mir vor, anderen Menschen erzählt zu haben, dass ich auf meine Eltern „scheiße“ und sie mir egal seien. Vor allem war er empört darüber, dass ich angeblich öffentlich über solche Dinge sprechen würde.

Ob er diese Worte selbst erfunden hatte oder ob jemand meine Aussagen verdreht und ihm so weitergegeben hatte, spielte für mich in diesem Moment keine Rolle. Erst viel später erfuhr ich, von wem diese Informationen gekommen waren. Irgendwie erfahre ich immer,
wer was erzählt hat.

Seine Wut schien nicht nur aus der Angst zu entstehen, wie andere Menschen ihn sehen könnten. Vielleicht berührte sie auch einen tieferen Schmerz.

Die Vorstellung, dass seine Tochter eines Tages wieder gehen würde. Dass sie ihr eigenes Leben leben würde. Dass sie nicht seinetwegen zurückgekommen war.

Mein Vater war stolz auf meine Schwester und mich. Immer wieder erlebte ich, wie sein Gesicht aufleuchtete, wenn er neuen Menschen begegnete. War ich dabei, stellte er mich oft voller Stolz vor:

„Das ist meine Tochter.“

Und jedes Mal löste dieser Satz widersprüchliche Gefühle in mir aus.

Einerseits konnte ich seinen Stolz spüren. Andererseits meldete sich tief in meinem Inneren eine leise Stimme:

Und was hast DU dazu beigetragen, dass deine Tochter zu dem Menschen geworden ist, auf den du heute so stolz bist?

Es war keine Frage voller Bitterkeit. Es war vielmehr die stille Trauer eines Kindes, das sich ein anderes Vater-Tochter-Verhältnis gewünscht hätte.

Denn die Stärke, die Selbstständigkeit und die innere Reife, die er heute voller Stolz präsentierte, waren nicht in einem geschützten Raum entstanden.

Sie waren auf einem Weg gewachsen, den ich so oft allein gehen musste. Vielleicht lag genau darin einer seiner größten Schmerzen.

Er war stolz auf das Ergebnis. Doch die Reise dorthin hatte größtenteils ohne ihn stattgefunden.

Mein Vater hatte sein Leben lang großen Wert darauf gelegt, von anderen als guter Mensch wahrgenommen zu werden. Nach außen zeigte er oft das Bild eines fürsorglichen und freundlichen Mannes. Hinter verschlossenen Türen jedoch erlebten wir eine andere Seite von ihm – eine Seite voller Wutausbrüche, Spannungen und emotionaler Gewalt, die Außenstehenden verborgen blieb.

Seine körperliche Behinderung löste bei vielen Menschen Mitgefühl aus. Oft hatte ich den Eindruck, dass er dieses Mitgefühl bewusst oder unbewusst für sich zu nutzen wusste. Vielleicht schmerzte ihn deshalb der Gedanke, dass andere Menschen eine Realität sehen
könnten, die nicht zu dem Bild passte, das er über viele Jahre aufgebaut hatte.

Dabei wussten viele Menschen durchaus, wie er sein konnte. Nicht nur einmal wurde er betrunken irgendwo aufgegriffen und nach Hause gebracht.

Seine Hände rieben sich nervös aneinander. Dieses Zittern, dieses Reiben war längst zu einem vertrauten Begleiter seiner Wutausbrüche geworden. Jeder, der ihn kannte, kannte
auch diesen Nerventick. Seine Stimme wurde lauter, Speichel flog durch die Luft, während er sich immer tiefer in seine Empörung hineinsteigerte.

Was mich an diesem Moment überraschte, war nicht sein Vorwurf.

Es war seine Reaktion auf etwas, das er längst wusste.

Ich hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, warum ich zurückgekehrt war. Von Anfang an hatte ich offen gesagt, dass ich wegen meiner Oma gekommen war. Ebenso hatte ich nie verheimlicht, dass ich nicht vorhatte, dauerhaft in Deutschland zu bleiben.

Heute verstehe ich, dass nicht meine Worte ihn verletzten.

Es war etwas anderes. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich ihm nie die Aufmerksamkeit schenken konnte, nach der er sich insgeheim sehnte. Vielleicht war es der Schmerz, den er nie auszusprechen vermochte.

Doch stattdessen bestand er auf seinem „Recht“ als Vater.

Er erinnerte mich daran, dass er mir das Leben geschenkt hatte und ich deshalb verpflichtet sei, für ihn da zu sein.

Und in einem Punkt hatte er recht. Er hatte mir das Leben geschenkt.

Dafür war und bin ich ihm dankbar, und genau das sagte ich ihm auch in diesem Moment.

Doch genau dort endete das, was ich ihm geben konnte.

Was mich tief erschütterte, war seine Erwartung, ein selbstverständliches Anrecht auf mein Leben zu besitzen. Die Vorstellung, dass eine Tochter, für die er über weite Strecken ihres
Lebens nicht da gewesen war und deren Weg er häufiger erschwert als erleichtert hatte, nun selbstverständlich die Verantwortung für sein Alter übernehmen müsse.

Diese Selbstverständlichkeit. Diese Arroganz. Diese Anspruchshaltung.

Und dennoch konnte ich auch seinen Schmerz sehen.

Meine Mutter und er hatten über Jahre hinweg beobachtet, wie ich mich um meine Oma kümmerte. Sie sahen meine Fürsorge, meine Hingabe und meine Bereitschaft zu helfen.Natürlich wünschten sie sich insgeheim dasselbe für sich selbst.

Und ich half ihnen. Immer dort, wo ich helfen konnte. Aber es war nicht dasselbe.

Waren sie mir egal, wie mein Vater behauptete?
Nein.

Natürlich nicht.

Doch bedeutete das automatisch, dass ich für sie dieselbe Rolle übernehmen würde, die ich für meine Oma übernommen hatte?
Nein.

Denn die Geschichte zwischen uns war eine andere. Ich war das Kind gewesen, das weggegeben wurde. Und ich war nicht die einzige Tochter in ihrem Leben.

Schon so viel Verantwortung hatte ich übernommen. Ich hatte mich um seine Mutter gekümmert, obwohl sie noch weitere Kinder hatte. Kinder, die angeblich alles besser wussten, alles besser konnten und immer genau zu wissen glaubten, wie andere ihr Leben zu führen hatten.

Man lehrt uns, dass wir für unsere Eltern da sein sollen. Und grundsätzlich stimmt das auch.

Doch es sollte aus dem eigenen Wunsch heraus entstehen und nicht als Verpflichtung betrachtet werden. Kinder schulden ihren Eltern nichts.

Doch selten spricht jemand über die andere Seite dieser Wahrheit.

Was geschieht, wenn Eltern für ihr Kind nie wirklich da waren?

Was geschieht, wenn genau diese Eltern später erwarten, dass das Kind bedingungslos für sie da ist?

Wenn sie die Geburt ihres Kindes nicht als Geschenk betrachten, sondern als eine Schuld, die irgendwann zurückgezahlt werden muss?

Wenn sie ihr Kind nicht als eigenständigen Menschen sehen, sondern als eine Art Besitz?

Ich hatte getan, was ich tun konnte.

Eines Tages entschied ich mich, das Zimmer meiner Oma zu streichen. Ich wollte etwas Frische in den Raum bringen, etwas Leichtigkeit. Während ich dabei war, entstand ganz natürlich der Gedanke, auch die restliche Wohnung zu streichen. Der Zustand der Wohnung war inzwischen so belastend geworden, dass ich ihn kaum noch ertragen konnte. Nicht nur, weil überall Schmutz und Vernachlässigung sichtbar waren, sondern weil ich mich dort
täglich aufhielt und alles mitansehen musste.

Ich wartete einen Moment ab, als meine Mutter nicht zu Hause war. Ich glaube, sie war damals bei meiner älteren Schwester zu Besuch. Das gesamte Wochenende nutzte ich, um so viel wie möglich zu schaffen. Ich strich Wände, räumte auf, putzte und versuchte, aus
diesem Ort wieder einen Raum zu machen, in dem man durchatmen konnte.

Als ich fertig war, war ich vollkommen erschöpft. Mein Körper schmerzte, meine Kräfte waren aufgebraucht.

Habe ich mich beschwert? Nein. Es war meine freie Entscheidung gewesen.

Als meine Mutter sich später mit fünfzig Euro bei mir bedankte, fragte mein Vater, wofür das Geld sei. Ich antwortete, halb scherzend und halb ehrlich:
„Dafür, dass ich meine Freizeit geopfert habe, um euren Dreck wegzuräumen.“
Seine Antwort kam sofort: „Keiner hat dich darum gebeten.“

Dieser eine Satz blieb in mir hängen.

Heute erkenne ich, dass er weit mehr ausdrückte als nur eine beiläufige Bemerkung. In diesem Satz spiegelte sich vieles von dem wider, was in unserer Familie über Generationen gelebt wurde: fehlende Wertschätzung, fehlende Dankbarkeit und die Selbstverständlichkeit, mit der die Zeit, die Kraft und die Liebe anderer Menschen angenommen wurden.

Früher hätte mich diese Antwort tief verletzt. Ich hätte wahrscheinlich geglaubt, dass meine Bemühungen wieder einmal nicht ausgereicht hatten. Dass ich nicht genug war. Dass ich mehr hätte tun müssen, um Anerkennung zu verdienen.

Doch Heilung verändert den Blick auf die Vergangenheit.

Wenn die Schleier alter Wunden sich langsam auflösen, betrachtet man Situationen nicht mehr durch die Brille des eigenen Mangels. Man sieht sie klarer. Man versteht, dass nicht jede fehlende Anerkennung bedeutet, dass man selbst nicht wertvoll ist. Manchmal zeigt sie lediglich die Grenzen von Menschen auf, die nie gelernt haben, Dankbarkeit auszudrücken.

Zum ersten Mal sah ich nicht mein vermeintliches Versagen. Ich sah die Unfähigkeit anderer, das Geschenk zu erkennen, das ihnen gemacht wurde.

Vielleicht hatten sie nie gelernt, die Zeit eines anderen Menschen zu achten. Vielleicht war in ihrer Welt alles selbstverständlich geworden – besonders innerhalb der Familie. Hilfe wurde erwartet, nicht gewürdigt. Opfer wurden hingenommen, nicht gesehen.

Doch ich war anders.

Für mich war nichts selbstverständlich. Kein Einsatz. Keine Aufmerksamkeit. Keine Liebe. Und schon gar nicht die Lebenszeit eines Menschen.

Denn Zeit ist das Wertvollste, was wir besitzen. Geld kann zurückkommen. Dinge können ersetzt werden. Doch die Stunden unseres Lebens, die wir einem anderen schenken, kehren
niemals zurück.

Vielleicht war dies die eigentliche Erkenntnis, die mir dieses Wochenende geschenkt hat: Wahre Wertschätzung beginnt dort, wo wir verstehen, dass nichts selbstverständlich ist – und die Zeit eines Menschen eines der größten Geschenke ist, die er uns machen
kann.

Ich hatte dafür gesorgt, dass beide Eltern Unterstützung bekamen. Ich führte Telefonate, kümmerte mich um Anträge, begleitete Versicherungstermine und organisierte Hilfen. Ich sorgte dafür, dass sie im Alter nicht allein waren und die Unterstützung erhielten, die sie
benötigten.

Doch gleichzeitig wusste ich etwas sehr Wichtiges:

Mehr konnte ich nicht geben.

Nicht, weil ich nicht wollte.

Sondern weil meine Seele ihre Grenzen erreicht hatte.

Manchmal bedeutet Liebe nicht, alles zu geben.

Manchmal bedeutet Liebe, ehrlich zu erkennen, was man geben kann – und was nicht.

Und genau an diesem Punkt stand ich.

Nach einer weiteren Auseinandersetzung mit ihm beugte ich mich zu meiner Oma und erklärte ihr, dass ich nach Hause gehen würde. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits sehr schwerhörig und konnte nur noch schlecht sehen. Meine Tante war ebenfalls anwesend.

Während ich mich von meiner Oma verabschiedete, sagte mein Vater voller Wut zu mir:
„Пиздуй.“

Ein Wort voller Verachtung und Schmerz. Eine Aufforderung, mich zu verziehen. Zu verschwinden.

Ausgesprochen vor seiner eigenen Mutter. Vor seiner Schwester.

Doch das hielt ihn nie auf.

Meistens behauptete er am nächsten Tag, wir würden lügen und er habe so etwas nie gesagt. Denn es war nicht das erste Mal, dass er sich auf diese Weise verhielt.

In diesem Moment spürte ich nicht einmal mehr Wut. Es war vielmehr eine tiefe Ernüchterung. Eine weitere Bestätigung dessen, was ich über Jahre hinweg erlebt hatte.

Und wie so oft geschah am nächsten Tag das Erstaunlichste. Als wäre nichts gewesen.

Am nächsten Morgen bat er mich um einen Gefallen. Ganz selbstverständlich.

Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der andere Menschen jemanden um eine Tasse Kaffee bitten würden. Und diesmal nahm ich alles mit anderen Augen wahr.

Genau das machte die Situation so schwer begreifbar.

Es war, als würden die Ereignisse des Vortages in seinem Bewusstsein gar nicht existieren.Als gäbe es keine Verbindung zwischen seinen Handlungen und deren Auswirkungen.

Lange Zeit versuchte ich, dieses Verhalten zu verstehen.

Heute glaube ich nicht mehr, dass es darum ging, es zu verstehen.

Manche Menschen sind so weit von sich selbst entfernt, dass sie ihre eigenen Widersprüche nicht mehr erkennen können.

Für mich wirkte er wie ein Mensch, der vollkommen den Kontakt zu sich selbst verloren hatte.

In dieser Zeit gab es so viele Streitigkeiten, dass ich manchmal kaum glauben konnte, all das noch einmal erleben zu müssen. Der einzige Unterschied war, dass ich diesmal nicht einfach gehen konnte. Meine Oma war da, und ich konnte sie nicht allein lassen. Das hätte ihr Herz noch mehr verletzt.

In spirituellen Kreisen sagt man oft, dass wir so lange in denselben Situationen landen, bis wir die Lektion dahinter gelernt haben.

Und was ich diesmal lernen musste, war eigentlich ganz einfach.

Während einer weiteren Auseinandersetzung, einige Wochen später, geschah etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Als ich meinem Vater gegenüberstand, spürte ich auf einer energetischen Ebene etwas, das
sich nur schwer in Worte fassen lässt. Es war, als würden Kräfte in ihm wirken, die seine
Seele regelrecht zerreißen.

Sein Gesicht wirkte verändert. Seine Ausstrahlung erschien mir so grausam, als würde etwas Fremdes durch ihn hindurchblicken. Für mich sah er aus, als hätte etwas Dunkles die Kontrolle über ihn übernommen.

Je länger ich ihm gegenüberstand, desto stärker nahm ich wahr, wie meine eigene Präsenz auf ihn wirkte. Es war, als würde alles Dunkle, das in ihm verborgen lag, an die Oberfläche gedrängt werden.

Ich hatte das Gefühl, dass sich diese schwarze Materie, die ich in seinem Energiefeld wahrnahm, gegen mich richtete. Als wolle sie mich angreifen. Als wolle sie mich vor Wut verschlingen.

Und all das, weil ich keine Angst hatte. Ich blickte diesem Etwas direkt in die Augen und wich keinen Schritt zurück.

Seine Angriffe waren nicht nur emotional oder verbal. Sie trafen mich auf einer viel tieferen Ebene. Und irgendwann explodierte auch ich.

In diesem Moment warf ich ihm vor, dass ich ihn und meine Mutter irgendwann einweisen lassen würde. Später erfuhr ich, wie tief ihn diese Worte getroffen hatten.

Für mich ergaben sie in diesem Moment lediglich deshalb Sinn, weil mein Verstand nicht begreifen konnte, warum niemand sah – oder früher gesehen hatte –, dass diese Menschen professionelle Hilfe benötigten.

Gleichzeitig war es ein Moment meiner eigenen Schwäche. Ein Moment, in dem ich verzweifelt nach einer Lösung für diese Situation suchte. Es war, als hätte sich ein Riss in meinem Energiefeld geöffnet.

So etwas hatte ich in meinem Leben noch nie erlebt. Gleichzeitig spürte ich jedoch etwas anderes. Ich fühlte mich umgeben von meinen spirituellen Beschützern.

Ihre Präsenz war stärker als je zuvor. Trotz der Intensität dieser Situation war da eine Kraft in mir, die größer war als jede Angst vor dem Wesen, das ich in diesem Moment wahrzunehmen glaubte. Eine Kraft, die mich aufrecht hielt.

Die verhinderte, dass ich tiefer in dieses dunkle Gefühl hineingezogen wurde. Als würde etwas versuchen, mich einzusaugen. Und während ich dort stand, überkam mich ein tiefes
Gefühl von Ekel. Nicht wegen seines menschlichen Körpers.Nicht wegen des Menschen, der er ursprünglich gewesen war.Nicht gegen meinen Vater.

Sondern wegen dessen, was ich unter der Oberfläche wahrzunehmen glaubte.

eine Energie löste in mir einen regelrechten Würgereflex aus. Es fühlte sich an, als würde mein Körper auf etwas reagieren, das vollkommen gegen meine Natur war. Seine Art, seine Ausstrahlung und das, was ich energetisch hinter seinen Worten wahrnahm, stießen mich zutiefst ab.

Als wolle etwas Fremdes in meinen Körper eindringen. Als ich später nach Hause ging,
bemerkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. In meiner Brust hatte sich etwas festgesetzt.

Dieses Gefühl kannte ich bereits. Immer wenn ich mich energetisch belastet fühlte, nahm ich es wahr. Es ist schwer zu beschreiben. Man fühlt sich fremd im eigenen Körper.

Als wäre etwas eingedrungen, das dort nicht hingehört. Man spürt eine Präsenz, die sich nicht wie die eigene anfühlt. Und dieses Etwas fühlte sich widerlich an.

Trotz meines Schutzes hatte ich zugelassen, emotional zu werden. Ich hatte die negative Energie aufgenommen und ihr Raum gegeben.

Für mich fühlte es sich an, als hätte ich durch meine eigenen Worte und Emotionen eine Tür in meinem Energiefeld geöffnet.

Eine Einladung ausgesprochen.

Genau deshalb wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, Menschen aus dem Weg zu gehen, die uns immer wieder in destruktive Emotionen hineinziehen wollen, oder ihnen zumindest keine Reaktion zu schenken.

Ich ging zu Fuß nach Hause, um diese Energie während des Gehens loszulassen.

Sobald ich zu Hause angekommen war, begann ich mit einem Reinigungsritual.

Ich arbeitete intensiv mit Reiki, um diese fremde Energie aus meinem Feld zu entfernen.

Mein Körper reagierte sofort. Mein Oberkörper zuckte plötzlich nach oben. Mehrmals sprang er regelrecht hoch, als würde etwas meinen Körper verlassen. Die Bewegungen geschahen von selbst. Ich ließ den Prozess geschehen und vertraute darauf. Nach einiger Zeit wurde alles ruhiger. Die Schwere verschwand.

Der Druck in meiner Brust löste sich auf. Und ich wusste, dass diese Energie entfernt worden war.

In der Reiki-Arbeit werden solche Energien den höheren Mächten, den Heiligen Meistern und den geistigen Helfern übergeben. Dort wird entschieden, was mit ihnen geschieht.Meistens werden sie transformiert und ins Licht zurückgeführt.

Doch diesmal fühlte es sich anders an.

Diese negative Energie schien zu ihrem Ursprung zurückzukehren.

Zu meinem Vater.

Über die genauen Beschwerden möchte ich aus privaten Gründen nicht sprechen. Doch er blieb mehrere Tage dort.

War das ein Zufall?

Für viele Menschen vielleicht.

Für mich nicht ...

So wurde mir gezeigt, dass meine Angreifer immer bestraft werden. So durfte ich lernen, wie stark meine Heilungsmethoden waren, mit denen ich arbeitete, und wie stark meine Intuition ist.

So wurde mir gezeigt, dass meine Angreifer immer bestraft werden. So durfte ich lernen, wie stark meine Heilungsmethoden waren, mit denen ich arbeitete, und wie stark meine Intuition ist.

Ich besuchte ihn diesmal nicht im Krankenhaus ...

Und später machte ich ähnliche Erfahrungen. Immer wieder, wenn ich starke energetische Angriffe bereinigte, konnte ich beobachten, dass die Energien zu ihrem Sender zurückkehrten. Nicht, weil ich es wollte. Nicht aus Rache oder Vergeltung.

Sondern weil dies offenbar Teil eines höheren Gesetzes war.

In diesen Momenten verstand ich auf der tiefsten Ebene, dass ich beschützt werde. Dass höhere Mächte ihre Lichtkrieger beschützen, indem die Täter bestraft werden.

Meine Aufgabe besteht lediglich darin, die Energien zu erkennen, sie zu entfernen und dem Licht zu übergeben.

Den Rest übernehmen die höheren Mächte.

Deshalb ist es so wichtig, die eigene Intuition zu stärken und zu pflegen. Sie ist unser innerer Kompass und zeigt uns oft lange vor dem Verstand, wenn etwas nicht stimmig ist.Menschen, die manipulieren oder Einfluss ausüben wollen, profitieren davon, wenn wir den Kontakt zu dieser inneren Stimme verlieren. Je stärker unsere Verbindung zu unserer Intuition ist, desto schwerer wird es, uns von unserer Wahrheit abzubringen. Und desto schneller merkst du, wenn jemand versucht, dein Energiefeld zu durchdringen.

Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, erkenne ich, dass der Konflikt mit meinem Vater weit über eine gewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung hinausging.

Es war ein karmischer Krieg. Numerologisch gesehen habe ich das auch bestätigt – tatsächlich haben wir die reinste Form einer karmischen Verbindung, die sich als 8 zeigt.

Ein Krieg auf seelischer und energetischer Ebene.

Eine Begegnung zweier Seelen, die noch ungelöste Erfahrungen miteinander trugen.

Danach setzte ich mich bewusst mit Heilungsmethoden auseinander – insbesondere damit, wie man die Beziehung zum Vater heilen kann. Eine der Aufgaben dieser Methode war es, 100 Gründe aufzuschreiben, wofür man dem Vater dankbar ist.

Ich fing mit dem ersten Satz an:

„Ich bin meinem Vater für mein Leben dankbar …“ und hier hörte es auf. Es gab nichts mehr, woran ich denken konnte. Doch ich zwang mich selbst, in allen negativen Erfahrungen mit ihm etwas Gutes zu erkennen. Und je mehr ich schrieb, desto mehr begann ich zu
verstehen, dass seine Aufgabe darin bestand, mich so zu provozieren, dass ich mich selbst kennenlerne und an mir arbeite. Ich bin diejenige in der gesamten Ahnenlinie, die diese karmischen Programme auflösen musste – und das ist dann möglich, wenn man genug von den üblichen Szenarien hat.

Je mehr ich schrieb, desto mehr liefen mir die Tränen, bis sich eine Lache auf dem Schreibtisch bildete. Mit jedem Satz lösten sich so viele Gefühle, dass ich begann, Mitgefühl für ihn als Seele zu empfinden.

Manchmal wird gesagt, dass jene Menschen, die mit besonderen Herausforderungen geboren werden, eine stille Aufgabe innerhalb ihrer Ahnenlinie tragen. Nicht immer ist es so, dass sie etwas „sühnen“ oder die Last anderer übernehmen müssen, sondern dass ihre Anwesenheit die Familie auf eine Weise berührt, die nichts und niemand sonst vermag.

Als ich auf meinen Vater blickte, fragte ich mich oft, ob seine Seele vielleicht eine solche Rolle gewählt hatte. Sein Leben war von Einschränkungen geprägt, doch gleichzeitig brachte es Themen an die Oberfläche, die über Generationen hinweg verborgen geblieben
waren. Durch ihn wurden Schmerz, Scham, Hilflosigkeit und ungelebte Gefühle sichtbar. Dinge, über die niemand sprach, konnten nicht länger im Verborgenen bleiben. Vielleicht liegt die wahre Bedeutung des Wortes „Erlöser“ nicht darin, etwas für andere zu
tragen, sondern darin, etwas sichtbar zu machen. Denn nur das, was gesehen wird, kann verstanden werden. Nur das, was verstanden wird, kann heilen. Und ich habe es gesehen … und so viel ich konnte geheilt.

Heute glaube ich, dass manche Seelen nicht in eine Familie kommen, um sie zu verändern, sondern um sie an das zu erinnern, was längst vergessen wurde: Mitgefühl, Menschlichkeit und die Fähigkeit, auch dort Liebe zu finden, wo das Leben schwer erscheint.

Ob dies tatsächlich der Auftrag einer Seele ist oder nur die Bedeutung, die wir ihrem Weg im Rückblick geben, kann niemand mit Sicherheit wissen. Doch manchmal genügt es, zu erkennen, dass ein Mensch durch seine bloße Existenz mehr Heilung in eine Familiengeschichte gebracht hat, als viele Worte es je könnten.

Ich war eine Woche nach diesem Ritual wie in einem dunklen Loch. Die Leichtigkeit, die ich sonst besaß, war verschwunden. Ich fing wieder an, Schwarz zu tragen – etwas, das ich längst abgelegt hatte, wegen der dunklen Energie, die diese Farbe mit sich bringt. Meine Freundin meinte, dass der Glanz in meinen Augen verschwunden war. Ich befand mich in einem tiefen Reinigungsprozess karmischer Programme, die mit diesem Ritual gelöst wurden. Etwas hatte sich bewegt … und ich spürte, dass der karmische Kontrakt, den mein Vater und ich hatten, gelöst wurde. Es befreite uns beide.

Vielleicht musste ich genau diesen Weg gehen.

Vielleicht musste er mir so wehtun, damit ich diese Muster in der ganzen Familie erkenne.

Vielleicht musste ich all das erleben, um diesen Kreislauf endgültig zu beenden – damit sich unsere Seelen in einem zukünftigen Leben nicht erneut in denselben Schmerz verstricken.

Damit Frieden dort entstehen kann, wo einst nur Kampf war.

Und vielleicht bestand meine Aufgabe nicht darin, seinen Schmerz zu lösen oder ihn zu verändern.

Vielleicht bestand meine Aufgabe darin, endlich zu erkennen, dass ich nicht länger darauf warten musste, dass aus ihm der Vater wurde, den ich mir mein Leben lang gewünscht hatte.

Ich akzeptierte ihn und nahm ihn an, so wie er war. Und ich verstand endlich, dass es auch innerhalb einer Blutlinie in Ordnung ist, sich von solchen Mustern zu distanzieren. Man verlangt keinen Respekt, wenn man geheilt ist – man geht einfach, ohne jemandem etwas erklären zu müssen. Denn der, der dir ständig wehtut, weiß genau, was er tut.

Siebzehntes Kapitel

Und wie es im Leben oft ist: Wenn wir den Mut haben, einen Schritt zu wagen, kommen Ereignisse ans Licht, die vielleicht niemals geschehen wären, hätten wir diesen Schritt nicht gemacht.

Wäre ich nicht wegen meiner Oma nach Deutschland geflogen, hätte ich möglicherweise die Beziehung zu meinen Eltern nie aufgearbeitet – oder erst viel später im Leben. Das wiederum hätte bedeutet, dass die ungeheilte Irina immer wieder in Situationen geraten wäre, in denen sie dieselben falschen Entscheidungen trifft, weil so vieles in ihr noch nicht angenommen, verstanden und geheilt worden war.

Unsere Beziehung zur Mutter spiegelt sich oft in unseren romantischen Beziehungen wider. Die Beziehung zum Vater zeigt sich häufig in unserem Umgang mit Geld, Erfolg und finanzieller Stabilität. Und ich selbst bin ein lebendes Beispiel dafür, was geschieht, wenn beide Bereiche ungeheilt bleiben. Sowohl Beziehungen als auch Finanzen waren über viele Jahre hinweg große Herausforderungen in meinem Leben.

Obwohl ich meine Einsamkeit genießen kann und keinen Mann brauche, bringt der richtige Partner dennoch Ruhe, Stabilität und Unterstützung in dein Leben. Und obwohl ich seit Jahren intensiv an meinen Finanzen arbeite, schien ich dennoch immer wieder
im Minus zu landen.

Denn nicht alles im Leben geschieht auf der physischen Ebene. Manche Ursachen liegen tiefer. Wenn die Wurzel eines Problems nicht erkannt und gelöst wird, wirst du immer wieder in dieselben Fallen geraten. Du kannst Strategien ändern, Orte wechseln
oder neue Pläne schmieden – doch solange die eigentliche Ursache im Verborgenen bleibt, wiederholt sich das Muster.

Das Leben führt uns immer wieder an dieselbe Lektion heran, bis wir bereit sind, den wahren Grund dahinter zu erkennen. Erst wenn wir den Ursprung verstehen und heilen, kann sich auch das äußere Ergebnis dauerhaft verändern.

Und so verstand ich, dass ich auch meine Freundschaften früher oft danach gewählt hatte, ob ein Mensch Interesse an mir zeigte. Ich machte mir jedoch selten die Mühe, wirklich zu hinterfragen, ob unsere Werte und Lebenseinstellungen überhaupt zusammenpassten oder vielleicht völlig unvereinbar waren.

Denn wenn du nicht weißt, wer du bist und was für dich wirklich wichtig ist, wirst du auch nicht erkennen, was dir in anderen Menschen wichtig sein sollte. Dann gehst du einfach davon aus, dass es passt, weil ihr euch begegnet seid, eure Energien scheinbar
harmonieren, die andere Person dich interessant findet und es zwischen euch sofort „klickt“. Doch manchmal stellt man erst später fest, dass man im Grunde genommen sehr unterschiedlich ist.

Je älter ich wurde, desto wichtiger wurde für mich die Frage, mit wem ich meine Zeit verbringe. Wenn Menschen nicht dieselbe Richtung einschlagen oder ähnliche Ziele verfolgen, lebt man sich oft auseinander. Manchmal trifft man auch bewusst die Entscheidung, eine Freundschaft nicht weiterzuführen.

Noch wichtiger als gemeinsame Ziele sind für mich jedoch die Werte und die grundsätzliche Lebenseinstellung eines Menschen.

Wenn du deine Zeit damit verbringst, andere Menschen zu beurteilen und zu verurteilen, bin ich raus.

Wenn du dich selbst auf ein Podest stellst und andere als minderwertig betrachtest, bin ich raus.

Wenn du das Leben ausschließlich durch eine negative Brille siehst und versuchst, jeden Menschen um dich herum zu kontrollieren, bin ich ebenfalls raus.

Denn Veränderung beginnt nicht im Außen. Sie beginnt in dem Moment, in dem du bereit bist, ehrlich auf dich selbst zu schauen.

Mit dieser inneren Klarheit begann ich auch, meine Beziehungen noch bewusster zu betrachten – und wahrzunehmen, wie ich mich nach Begegnungen mit Menschen wirklich fühlte.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland begann ich, eine Veränderung in meiner Wahrnehmung einer engen Freundin zu bemerken, die mich damals in Kanada besuchte. Es war kein plötzlicher Bruch, sondern eher ein schleichendes Gefühl, das
sich in ihrer Gegenwart einstellte.

Ich hatte den Eindruck, dass sich ihr Ego stark vergrößert hatte und sie Menschen zunehmend von oben herab betrachtete. „Verachtung“ ist vielleicht ein zu hartes Wort, aber es beschreibt am ehesten das Gefühl, das ich wahrnahm: dass sie andere schnell
als weniger wertvoll einstufte, wenn sie nicht in ihr Bild passten. Und vielleicht konnte ich das nur so deutlich spüren, weil solche feinen Dynamiken von außen oft nicht sofort sichtbar sind.

Sie konnte mir sagen, dass sie mich liebhat, und im nächsten Moment reichte schon ein einzelner Satz, um genau dieses Gefühl zu untergraben. Zum Beispiel in Momenten wie: „Du bist ein schlaues Mädchen, du wirst schon herausfinden, wie man die Kaffeemaschine bedient.“

Solche Bemerkungen wirkten auf mich nicht wie ein direkter Angriff, sondern wie kleine, subtile Abwertungen – dieses leichte Herabschauen, das oft entsteht, wenn jemand sich in dem Moment innerlich überlegen fühlt. Besonders in Bezug auf meine eher ungeschickten oder unaufmerksamen Seiten, die ich selbst gut kenne.

Ich kann Dinge vergessen, die mir gestern gesagt wurden, wenn sie banal sind. Aber ich nehme sehr genau wahr, wie Menschen reagieren: ein Augenrollen, ein bestimmter Blick, oder wenn jemand getriggert ist, weil ich nicht nach einem kontrollierten, perfekten Lebensmuster funktioniere.

Und genau das scheint manche Menschen zu irritieren – dass ich mir erlaube, nicht perfekt zu sein und trotzdem mein Leben zu leben, oft sogar mit mehr innerer Ordnung, als sie es je von außen vermuten würden. Dann beginnt ihr Blick sich zu verschieben: weg von dem, was gelingt, hin zu dem, was angeblich fehlt.

In unserer Beziehung zu ihr spürte ich irgendwann, dass sich etwas in mir bewegt hatte – wie ein Same, der langsam zu keimen beginnt. Und mit der Zeit reifte die innere Entscheidung heran, mich auch aus dieser Freundschaft zu lösen.

Als sie mich zwei Wochen vor ihrer Hochzeit fragte, ob ich ihre Trauzeugin werden möchte, war ich überrumpelt. Ich habe es als zweite Wahl empfunden. Sie hatte zuvor immer gesagt, sie wolle eigentlich gar keine Trauzeugin. Das war in einer Zeit, in der meine Mutter gerade erst aus dem Krankenhaus zurückkam und ich mich selbst in einer tiefen Phase seelischer Heilung befand.

Ich hatte für genau dieses Wochenende einen Kurztrip nach Florenz geplant – an dem Wochenende, an dem sie heiraten würde. Ich brauchte Ruhe und Erholung. Also sagte ich ihr, dass ich die Einladung annehme, aber am selben Abend wieder abreisen würde. Das bedeutete, dass die Trauzeugin den Saal noch am Ende des Abends verlassen würde.

Ich verstand, wie das von außen wirken konnte. Aber in diesem Moment war es mir nicht wirklich wichtig genug, anders zu entscheiden. Meine Zeit und meine Gefühle wurden in dieser Situation ebenfalls nicht wirklich berücksichtigt – ich kannte keine der
anderen Gäste, war nicht in die Vorbereitungen eingebunden und wurde kurzfristig als Trauzeugin „dazugeholt“. Genau das war für mich das letzte Strohhalm-Gefühl.

Die Ereignisse an ihrem Hochzeitstag und ihr Verhalten an dem eigentlich „wichtigsten Tag ihres Lebens“ haben mir schließlich klar gemacht, dass zwischen uns etwas endet. Dieser Moment wurde mir bewusst, als wir im Standesamt saßen und sie mit dem Blumenstrauß zur Standesbeamtin trat. Mir liefen die Tränen über das Gesicht. Damals war ich fest davon überzeugt, dass ich nur aus Freude für sie weinte. Erst viel später, durch tiefere Reflexion, habe ich verstanden, dass meine Seele bereits erkannt hatte: Unsere Wege enden hier.

Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe – an ihrem Hochzeitstag, an dem ich ihre Trauzeugin war.

Einige Monate später, als ich beruflich für eine Woche in Kanada war, flog ich für ein Wochenende nach Los Angeles, um eine Freundin zu besuchen. Nach einer längeren Pause meldete sie sich wieder bei mir als ich auf den Flieger wartete und fragte, wie es mir gehe. Und ich verstand, dass nun der Moment der Wahrheit gekommen war.

Einige Tage zuvor hatte ich zwei Reiki-Sitzungen bei meinem Reiki-Meister gehabt, den ich immer aufsuche, wenn ich in Vancouver bin. Die zusätzlichen energetischen Klärungen haben mir ermöglicht, klarer zu sehen, dass diese Entscheidung jetzt getroffen werden musste.

Ich habe ihr geschrieben, dass ich verstanden habe, dass unsere Freundschaft ihren Verlauf und ihr Ende erreicht hat, und dass es keinen Sinn hat, im Detail zu erklären, was mich gestört hat – weil es nicht um einzelne unglückliche Verhaltensweisen ging, sondern um Werte und eine Haltung, die sich nicht einfach verändern lassen. Ich möchte nie, dass sich ein Mensch für mich verändert – wenn ich merke, dass ich ihre Art nicht akzeptieren kann und keinen Einfluss auf ihr Verhalten habe, gehe ich. Denn ich muss sie nicht ändern.

Manche Erfahrungen im Leben bestätigen nicht das, was wir hören möchten, sondern das, was wir tief in unserem Inneren bereits wissen.

Als ich die Antwort auf meine Nachricht erhielt, spürte ich keine Überraschung.Vielmehr bestätigte sie etwas, das ich schon lange wahrgenommen hatte. Dinge aus der Vergangenheit wurden gegen mich verwendet, obwohl sie einst von ihr unterstützt worden waren. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass unsere Verbindung vielleicht weniger auf einem wirklichen Verstehen beruhte, als ich geglaubt hatte.

Natürlich war ich traurig.

Jeder Abschied hinterlässt Spuren. Besonders dann, wenn wir einem Menschen einmal unser Vertrauen geschenkt haben. Doch Traurigkeit bedeutet nicht automatisch, dass eine Entscheidung falsch war. Oft begleitet sie uns gerade dann, wenn wir etwas loslassen, das wir uns anders gewünscht hätten.

Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, dass nicht jede Verbindung für mehrere Kapitel bestimmt ist. Manche Menschen begleiten uns für einen bestimmten Abschnitt unseres Weges. Sie kommen, um Erfahrungen mit uns zu teilen, Wachstum anzustoßen oder uns etwas über uns selbst zu zeigen. Und manchmal endet ihre Aufgabe genau dort, wo unsere eigene Entwicklung einen neuen Schritt verlangt.

Früher fiel es mir schwer, Abschiede anzunehmen. Ich glaubte, dass man nur genug Verständnis, Geduld oder Liebe aufbringen müsse, damit alles wieder heil werden könne. Heute sehe ich das anders.

Nicht jede Tür, die sich schließt, möchte erneut geöffnet werden.

Manche Verbindungen verlieren nicht ihren Wert, weil sie enden. Sie haben ihren Wert bereits erfüllt.

Das Leben ist zu kostbar, um immer wieder in Dynamiken zurückzukehren, die uns unsere eigene Kraft vergessen lassen. Beziehungen – gleich welcher Art – dürfen uns herausfordern, aber sie sollten uns nicht dauerhaft erschöpfen. Sie dürfen uns spiegeln, aber sie sollten uns nicht klein machen.

Mit den Jahren wurde mein Freundeskreis kleiner. Früher hätte mich dieser Gedanke vielleicht traurig gemacht. Heute empfinde ich darin Frieden.

Denn Tiefe entsteht nicht durch die Anzahl der Menschen in unserem Leben, sondern durch die Echtheit der Verbindungen. Nicht jeder Mensch wird unsere Sichtweise teilen. Nicht jeder wird unseren Weg verstehen. Und das muss auch nicht sein.

Wir sind nicht hier, um von allen geliebt zu werden.
Wir sind hier, um uns selbst treu zu bleiben.

Für manche Menschen wirkt diese Haltung vielleicht hart. Besonders in einer Welt, in der Zugehörigkeit oft über Anpassung entsteht. Doch wahre Verbundenheit entsteht nicht dadurch, dass wir uns verbiegen. Sie entsteht dort, wo wir uns zeigen dürfen, wie wir wirklich sind.

Von meiner Tante wurde mir vorgeworfen, ich hätte mich mit vielen Menschen zerstritten. Doch wenn ich ehrlich auf mein Leben blicke, sehe ich etwas anderes.

Ich habe mich nicht von Menschen entfernt, weil ich Streit gesucht habe. Ich habe mich entfernt, weil ich gelernt habe, dass Probleme nicht verschwinden, wenn man sie verschweigt. Ich glaube an ehrliche Gespräche, an das Ansehen von Herausforderungen und an gemeinsame Lösungen. Doch Menschen, die Konflikte vermeiden und alles unausgesprochen lassen, empfinden Offenheit oft als Angriff oder Streit.

Dabei vergessen wir oft, dass unausgesprochene Worte, verdrängte Gefühle und ungelöste Konflikte nicht spurlos an uns vorbeigehen. Sie hinterlassen Spuren in unserem Körper, unseren Emotionen und unseren Beziehungen. Liebe zu mir selbst bedeutet deshalb, meiner Wahrheit treu zu bleiben – und manchmal eine Tür zu schließen, wenn kein Raum für echte Begegnung und Klärung vorhanden ist.

Nicht jede Distanz entsteht aus Ablehnung.
Manche entsteht aus Selbstachtung.

Ich habe aufgehört, mich für Entscheidungen zu rechtfertigen, die meinem inneren Frieden dienen. Menschen werden sie entsprechend ihrer eigenen Erfahrungen bewerten. Das ist ihr gutes Recht. Doch ihre Sicht muss nicht meine Wahrheit werden.

Jeder Mensch trägt Verantwortung für seine eigene Heilung, seine eigenen Gefühle und seine eigene Entwicklung. Ich kann Mitgefühl haben, ohne alles mitzutragen. Ich kann Verständnis zeigen, ohne mich selbst zu verlieren. Und ich kann Liebe empfinden, ohne
überall bleiben zu müssen.

Heute weiß ich, dass Loslassen nicht das Gegenteil von Liebe ist.
Manchmal ist Loslassen die reinste Form von Liebe.

Liebe zu sich selbst. Liebe zum eigenen Weg. Und Liebe zu der Erkenntnis, dass nicht alles, was uns einmal begleitet hat, dazu bestimmt ist, für immer bei uns zu bleiben.Liebe zu sich selbst. Liebe zum eigenen Weg. Und Liebe zu der Erkenntnis, dass nicht alles, was uns einmal begleitet hat, dazu bestimmt ist, für immer bei uns zu bleiben.

Denn manchmal ist Loslassen die reinste Form der Liebe. Einem Menschen seinen eigenen Weg zuzugestehen, ohne ihn festzuhalten, zu überzeugen oder zu verändern. Im Vertrauen darauf, dass jede Erfahrung eine Bedeutung hat und jeder Mensch seine eigenen Erkenntnisse zur richtigen Zeit gewinnen wird. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Respekt vor seiner Freiheit und seinem persönlichen Wachstum.

Manche Menschen sind eine Jahreszeit unseres Lebens.
Und auch wenn ihre Zeit vorbei ist, dürfen wir dankbar weitergehen.
Doch die wichtigsten Menschen bleiben.

Manche Verbindungen begleiten uns durch alle Wandlungen hindurch. Sie verändern ihre Form, durchlaufen Herausforderungen und Zeiten der Distanz, doch ihr Platz in unserem Herzen bleibt bestehen.

Für mich waren das immer meine Oma, meine Geschwister und ihre Kinder.

Besonders die Beziehung zu meiner Schwester war nicht immer einfach. Über viele Jahre hinweg wurde sie von den Meinungen und Einflüssen anderer Menschen mitgeprägt.

Auch ich nahm zeitweise bewusst Abstand.

Als ich zurückkehrte, nahm ich wahr, dass sie ständig an mir herumnörgelte und immer wieder etwas Negatives an mir fand. Irgendwann musste ich jedoch verstehen, dass nicht sie diejenige war, die sich darauf versteift hatte, sondern ich selbst diejenige war,
die diese negativen Bemerkungen bewusst wahrnahm und nicht bereit war, sie einfach hinzunehmen.

Ich habe mich verändert.

Ich nahm Abstand, weil es oft der beste Weg ist, sich von Menschen zu entfernen, die ständig nach Fehlern bei einem suchen. Denn irgendwann wird man für sie zum Trigger. Die eigene Präsenz löst etwas in ihnen aus, wodurch sie den Blick vor allem auf das richten, was ihrer Meinung nach nicht stimmt.

Ich suchte nicht nach einem zusätzlichen Kontakt, außer dem der aufgrund unserer Familie schon sowieso da war.

Nicht aus Ablehnung, sondern weil ich verstand, dass wir niemals beste Freundinnen sein würden. Wir waren unterschiedlich. Wir wurden unterschiedlich geprägt, machten unterschiedliche Erfahrungen und entwickelten verschiedene Sichtweisen auf das
Leben.

Und dennoch war da immer etwas, das uns verband. Blut.

Für mich ging es nie darum, dass wir uns in allem einig sein mussten. Mir war nur wichtig, dass sich der Schmerz zwischen uns auflösen durfte. Dass wir einen Weg finden konnten, einander mit Respekt und Verständnis zu begegnen.

Ich wusste, dass auch sie vieles erlebt hatte. Erfahrungen, die tiefe Spuren in ihrer Seele hinterlassen hatten, selbst wenn sie diese vielleicht niemals in Worte fassen würde, oder zugeben.

Oft erkannte ich Muster in ihrem Verhalten. Ich verstand, woher manche Reaktionen kamen und weshalb bestimmte Dynamiken entstanden waren. Früher hätte ich versucht, sie darauf hinzuweisen. Früher hätte ich geglaubt, helfen zu müssen.

Doch mit den Jahren lernte ich etwas anderes. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg. Und nicht jede Erkenntnis möchte von außen gegeben werden.

Als Numerologin weiß ich, dass die Energie der Fünf dazu neigen kann, ungefragt Ratschläge zu erteilen. Früher war das auch ein Teil von mir. Doch ich hatte gelernt, loszulassen. Ich musste niemanden mehr verändern. Ich musste niemanden mehr überzeugen.

Meine Schwester musste ihren Weg gehen.
Und ich respektierte das.
Mit der Zeit bemerkte ich etwas Wunderschönes.

Je länger ich einfach blieb, desto weicher wurde die Beziehung zwischen uns.

Vielleicht begann sie irgendwann, mich für den Menschen zu sehen, der ich wirklich bin, anstatt für das Bild, das andere von mir gezeichnet hatten.

Vielleicht begann sie durch meine Geschichte zu verstehen, warum vieles in meinem Leben so gewesen war, wie es gewesen war

Vielleicht begann sie auch, sich selbst auf ihre eigene Weise zu entwickeln und zu heilen.

Ich weiß es nicht. Und irgendwann spielte der Grund auch keine Rolle mehr.
Wichtig war nur, was zwischen uns entstand.

Ein stilles Verständnis. Ein gegenseitiger Respekt. Die Gewissheit, füreinander da zu sein, wenn Unterstützung gebraucht wird.

Mehr brauchte ich nicht. Es reichte mir vollkommen. Denn ich spürte, dass der alte Schmerz nicht mehr zwischen uns stand.

Ich spürte ihre Liebe. Und ich hoffe, dass auch sie meine spüren kann.

Rückblickend glaube ich, dass mein Aufenthalt in Deutschland weit mehr bewirkt hat, als ich damals ahnen konnte.

In diesen dreieinhalb Jahren heilten nicht nur alte Wunden in mir. Auch die Beziehungen innerhalb meiner Familie begannen sich zu verändern.

Was über Jahrzehnte belastet gewesen war, durfte langsam weicher werden.

Nicht durch Kampf. Nicht durch Überzeugungsarbeit. Sondern durch Bewusstsein, Geduld und die Bereitschaft, immer wieder Liebe über alte Geschichten zu wählen.

Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, auf diesen Moment zu warten.

Manche erreichen ihn nie.

Ich bin unendlich dankbar, dass ich ihn erleben durfte.

Doch die Heilung meiner Familienbeziehungen war nur ein Teil meiner Reise.

Während sich im Inneren vieles neu ordnete, begann sich auch mein äußeres Leben zu verändern.

Ende des Jahres 2024 traf ich eine Entscheidung, die mein Leben in eine völlig neue Richtung führen sollte.

Ich kündigte meinen Bürojob und erlaubte mir, dem Ruf meiner Seele vollständig zu folgen.

Ich entschied mich, meinen Weg als Reiki-Meisterin zu gehen.

Doch das war nicht der einzige Grund für diese Veränderung.

Auch meine Oma wurde zunehmend schwächer. Ein Besuch am Tag fühlte sich plötzlich nicht mehr ausreichend an. Ich wollte morgens bei ihr sein und gemeinsam frühstücken und abends noch einmal nach ihr sehen, und fürs Bett vorbereiten. Ich wollte die Erste sein, die sie nach dem Aufwachen sieht, und die Letzte, die ihr eine gute Nacht wünscht. Ich wollte, dass sie bis zu ihrem letzten Atemzug wusste, dass ich für sie da war.

Zeit wurde zu etwas Wertvollem.

Und gleichzeitig wurde mir bewusst, dass das Leben uns manchmal genau durch die Menschen, die wir lieben, in unsere nächste Entwicklung führt.

Meine Oma wurde erneut zu einem Grund, etwas zu wagen, wovor ich lange Zeit Angst gehabt hatte und das mich gleichzeitig immer wieder gerufen hatte: die Selbstständigkeit.

Um für sie da sein zu können, brauchte ich mehr Freiheit. Ich musste selbst entscheiden können, wie ich meine Tage gestalte und wann ich arbeite. Ich wollte nicht zwischen Arbeitszeiten und Herzensmomenten wählen müssen.

Also traf ich eine Entscheidung.
Eine Entscheidung, die sich gleichzeitig mutig und beängstigend anfühlte.

Am 1. Dezember 2024 wurde iRenum+ angemeldet.

Es war kein lauter Neuanfang.
Kein dramatischer Sprung ins Ungewisse.
Es war vielmehr ein stilles Ja zu mir selbst.
Ein Ja zu einem Weg, der sich über viele Jahre hinweg vorbereitet hatte.

Mir war bewusst, dass der Aufbau eines Unternehmens Zeit brauchen würde. Besonders eines, das auf Reiki, Numerologie, persönlicher Entwicklung und innerer Transformation basiert. Solche Wege entstehen nicht über Nacht. Sie wachsen durch Vertrauen, Erfahrung und echte Begegnungen.

Auch das finanzielle Risiko war mir bewusst.

Doch nach allem, was ich in meinem Leben bereits gemeistert hatte, wusste ich, dass ich auch diese Herausforderung bewältigen würde.

Das Leben hatte mich oft gelehrt, mit Unsicherheit umzugehen. Es hatte mir gezeigt, wie viel Kraft in mir steckt, selbst dann, wenn die Umstände schwierig waren.

Nach dem Krankheitsfall meiner Mutter meldete ich mich offiziell als Pflegeperson meiner Oma. Solange ich finanziell auf eigenen Beinen stand, nahm ich jedoch keine Auszahlungen in Anspruch. Erst als mein Gehalt wegfiel und ich mich durch den Aufbau von iRenum+ erneut in einer finanziell schwierigen Situation befand, entschied ich mich, das Geld anzunehmen, das mir zustand.

Meine Oma selbst sagte mir, ich solle nichts von dem übrig lassen, was die Versicherung für ihre Pflege zahlte. Doch es gab noch einen weiteren Grund für meine Entscheidung. Ich wusste, dass das Geld früher oder später zum Thema in der Familie werden würde – insbesondere dann, wenn meine Oma eines Tages nicht mehr da sein
würde. Und ich sah nicht ein, dass Menschen, die vielleicht einmal pro Woche erschienen, darüber entscheiden sollten, was mir für meine tägliche Unterstützung und Verantwortung zustand.

Das löste Wut und Neid innerhalb der Familie aus. Dabei ging es nicht unbedingt um das Geld selbst, sondern vielmehr um meine Art, damit umzugehen. Ich brauchte keine Meinungen von außen. Was ich hatte, war die klare Entscheidung meiner Oma und die offizielle Bestätigung der Krankenversicherung.

Ich handelte so, wie ich es für richtig hielt. Denn ich war diejenige, die immer da war. Ich war diejenige, die Verantwortung trug, die den Alltag organisierte und die Unterstützung leistete, wenn sie gebraucht wurde.

Meine Tante sagte später zu mir, dass ich nur wegen des Geldes zurückgekommen bin. Und sie sagte das auch zu meiner Oma....
Ich lasse das hier einfach so stehen.
Lass es auf dich wirken.

Manchmal entstehen in Familien jedoch Dynamiken, in denen es nicht mehr darum geht, die Wahrheit zu erkennen oder das Wohl eines Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Verletzte Gefühle, alte Konflikte, Konkurrenz oder das Bedürfnis, die eigene Sichtweise durchzusetzen, können dazu führen, dass selbst die reinsten Absichten infrage gestellt werden.

Wenn jemand einer sterbenden Mutter einredet, die Person, die sie pflegt und begleitet, handle aus eigennützigen Motiven, dann trifft das nicht nur denjenigen, über den gesprochen wird. Es kann auch den Menschen verletzen, der diese Worte hört.Denn Zweifel werden dort gesät, wo eigentlich Vertrauen sein sollte.

Vielleicht ging es nie wirklich um Geld. Vielleicht ging es um etwas ganz anderes – um ungelebte Nähe, um alte Wunden, um das Gefühl, keine wichtige Rolle zu spielen, oder um die Schwierigkeit, die Entscheidungen anderer anzunehmen. Solche Dynamiken gibt es in vielen Familien.

Vieles deutet darauf hin, dass es hier vor allem darum ging, dass ich es war und nicht sie, die jeden Tag dort war. Trotz all des Neids und der Ablehnung, die mir entgegenschlugen, konnte ich ihren Schmerz spüren und verstehen. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen war.

Sie war die Tochter meiner Oma, das einzige Mädchen in der Familie – und dann kam ich ins Spiel. Anfangs dachte ich, dass ihr Neid mir gegenüber etwas mit ihren Kindern zu tun hätte. Doch mit der Zeit musste ich erkennen, dass nicht nur sie mich mit sich selbst in Konkurrenz trat, auch wenn ich nie an einem Wettbewerb teilnehmen wollte. Ich wusste nicht mal davon.

Rückblickend frage ich mich, ob es nie wirklich um das ging, was zwischen uns sichtbar war, sondern um etwas Tieferes. Um Rollen innerhalb der Familie, um Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit und um Verletzungen, die lange vor mir entstanden waren und dennoch
ihren Weg in unsere Beziehung fanden.

Die Beweggründe eines Menschen erkennt man nicht a den Gerüchten, die über ihn erzählt werden, sondern an seinen Taten. Und die Taten sprechen oft eine deutlichere Sprache als Worte es jemals könnten.

Und das wusste auch meine Oma.

Meine finanzielle Situation wurde immer wieder benutzt, um meine guten Seiten zu beschmutzen und meine Absichten infrage zu stellen. Denn so funktionierte die Hierarchie in unserer Familie. Was in den eigenen Reihen geschah, wurde verschwiegen, verharmlost oder schnell vergessen. Die Fehler der einen wurden verborgen, während die Schwächen der anderen hervorgehoben wurden.

Erst viele Jahre später stieß ich auf den Begriff „Крадник“ aus der russischen Esoterik.Dort wird darunter nicht nur der Diebstahl von Geld verstanden. Ein Крадник soll sich auch auf Glück, Chancen, Erfolg, Lebensenergie, Beziehungen oder sogar auf das Potenzial eines Menschen richten. Die Vorstellung dahinter ist, dass jemand versucht, sich von der Kraft eines anderen zu nähren, indem er diesen schwächt, entwertet oder an sich selbst zweifeln lässt.

Ob man an solche Konzepte glaubt oder nicht, die dahinterliegende Dynamik ist real. Wenn einem Menschen immer wieder gesagt wird, dass er unfähig sei, dass seine Absichten nicht ehrlich seien, dass er nie erfolgreich sein werde oder hinter jeder guten Tat ein verstecktes Eigeninteresse stecke, dann soll er irgendwann beginnen,
genau das über sich selbst zu glauben .

In der russischen Esoterik heißt es, dass ein Крадник oft nicht durch Rituale wirkt, sondern durch ständige Entwertung, Neid, Missgunst und die Wiederholung negativer Botschaften. Der Mensch verliert dabei nicht sein Potenzial – aber er verliert den Glauben daran. Und genau dort beginnt der eigentliche Diebstahl.

Rückblickend habe ich oft das Gefühl, dass meine finanzielle Situation deshalb immer wieder hervorgeholt wurde. Nicht weil sie meine Person definierte, sondern weil sie als Werkzeug diente.

Man sah mein Potenzial – auch das finanzielle. Und vielleicht genau deshalb wurde immer wieder versucht, mich kleinzuhalten und an mir zweifeln zu lassen.

Doch ich habe schon längst erkannt, dass es mich nicht weiterbringt, meinen Fokus darauf zu richten. Denn wo unsere Aufmerksamkeit hingeht, fließt auch unsere Energie. Deshalb habe ich aufgehört, mich mit den Begrenzungen anderer zu beschäftigen, und begonnen, meine Kraft in meinen eigenen Weg und mein Wachstum
zu investieren.

Weil tief in meinem Inneren wusste ich etwas anderes. Ich wusste, dass meine Umstände nicht meine Identität waren.

Ich wusste, dass meine finanzielle Situation nichts über die Reinheit meiner Absichten aussagte.

Ich wusste, dass meine Liebe zu meiner Oma echt war.

Und ich wusste, dass kein Mensch einem anderen dauerhaft sein Potenzial stehlen kann. Denn der Moment, in dem wir erkennen, dass die fremden Stimmen nicht unsere eigene Wahrheit sind, ist der Moment, in dem wir uns unsere Kraft zurückholen.

Je mehr ich meine Kraft zurückholte, desto mehr Bitterkeit, Widerstand und Neid schienen mir entgegenzukommen. Es war, als würde sich ein Gleichgewicht verschieben. Ich wurde stärker, während diejenigen, die mich kleinhalten wollten, keinen Einfluss mehr auf mich hatten. Vielleicht war es genau das, was sie nicht
ertragen konnten.

Mit meiner Oma sprach ich oft über alles. Besonders in den letzten Monaten, als die Situation rund um Geld und die familiären Spannungen eskalierte. Nur ein einziges Mal sagte ich zu ihr, dass ich das Gefühl habe, von ihrer ganzen Familie gehasst zu werden.

Sie antwortete sofort und ohne zu zögern:

„Für mich bist du gut. Die Zunge hat keine Knochen, die Menschen werden immer reden.“

Das war ihre Art. Sie wollte meine Angreifer nicht wirklich sehen oder verurteilen, weil das ihre Familie war. Aber es war auch ihre Art, mir zu zeigen, dass sie mir glaubte. Dass sie meine Nähe, meine Fürsorge und meine Liebe als echt empfand. Und in diesem Moment war das alles, was zählte.

Ein anderes Mal sagte sie zu mir, dass sie mir niemals den Rücken kehren würde.

Und ich glaubte ihr.

Eines Tages sagte ich zu ihr, dass ich manchmal selbst nicht wisse, woher ich die Kraft nehme, in diesem Irrenhaus nicht durchzudrehen. Sie sah mich an und sagte nur:

„Сплюнь.“
„Verschrei es nicht.“

Sie verstand mehr, als viele glaubten. Sie sah mehr, als sie aussprach.

Regelmäßig sagte sie mir, dass sie mich bemitleide. Dass sie sehe, wie schwer alles für mich sei. Dass sie verstehe, wie viel ich trug.

Doch ich bat sie immer wieder, kein Mitleid mit mir zu haben.

Nicht, weil ich ihre Liebe ablehnte, sondern weil ich Mitleid als etwas Belastendes empfand. Mitleid stellt einen Menschen leicht in die Rolle des Opfers. Es bestätigt das
Leid, aber nicht die Kraft.
Und ich war kein Opfer.
Ich war auch nicht die Geschichte, die andere über mich erzählten.

Ich war diejenige, die zurückgekommen war. Diejenige, die getragen hatte. Diejenige, die trotz allem nicht aufgegeben hatte.

In meinem eigenen Verständnis war ich eine Lichtkriegerin mit einer Aufgabe.

Bis zu ihrem letzten Tag versuchte ich, meiner Oma eine andere Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Ich erklärte ihr, dass hinter Mitleid und Anerkennung oft dieselbe Absicht steckt: Man möchte einem Menschen zeigen, dass man ihn sieht. Doch die Wirkung ist
völlig unterschiedlich.

Wenn du jemanden bemitleidest, lenkst du seinen Blick auf seine Wunden.
Wenn du ihm dankst, lenkst du seinen Blick auf seine Stärke.
Wenn du ihn lobst, erinnerst du ihn an seine Fähigkeiten.

Deshalb sagte ich zu ihr, sie müsse mich nicht bemitleiden. Sie könne mir danken.Oder sagen, dass sie stolz auf mich sei. Denn die Liebe dahinter war dieselbe – aber die Energie, die beim anderen ankommt, ist eine vollkommen andere.

Es war ein täglicher Kampf, ihre negative Energie in etwas Positives zu verwandeln. Je mehr sie versuchte, das Schlechte in allem zu sehen, desto mehr bemühte ich mich, ihr das Gegenteil zu zeigen.

Sie war ein Mensch, der nie gelernt hatte, eine positive Sicht auf das Leben zu entwickeln. Und dennoch hoffte ich, dass meine Anwesenheit sie vielleicht dazu inspirieren könnte, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und daran zu glauben, dass nicht alles schlecht war.

Oft schien es, als würden wir in unterschiedlichen Welten leben. Während sie die Schatten sah, versuchte ich, das Licht sichtbar zu machen. Nicht, weil ich ihre Erfahrungen oder ihren Schmerz leugnen wollte, sondern weil ich ihr zeigen wollte, dass es neben den Enttäuschungen auch Hoffnung, Schönheit und Möglichkeiten gab.

Und dann kam eines Tages der Moment, auf den ich so lange gewartet hatte. Sie sagte genau das, was ich ihr all die Zeit hatte vermitteln wollen. Sie verstand, was ich meinte. Es geschah nur ein einziges Mal, doch ihre Worte klangen aufrichtig und kamen direkt aus ihrem Herzen. Für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, dass sie die Welt durch meine Augen sehen konnte – und dieser Moment blieb mir in Erinnerung.

So besuchte ich sie jeden Tag zweimal. Bevor sie ins Bett gebracht wurde, umarmte ich sie jeden Abend. Diese Momente waren für mich unbezahlbar geworden – ein stilles Ritual der Nähe und Fürsorge.

Besonders deutlich wurde mir das, als ich damals für vier Tage nach Florenz gereist war. Als ich zurückkam, erinnerte sie sich nicht einmal daran, dass ich weg gewesen war. In diesen Tagen waren meine Schwester und meine Nichte zur Unterstützung da – diejenigen, die tatsächlich geholfen haben, nicht jene, die stets wussten, wie man alles besser machen müsste.

Hilfe wurde nie angeboten. Ungefragte Ratschläge hingegen gab es immer wieder.

Als ich ihr erzählte, dass ich vier Tage nicht da gewesen war, schaute sie mich überrascht an und sagte: „Und du hast mich gar nicht umarmt.“

Dieser Satz traf mich mitten ins Herz. Von all den Dingen, die sie hätte vermissen können, war es nicht meine Anwesenheit an sich, nicht die erledigten Aufgaben oder die gewohnte Routine. Es war die Umarmung.

In diesem einen Satz lag eine Wahrheit, die tiefer ging als viele Gespräche zuvor. Denn trotz ihrer Verwirrung, trotz der Tage, die sie nicht mehr zählen konnte, hatte ihr Herz etwas bewahrt. Es erinnerte sich an das Gefühl von Nähe. An die Freude, mich wieder bei sich zu haben.

Vielleicht berührte mich dieser Moment auch deshalb so sehr, weil ihr immer wieder eingeredet worden war, dass ich eines Tages gehen würde. Oder dass ich nur wegen des Geldes da war.

Für mich war das mehr als nur ein Satz. Es war die stille Bestätigung, dass Liebe und Verlässlichkeit oft tiefer wirken, als wir es im Alltag bemerken. Selbst dort, wo Erinnerungen verblassen, bleibt manchmal das Gefühl zurück, dass jemand immer wiederkommt.

Für einen Moment wurde mir bewusst, dass vieles, was wir tun, vielleicht vergessen wird. Worte verblassen. Einzelne Tage verschwimmen. Doch das Gefühl, geliebt zu werden, findet oft einen Weg, selbst dann bestehen zu bleiben, wenn Erinnerungen
längst nicht mehr greifbar sind.

Und seit diesem Moment führte ich unsere nächtlichen Umarmungen ein. Ich wollte nicht mehr nach Hause gehen, ohne sie zuvor in die Arme genommen zu haben.

Es wurde zu einem stillen Ritual zwischen uns – ein Moment der Nähe am Ende jedes Tages. Ganz gleich, wie anstrengend der Tag gewesen war, wie viele Herausforderungen er mit sich gebracht hatte oder wie oft wir beide an unsere Grenzen gekommen waren: Bevor ich ging, umarmte ich sie.

Mit der Zeit verstand ich, dass diese Umarmungen nicht nur ihr gaben, sondern auch mir. Sie waren eine Erinnerung daran, warum ich all das tat. Sie schenkten Trost, Verbundenheit und die Gewissheit, dass trotz aller Schwierigkeiten noch etwas Bestand hatte, das stärker war als Missverständnisse, Konflikte oder die Krankheit selbst.

Manchmal sagte sie nichts. Manchmal lächelte sie nur. Doch in diesen Augenblicken brauchte es keine Worte. Die Umarmung sprach für sich. Sie sagte: Ich bin da. Du bist nicht allein. Und morgen komme ich wieder.

Mein Leben bestand aus meiner Oma und iRenum+. Aus bedingungsloser Liebe und einer Vision, die meinem Leben Sinn und Richtung gegeben hat.

Bevor iRenum+ überhaupt begann, hatte ich meinen Job bereits etwa sechs Monate zuvor gekündigt. Solange das Unternehmen nach einer geeigneten Nachfolge suchte, blieb ich noch im Betrieb. Es gab ein paar Anläufe, bis schließlich jemand gefunden wurde, der die Position dauerhaft übernehmen konnte.

In dieser Zeit arbeitete ich meinen Nachfolger ein. Mein Chef unterstützte dies sogar mit einem finanziellen Zuschuss. Von diesem Geld erfüllte ich mir später einen weiteren Traum: eine Reise auf die Malediven.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass manche Verwandte glaubten, diese Reise sei von dem Geld meiner Oma bezahlt worden.

Aber letztendlich – wen interessiert das?

Menschen sehen oft nicht das, was tatsächlich geschehen ist. Sie sehen das, was in ihr Weltbild passt.

Als ich das Unternehmen verließ und mein letztes Meeting hatte, sagte mein Chef etwas, das mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Er erklärte, dass er in seinem gesamten Leben und seiner gesamten beruflichen Laufbahn noch nie jemandem begegnet sei, der so arbeite wie ich. Er sprach von meiner Arbeitsethik, meiner Verlässlichkeit und meinem Verantwortungsbewusstsein.

Zu diesem Zeitpunkt war ich für Umsätze in Millionenhöhe verantwortlich. Jeden Tag traf ich Entscheidungen, die direkte Auswirkungen auf erhebliche finanzielle Ergebnisse hatten. Das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, war groß – und ich hatte es mir über Jahre erarbeitet.

Vielleicht ist es genau deshalb so ironisch, dass mir später ausgerechnet vorgeworfen wurde, man könne mir mit Geld nicht vertrauen.

Die 600 Euro monatlich, die ich für die Pflege meiner Oma erhielt, schienen für manche Menschen ein Vermögen zu sein. Ein Grund, meine Absichten infrage zu stellen. Ein Beweisstück für Theorien, die sie längst über mich gebildet hatten.

Was sie nicht wussten – oder vielleicht nicht wissen wollten –, war, was ich zu dieser Zeit bereits verdient hatte. Welche Verantwortung ich trug. Welche Position ich innehatte. Ein Jahr vor meiner Kündigung war ich in eine leitende Funktion befördert worden. Weil andere Menschen meine Fähigkeiten erkannt hatten und mir vertrauten.

Doch um das anzuerkennen, hätte man ein anderes Bild von mir akzeptieren müssen.

Und manchmal ist das schwerer, als weiterhin an einer Geschichte festzuhalten, die man sich über einen Menschen erzählt.

Denn wenn man anerkennen müsste, dass jemand trotz aller Schwierigkeiten erfolgreich geworden ist, verantwortungsvolle Positionen erreicht hat und sich seine Träume selbst erfüllt, dann müsste man vielleicht auch die eigenen Überzeugungen hinterfragen.

Und genau das möchten viele Menschen nicht.

Es ist einfacher, die Erfolge eines anderen kleinzureden, als sich zu fragen, warum sie einen selbst so sehr berühren.

Wenn wir beginnen, das zu leben, was wir wirklich lieben, verändert sich etwas in unserer Energie.

Die Arbeit fühlt sich nicht mehr wie ein Kampf an.
Sie wird zu einem Ausdruck dessen, wer wir sind.
Genau das geschah mit iRenum+.
Ich liebte jede einzelne Aufgabe.

Nicht nur die Reiki-Sitzungen oder die Arbeit mit Menschen, sondern auch alles, was dazugehört. Das Schreiben von Texten, die Gestaltung meiner Angebote, das Marketing, die Buchhaltung, die Planung neuer Ideen und selbst die vielen kleinen Aufgaben hinter den Kulissen.

Vielleicht gerade deshalb, weil alles aus meinen eigenen Händen entstand.
Jeder Schritt trug meine Energie.
Jede Entscheidung spiegelte meine Werte wider.
Jeder neue Tag ermöglichte mir, etwas aufzubauen, das sich wahrhaftig anfühlte.

Vielleicht gerade deshalb, weil alles aus meinen eigenen Händen entstand. Jeder Schritt raubte meine Energie.

Jede Entscheidung spiegelte meine Werte wider.

Jeder neue Tag ermöglichte mir, etwas aufzubauen, das sich wahrhaftig anfühlte.

Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, mein Leben nicht mehr um einen Beruf herum organisieren zu müssen.

Mit dieser neuen Freiheit begann auch eine weitere Phase meiner persönlichen Entwicklung.

Die Selbstständigkeit zeigte mir Seiten von mir, die ich zuvor noch nicht gekannt hatte. Sie machte Stärken sichtbar, die lange verborgen gewesen waren. Gleichzeitig brachte sie Ängste, Zweifel und alte Glaubenssätze an die Oberfläche, die immer noch gesehen und transformiert werden wollten.

Doch genau darin lag ihre größte Gabe.
iRenum+ wurde nicht nur ein Unternehmen.
Es wurde ein Spiegel meines eigenen Wachstums.

Durch diese innere Transformation öffnete sich für mich eine weitere Facette, die ich schon lange in mir gespürt hatte: meine Stimme.

Immer wieder schrieben mir Menschen – sei es in TikTok-Lives oder auch privat –, dass meine Stimme auf sie beruhigend wirke. Manche beschrieben, dass sie sich entspannen oder innerlich zur Ruhe kommen, wenn sie mir zuhören. Vor allem in Momenten, in denen ich geführte Meditationen oder energetisch orientierte Übungen sprach, wurde mir dieses Feedback besonders häufig gegeben. Menschen fragten mich sogar gezielt nach Meditationen mit meiner Stimme.

Das war mir früher nicht bewusst gewesen. Erst durch diesen Schritt ins Ungewisse begann ich, etwas wahrzunehmen, das vielleicht schon immer da war, aber nie von mir bewusst genutzt wurde.

Gleichzeitig wurde mir mit der Zeit auch etwas anderes klar.

Ich begann zu verstehen, dass meine Art zu sprechen und Menschen zu erreichen nicht nur Zustimmung auslöste, sondern auch Reibung. Immer wieder erlebte ich Situationen im Leben davor, in denen meine Worte hinterfragt, umgedeutet oder mir zugeschrieben wurden, als hätten sie eine Wirkung, die über das reine Gespräch hinausging.

Damals, als ich noch ungeheilt war, habe ich das oft als eigene Schwäche interpretiert – als Unfähigkeit, mich klar auszudrücken oder gehört zu werden. Ich wurde häufig unterbrochen, nicht zu Ende angehört oder in meiner Intention missverstanden.

Erst später begann ich zu erkennen, dass meine Art, Menschen zu berühren und zu inspirieren, auch etwas in ihnen auslösen konnte – nicht nur Zustimmung, sondern auch Widerstand.

Und ich verstand, dass genau diese Wirkung bei manchen Menschen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen kann. Während die einen sich davon gestärkt fühlen, kann es bei anderen Gefühle von Vergleich, Unsicherheit oder Konkurrenz auslösen – besonders
dort, wo Einfluss, Aufmerksamkeit oder emotionale Wirkung eine Rolle spielen.

Ich selbst habe lange gebraucht, um das einzuordnen.

Heute sehe ich es weniger als Kampf zwischen Menschen, sondern als unterschiedliche Arten, mit Wirkung und Einfluss umzugehen. Manche nutzen Worte, um zu kontrollieren. Andere, um zu verbinden. Und manchmal werden diese Unterschiede missverstanden oder gegeneinander gestellt.

Was ich heute sicher weiß: Meine Absicht war nie Kontrolle, sondern Verbindung. Und meine Stimme war für mich immer zuerst ein Ausdruck von etwas, das durch mich hindurch sprechen wollte – nicht gegen jemanden, sondern zu Menschen hin.

Achtzehntes Kapitel

Wenn der Verstand vorbereitet ist, das Herz aber nicht

All die Zeit, die ich wieder in Deutschland war, bereitete ich mich innerlich auf einen Gedanken vor: dass eines Tages der Moment kommen würde, an dem ich meine Oma verlieren werde.

Man kann sich noch so oft sagen, dass jeder Mensch irgendwann gehen muss. Man kann es verstehen, akzeptieren und sich gedanklich darauf vorbereiten. Doch wenn dieser Tag tatsächlich näher rückt oder schließlich eintritt, merkt man, dass Wissen und Realität zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Man ist geschockt. Geschwächt.
Und nichts bereitet das Herz wirklich darauf vor.

Als die ständigen Streitereien innerhalb der Familie begannen und ich gleichzeitig sah, wie meine Oma immer dünner wurde und sich ihr Gesicht von Woche zu Woche veränderte, wusste ich tief in mir, dass ihre Zeit wahrscheinlich nicht mehr lange dauern würde.

Weil mein Gehirn schon immer versucht hat, Situationen im Voraus zu durchdenken, begann ich nicht nur an ihren Abschied zu denken, sondern auch an alles, was danach auf uns zukommen würde.

Ich wusste, dass ich mich auf niemanden wirklich verlassen konnte. Schließlich hatte sich bis dahin kaum jemand die Mühe gemacht, ihr Leben wirklich leichter zu machen, solange sie noch lebte. Die täglichen Anrufe, um nach ihrem Zustand zu fragen, halfen im Alltag letztlich nur dabei, zu wissen, dass sie nicht vergessen worden war.

An dieser Stelle muss ich allerdings erwähnen, dass meine Tante einmal pro Woche kam, um sie zu waschen. Ich sagte meiner Oma, dass ich das genauso für sie übernehmen könne. Doch sie antwortete, dass meine Tante das gerne machen möchte. Ich habe auch nicht darauf bestanden, ihr diese gemeinsame Zeit wegzunehmen. Trotz allem, was zwischen uns stand, habe ich immer verstanden, wie wichtig die Verbindung zwischen einer Mutter und ihrer Tochter sein kann. Nicht, weil ich sie selbst erlebt hätte, sondern weil ich sie auf meine Weise verstanden und tief empfunden habe.

Was ich allerdings nicht wusste, war, wie die Abläufe nach einem Todesfall funktionieren. Ich wusste nicht, welche Kosten entstehen, welche organisatorischen Schritte notwendig sind oder wie kompliziert all das werden kann – besonders in einer Familie, in der ständig Menschen von außen bestimmen wollen, was richtig oder falsch sei. In einer Familie, in der vieles verschwiegen wird.

Meine Oma hatte Geld für ihren Tod zurückgelegt – das wussten wir. Trotzdem hatte ich keine Vorstellung davon, wie solche Prozesse tatsächlich ablaufen. Als ich sie auf diese Dinge ansprach, sagte sie nur, dass wir alles gemeinsam regeln würden, wenn der Zeitpunkt gekommen sei. Sie wollte nicht, dass wir uns ihretwegen streiten.

Für mich stand jedoch eines fest:
Ich würde niemandem erlauben, an diesem Tag plötzlich zu erscheinen und Anweisungen zu geben, wie alles zu laufen habe. Vor allem nicht Menschen, die mir zuvor die schrecklichsten Dinge vorgeworfen hatten. Dinge, die niemals der Wahrheit entsprachen, sondern aus Neid, Eifersucht und einer Dynamik entstanden waren, die längst nichts mehr mit Fürsorge oder Zusammenhalt zu tun hatte.

Immer wenn eine Idee von mir kam, wurde sie automatisch abgelehnt. Nicht, weil sie schlecht war oder keinen Sinn ergab, sondern weil sie von mir kam.

Sobald Irina etwas vorschlug, schienen sämtliche Egos innerhalb der Familie gleichzeitig Alarm zu schlagen.

Also tat ich das, was ich mein Leben lang getan hatte. Ich kümmerte mich selbst darum.

Ich vereinbarte einen Termin bei einem Bestattungsinstitut, weil ich verstehen wollte, was nach dem Tod eines Menschen überhaupt geschieht. Ich wollte den Ablauf kennen. Ich fragte nach den Kosten, weil ich wissen wollte, ob wir als Familie etwas bezahlen müssten. Und offen gesagt wollte ich auch planen, weil ich selbst finanziell wieder an einem schwierigen Punkt angekommen war.

Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Termin viel schneller Bedeutung bekommen würde, als ich jemals erwartet hätte.

Bei diesem Gespräch wurden bereits vieles ausgewählt und vorbereitet.

Wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe, möchte ich bewusst für mich behalten. Manche Erinnerungen dürfen privat bleiben.

Nur eines kann ich sagen: Es ist unbeschreiblich schwer, etwas zu planen, von dem man weiß, dass es einen Menschen betrifft, den man liebt. Innerlich zerbricht etwas. Und gleichzeitig weiß der Verstand, dass genau das jetzt das Richtige ist.

Ich wusste nicht, wie ich mich fühlen würde, wenn der Tag tatsächlich kommt. Ich wusste nicht, ob ich die Kraft haben würde, alles durchzustehen.

Natürlich werden viele Menschen sagen, dass man so etwas nicht vorbereitet, solange der Mensch noch lebt.

Diese Meinung dürfen sie gerne behalten.

Ich habe mein Leben noch nie nach den Standards anderer Menschen gelebt.

Ich wollte nicht bis zum letzten Moment warten – schon gar nicht mit einer Familie, deren Dynamik ich mittlerweile nur zu gut kannte. Natürlich erklärte meine Tante auch hier sofort, dass ich wohl „verrückt“ sei.

Sie meinte, später würden wir alle gemeinsam als Familie entscheiden. Ich musste innerlich fast lachen.

Denn ich wusste genau, was das bedeutete.

Es hätte wahrscheinlich nur dazu geführt, dass alles, was wir eingebracht hätten, erneut abgelehnt worden wäre. Und am Ende wäre trotzdem genau das umgesetzt worden, was die anderen ohnehin von Anfang an für richtig gehalten haben.

Sie sagte außerdem, ihre Kinder würden dann selbstverständlich helfen. Die gleichen Kinder, die vielleicht ein- oder zweimal im Jahr kamen?

Natürlich würde man erscheinen, wenn es darum ging, nach außen ein schönes Bild einer fürsorglichen Familie zu zeigen.

Ich antwortete nur: „Man kümmert sich um einen Menschen, solange er noch lebt.Nicht erst, wenn er gegangen ist.”

Damit meinte ich nicht, dass sie gar nichts getan hätten. Ich meinte, dass Besuche selten waren. Ein- oder zweimal im Jahr. Das ist keine Verurteilung. Und es soll hiermit auch niemanden schlechtmachen. Es sind lediglich die Fakten, auf deren Grundlage ich verstanden habe, dass ich selbst Verantwortung übernehmen musste.

Anfang September geschah etwas, das ich bis heute kaum erklären kann.

Nachdem ich meine Oma besucht hatte, verspürte ich plötzlich einen starken Drang, in die Natur zu gehen. Es war kein Gedanke, den ich bewusst fasste. Es war ein Gefühl. Etwas zog mich dorthin.

Ich fuhr zum Detmeroder Teich und setzte mich zwischen die Bäume ans Wasser. Der Wind ließ feine Wellen über die Oberfläche tanzen, während sich die Sonnenstrahlen darin spiegelten und jede kleine Bewegung zum Glitzern brachten.

Es war still.

Eine Stille, die nicht leer war, sondern voller Frieden. Fast so, als hätte die Natur für einen kurzen Moment alles um mich herum verstummen lassen.

Ich vergab. Ich vergab meiner Tante all die verletzenden Worte, die sie mir entgegengeworfen hatte. Vieles davon habe ich in diesem Buch gar nicht erwähnt.Manche Situationen dürfen auch einfach bei mir bleiben.

Ich vergab meiner Cousine, die so viel Chaos verursacht und meinen Namen in den Dreck gezogen hatte, nur um selbst besser dazustehen.

Ich vergab ihnen allen. Nicht ihretwegen. Sondern für mich. Für meinen inneren Frieden.

Am nächsten Morgen besuchte ich meine Oma wie jeden Tag.

Als ich ihr Nachthemd zurechtrückte, bemerkte ich unter ihrer Brust einen blutigen Fleck. Sofort wusste ich, was geschehen war.

Der Brustkrebs hatte sich seinen Weg nach außen gebahnt. Die Haut hatte dem Tumor nicht länger standhalten können, und die Wunde war aufgegangen. Für Menschen mit fortgeschrittenem Brustkrebs ist das oft ein Zeichen dafür, dass der Körper seine letzten Kräfte verliert.

In diesem Moment wusste ich, dass unsere gemeinsame Zeit nun sehr begrenzt sein würde.

Von diesem Moment an sprach niemand mehr von Jahren. Man sprach nur noch von Wochen oder vielleicht einigen wenigen Monaten.

Doch tief in meinem Inneren wusste ich, dass selbst das nicht mehr stimmen würde.

Meine Oma war inzwischen sehr schwach. Ihr Herz hatte kaum noch Kraft, und ihr Körper zeigte immer deutlicher, dass er sich langsam verabschiedete. Was ich in diesem Moment fühlte, war keine Hoffnungslosigkeit. Es war Gewissheit.

Diese stille Gewissheit, die sich nicht erklären lässt und plötzlich einfach da ist.

Von diesem Tag an blieben uns genau neun gemeinsame Tage.

In dieser Zeit bereitete ich meine Familie langsam auf das vor, was kommen würde. Besonders meinen Vater bat ich immer wieder, öfter in ihr Zimmer zu gehen, bei ihr zu sitzen und mit ihr zu sprechen.

Eines Tages fragte er mich, ob die Ärzte gesagt hätten, wie lange sie noch leben würde. Ich antwortete ihm, dass niemand es genau wisse.

Doch innerlich wusste ich bereits, dass wir nicht mehr von Wochen sprechen konnten.

Geschweige denn von Monaten. Für mich waren es nur noch Tage.

In diesen letzten Tagen gab ich meiner Oma noch eine Reiki-Sitzung. Mein Wunsch war es, sie von den schweren Energien ihres Lebens zu befreien und ihr den Übergang so leicht wie möglich zu machen.

Während der Behandlung begann mein Körper so stark zu zucken, dass selbst sie überrascht war. Immer wieder machte sie erstaunte Geräusche und sagte, wie faszinierend sie es finde, was während der Sitzung geschah. Ich musste feststellen, dass unglaublich viel Belastendes ihren Körper verließ.

Gleichzeitig spürte ich, dass nun auch die emotionalen Wunden unserer Familie heilen durften.

Ich sprach mit meiner Mutter und bat sie, sich bei ihrer Schwiegermutter für all die verletzenden Dinge zu entschuldigen, die sie ihr im Laufe des Lebens gesagt hatte.

Meine Mutter brauchte einen Moment, um sich darauf vorzubereiten. Dann ging sie ins Zimmer. Sie entschuldigte sich.

Meine Oma hörte ihr ruhig zu und antwortete lediglich: „Was war, war. Es liegt jetzt in der Vergangenheit.“ Mehr sagte sie nicht.

Doch genau das war ihre Art, die Entschuldigung anzunehmen.

Etwa eine Woche vor ihrem Tod verspürte ich plötzlich das Bedürfnis, mich zu ihr ins Bett zu legen. Sie war inzwischen so zierlich geworden, dass genug Platz für uns beide war. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir einfach nur nebeneinander lagen.

Sie schaute mich überrascht an und sagte lächelnd, dass wir das wohl noch nie in unserem Leben gemacht hätten.

Wahrscheinlich hatte sie vergessen, dass ich als Kind manchmal bei ihr im Bett geschlafen hatte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihre Körperwärme spürte.

Oder an die Zeit, als wir nach unserer Ankunft in Deutschland ein Doppelbett teilten.Damals schimpfte sie oft mit mir und manchmal schlug sie mich sogar, wenn sie fand, dass ich frech gewesen war. Ich konnte nirgendwohin, weil wir uns ein Zimmer und ein Bett teilten. Als Kind belastete mich ihre ständige Nörgelei sehr. Sie sah in fast allem
zuerst das Negative. Wollte sie mich schlagen, musste sie nur ihren Arm nach mir im Bett ausstrecken.

Und trotzdem lag ich nun wieder neben ihr.

Vielleicht machte genau das diesen Moment für sie so besonders.

Während der letzten Jahre hatten andere ihr eingeredet, ich würde mich nur wegen ihres Geldes um sie kümmern.

Je mehr ich versuchte, ihr zu zeigen, wie sehr ich sie liebte, desto mehr versuchten andere, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Doch dort, in diesem Bett, zählten keine Worte mehr. Nur unsere Nähe.

Und während wir still nebeneinanderlagen, geschah etwas, das ich bis heute nie wieder erlebt habe.

Ich spürte, wie meine Kraft von Minute zu Minute schwand. Es fühlte sich an, als würde meine Lebensenergie meinen Körper verlassen. Plötzlich war ich unbeschreiblich schwach. Nicht so, wie man sich nach einem langen Tag oder einer schlaflosen Nacht fühlt. Es war, als wäre etwas in mir ausgesaugt worden.

Während wir dort lagen, liefen mir leise die Tränen über das Gesicht. Ich drehte den Kopf ein wenig weg, damit sie es nicht bemerkte. Ich wollte nicht, dass sie wusste, was in mir vorging. Doch auf der seelischen Ebene wusste sie natürlich auch..

Tief in meinem Inneren wusste ich, dass dies wahrscheinlich das letzte Mal sein würde, dass wir so beieinanderliegen. Zum ersten Mal spürte ich nicht nur mit meinem Verstand, sondern mit meinem ganzen Herzen, dass unser gemeinsamer Weg zu Ende ging. Es war kein gewöhnlicher Moment. Es war unser Abschied.

Heute glaube ich, dass dieser Moment mehr war als nur körperliche Erschöpfung.

In vielen spirituellen Traditionen heißt es, dass Menschen kurz vor ihrem Übergang beginnen, sich energetisch von dieser Welt zu lösen. Manche sprechen davon, dass sich ihre Energie verändert und besonders feinfühlige Menschen diesen Prozess wahrnehmen können.

Als Reiki-Meisterin habe ich in den Jahren viele Energien gespürt. Doch nichts war mit diesem Moment vergleichbar. Es fühlte sich an, als hätten sich unsere Energien für einen kurzen Augenblick vollständig miteinander verbunden. Vielleicht war es ihre
Seele, die sich bereits auf den Übergang vorbereitete. Vielleicht durfte ich sie auf den letzten Schritten begleiten.

Ich werde nie mit Sicherheit wissen, was in diesem Moment geschah. Aber tief in meinem Herzen weiß ich, dass es kein gewöhnlicher Augenblick war. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen Worte nicht mehr ausreichen. Für mich war es das letzte stille Geschenk, das wir uns gegenseitig gemacht haben – einfach nur nebeneinander zu liegen, ohne etwas sagen zu müssen.

Die letzten Tage waren für mich unglaublich emotional. Nach außen funktionierte ich weiter und arbeitete an iRenum+, doch tief in meinem Inneren wusste ich, dass sich mein Leben schon bald wieder grundlegend verändern würde.

An dem Tag, an dem alles geschah, war meine Oma bereits sehr schwach.

Im letzten Jahr ihres Lebens machten wir jeden Tag gemeinsam zwei Runden durch die Wohnung. Es waren keine großen Spaziergänge, aber sie waren wichtig. Sie stärkten ihre Beine und halfen ihr, so lange wie möglich mobil zu bleiben.

Und genau das schaffte sie.

Bis auf den letzten Tag vor ihrem Tod konnte sie noch aufstehen. Selbst der Gang zur Toilette war für sie, mit unserer Unterstützung, immer noch ein kleiner Spaziergang.Sie wollte ihre Selbstständigkeit so lange wie möglich bewahren und sich ihre Würde nicht nehmen lassen.

So stark war diese Frau.

Ihr Körper wurde immer schwächer, doch ihr Wille blieb ungebrochen. Sie kämpfte nicht, um den Tod aufzuhalten. Sie kämpfte bis zum Schluss dafür, sie selbst zu bleiben.

Erst einen Tag vor ihrem Tod konnte sie nicht mehr aus dem Bett aufstehen.

Auch meine Tante kam an diesem Tag. Aus Liebe zu meiner Oma gelang es uns, unsere Differenzen beiseitezulegen und den Tag gemeinsam ruhig und fürsorglich mit ihr zu verbringen.

Ich spürte, dass die kommende Nacht die entscheidende sein würde.

Am Abend fuhr ich noch einmal nach Hause, um meine Schlafsachen zu holen, bevor meine Tante wieder abreiste. Ich wollte die Nacht bei meiner Oma verbringen.

Ich wollte bis zu ihrem letzten Atemzug bei ihr sein.

Ich wollte bis zu ihrem letzten Atemzug bei ihr sein.

Ich legte eine Matratze neben ihr Bett. Sie war unruhig, drehte sich immer wieder hin und her und konnte keinen Schlaf finden. Schon tagsüber hatte sie begonnen, meinen Opa zu sehen, der bereits vor 35 Jahren verstorben war. Sie sprach mit Menschen, die wir nicht sehen konnten, und erzählte von Dingen, die sich ihrer Realität entzogen.Wenige Minuten später war sie wieder vollkommen klar und sprach ganz normal mit mir.

Irgendwann, gegen Mitternacht, lächelte sie und sagte, dass die Hasen in ihrem Bett mit ihr lustig sprechen würden. Über ihrem Bett hing ein kleines Holzspielzeug in Form eines Hasen, das ihr Urenkel für sie gebastelt hatte. Durch den zunehmenden Sauerstoffmangel verschwammen für sie Realität und Wahrnehmung. Aus einem
Hasen wurden viele, die mit ihr redeten.

Es war, als würde sie zwischen zwei Welten hin- und hergerissen werden. Zwischen Schlaf und Wachsein. Zwischen dieser Welt und einer anderen.

Immer wieder schlief sie für kurze Zeit ein. Ich machte das Licht aus und versuchte ebenfalls, etwas zu schlafen.

Doch jedes Mal wachte sie wieder auf und begann erneut zu sprechen.

Mit jeder Stunde wurden ihre Worte leiser und undeutlicher. Irgendwann konnte ich sie kaum noch verstehen. Bis schließlich auch das verstummte. Der Raum wurde still. Nur ihr ruhiger Atem war noch zu hören.

Ich weckte meine Eltern.

„Oma hat nicht mehr lange.“

In der letzten Stunde saßen wir schweigend bei ihr. Jeder verabschiedete sich auf seine eigene Weise.

Zwischendurch bot ich ihr etwas Wasser an. Mit ihren Augen gab sie mir zu verstehen, dass sie es wollte. Ob überhaupt noch etwas bei ihr ankam, weiß ich nicht. Man sagt, dass Menschen in den letzten Stunden ihres Lebens oft nicht mehr schlucken können.

Ich beobachtete, wie meine Oma starb.

In diesem Moment kann man nichts mehr tun. Sie wollte zu Hause sterben. Natürlich wollte mein Verstand trotzdem einen Arzt rufen. Ich fragte sie noch einmal mit meinem Blick. Sie schaute mich nur ruhig und gleichgültig an. In diesem Augenblick spielte es keine Rolle mehr.

Ein paar Minuten später sah ich, wie sich ihre Augen langsam nach oben drehten.

Kurz darauf hörte sie auf zu atmen.

In diesem Moment schrie ich aus tiefster Seele. So laut und so verzweifelt wie noch nie zuvor in meinem Leben.

Es fühlte sich an, als würde unter meinen Füßen plötzlich der Boden verschwinden und ich in ein bodenloses Loch stürzen. Ein Loch, aus dem es keinen Ausgang gab. Kein Licht. Kein Halt. Nur Leere.

Der Schmerz war so überwältigend, dass ich für einen Augenblick das Gefühl hatte, mit ihm zusammen unterzugehen. Als würde mein Herz in tausend Stücke zerbrechen und jeder Atemzug durch diese Scherben hindurchgehen. Es war kein Weinen mehr.

Es war der Schrei einer Seele, die die stärkste Verbindung ihres Lebens loslassen musste.

Sie war gegangen.

Irgendwann hörte ich meinen Vater leise sagen: „Quäl dich doch nicht so.“

Gleichzeitig geschah etwas, das ich selbst kaum in Worte fassen konnte. Mitten in diesem unbeschreiblichen Schmerz spürte ich auch eine leise Erleichterung. Für sie.Für mich.

Sie musste nicht mehr leiden. Ihr Körper, der so lange gekämpft hatte, durfte endlich loslassen. Sie ist frei von Schmerzen gegangen, frei von all den Lasten, die sie ein Leben lang mit sich getragen hatte.

Dieser Gedanke nahm mir den Schmerz nicht. Aber er schenkte ihm einen Sinn.

Ich hätte sie noch so gerne bei mir behalten. Doch bis dahin hatte ich schon gelernt, dass wahre Liebe manchmal auch bedeutet jemanden gehen zu lassen, wenn seine Zeit gekommen ist.

So seltsam es klingen mag – in meinem Herzen waren in diesem Moment zwei Gefühle gleichzeitig zu Hause: die tiefste Trauer, die ich jemals empfunden hatte, und die stille Gewissheit, dass sie endlich ihren Frieden gefunden hatte.

Gerade in den dunkelsten Momenten des Lebens gibt es manchmal einen kleinen Lichtstrahl. Nicht, weil der Verlust weniger schmerzt, sondern weil man erkennen kann, dass der Mensch, den man liebt, nicht mehr leiden muss. Was danach geschah, fühlte sich an wie ein Traum.

Nur wenige Minuten nachdem meine Oma gestorben war, kam auch meine Tante ..
 Mein Vater hatte sie angerufen.

Danach kümmerte ich mich um die Anrufe beim Notarzt, der ihren Tod feststellen musste, und anschließend beim Bestattungsinstitut.

Meine Oma starb kurz nach drei Uhr morgens. Gegen halb sechs oder sechs wurde sie abgeholt. Die genaue Uhrzeit spielte in diesem Moment keine Rolle mehr.

Ich werde den Anblick nie vergessen.

Sie wurde wie eine Puppe in einen schwarzen Sack gelegt und aus dem Haus getragen.

In diesem Moment wurde mir endgültig bewusst, dass sie nie wieder zurückkommen würde...

Ich blieb nicht bei meiner Familie.

Wie so oft in meinem Leben wollte ich allein sein, wenn es mir schlecht ging. Noch nie hatte ich mich so verloren gefühlt. Und trotzdem wollte ich niemanden um mich haben.

Ich ließ meinen Vater mit seiner Schwester zurück – jenem Duo, das mich einen großen Teil meines Lebens kleinmachen wollte. Vielleicht gerade, weil ich so viel mehr war, als sie jemals in mir sehen konnten.

In diesem Moment hatte ich das Gefühl, niemanden mehr zu haben – außer mich selbst. Und genau da wurde mir etwas bewusst.

Mein ganzes Leben hatte mich auf diesen Augenblick vorbereitet.

Früher hätte mich diese Einsamkeit zerstört. Ich hätte verzweifelt nach Halt gesucht. Doch diesmal war es anders. Zum ersten Mal erkannte ich, dass meine Heilung vollständig geworden war.

Ich war allein.

Und trotzdem fühlte ich mich nicht verloren.
Ich brach nicht zusammen. Ich musste niemanden festhalten, um weiterleben zu können. Ich hatte gelernt, mir selbst Halt zu geben.

In diesem Moment verstand ich, dass all die Jahre der inneren Arbeit, all die Tränen, all die Heilung und all die Herausforderungen mich genau auf diesen Augenblick vorbereitet hatten.

Nicht, damit ich keinen Schmerz mehr empfinde.

Sondern damit selbst der größte Schmerz mich nicht mehr zerbrechen konnte.

Als ich zu Hause ankam, fiel ich einfach ins Bett und schlief erschöpft ein.

Gegen 10 Uhr morgens klingelte es an meiner Tür. Ich ignorierte es zunächst. Ich wollte keinen sehen. Doch dann schrieb mir meine Schwester eine Nachricht und bat mich, die Tür zu öffnen.

Als ich die Tür öffnete, fielen wir uns wortlos in die Arme. Mitten im Türrahmen standen wir einfach nur da und weinten. Keine Worte hätten in diesem Moment ausdrücken können, was wir beide fühlten. Wir hielten uns fest und weinten gemeinsam um unsere
Oma.

In diesem Augenblick spürte ich etwas, das sich mit Worten kaum beschreiben lässt: die tiefe Verbindung zwischen uns. Eine Verbindung, die sich gerade in den dunkelsten Momenten unseres Lebens zeigte.

Und vielleicht war genau das der Moment, in dem ich verstand, dass sich etwas in unserer Familienlinie geschlossen hatte.

All die karmischen Zyklen, all die unausgesprochenen Schmerzen, all die alten Muster, die über Generationen weitergegeben wurden, hatten hier ihren Höhepunkt erreicht.

Nicht, weil plötzlich alles leicht war. Sondern weil ich begriff, dass es nun an mir lag, ob diese Geschichte weitergeht oder hier endet. Ich hatte die Wahl.

Ich hätte in meine alten Muster zurückkehren können. Zurück in Schuld. Zurück in das Gefühl, mich ständig erklären, beweisen oder rechtfertigen zu müssen.

Zurück in den endlosen Kampf darum, endlich gesehen, verstanden oder anerkannt zu werden.

Oder ich konnte gehen.

Nicht vor dem Schmerz. Sondern in mein eigenes Leben hinein.

In diesem Moment wusste ich, dass ich die Frau geworden war, die ich immer sein wollte. Nicht perfekt. Nicht unverwundbar. Aber frei.

Frei genug, um zu vergeben, ohne mich wieder zu verlieren. Frei genug, um zu lieben, ohne mich selbst aufzugeben. Frei genug, um Grenzen zu setzen, ohne mein Herz zu verschließen.

Mit dem Tod meiner Oma endete ein Kapitel meines Lebens.

Und gleichzeitig begann das erste Kapitel, in dem ich einfach leben durfte.